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Ist man als Musikjournalist eigentlich nervös, wenn man Stars der elektronischen Musikszene interviewt? Kribbelt es im Bauch, wenn man weiß, dass in fünf Minuten David Guetta anruft? Bekommt man feuchte Hände, wenn eine fremde Handynummer auf dem Display erscheint, man drangeht, und sich ein gewisser Paul Kalkbrenner meldet? Geht der Puls von 65 auf 100, wenn man Ferry Corsten Face to Face gegenübersitzt? Die Antwort möchte ich einmal so formulieren: Beim gestrigen Telefoninterview war ich in der Tat ziemlich aufgeregt. Denn ich hatte keinen Geringeren an der Strippe als: Giorgio Moroder – den Pionier des Synthesizer-Sounds, der unzählige Disco-Klassiker produziert, Meilensteine der Filmmusik komponiert und ohne jeden Zweifel Musikgeschichte geschrieben hat. Seit mehr als 40 Jahren ist er präsent. Mal mehr. Mal weniger. Und 2019 wird für den gebürtigen Südtiroler ein ganz Besonderes. Warum, lest ihr im Interview.

 

Guten Morgen, Herr Moroder. Oder sollte ich lieber „Guten Abend“ sagen, je nachdem, wo ich Sie gerade erreiche?

Guten Morgen ist völlig in Ordnung. Ich bin gerade in Südtirol, meiner alten Heimat, wo ich Familie und Freunde besuche. Ich gucke gerade aus dem Fenster. Es schneit ganz leicht und ich genieße die Adventszeit.

Das klingt idyllisch und vertraut. Heimat eben. Das heißt, Sie lassen Los Angeles, wo Sie Ihren Hauptwohnsitz haben, für eine kurze Zeit hinter sich?

Richtig. Ich mag den Winter, die ruhige Zeit. Es wird ja noch stressig genug, wenn ich an die bevorstehende Tournee denke.

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, nehme ich an.

Oh ja. Mir stehen sehr anstrengende Monate bevor – und sehr anstrengende Monate liegen hinter mir. Ich hätte nie und nimmer gedacht, dass es so zeitintensiv und kräftezehrend sein wird, die erste Live-Tournee meines Lebens zu planen.

Das glaube ich Ihnen gerne. Ihre erste Live-Tournee … ich möchte nicht pietätlos erscheinen, aber warum machen Sie diese erst jetzt, im etwas fortgeschrittenen Alter, mit 78 Jahren?

(lacht) Das hat sich irgendwie so ergeben. Ich trete ja seit ein paar Jahren auch als DJ auf und diese Bühnenerfahrung ist einfach großartig. Hinzu kommt, dass ich das Live-Konzert von Hans Zimmer gesehen habe. Diese Show hat mir sehr imponiert. Und dann dachte ich „Was der Hans kann, kann ich doch auch“ (lacht). Und hier sind wir – mit den Planungen fast am Ende. Nur noch wenige Details, bevor es losgeht.

Hans Zimmer ließ sich von einem großen Orchester begleiten. Sie auch?

Mein Cast ist wesentlich kleiner. Bei meiner Musik ist es nicht nötig, 50 Musiker zu engagieren. Ich habe zwei bis drei Leute an den Synthesizern, einen Bassisten – der auch Gitarre spielt –, einen Schlagzeuger, einen Mann an den Percussions, und es gibt drei Sängerinnen und einen Sänger auf der Bühne. Letztere hatte Hans übrigens nicht (lacht). Plus Streicher. Also, wir sind ungefähr 15 Leute.

Und Ihre Aufgabe ist es zu dirigieren, die Vokoder und Synthesizer zu bedienen?

Richtig. Eine große Herausforderung war, „From Here To Eternity“ für die Live-Konzerte vorzubereiten – ein Titel aus den 70er Jahren, der mir sehr am Herzen liegt. Allgemein gesprochen kann ich sagen: Bei ein paar Stücken bediene ich die Vokoder, ein bis zwei Songs werde ich dirigieren, und ich werde zwischen den Liedern immer wieder ein paar nette Anekdoten erzählen. Zum Beispiel, wie die Aufnahme mit David Bowie war. Ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern eben.

Und was die Lichtshow angeht …

… die habe ich gänzlich in die Hände niederländischer und englischer Profis übergeben. Sie werden sicherlich etwas Schönes und Passendes zum Sound zaubern.

