Als Musikjournalist hört man so einige Geschichten darüber, wie Künstler zum Musizieren gelangen. Die einen bleiben mehr in Erinnerung, die anderen weniger. JAMIIEs Geschichte blieb hängen: Die aus Braunschweig stammende Musikerin kam erst im Jahr 2016 zu ihrer Leidenschaft – im Alter von 36 Jahren. Durch die Eltern, die Fela-Kuti-Fans sind, war die Musik schon in ihrer Kindheit ein stetiger Begleiter. Dann, vor vier Jahren, legte ihr eine Freundin das Auflegen ans Herz. Auf einer selbst organisierten Party sollte sie für die Töne sorgen. Zu Beginn war es Hip-Hop, schnell stellte sich jedoch heraus, dass dieses Genre nicht so wirklich ihres ist. Sie machte Bekanntschaft mit der RISE-Crew, einem DJ-Kollektiv und Plattenlabel, das afrikanisch-inspirierter elektronischer Musik eine Berliner Note verleiht. Und mit diesem Stil zog JAMIIE nicht nur ihr Publikum in den Bann: Auch die Watergate-Family ließ sich faszinieren und nahm sie im Jahr 2018 herzlich bei sich auf. Seitdem zeigt sie bei jeder Gelegenheit, was sie kann. Wir trafen JAMIIE in Berlin, um mehr über sie und ihr Leben zu erfahren. Doch lest am besten selbst.


Mit Hip-Hop konnte sie sich zwar nicht warm spielen, jedoch öffnete ihr dieser erste Versuch an den Plattentellern die Tür in eine neue Welt. Denn dadurch bekam sie die Möglichkeit, in Nigeria zu spielen, wo sie zu diesem Zeitpunkt 30 Jahre nicht mehr gewesen war. „Bis zu meinem vierten Lebensjahr habe ich in Nigeria gelebt. Ich hatte immer den Willen, zurückzukehren und meine Familie zu besuchen. Durch den Auftritt hatte ich dann die Chance. Es war großartig, alle wiederzusehen. Ein halbes Jahr nach meiner Reise starb meine Großmutter. Für mich war das ein Zeichen. Danach fing ich an, elektronische Musik zu spielen.“ Mit Nigeria und Deutschland lernte JAMIIE zwei Kulturen kennen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch beide Länder begeistern die Künstlerin auf ihre ganz eigene Art: „Nigeria ist ein zweigeteiltes Land. Besonders im Norden gibt es immer viel Terror. Aber innerhalb dieser anscheinend gefährlichen Welt existiert noch eine andere. Eine total bunte und fröhliche Welt, voll mit Kunst, Musik und Fashion. Viele Menschen mit nigerianischen Wurzeln gehen zurück nach Lagos, um sich dort etwas aufzubauen. Gerade das treibt die Entwicklung enorm voran. An Deutschland wiederum mag ich die Sicherheit und die Verlässlichkeit. Gerade was Pünktlichkeit und die Einhaltung von Terminen angeht. Zeit ist etwas, was in verschiedenen Kulturen unterschiedlich wahrgenommen wird. In vielen Teilen Afrikas hat man eine ziemlich entspannte Einstellung zur Zeit – es gibt die sogenannte ,African Time‘. Verspätungen bei Terminen oder Treffen sind da ganz normal und haben einfach mit dem weniger streng geplanten Lebensstil zu tun; der steht im Gegensatz zu dem mehr an die Uhr gebundenen Tempo des täglichen Lebens hier in Deutschland.“

Nach unserem Treffen ist mir die Berlinerin sehr lebhaft in Erinnerung geblieben. Es war ihr Lächeln und das Funkeln in den Augen, die Offenheit, die sie an den Tag legte. Vor allem dann, wenn es um sie und die Musik ging – und darum, dass letzten Monat ihr erster Remix auf Tom Peters EP „Novum“ erschienen ist, releast auf Studio Kreuzberg. „Unsere Mutter hat mit uns schon immer Musik gehört. Jeden Sonntag saßen wir zusammen und hörten des Öfteren mal Anita Wards ,Ring My Bell‘, das war ihr Lieblingslied. Sonntags hatte sie Zeit dafür. Sie war auch diejenige mit dem vollen Plattenregal.“ Und diese Leidenschaft übertrug sie direkt auf ihre Tochter, der die musikalische Freiheit bei der Arbeit besonders wichtig ist. Sie will spielen können, worauf sie Lust hat und was ihr auch wirklich gefällt. Den Sound anstellen können die meisten, aber die wirkliche Kunst dabei ist es, die Stimmung vom Publikum aufzufangen: „Du gibst den Ton an mit deiner Musik. Das kann supergut klappen, aber auch mal in die falsche Richtung gehen, weil die Leute in dem Moment vielleicht nicht so empfänglich für deinen Sound sind. Besonders dann strecke ich meine Fühler aus und taste mich langsam weiter voran. Und wenn man sie dann wieder in seinen Bann zieht, ist es einfach ein großartiges Gefühl.“

Aus dem FAZEmag 095/01.2020
Text: Sofia Kröplin
Foto: Alex Malecki
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