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Er ist Architekt, Musiker, Produzent und war irgendwann auch schon in der Werbebranche unterwegs. Seit 2005 kennt man ihn allerdings als einen der besten Techno-Live-Importe Brasiliens. Mit seinen oftmals abstrakten, warmen und melodiösen Soundstrukturen gilt Gui Boratto als einer der außergewöhnlichsten Künstler seines Metiers. Mit „Chromophobia“ in 2007 und „III“ in 2011, lieferte er auf Kompakt einen Longplayer ab, der sowohl für Fans als auch für Kritiker den Status absoluter Meilensteine elektronischer Musikkultur tragen. So verwundert es nicht, dass die Vorfreude groß ist, wenn über „Abaporu“, wie sein am 29. September erschienenes Nachfolgealbum heißt, gesprochen wird. Stilistisch gesehen, lehnt sich die neue LP an sein Debüt vor rund sieben Jahren an – es erklingt in fröhlicherem Gewand und beinhaltet poppige Attitüten abseits des Dancefloors. Ein exotisch-farbenprächtiges Klangkonstrukt, bestehend aus 13 orchestrierten Tracks.

Kennt man sich ein wenig in der brasilianischen Kunst-Historie Brasiliens aus, wird man wissen, dass „Abaporu“ ebenfalls der Titel einer der bekanntesten Gemälde des Jahres ist – gemalt von der Künstlerin Tarila do Amaral in 1928. „Das Bild ist eines der wichtigsten und ausdrucksstärksten aus der Anthropophagite-Bewegung. Sämtliche Einflüsse aus Europa, die diese Zeit in Brasilien beginnen ließen, zeigen sich auf diesem Bild. Ihre Idee war es, diese Einflüsse zu verarbeiten aber etwas vollkommen neues zu erschaffen. Für das Album habe ich viele Stile aus dem Rock, Pop, Jazz und auch Blues vermischt. Vielmehr ist es eine Hommage an Tarsila und ihre Arbeiten. Ein Andenken an die berühmte ‚Manifesto Antropofáico‘, die berühmte Woche über Modern-Art in São Paulo, die damals stattfand. Ich würde sagen, dass dieses Album sicherlich mein komplettestes Album darstellt.“ Angesprochen auf die Arbeits- und Lebensweise in seiner Heimat, mag er es ruhig. Nur so sieht er eine Möglichkeit, die eigenen Akkus für intensive Wochenenden optimal aufzuladen:

„Das Leben auf Tour ist großartig, ich liebe es und fühle mich gesegnet, dass ich in der Lage bin, dies zu tun. Man ist aber oftmals nur auf sich alleine gestellt – auch wenn man einen tollen Tour-Manager dabei hat, vermisst man seine Familie, isst immer zu früh oder zu spät, geht zu unchristlichen Zeiten ins Bett und versucht dennoch, ein halbwegs geregeltes Leben zu führen. Daher versuche ich zuhause immer sehr früh zu Abend zu essen und möglichst früh zu schlafen, um dem hohen Anspruch gerecht werden zu können. Meist sitze ich schon gegen fünf Uhr morgens im Studio. Während die gesamte Stadt noch schläft und keine Ablenkung vorhanden ist, kann ich mein Ding machen und mich voll und ganz darauf konzentrieren.“

So stellt man sich also vor, wie er noch vor Sonnenaufgang verschiedenste Instrumente einspielt und diese arrangiert. „Es war erneut ein langer Prozess, bis alles in Reihe und Glied war. Einige Programmierungstechnische Dinge habe ich mit Kyma Language von Symbolic Sound gehandelt, und ich muss sagen, dass ich sehr überzeugt bin.“ Neben unzähligen Touren quer über den Globus ist in den letzten drei Jahren viel passiert. Zahlreiche Remixes und ein paar Singles, die Produktion einiger Bands wie z.B. Mixhell, die auf BoysNoize Rec. releasen sowie die Gründung seines eigenen Labels D.O.C., ebenfalls vertrieben von Kompakt. „Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, uns stilistisch gesehen absolut nicht einzuschränken. Es geht uns nicht um große Namen oder viele Facebook-Likes. Wir möchten gute Musik veröffentlichen – vor allem von noch engagierten und talentierten jungen Leuten. Bislang waren das Elekfanz und auch Shadows Movement.“ Neben der Single „Take Control“, die die erste Singleauskopplung des neuen Albums darstellt, ist dieser Tage ebenfalls „Joker“ mit Interpretationen von Michael Mayer und Dave DK erschienen. „Aktuell arbeiten wir an der dritten EP – diese wird es nach der offiziellen Vorstellung des ganzen Albums geben. Vielleicht wird es ‚Get The Party Started‘ sein, mal sehen (lacht)“

 

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