Klingt nach einer langen Vorbereitungszeit.

Da sagen Sie was. Ich dachte eigentlich, Planung und Umsetzung würden schneller vonstatten gehen. Aber so eine Show will gut durchdacht sein. Auch der Kartenverkauf will angekurbelt werden. Unter zwölf Monaten intensiver Organisationsphase geht da nichts. Es gibt so viele Details, auf die man achten muss!

Lassen Sie uns doch einen kurzen Zeitsprung wagen. Ihr letztes Album „Déjà Vu“ erschien 2015. Der Vorgänger „Forever Dancing“ 23 Jahre davor. Warum haben Sie sich so lange Zeit gelassen?

Ich wollte nicht nur Musik machen, sondern hatte auch andere Visionen. Ich kreierte ein Auto, den Cizeta V16T, einen 16-Zylinder. Ich produzierte Kurzfilme, Filmmusik für Kino und Fernsehen – und ich spielte viel Golf (lacht). Generell hatte ich mich aus der Musikwelt aber etwas zurückgezogen. Ich war müde und wollte unbedingt mal etwas anderes machen.

Ist denn ein Album-Nachfolger geplant?

Ich denke, momentan eher nicht. Die Live-Shows nehmen viel Zeit in Anspruch. Etwas, das ich im Hinterkopf habe, ist ein Musical, das ich schreiben und produzieren möchte. All das ist Anspannung genug momentan (lacht). Außerdem ist es ja auch so, dass man Künstler wie Kylie Minogue oder Britney Spears (Sie waren Gäste auf dem letzten Album, Anm. d. Red.) nicht von heute auf morgen bekommt. Das erfordert eine langwierige Planung. Das „Déjà Vu“-Album nahm mehr als zwei Jahre Arbeit in Anspruch. Und gerade bin ich mir nicht sicher, ob ich so etwas noch einmal machen will. Aber: „Sag niemals nie“, heißt es ja.

Vielleicht wäre ja eine Live-Blu-ray mit entsprechender Live-CD eine Alternative?

Ja, gewiss doch. Das wäre durchaus denkbar. Auch das ist zwar mit viel Arbeit verbunden, aber die Lieder wären immerhin schon vorhanden und müssten nicht noch erst geschrieben werden (lacht).

Die Bühne ist nicht neu für Sie, da Sie seit geraumer Zeit immer wieder als DJ auftreten.

Ja, das DJing habe ich in der Tat für mich entdeckt. Meine Sets sind so aufgebaut, dass ich rund 70 Prozent eigene Sachen spiele – vorwiegend die alten Klassiker. Aber auch Avicii und David Guetta schaffen es in meine Playlist. Ich mag diesen EDM-Sound recht gerne.

Und der Rest vom Schützenfest …

… sind die guten alten Discolieder aus der guten alten Zeit: Bee Gees, Gloria Gaynor und so.

Nun haben Sie ja einige der legendärsten Discoklassiker geschrieben und produziert. Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Club- und Musikszene im Laufe der Jahrzehnte gewandelt?

Was die Clubs angeht, kann ich nur bedingt mitreden, da ich erst seit ein paar Jahren als DJ aktiv bin und sonst eher weniger in den Discos war, sondern im Studio. Die Musik an sich hat sich aber in den letzten zehn bis 15 Jahren massiv verändert. Auch die Produktionsweise. Alles ist viel technischer, qualitativ hochwertiger geworden. Die Leute finden und erfinden immer wieder neue Sounds, und die elektronische Musik hat sich – wie ich finde – in eine sehr gute Richtung entwickelt.

Es ist heutzutage aber doch auch so, dass quasi jeder einen Song produzieren kann – in seinem Heimstudio, welches man mit relativ geringem finanziellen Aufwand einrichten kann. Und dank der Technik muss man heute noch nicht mal mehr ein echtes Instrument spielen können. Wenn Sie das hören, wären Sie dann gerne noch einmal 20 Jahre alt und am Anfang Ihrer Karriere? Schließlich ist es heute leichter, Musik zu produzieren. Sie mussten noch echte Instrumente einsetzen. Ein steiniger Weg?

