Inhalt Der Nacht zählt zu den aufregendsten und spannendsten Künstlern der jungen Techno-Generation. Mit seinen ausufernden Sets und energetischen Releases sorgte er bereits rund um den Globus für Aufsehen. Der Berliner überzeugt jedoch nicht durch pseudo-künstlerische Attitüde oder schräges Verhalten wie so manch anderer DJ dieser Szene, sondern mit Bodenständigkeit und jeder Menge Charme. Wir sprachen mit ihm über seine bisherige Laufbahn, seinen gar kometenhaften Aufstieg bis zum Lockdown und sein Label Lebendig.


 

Als Inhalt Der Nacht bist du noch gar nicht so lange präsent, zuvor hast du als Escape To Mars veröffentlicht. Was waren oder sind die Gründe für den Namenswechsel und was unterscheidet Inhalt Der Nacht im Wesentlichen von Escape To Mars?

Ganz genau. Lass mich kurz einmal überlegen, mein Alias Inhalt Der Nacht existiert nun auch schon drei Jahre. Escape To Mars war jedoch vor rund sechs Jahren mein erster Versuch, etwas „Professionelles“ oder „Ernsthaftes“ zu starten. Ich hatte eigentlich eine gute Zeit mit dem Projekt. Habe in dieser Phase Modul, mein erstes Label, gestartet, viele gute Gigs gespielt und mit meinen Label-Kollegen Partys geschmissen – unter anderem im alten Arena Club. Bei meinen Produktionen habe ich eher auf eine Kombination aus rauen und spacigen Sounds gesetzt. Das war zu der Zeit voll mein Ding. Bleeps, schöne Pad-Melodien und harte Kicks. Ich habe damals mit Vault Series auch schon auf einem meiner Lieblingslabels releast.

Und jetzt kommt das „Aber“?

Aber leider hatte ich es persönlich noch nicht so richtig gepackt, wollte schnell zu viel und habe mich außerdem sehr schlecht verhalten. Ich hatte vergessen, wer mir den Rücken stärkt und wichtige Menschen in meinem Umfeld verletzt. Das bereue ich heute noch sehr. Sich so zu verhalten, ist alles andere als cool. Aber ich bin auch eine Kämpfernatur, habe mich dieser Probleme angenommen und mein Leben wieder richtig sortiert.

Und für den Neustart kam dann auch ein neuer Name?

Im Laufe dieses Prozesses habe ich auch musikalisch wieder mehr zu meinen doch rockigen Wurzeln zurückgefunden und das neue Projekt Inhalt Der Nacht gestartet. Die Motivation war von Beginn an eine ganz andere, sie kam mehr von innen heraus, und das fühlte sich richtig gut an. Kurz gesagt, die persönlichen Ereignisse und mein wiederentdeckter „alter“ Musikgeschmack haben das neue Projekt Inhalt Der Nacht geformt.

Und ab dann gab es kein Halten mehr! Mit deiner Energie und deinem Enthusiasmus begeisterst du die Raver bereits auf der ganzen Welt. Welche Gigs, Nächte und Momente haben sich dir ins Gedächtnis gebrannt?

Danke für das Kompliment. Es ist schon verrückt, wie sehr das alles gewachsen ist, vor allem im letzten Jahr. Aber da gibt es auf jeden Fall drei Momente, die, neben all den anderen verrückten und guten Nächten, besonders in Erinnerung geblieben sind. Der erste ist auf jeden Fall mein 15 Stunden langes Closing-Set aus dem Khidi Club in Tiflis. Übrigens eine wunderschöne Stadt in Georgien, mit noch viel schöneren Menschen. Leider wirft dieses Paradies auch große Schatten, und der größte ist die dortige Regierung, die in vielen Punkten versucht, den Menschen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Vielleicht sind diese Spannungen aber auch der Grund für diese wirklich einzigartige Stimmung. Und da übertreibe ich wirklich nicht, das sollte jeder einmal erlebt haben. Auf jeden Fall habe ich nun schon – oder besser gesagt erst – dreimal dort gespielt. Im September 2019 habe ich dann ein so langes Closing-Set wie noch nie zuvor irgendwo gespielt, das war einfach krass. Ich hatte wirklich das Gefühl, eins mit der Tanzfläche zu sein, die Leute sind ununterbrochen abgegangen, da bekomme ich heute noch eine Gänsepelle, wenn ich daran denke. Danach wurde ich auch Resident-DJ des Clubs. Hoffentlich kann ich bald wieder dort sein.

