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Haçienda Classiçal – Das Rave-Orchester


The Haçienda war eine Instanz in England. Als Geburtsort der Acid-House-Bewegung beeinflusste der Club den Werdegang von elektronischer Musik in ganz Europa, vielen englischen Clubs gilt das Haçienda als Vorbild. Aber Gewalt und Drogenexzesse sowie andauernde Geldprobleme zwangen den Club im Sommer 1997 in die Knie. An Bedeutung hat die Haçienda jedoch nicht verloren, wie unter anderem die Veröffentlichung „Haçienda Classiçal“ auf Sony Classical zeigt. Wegweisende Titel der frühen House- und Rave-Zeit wurden von Graeme Park und Mike Pickering mit dem Manchester Camerata und dem AMC Chor neu interpretiert. Mit dabei sind unter anderem „Voodoo Ray“, „Can U Dance“, „Blue Monday“, „Strings Of Life“, „Good Life“ und „Move Your Body“. Teil der Produktion war auch Peter Hook, ehemals Bassist bei New Order und Joy Division. Wir haben ihn ein wenig zur „Haçienda Classiçal“-Compilation und dem Club selbst gefragt.

Wie kam es zu der Idee, die Songs mit einem Orchester umzusetzen?

Die Idee kam ursprünglich von unserem Markenmanager, der Derrick May zusammen mit einem Orchester in Chicago auflegen sah. Er war sehr beeindruckt davon. Ich muss zugeben, dass ich dagegen zuerst skeptisch war, ich konnte mir nicht vorstellen, dass es funktioniert. Es war Graeme Parks Leidenschaft und Enthusiasmus dafür, die mich umstimmten. Ich dachte mir, wenn er so stark daran glaubt, muss er wissen, wovon er redet.

Was verbindest du mit den ausgewählten Stücken? Was macht sie noch heute relevant?

Diese Musik ist für viele Leute eine Konstante, auch für mich. Sie war da, als sie anfingen, sich für Clubmusik zu interessieren; sie hörten sie, als sie sich verlobten; sie hörten sie, als sie heirateten; sie hörten sie, als sie sich scheiden ließen; sie hörten sie, als sie Kinder bekamen; sie hörten sie, als sie eine Midlife-Crisis hatten. Und das Schöne daran ist, in England lieben es die Leute, Musiker live beim Spielen zuzuschauen, Gott sei Dank.

Wie lief die Umsetzung ab? Wie ging das Orchester an die Kollaboration heran?

Die Art, wie Tim Crooks die Umsetzung gemacht hat, ist sehr radikal. Wenn ich mir Pete Tongs klassische Interpretationen anhöre, klingen sie für mich sehr nach den Platten. Dahingegen ist Tim etwas schärfer an die Sache gegangen. Er hat Dinge, die in den Songs tief vergraben waren herausgeholt. Es klingt für mich orchestraler. Aber er kommt nicht aus einem Club-Hintergrund. Als wir anfingen, die Stücke live aufzuführen, rastete das Publikum aus, wie bei einem Auftritt in einem Club. Ich glaube, niemand hat das mehr überrascht als Tim und das Orchester, weil sie so eine Musik noch nie aufgeführt haben und auch noch nie vor so einem Publikum standen. Die Hysterie, der Enthusiasmus und die Leidenschaft der Crowd ist ansteckend und bewegt sie. Jedes Mitglied des Orchesters kam irgendwann zu mir und sagte: ‚Das ist das Beste, was ich je getan habe‘

Was für Schwierigkeiten gab es bei der Produktion?

Ein Orchester ist leider sehr teuer, daher haben wir es erst am Ende einbezogen. Es ist eine eher traditionelle Art, mit einem Orchester zu arbeiten. Wir haben mit der Planung Ende November 2015 angefangen und das erste Konzert war im März. Aber wir haben nur zweimal mit dem Orchester geübt.
Die Aufnahme war sehr schwierig, weil es in England kein Studio gibt, das in der Lage ist, ein 70-Personen-Orchester aufzunehmen. Das hat mich betrübt, ich wusste ja, dass Studios wegen Computern dezimiert wurden, aber es gab niemanden, der es aufnehmen konnte. Also mussten wir unser eigenes Studio aufbauen, speziell für die Aufnahme. Aber als der Computer 120 Spuren von je 80 Minuten Länge verarbeiten musste, gab er auf. Es dauerte sechs Wochen, bis wir die Session auf dem Computer abspielen konnten. Wenn mir das vorher jemand gesagt hätte, dass es sechs Wochen dauert, bis wir an den Mix gehen können, hätte ich ihm nicht geglaubt. Die Menge an Vorbereitung war wahnsinnig.

Warum war die Haçienda so speziell? Was war der Reiz an dem Club?

Die Haçienda war der Geburtsort von Acid House in Europa, was zu der Verbreitung von House in Europa führte. Es nahm Einflüsse aus Chicago und Detroit. Das interessante dabei ist, dass es von einer Pop-Gruppe finanziert wurde, New Order und Joy Division, die ein absolutes Vermögen verloren, um eine Stadt für 16 Jahre zu unterhalten. Ich glaube, das hat sonst noch niemand gemacht.
Ich habe sogar ein Buch darüber geschrieben, „How Not To Run A Club“. Es war schwierig, in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern einen Club zu betreiben. Man bekam keine Hilfe von der Polizei, die Drogenkultur der Gangs war immens. Jeden Abend spielten wir mit dem Tod, was lächerlich für einen Club ist. Wir wissen, dass Clubs Probleme mit Gewalt haben, aber die Menge an Gewalt, auch mit Schusswaffen, war absolut lächerlich. Aber es gab dem Club das gewisse Etwas, wenn du da wieder heil rauskamst.

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