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Das dritte Album der isländischen Band und sein Entstehungsprozess hat wie kein anderes zuvor Spuren im Bandgebilde hinterlassen. Es ist ein opulentes Werk mit wehenden Fahnen, intimen Momenten, Kaskaden voller Leidenschaft. Islands Gemeinwaffe hat mit „Enter 4“ ein Statement gesetzt, das weit über den Nordatlantik hinaus seine Spuren hinterlassen könnte, und krönt damit eine (bisher) neunjährige Bandgeschichte, die voller großer Momente war – nicht nur positiver. Das Projekt wankte, aber es fiel nicht und geht nun gestärkt einen Schritt weiter. Die Chronologie der Dinge haben vor Ort in Reykjavík Bassist Guðmundur Óskar Guðmundsson (Foto unten) und später via Skype die beiden Songwriter Högni Egilsson und Viktor Orri Árnason versucht zu erläutern.

Am Anfang war der Schulchor und ein Songwriter-Wettbewerb. Der Chor, der auch nach der Schulzeit eine Plattform für Ehemalige blieb, und der Wettbewerb, der als Auslöser fungierte. Die vier Gründungsmitglieder Gummi (Guðmundur), Högni sowie Axel Haraldsson und Hjörtur Ingvi Jóhannsson formten eine Mischung aus Pop. Kammermusik und Folk, experimentierten anfangs noch mit verschiedenen Besetzungen, brachten Ende 2007 ihr Debütalbum „Sleepdrunk Seasons“ heraus und heimsten damit die ersten Preise beim Icelandic Music Award ein; beste neue Band und bester Songwriter. Im Jahr darauf stellten sie mit „Þú komst við hjartað í mér“ den populärsten Song des Jahres in ihrer Heimat, bevor die Band 2009 ihr zweites Album „Terminal“ (IMA: „Bestes Album“, „Beste Sängerin“) veröffentlichte und eine Europatour starteten, die sie u.a. auch zum Roskilde Festival und nach Deutschland zum Haldern Pop führte, deren Macher das Debütalbum auf dem hauseigenen Label neu auflegten. „Terminal“ wurde mit dem isländischen Sinfonieorchester eingespielt, und mittlerweile hatten sich Hjaltalín auch in ihrer bis heute aktuellen Besetzung gefunden – neben den bereits erwähnten fünf Mitgliedern kamen noch Sigríður Thorlacius und Rebekka Bryndís Björnsdóttir hinzu. Als großes Finale der Zusammenarbeit spielte die Band mit dem Orchester drei Konzerte, die als Mitschnitt unter dem Namen „Alpanon“ als CD/DVD veröffentlicht wurden. „Das war ein großes Projekt. Högni und Viktor – beide haben Komposition studiert – arrangierten die Songs neu. Die Konzerte waren wirklich etwas Außergewöhnliches für eine isländische Popband und ein würdiges Finale dieser Periode“, schwärmt Gummi, fügt aber hinzu: „Andererseits haben wir danach mit einer Art Bruch zu kämpfen gehabt.“ Die Messlatte lag hoch, wie es nun weitergehen sollte, war lange Zeit nicht klar. Hinzu kam, dass viele Fans den Eindruck hatten, dass „Alpanon“ eine Art Best-Of-Album sei – es waren nur drei neue Songs dabei –, obwohl das gar nicht die Absicht gewesen sei.

Die Aufnahmen zu „Enter 4“ liefen dann zeitweise auch etwas aus dem Ruder, was aber vor allem damit zu tun hatte, das Högni einen mentalen Zusammenbruch erlitt und ein manisches Verhalten an den Tag legte, infolge dessen er einen Klinikbesuch antrat. Ein Umstand, den er weder vor der Band, noch vor der Öffentlichkeit verheimlichte – im Gegenteil. Im Interview war es ausdrücklich sein Wunsch, das zu thematisieren. „Darüber zu sprechen hat auch einen heilenden Effekt, aber wir haben es alle gemeinsam entschieden, so damit umzugehen.“ Die ganze Zeit der Albumproduktion war eine sehr starke Erfahrung für das Projekt Hjaltalín. Sich mit den Stimmungsschwankungen und dem manischen Verhalten zu beschäftigen, war auch für den Rest der Band kein einfaches Unterfangen, wie Viktor bemerkt: „Zu verstehen, was da passiert und damit umzugehen, war sehr sehr schwierig. Es gab Momente, da wären wir fast explodiert und nach Hause gegangen, weil wir es nicht verstanden haben. Aber das haben wir natürlich nicht gemacht, sondern haben konstant den Dialog mit ihm gesucht.“ – „Die ganze Geschichte ist ein integrierter Teil des Albums. Diese Metamorphose oder Katharsis – es einfach nur als Krankheit zu bezeichnen wird dem nicht gerecht – hat mich an der Realität zweifeln lassen. Ich reiste zu verborgenen Plätzen, berührte einen göttlichen Zustand und suchte etwas Magisches, das hinter den Dingen ist. Es gab eine konstante und fortwährende Störung der Wirklichkeit“, versucht Högni zu erklären. Und so kam es auch dann zum Titel des Albums: „Enter 4“ – angelegt an die vierte Dimension. Aber nicht im klassischen Sinne, sondern eher eine separat existierende vierte Ebene, die er in seinen Krankheitsschüben sehen, berühren und fühlen konnte. Dennoch hat die Komplexität dieser Dinge, die auch noch beim Skype-Interview zu Diskussionen zwischen den beiden Bandmitgliedern führte und der man gespannt folgte, zu einem sehr befriedigendem Ergebnis geführt. Ein opulentes, emotionales und offenes Werk.

Einer der Höhepunkte ist sicherlich die Ballade „Ethereal“. Nach einer Situation am Rande der Eskalation mitten in der Nacht ging Högni, kurz zuvor noch unfähig, irgendwas zu machen, plötzlich ins Studio, gab dem Toningenieur grünes Licht für eine Aufnahme, legte am Piano die Vorstellung seines Lebens ab und hinterließ eine sprachlose Band. „Die Musik war für mich in dieser ganzen Zeit auch ein Stück weit Therapie.“ Musik für ein Album, das laut Gummi aus buchstäblich aus Blut, Schweiß und Tränen besteht.

www.hjaltalinmusic.com

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Foto Band: H. Sveinsson
Foto Gummi: T. Dicke