15 Stunden? Das lässt sich nur schwer toppen! Welche Momente gehören noch dazu?

Der zweite ist definitiv mein Berghain-Debüt im Januar 2020. Das war wohl der bisher aufregendste Start in ein neues Jahr. Als Berliner ist es schon lange einer meiner größten Träume, dort einmal gespielt zu haben. Ich hatte auch mal eine exzessive Feierzeit dort, war gefühlt jeden Sonntag da und habe so den Laden in mein Herz geschlossen. Als dann auf einmal aus dem Nichts die Booking-Anfrage kam, könnt ihr euch ja vorstellen, wie da mein Puls nach oben geschossen ist. An diesem Tag war ich kaum noch ansprechbar, so aufgeregt war ich – und dann durfte ich noch ein Closing spielen! Das konnte ich alles irgendwie nicht realisieren. Beim Gig selbst verstrich die Zeit dann so schnell, dass ich fast gar keine Eindrücke aufnehmen konnte. Das definitiv Allerschönste bei der ganzen Geschichte war jedoch, dass wirklich alle aus meiner Bande am Start waren, mit mir auf dem Floor mitgefiebert und gefeiert haben. Ich hoffe, es geht bald in die zweite Runde.

Das klingt fast so, als hättest du schon alles erreicht, was es zu erreichen gilt. Einen hast du aber noch?

So, und der dritte, der vielleicht emotional schrägste ist das Final-Closing der Griessmuehle. Das war vielleicht etwas! Wir haben es alle irgendwie nicht wirklich raffen können, dass es echt der letzte Rave sein sollte in dieser Nacht – und so rannte da jeder mit einem lachenden und einem weinenden Auge herum. Nichtsdestotrotz war es ein gigantischer Abschied von der alten Location. So voll, nass und wild habe ich den Club vorher nie gesehen. Die Schlange vor der Tür hat gar nicht mehr aufgehört zu wachsen und so wurde dann kurzerhand entschieden, noch eine weitere Nacht dranzuhängen. Wir haben dann alle nochmal gespielt. R.I.P., Sonnenallee 221! Aber hey, heute ist nicht aller Tage, wir kommen wieder, keine Frage.

Neben deinen abgefahrenen Gigs bist du mit Lebendig Teil einer jungen Label-Crew. Wie entstand Lebendig?

Ich muss kurz vorwegsagen, es ist für mich die geilste Label-Crew überhaupt. Großes Danke an meine Jungs! Lebendig entstand eigentlich nicht viel später als Inhalt Der Nacht. Vielleicht so drei bis vier Monate nach dem neuen Alias hatte ich die Idee und Motivation, ein neues Label zu gründen. Ich hatte mir Gedanken gemacht über einen passenden Namen, und zack – Lebendig war geboren. Zur selben Zeit habe ich Ben kennengelernt – Echoes Of October – wir waren und sind immer noch so auf einem Flow, dass ich mir keinen besseren Partner vorstellen könnte. Generell gibt es bei uns aber keine großen Hierarchien. Jeder hat genau so viel zu sagen wie der andere, jede Meinung zählt, und das schweißt uns zusammen. Ben und ich sind lediglich die Organisatoren und setzen die Ideen und Pläne in die Tat um, das funktioniert ganz gut, so denken wir. Mittlerweile sind wir fünf feste Acts im Team. Das sind: Peryl, Tham, HKKPTR, Echoes Of October und meine Wenigkeit. Neu hinzugekommen ist Lenny, ein cooler Dude aus Hamburg, der uns ein bisschen im Management unter die Arme greift. Neue Künstler sind auch geplant, aber das will ich noch ein bisschen geheim halten.

Aber du organisierst ja nicht nur, du produzierst auch erfolgreich. Konntest du denn die Zwangspause bisher für neuen musikalischen Output nutzen oder hat dich die Ungewissheit an kreativer Arbeit gehindert?

Also, am Anfang hat es mir schon den Boden unter den Füßen weggerissen, aber das lag glaube ich eher daran, dass ich fast eineinhalb Jahre keinen Stillstand mehr hatte durch das viele Touren. Und klar ist es bitter, dass gerade alle Gigs flachfallen, aber wenn die Welt erst einmal wieder gesund werden muss, dann sollten wir nicht meckern, sondern helfen. Mittlerweile habe ich mich mit der Situation abgefunden, genieße die Pause sogar. Nutze die Zeit für mich und auf jeden Fall auch im Studio. Ich arbeite ein bisschen an meinem Know-how, tauche in die für mich neue Materie Hardware ein und bastle an vielen Projekten. Trotzdem freue ich mich natürlich darauf, wenn ich die neuen Sachen auch wieder in einem vollen Club spielen kann.

Dein Terminkalender vor dem Lockdown hat mich immer wieder aufs Neue überrascht. Wie sieht dein Alltag im Moment aus, nachdem du die Pause sogar genießen kannst?

