Es ist ein besonderes Jahr für Jean-Michel Jarre. Der Elektronikpionier ist nun seit 50 Jahren aktiv und feierte im August seinen 70. Geburtstag. Dazu kommen noch zwei Alben: die Best-of-Compilation „Planet Jarre“, die anlässlich seines musikalischen Wirkens im September erschien, und das neue Studioalbum „Equinoxe Infinity“, das Mitte November veröffentlicht wird. Von Ruhestand und Ausruhen auf Lorbeeren weit und breit keine Spur, der Franzose ist in den letzten Jahren aktiv wie selten zuvor und arbeitet auch jetzt schon wieder an neuem Material. Viele gute Gründe, um Monsieur Jarre mal zu einem Gespräch zu bitten.

1 JM Jarre ©EDDA photo by Mark Tso5


Geboren wurde Jean-Michel Jarre in Lyon und wuchs auf in einem Elternhaus, in dem Musik immer eine große Rolle gespielt hat – auch weil der Vater ein Komponist für Filmmusik war und es damit bis nach Hollywood geschafft hat. So hat Maurice Jarre unter anderem die Musik für „Mad Max III“, „Der Club der toten Dichter“ oder „Der einzige Zeuge“ geschrieben. Schon früh lernte Jean-Michel Klavier spielen und früh durfte er seine eigenen Kompositionen in der Pariser Oper aufführen. Da war er Anfang 20 und der Jüngste, dem diese Ehre zuteil wurde. Es folgten Werke für Radio, Film und Fernsehen sowie Werbung – und letztlich dann im Jahr 1977 der große Durchbruch. Sein im Jahr zuvor veröffentlichtes Album „Oxygene“ wurde weltweit vertrieben und entpuppte sich überraschend als Bestseller. Bis heute sind über 12 Millionen Exemplare verkauft worden. Elektronische Synthesizer-Klänge waren auf einmal sehr populär, unzählige Künstler hat er mit seinem Sound bis heute beeinflusst. Ein Jahr später schob er „Equinoxe“ nach, das ähnlich erfolgreich war. Bei seinem ersten Live-Auftritt, 1979 auf der Place de la Concorde in Paris, gab es Lichteffekte, Projektionen und Feuerwerk. Rund eine Million Zuschauer verfolgten das Spektakel, und das brachte ihm einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde ein.

Aus den 70er-Jahren in die Jetztzeit. „Equinoxe Infinity“ wird auf den Tag genau 40 Jahre nach „Equinoxe“ veröffentlicht. Auch sein Album „Oxygene III“ vor zwei Jahren erschien am gleichen Tag wie „Oxygene“ – 40 Jahre später. Jarre beherrscht nicht nur das Spiel mit den Synthesizern, das Visuelle und die Symbolik – so sind zum Beispiel die „Watcher“ auf allen „Equinoxe“-Alben oder der ikonische „Oxygene“-Totenkopf wichtige Bestandteile seines Œuvre. Auch seine Konzerte zeichnen sich schon immer dadurch aus, dass es eine sehr große visuelle Komponente gab, lange bevor die VJ-Kunst zu einem unverzichtbaren Teil vieler Konzerte und Festivals wurde.

An einem sonnigen und warmen Oktobertag in Amsterdam trafen wir Jean-Michel Jarre zum Interview. Das große Branchentreffen, das Amsterdam Dance Event, fand statt und Jarre wohnte zwei Panels bei. Ein eng getakteter Zeitplan erlaubte noch kurze Interviews, die der Franzose sehr entspannt, freundlich und redselig absolvierte. Und nachdem das auch absolviert war, mutierten die Fragesteller noch alle zu Fans, ließen sich mit dem legendären Musiker fotografieren und packten ihre Platten aus, um sie endlich signieren zu lassen.

In den letzten Jahren warst du sehr aktiv, allerdings gab es davor eine Zeit von acht Jahren, in der du nichts veröffentlicht hast. Was war da los und was war der Auslöser für diese jetzige, produktive Phase?