Ich sehe das demokratisch. Früher brauchte man ein gewisses Kapital, um Musik zu produzieren. Man musste die Musiker bezahlen, das Studio, das Mixen und Mastern, den Ton-Ingenieur. Heute ist es vielleicht einfacher, einen Song zu machen – was aber lange nicht heißt, dass er gut ist und auf dem Markt erfolgreich sein wird. Promotion ist das A und O. Es ist natürlich ein Irrglaube, dass jeder, der seinen Track auf YouTube hochlädt, Erfolg haben wird. Sehen Sie sich doch mal die Masse an. Es werden – keine Ahnung – 30.000 Songs pro Tag auf YouTube online gestellt. Und wer bekommt Aufmerksamkeit? Da ist Werbung wirklich wichtig. Ein Producer-Ass muss heutzutage auch ein Marketing-Ass sein, wenn er keinen Support eines Labels hat.

War es denn dann früher einfacher, Erfolg zu haben?

Früher ging nichts ohne eine Plattenfirma. Die ist heutzutage nicht mehr zwingend erforderlich. Wenn jemand clever ist und gutes Marketing betreibt – der kann auch ohne Label erfolgreich sein. Beziehungsweise klopfen die Labels dann an die Tür. Wenn Künstler ihre Songs über das Internet verkaufen, bleibt eine Marge von 70 bis 80 Prozent beim Künstler – während der Verdienst über eine Plattenfirma natürlich weitaus geringer ist.

Sind Sie persönlich denn auf den Zug des Internets aufgesprungen, als der Hype aufkam, oder haben Sie sich eher gesträubt, sich mit neuen Medien auseinanderzusetzen?

Ich war und bin immer für neue Sachen und Technik offen. Ich war einer der ersten Künstler, die auf digitale Technik gebaut haben. Vor rund 30 Jahren zum Beispiel, habe ich mein erstes Digitalalbum aufgenommen. Auch was das Internet angeht, war ich stets aufgeschlossen. Mich hat sofort fasziniert, wie schnell es gewachsen ist und die Tatsache, wo wir heute sind: dass jeder überall Musik hören und kaufen kann.

Bereits in Zeiten vor dem WWW haben Sie mit großen Stars zusammengearbeitet, wie Elton John – einem der begnadetsten Pianisten und Musiker der Welt –, der die meisten Songs selbst schreibt und komponiert. Wie ist das bei Ihnen: Machen Sie alles in Eigenregie oder wie groß ist Ihre Manpower bei Studio-Produktionen?

Früher waren immer vier bis fünf Musiker im Studio. Schlagzeug, Bass, Gitarre, Piano, Streicher. Heute sind wir meist zu dritt. Beispielsweise stricke ich gerade das Demo-Grundgerüst für eine US-Filmmusik. Das schicke ich – übrigens via Internet (lacht) – an eine Freundin. Sie macht die Texte und singt die Vocals ein. Dann geht das File weiter nach Nashville zu einem Bekannten, der sich um die Aufnahmen kümmert. Ein anderer erledigt die Abmischung. Es ist ja nun heute so, dass man keine halbfertigen Stücke anbieten kann. Heute muss alles technisch professionell sein.

Viel Technik setzt auch Hans Zimmer ein, den Sie eingangs bereits erwähnten. Nun haben Sie selbst ebenfalls viel Filmmusik geschrieben. Was ist die größere Herausforderung für Sie als Produzent: Filmmusik oder einzelne Songs?

Beim Film ist man als Produzent natürlich viel eingeschränkter in seiner Handlungsweise. Regisseur und Produzent haben meist konkrete Vorstellungen bezüglich der Musik, die sie haben wollen. Bei „Top Gun“ wurde beispielsweise Musik für eine romantische Szene gefordert. „Take My Breath Away“ entstand. Der Song „Danger Zone“ hingegen ist rockig, weil Tom Cruise in der Szene ein Flugzeug steuert. Da würde natürlich kein Romantik-Titel passen.

Wenn wir gerade schon in der Vergangenheit sind, lassen Sie uns doch einen Blick auf Ihre Anfänge werfen.

Gerne. Los ging alles in München, als ich Donna Summer entdeckt und den Song „Love To Love You Baby“ produziert hatte. Das war mein Startschuss und der Beginn der Discowelle. Von da an ging es bergauf.

Donna Summer, München, Musicland Studios.

Musicland war mein Tonstudio in München, im Keller des Arabella-Hochhauses. Hier entstanden die Aufnahmen mit Donna Summer. Hierhin kamen aber auch die Rolling Stones, Freddie Mercury und Queen, Elton John und Led Zeppelin. Es wurde das berühmteste Studio in Europa.