Ich lebe gerade größtenteils, und so gut wie es nur geht, ohne konkrete Uhrzeit, was irgendwie cool, aber auch gefährlich für mich sein kann. Ich gehe schlafen, wann ich will und stehe auf, wenn ich ausgeschlafen habe. Vor allem das Ausschlafen genieße ich gerade total. Ansonsten mache ich gerade auch viel Sport, gehe gern laufen und Fahrrad fahren. Ich bin so gern auf dem Bike, dass ich gut und gerne mal 80 bis 100 Kilometer fahre. Das macht einfach den Kopf frei und stark. Auch meine Freunde sind gerade in den Mittelpunkt gerückt. Ich versuche sie, so gut wie es die aktuellen Bedingungen zulassen, zu sehen, das gibt mir viel Halt. Meine Familie kann ich leider nicht so oft sehen, weil bis auf meine Mutter alle nach Brandenburg rausgezogen sind. Aber der Kontakt ist gut, und mit meiner Schwester schreibe ich eigentlich täglich. Ansonsten bin ich, wie schon erwähnt, auch gerne im Studio.

Wenn du das eben schon mit deiner Family und dem Wegzug erwähnst: Du selbst bist ja geboren und aufgewachsen in Berlin. Was macht die Hauptstadt in Zeiten von steigenden Mieten, immer größeren Bauprojekten und schwindender Subkultur auch heute noch so anziehend?

So isset. Ich habe, bis auf zwei kurze Auszeiten in Zepernick und Bochum, immer hier gewohnt, deswegen ist es meine Heimat, die ja grundsätzlich eine gewisse Anziehungskraft innehat. Aber klar, ich glaube, gerade für uns „echte Berliner“ ist es teilweise hart zu beobachten, wie sich die Stadt verändert. Und auch wenn man sagt, Veränderung ist gut, bekomme ich in vielen Punkten einfach nur einen Kotzreiz, denn auf dem Immobilienmarkt hier bedeutet Veränderung nur Verdrängung. Aber fängt ja auch beides mit V an, ist also auch leicht zu verwechseln für die Profitjunkies, die sich hier breitmachen. Und dieser Mietendeckel ist doch auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Diese Leute finden schon ihren Weg, weiter zu zerstören. Man müsste das Problem direkt am Ursprung angehen, denn Berlin ist und bleibt eine Kulturstadt und kein Glas-, Betonfriedhof. Ich versuche, der Stadt auf meine Art den Rücken zu stärken, so gut wie es nur geht, denn trotz allem gibt es keine Stadt, die so viel Charakter, Charme und Lebensgefühl ausstrahlt wie Berlin.

Diese Thematik hat dich auch als Resident der Griessmuehle betroffen. Da ging es für dich in den letzten Monaten durch eine emotionale Achterbahn. Erst das lange Hin und Her, ob der Club bleibt oder schließen muss. Dann ins Exil in die Alte Münze. Dann Corona und Lockdown. Und jetzt der Umzug in eine neue Location. Was kannst du uns zur neuen Club-Heimat erzählen?

Das war vielleicht etwas! Wirklich ein Auf und Ab der Gefühle! Zum Schluss hat man so mitgefiebert wie bei einem Weltmeister-Boxkampf. Zugleich war es aber auch so unwirklich, weil wir alle nicht geglaubt haben oder glauben wollten, dass uns das wirklich passieren kann, gerade dann, als wir auch so gewachsen sind. Aber nichts da, die Gier nach Profit hat gewonnen. Dennoch war es unglaublich schön zu sehen, dass wir damit einen bereits stehengebliebenen Stein wieder ins Rollen gebracht haben. Die ganze Welt hat über uns berichtet, von der “ARD Tagesschau” bis zur “New York Times”. Das hat uns stolz gemacht und dankbar dafür, dass wir anscheinend so vielen Leuten etwas mit unserem Club geben konnten. Und was mir auch richtig gut gefällt, ist, dass das Clubsterben endlich wieder ein Thema in der Politik geworden ist. Also mal sehen, wie es dann nach der Corona-Krise weitergeht, ich bin wirklich sehr gespannt. Zur neuen Griessmuehle-Heimat möchte ich allerdings noch nicht so viel sagen, außer, dass wir uns große Mühe geben, um sie mindestens genauso geil wie vorher werden zu lassen.

Jut, dann lass uns zum Abschluss nochmal auf deine eigene Timeline schauen. Wie steht es denn um ein Album von dir? Und wie würdest du dein Album angehen? Voll mit Dampfhammer-Tracks oder die ganze Bandbreite an Sounds und Atmosphären präsentieren?

Sehr gut tatsächlich. Ich habe vor Kurzem schon damit angefangen, wenn ich das hier einmal so eben leaken kann. Und ich sage mal so, ich will zwölf Tracks dafür fertig machen. Davon wird vielleicht einer für den Club gedacht sein. Um Musik für den Dancefloor zu machen, nutze ich dann eher meine EPs. Daher wird das Album etwas zum Hören für unterwegs oder für zu Hause auf einer guten Anlage. Von Breakbeat über Ambient bis zu Experimental – auch Heavy Metal soll dabei sein. Wann genau es fertig sein wird, kann ich schlecht sagen, aber ich peile irgendetwas zwischen April und Juli 2021 an.

Aus dem FAZEmag 100/06.2020
Text: Gutkind
Bild: Cora Pereghy