Ich habe eine schwere Phase durchgemacht vor zehn Jahren, ich habe meine Eltern verloren. Ich war total blockiert und konnte fast gar nichts mehr machen. Dann aber habe ich das „Electronica“-Projekt gestartet, bei dem ich mit vielen für mich wichtigen Künstlern zusammenarbeiten wollte. Das wirkte dann wie eine Therapie für mich und markierte den Anfang einer Reise, die fünf Jahre gedauert hat. Denn alle, die ich angefragt habe, haben zugesagt – und was eigentlich als kleines Projekt angedacht war, uferte ziemlich aus und es entstanden zwei Alben daraus. Ich habe viel in dieser Zeit gelernt, und das hat mich auch kreativ wieder angeschoben. Nun sind es insgesamt fünf Alben, wenn man das kommende miteinbezieht, die ich in den letzten drei Jahren veröffentlicht habe, und ich habe außerdem weitere neue Projekte angeschoben. Aber momentan bin ich sehr aufgeregt ob „Equinoxe Infinity“.

Wie ist denn „Equinoxe Infinity“ entstanden?

Für dieses Projekt habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine ganz andere Herangehensweise als sonst gewählt, und zwar habe ich mich zuerst um das Artwork gekümmert. Grundlage dafür war mein Album „Equinoxe“ und dessen ikonisches Cover, auf dem ja die sogenannten „Watcher“ zu sehen sind. Ich stellte mir die Frage, was mit ihnen passiert sein könnte und was mit ihnen in 40 Jahren passieren würde. Auf Instagram hatte ich einen Künstler entdeckt, einen jungen Tschechen namens Filip Hodas. Ich habe ihn kontaktiert und er war auch direkt dabei. Ich erklärte ihm, dass ich zwei verschiedene Cover für das gleiche Album im Sinn hätte. Das spielte sich alles ab, bevor ich überhaupt ein einziges Mal im Studio war. Als ich dann die beiden Cover hatte – das eine für eine friedliche Zukunft, das andere für eine apokalyptische –, kreierte ich Musik, die diesen beiden verschiedenen Covern gerecht wird. Diese Herangehensweise fand ich sehr aufregend und hat auch zu einem sehr guten Ergebnis geführt.

Und wie lief die Zusammenarbeit mit Filip?

Wir haben uns nie persönlich getroffen. Er lebt in Prag und ich war die ganze Zeit rund um den Globus unterwegs. Wir haben sehr schnell zueinander gefunden und waren auf einer Wellenlänge. „Füttere mich mit dem, was du willst“, sagte er, was ich dann auch sehr präzise gemacht habe. Filip hat alles auch exakt so umgesetzt, wie ich es mir vorgestellt habe. Wir haben dann noch diverse Variationen ausprobiert und ein paar Videoclips produziert. Ein sehr visuelles Projekt – und wir arbeiten auch immer noch zusammen. Es ist auch wirklich ein Vergnügen, mit jemandem zu kooperieren, der einen so gut versteht. 

equinoxe_history

Du arbeitest inzwischen auch mit Software von Native Instruments. Wie kam es dazu?

Ich war schon immer sehr interessiert an neuen Technologien, darauf basiert mein Schaffen und ich habe auch schon immer Musik und Technologie vermischt. Für mich ist das eine Art Sucht. Und ein Teil meines Künstlerseins ist auch immer noch so frisch und interessiert wie am Anfang meiner Karriere – wahrscheinlich sogar noch mehr, weil es mittlerweile noch mehr technische Möglichkeiten gibt. Für mich produziert Native Instruments die Stradivari der elektronischen Musik. Sie arbeiten wie echte Handwerker, sie sind innovativ und bieten uns ganz neue Instrumente an, weit weg vom einfachen Imitieren der analogen Welt durch einfaches Hinzufügen von Parametern. Wir sind nun mit Native und ein paar weiteren Firmen in einer Ära, die nichts mehr mit der analogen Welt zu tun hat. Und das Vermischen dieser beiden Welten ist total aufregend.

Du hast unzählige Musiker beeinflusst, aber wer beeinflusst dich?

Natürlich erst mal alle Künstler, mit denen ich an „Electronica 1 & 2“ gearbeitet habe, sowie alle Künstler, mit denen ich an „Electronica 3“ arbeite. (lacht)

Wann wird das herauskommen?

