Diesen Monat erreicht uns das neue Album von HVOB! Nach „Her Voice Over Boys“, „Trialog“ und „Silk“ ist „Rocco“ der vierte Langspieler der Österreicher. Wir haben mit dem Duo, bestehend aus Anna Müller und Paul Wallner, gesprochen und ihnen den ein oder anderen Gedanken zu ihrem emotionalen Konzept entlockt.

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Auf „Rocco“ behandelt ihr die Themen „Loslassen, Abschiede und Neuanfänge“. Themen, mit denen sich wohl jeder unserer Leser schon mal auseinandergesetzt hat – ob freiwillig und euphorisch oder gezwungenermaßen und verunsichert. Wie war das bei euch im Zusammenhang mit dem neuen Album? Welche Geschichten erzählt ihr auf den dreizehn verschiedenen Stücken?

Anna: Niemand lässt gerne los. Ob Menschen, Angewohnheiten, Ziele, Träume oder Erwartungen – an andere und an sich selbst. Auch ist das Loslassen ja keine Entscheidung, die man einfach treffen kann. Meist ist es Zeit, nur Zeit, die den Prozess des Loslassens überhaupt ermöglicht. Man möchte das Loslassen gerne kontrollieren, aber das geht nicht. Und das macht es ja auch so schmerzhaft. Dass ich nicht entscheiden kann „Ich will das jetzt loslassen und es soll mir nicht mehr weh tun“. Im Album geht es also ums Loslassen, um Kontrolle, um Ohnmacht. Das Gefühl, dass man sich verloren hat, aber nicht weiß, wo. Es geht um Trost, das Ende der Hoffnung, denn nur wer nicht mehr hofft, kann loslassen. Ich bin kein großer Fan der Hoffnung, ich dachte immer, Hoffnung ist gut. Aber das stimmt nicht, zumindest nicht immer. Und in der logischen Konsequenz folgt dann der Neuanfang.

Paul: Jeder Titel funktioniert für sich allein, doch wenn man möchte, kann man diesen „Loslass-Faden“ von Anfang bis Ende ziehen. Es ist eine Einladung an den/die Hörer/in. Jede/r kann selbst seine eigene Geschichte des Loslassens darüberlegen. Wir haben immer gerne eine Idee, ein Konzept, das hinter unseren Alben steht, wie zum Beispiel bei „Trialog“.

Auch ihr erlebt diese Themen sehr häufig im Rahmen eurer Tour. Neue Städte, neue Menschen, neuer Vibe, eintauchen, ausleben und dann … „Loslassen, Abschiede und Neuanfänge“ – auf zum nächsten Konzert. Erscheint mir wie ein sehr emotionales Auf und Ab. Eine Achterbahnfahrt. Strengt das sehr an? Saugt euch das vielleicht auch irgendwie aus? Oder zieht ihr daraus die größte Inspiration für die nächsten Studio-Sessions?

Anna: Wir sind nun seit einigen Jahren ständig unterwegs, haben ein paarmal die Welt umrundet. Das ist unglaublich und wir wissen, was das für ein Geschenk ist. Das Schönste daran: die Menschen, die man trifft, die Begegnungen und die Geschichten, die sie mit uns teilen. Wenn unsere Musik den Menschen etwas bedeutet, wenn sie ihnen in schwierigen Zeiten geholfen hat, dann kann ich das manchmal gar nicht glauben. Aber ich muss lernen, Dinge anzunehmen, es zuzulassen. Ich bin sehr gut darin, schlechte Dinge zu glauben, aber sehr schlecht darin, gute Dinge anzunehmen. Das muss ich loslassen. Denn genau diese guten Begegnungen haben mich zu „Rocco“ inspiriert. Und Loslassen, egal wo man lebt, ist für alle gleich, egal in welcher Ecke der Welt.

Soweit ich das früheren Interviews entnehmen konnte, legt ihr viel Wert auf Eigenständigkeit. Ihr habt unter anderem den Schritt vom Club auf die Konzertbühne gemacht und konntet eure eigene, große Show aufziehen. Mit Tragen Records habt ihr auch ein eigenes Label, „Rocco“ erscheint hingegen auf Pias. Welche Gedanken macht man sich im Vorfeld bei der Auswahl des Labels?

