
Wie schwer es Berliner Clubs inzwischen haben, ist ja hier leider Dauerthema, auch über den Humboldthain Club hatten wir berichtet. Der Club, der kürzlich erst sein 13-jähriges Bestehen feierte, ist durch einen geplanten Hotelneubau in unmittelbarer Nähe bedroht. Ob es einen 14. Geburtstag geben wird, ist offen.
Zuletzt hatte es zunächst gute Nachrichten gegeben: Die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte sprach sich mit einem bemerkenswert klaren Votum von 42 zu 0 Stimmen fraktionsübergreifend für den besonderen Schutz des Clubs aus. Grüne, CDU, Linke, SPD und FDP stellten sich damit öffentlich hinter den Erhalt des Humboldthain Clubs.
Doch in der Praxis scheint ein solches historisches Votum bislang wenig zu bewirken. Für den geplanten Hotelbau eines Luxemburger Investors, der nur rund 150 Meter vom Club entfernt entstehen soll, wurde inzwischen eine Bauvoranfrage positiv beschieden. Der Club versucht derweil herauszufinden, welche konkreten Auflagen dem Hotel in Sachen Lärmschutz gemacht werden sollen – bislang offenbar ohne Erfolg.
Das ist für den Betrieb existenziell. Denn der Mietvertrag des Clubs muss verlängert werden. Eine solche Verlängerung ergibt aber nur Sinn, wenn zumindest eine gewisse Planungssicherheit besteht. Entscheidend wäre zum Beispiel, ob das Hotel mit einer nicht zu öffnenden Glasfassade in Richtung Club geplant werden muss oder ob spätere Lärmbeschwerden der Hotelgäste absehbar zum Problem werden könnten. Genau diese Fragen bleiben aktuell unbeantwortet.
Clubbetreiber Ludwig Eben zeigt sich entsprechend alarmiert. Der Club wirft dem zuständigen Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) eine unkooperative Informationspolitik vor. Aus Sicht des Humboldthain Clubs droht ausgerechnet jene Verwaltung, die politisch zum Schutz des Clubs aufgefordert wurde, nun zum Totengräber eines gewachsenen Weddinger Kulturorts zu werden.
Inzwischen hat der Fall eine weitere, deutlich brisantere Ebene bekommen. Nach Recherchen des Clubs soll der geplante Hotelbau überhaupt erst durch einen Grundstückstausch im Jahr 2021 möglich geworden sein. Dabei wurden Teilflächen auf dem Nachbargrundstück getauscht, wodurch das Baugrundstück offenbar begradigt und baulich erheblich besser nutzbar wurde.
Ein neues Gutachten kommt nach Darstellung des Clubs zu dem Ergebnis, dass dem Investor durch diese Neuordnung ein geldwerter Vorteil von rund 1,2 Millionen Euro entstanden sein könnte – ohne dass dafür ein entsprechender finanzieller Ausgleich an das Land Berlin geflossen sei. Der Vorgang wurde lange nicht öffentlich diskutiert. Nun steht der Verdacht im Raum, dass der Grundstückstausch politisch und haushaltsrechtlich aufgeklärt werden muss.
Für die Bezirkspolitik ist das ein schwerer Brocken. Es geht längst nicht mehr nur um die Frage, ob ein Hotel neben einem Club gebaut werden darf. Es geht um Transparenz, Bodenpolitik und den möglichen Umgang mit öffentlichem Vermögen.
Bei der nächsten Bezirksverordnetenversammlung wurde deshalb ein weiterer Antrag eingebracht, der eine sofortige Aufklärung des Falls forderte. Für die Dringlichkeit stimmten nach Angaben des Clubs 35 Verordnete aus CDU, Grünen und Linken. Die SPD, also die Partei des zuständigen Baustadtrats, stimmte dagegen. Weil für die Dringlichkeit eine Zweidrittelmehrheit nötig gewesen wäre, wurde die schnelle Befassung mit dem Vorgang verhindert.
Damit ist der Fall Humboldthain endgültig politisch geworden. Berlin wählt im September – und aus einem Lärmkonflikt ist ein mögliches Wahlkampfthema geworden. Aus einem Hotelprojekt ein Verdachtsfall. Und aus dem bedrohten Humboldthain Club ein Symbol dafür, wie Berlin mit seiner Clubkultur umgeht, wenn Investorenpläne, Verwaltungspraxis und gewachsene Kulturorte aufeinanderprallen.
Spätestens jetzt ist der Humboldthain Club kein Randthema mehr. Die Frage ist größer als dieser eine Ort im Wedding: Will Berlin seine Clubkultur wirklich schützen – oder sie nur feiern, solange sie nicht im Weg steht?