Das weiß ich noch nicht, ich habe gerade erst damit angefangen, aber ich bin schon sehr gespannt, was da passieren wird. Ich sehe auch das gesamte „Electronica“-Projekt eher als Nebenprojekt abseits meiner Studio- und Live-Alben sowie meiner Touren. Das ist eine sehr interessante Arbeit für mich und auch für meine Kollaborateure, wie ich natürlich hoffe. Bei den ersten beiden Teilen habe ich sehr viel gelernt, was ich jetzt auch in den dritten Teil miteinfließen lassen werde.

Mit „Planet Jarre“ feierst du 50 Jahre musikalisches Schaffen. Wie viel von dem 20-jährigen Jean-Michel steckt heute noch in dir?

Technisch gesehen hat sich natürlich alles verändert im Hinblick darauf, wie man Musik macht und produziert. Aber letztlich, am Ende des Tages, kann ich schon sagen, dass ich mich nicht stark verändert habe – genauso wenig meine Art und Weise, wie ich mich ausdrücke. Vor einigen Jahren hatte ich das Privileg, den legendären Regisseur Federico Fellini zu treffen, und der hat mir etwas gesagt, das mich sehr inspiriert hat. „Jedes Mal, wenn ich einen Film gemacht habe, dachte ich, ich mache einen komplett anderen als zuvor. Wenn ich jetzt zurückblicke, denke ich, dass ich immer den gleichen Film gemacht habe.“ Ich denke, da steckt viel Wahres hinter. Wenn man an Regisseure wie Tarantino, Godard, den Schriftsteller Houellebecq oder Bands wie Beatles, Coldplay und U2 denkt, sie machen letztlich immer das Gleiche, man erkennt sie sofort an ihrem Stil, dem sie auch nicht entkommen können. Wenn sie ihren Stil aufgeben würden, dann wäre das für mich weniger interessant. Ich würde gerne mal ein Album machen, das nach Massive Attack klingt, aber das ist eben nicht möglich, denn ich bin nun mal nicht Massive Attack. (lacht)

Du bist UNESCO-Botschafter für Umwelt und Bildungsarbeit. Themen, die dir immer wichtig waren und es heute noch sind, die sich auch in deinem Gesamtwerk widerspiegeln, auch im neuen Album.

Ich bin gerade in der heutigen Zeit sehr interessiert an diesen Themen, und das ist es auch, worum es bei „Equinoxe Infinity“ geht mit den beiden Covern. Die „Watcher“, die für mich die Evolution der Technologie symbolisieren. Die Tatsache, dass wir im 21. Jahrhundert in der Lage sind, uns mit gutem Glauben zu entwickeln, wenn wir auf unsere Umwelt besser Acht geben. Wenn nicht, sind wir einfach aufgeschmissen, das war’s dann. Diese zwei Zukunftsvisionen wollte ich mit diesem Projekt ausdrücken. Musikalisch heißt das: Beim ersten „Equinoxe“-Album habe ich viele Umweltgeräusche wie Regen und Wind mit eingebaut. Dieses Mal wollte ich viele dieser natürlichen Geräusche mit dem Computer neu kreieren, aber auch wieder natürliche Geräusche einbauen und diese dann mischen mit den künstlichen Sounds, als Symbol von Natur und Technologie. Und ich finde, die Musik passt eben zu beiden Visionen, zu der dunkleren und der friedlichen.

An der UNESCO mag ich, dass diese Leute immer den Blick auf die Zukunft richten, im Gegensatz zu Regierungen, die nur an die nächste Wahl denken, oder großen Konzernen, die schauen, wie viel Gewinn sie am Ende des Jahres generieren können. Und wir wissen, dass wir noch nicht genug machen. Da passt auch das Bild hier in den Niederlanden, wo es so viele Fahrradfahrer gibt: Wenn du sicher fahren willst, schau nicht auf deine Füße, schau auf die Straße.

 

Aus dem FAZEmag 081/11.2018
Text: Tassilo Dicke
Foto: Mark Tso
www.jeanmicheljarre.com
www.instagram.com/hoodass

 

 

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