Paul: Pias ist bereits vor einiger Zeit an uns herangetreten. Wir machen die Dinge sehr gerne selbst und wenn man weiß, was man macht, sind große Labels auch nicht mehr notwendig, zumindest in unserem Genre. Pias war aber sehr hartnäckig und wir haben lange überlegt – und sind nun froh, dass wir uns dafür entschieden haben.

Anna: Du brauchst Menschen, die für dich brennen, das ist das Wichtigste. Und wir machen nach wie vor das allermeiste selbst, lassen uns unsere Selbstständigkeit auch nicht nehmen, da bleiben wir stur. Dinge wie Vertrieb, Produktion der Vinyls, CDs und so weiter, da sind sie uns eine sehr große Erleichterung, das ist schon viel Wert, wenn man sich darum nicht mehr kümmern muss.

„Rocco“ ist außerdem ein Statement: ein Doppelalbum gegen die Schnelllebigkeit! Wie erlebt ihr die Musikwelt heute bzw. wie wird Musik denn heute konsumiert?

Paul: Wir sind nicht gegen die Art und Weise, wie man heute Musik hört. Früher war es eben das Album, heute sind es Tracks. Aber wir möchten nicht zu der „Früher war alles besser“-Fraktion gehören. Das ist fürchterlich langweilig. Alles ändert sich, alles fließt, ob man möchte oder nicht. Die Entscheidung zum Doppelalbum ist aber dann doch wieder typisch HVOB – wir machen Dinge eben gern ein bisschen anders. Die Geschichten, die wir zu erzählen hatten, passten einfach nicht auf ein Album, „Rocco“ hat zwei verlangt.

Im Juni steigt das nächste Checkfest: Nach 2017 ist es euer zweites Festival, nicht wahr? Welche Erkenntnisse habt ihr aus dem ersten Checkfest gewonnen, was wollt ihr genauso wieder machen und mit welchen Veränderungen lockt ihr eure Fans dieses Jahr in die Arena?

Anna: Genau, es wird unser zweites Checkfest in der Open-Air-Arena. Ein Festival selbst zu veranstalten, hat uns wahnsinnig viel Freude gemacht; so viel, dass wir das Checkfest schon bis nach Johannesburg getragen haben. Es sind auch noch viele weitere auf der ganzen Welt geplant. Für Wien haben wir wieder einige Ideen, möchten diese aber natürlich noch nicht verraten. Es wird aber auf alle Fälle wieder viel Musik geben, die uns im Herzen wohnt, Eiscreme und vielleicht Zwetschgen – die kamen vor zwei Jahren besonders gut an!

Das kann ich mir vorstellen! Ihr wart zu Beginn des Jahres bereits in Nord- und Mittelamerika unterwegs. Ende März startet eure Album-Tour quer durch Europa. Wo freut ihr euch auf ein Wiedersehen, wo auf eine neue Erfahrung?

Paul: Wir werden „Rocco“ der ganzen Welt vorstellen. Los geht es ab März mit Europa, dann folgt der Festivalsommer, im Herbst Nord-, Süd- und Mittelamerika, im Winter geht es nach Asien und Australien. Und im Frühjahr dann nach Afrika. Wir sind nun ein Jahr unterwegs, das wird intensiv, aber auch großartig.

Anna: Wir freuen uns sehr auf jeden einzelnen Stopp, denn es ist wirklich unmöglich, irgendein Land herauszupicken, wo es besser wäre als in einem anderen. Wir werden überall mit großer Herzlichkeit empfangen, man weiß da gar nicht, wohin mit seiner Freude und Dankbarkeit. Ich hoffe einfach, dass wir mit „Rocco“ ganz viel davon zurückgeben können. Das ist mein großer Wunsch. Denn dann hatte all das Loslassen seinen Sinn.

 

Aus dem FAZEmag 085/03.2019
Text: Julian Hausmann
Foto: Andreas Jakwerth