In Europa sind Sie auch geboren und aufgewachsen – in Südtirol –, haben aber der alten Heimat vor rund 40 Jahren den Rücken gekehrt. Wie wichtig ist Ihnen heute noch der Ort, in dem Sie Ihre Kindheit verbrachten?

Es war 1978, als ich nach Los Angeles gezogen bin. In Südtirol habe ich weiter einen Feriensitz, weil zwei meiner Brüder noch in der Nähe wohnen und ich noch Freunde aus alten Zeiten habe – wenngleich auch nicht mehr viele. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste (lacht). Aber ich mag Südtirol und speziell Gröden, wo ich gerade bin. Es schneit draußen und ich werde jetzt ein paar Monate hier bleiben. Und wenn es zu kalt ist, setze ich mich in den Flieger und es geht wieder nach L.A.

Den Flieger … nicht nach L. A., sondern nach München – den nahm vor vielen Jahren Freddie Mercury. Was war das für ein Gefühl, so einen Superstar im eigenen Studio zu empfangen?

Die Zusammenarbeit mit Freddie war relativ kurz. Hauptproduzent war ja der Mack (Reinhold Mack, Produzent und Ton-Ingenieur in den Musicland Studios, Anm. d. Red.). Ich selbst habe zusammen mit Freddie den Song „Love Kills“ für den Film „Metropolis“ geschrieben und habe final die Feinheiten der Produktion übernommen. Die Arbeit an sich war hervorragend. Freddie war eine absolute Koryphäe als Sänger, höchst professionell, und ich war immer etwas nervös. Du kannst zu einem Freddie Mercury nicht sagen „Sing das bitte noch mal“. Er war so ein Genie, dem ich entsprechend aufgeregt entgegentrat. Es war ein bisschen unangenehm, da ich so gehörigen Respekt vor ihm hatte. Ähnlich verhielt es sich mit David Bowie. Solche Leute arbeiteten so präzise und waren solche Ausnahmetalente. Da macht man keine zweite Runde. Da muss man nehmen, was man kriegt (lacht). Außerdem war es nicht nötig, eine Passage ein zweites Mal einsingen zu lassen. Alles war auf Anhieb perfekt.

Zurück ins Heute und abschließende Frage: Welche Tipps können Sie Künstlern mit auf den Weg geben, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen?

Man muss arbeiten, arbeiten und noch mal arbeiten. Man darf nie denken „Jetzt hab ich einen Hit komponiert, jetzt werde ich berühmt“. Man weiß nie, wie der Song bei den Leuten ankommt. Viel arbeiten, so viele Stücke wie möglich komponieren und zusehen, dass man sie lapidar gesagt irgendwie los wird. Leicht ist es nicht. Was aber auch immer ein großer Erfolgsfaktor ist: Glück.

Für mich war es eins der interessantesten Interviews mit einer der imposantesten Persönlichkeiten der Musikszene. Meinen Namen – Torsten Widua – wird er wohl bereits nach den der ersten fünf Sekunden des Telefonats wieder vergessen haben. Ein Superstar eben, der zig tausende Interviews in seinem Leben gegeben und Millionen Platten verkauft hat. Aber ein absolut bodenständiger, überaus sympathischer und authentischer Superstar, der sich für das Interview viel Zeit genommen hat. Danke, Herr Moroder.

 

Bekannteste Songs:
Donna Summer „Love To Love You“, „I Feel Love“
Irene Cara „Flashdance … What A Feeling“
Blondie „Call Me“
Gianna Nannini & Edoardo Bennato „Un Estate Italiana“ (Fußball-WM-Song 1990)

Kooperationen mit:
Elton John, David Bowie, Barbra Streisand, Cher, Chaka Khan, Pat Benatar, Daft Punk, Britney Spears, Kylie Monogue, Sia

Filmmusik (Produzent):
Top Gun, Flashdance, Die unendliche Geschichte 2, Metropolis, Midnight Express, Scarface, American Gigolo

Alben: 15
geschriebene Songs: ca. 400

Auszeichnungen:
3 Oscars
4 Grammys
4 Golden Globes
mehr als 100 Gold- und Platinschallplatten

„The Celebration of the 80s“-Tour – die Deutschland-Termine:
12.04.2019: Tempodrom, Berlin
13.04.2019: Mitsubishi Electric Halle, Düsseldorf
14.04.2019: Jahrhunderthalle, Frankfurt am Main

www.giorgiomoroder.com