
John Cala ist kein gewöhnlicher Newcomer der elektronischen Musikszene. Der gebürtige Kolumbianer und Wahl-Barcelonese versteht sich als multidisziplinärer Künstler, der Klang, Bild, Emotion und kulturelle Erzählung zu einem vielschichtigen Gesamtwerk verbindet. Seine Tracks sind mehr als Club-Tools – sie sind persönliche Erinnerungsräume, geprägt von organischer Textur, globalen Stimmen und einem tiefen Gespür für Atmosphäre. Mit seinem kommenden Debüt bei X by Adriatique während des Amsterdam Dance Events und einer neuen Veröffentlichung auf Spinnin’ Records öffnet sich für Cala nun die internationale Bühne. Gleichzeitig bleibt seine Vision größer als der Dancefloor: Sie reicht von der Arbeit an visuellen Projekten bis zur Gründung einer Stiftung zur Förderung junger Talente in Lateinamerika. In diesem Monat mixt Cala unseren offiziellen Download-Mix.
John, was bedeutet dir dein anstehendes Debüt bei X by Adriatique im Rahmen des Amsterdam Dance Events – persönlich wie auch künstlerisch?
Das ist ein großer Moment für mich. ADE hat diese besondere Energie, bei der sich die gesamte Szene versammelt. Bei X mit Adriatique zu spielen, fühlt sich an, als würde alles, was ich aufgebaut habe, seinen Platz finden. Ich sehe es als Chance, mich durch Sound mit Menschen zu verbinden und die volle Dimension dessen zu zeigen, was ich derzeit kreiere. Tatsächlich war ich das erste Mal bei einem X-Event im Jahr 2021 – als Gast. Adriatiques Set hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Jetzt wieder dort zu sein, aber diesmal als Künstler, ist einfach brutal. Es fühlt sich wie ein Kreis an, der sich schließt, und inspiriert mich, weiter an meiner Musik und Präsenz zu arbeiten.
Deine kommende Veröffentlichung bei Spinnin’ Records markiert ein neues Kapitel in deiner Karriere. Was kannst du uns über den Track und deine Vision dahinter erzählen?
Spinnin’ war schon immer auf meinem Radar, ich folge dem Label seit Jahren. Der Track heißt „El Carretero“, und ehrlich gesagt hat mein ganzes Projekt John Cala irgendwie damit angefangen, dass ich Boleros und kubanische Musik liebe. Künstler*innen wie Celia Cruz, Compay Segundo, Omara Portuondo und andere haben mich immer inspiriert. Da steckt so viel „Sabor“ und Storytelling drin. Mit „El Carretero“ wollte ich diesen traditionellen kubanischen Vibe mit elektronischer Musik verbinden – aber ohne in Klischees abzurutschen. Es war ein kreatives Risiko, aber Spinnin’ hat sich direkt bei mir gemeldet, weil sie an den Track geglaubt haben. Das hat mir viel bedeutet. Wir konnten das Original-Vocal klären – es stammt von einer der ikonischsten Stimmen Kubas, dem Buena Vista Social Club – was dem Ganzen noch mehr Tiefe verleiht. Für mich ist diese Veröffentlichung wie eine Brücke zwischen Kulturen und Generationen, und ich bin stolz, dass sie am 29. August erscheint.
Du hast einen Background in bildender Kunst und Fotografie und wurdest u.a. von National Geographic ausgezeichnet. Wie beeinflussen diese visuellen Erfahrungen deine Musikproduktion?
Sie sind vollkommen miteinander verbunden. Wenn ich produziere, denke ich in Texturen und Kontrasten – als würde ich mit Klang einen visuellen Raum bauen. Durch Fotografie und Malerei habe ich gelernt zu beobachten, Rhythmus in der Stille zu erkennen und Raum zu lassen. Musik ist für mich einfach eine weitere Art, das festzuhalten, was um mich herum und in mir geschieht.
Du willst Menschen auf und neben dem Dancefloor emotional berühren. Welche Reaktion wünschst du dir von deinem Publikum?
Einige meiner Tracks sind wie Mantras aufgebaut, mit Wiederholungen und Emotionen, die langsam eine Verbindung aufbauen. Als Menschen brauchen wir Gemeinschaft, um zu wachsen – und der Dancefloor wird zu diesem Raum. Wenn Leute zu meinen Shows kommen, sollen sie spüren, dass sie Teil von etwas Größerem sind. Diese geteilte Energie wird zur DNA des Erlebnisses. Am Ende tanzen wir alle zu etwas, das wir nicht erklären und nicht anfassen können – wir können es nur fühlen. Das ist die Kraft der Musik.
John Cala in Aktion:
Der „Cala-Kosmos“ verbindet organische Texturen, Field Recordings und rohe Emotionen. Was verbirgt sich dahinter?
Für mich ist Wert immer subjektiv. Wenn ich kreiere, folge ich daher nicht der Logik, sondern dem Instinkt und der rohen Emotion. John Cage hat einmal gesagt: „Versuche nicht, gleichzeitig zu kreieren und zu analysieren – das sind unterschiedliche Prozesse.“ Daran glaube ich wirklich. Wenn ich einen Track beginne, geht es nicht um Struktur oder Theorie, sondern darum, etwas Echtes einzufangen. Später forme ich das Ganze dann bewusster. Es wird Klang, Licht und Screens geben – aber ich möchte, dass sich diese Räume wie mehr als nur Partys anfühlen. Sie sollen offene, verspielte und nachdenkliche Erlebnisse sein, in denen Menschen aller Altersgruppen sich begegnen und sich mit etwas Sinnstiftendem verbinden können – warum nicht auch mit etwas Lehrreichem? Elektronische Musik ist der rote Faden, aber ich versuche immer, neue Wege der Erkundung zu öffnen. Ich stelle mir den Cala-Kosmos als Raum vor, in dem Musik mit Installation, Performance und Reflexion verschmilzt. Ich möchte Umgebungen schaffen, in denen Menschen auf unterschiedliche Weise mit Klang interagieren – nicht nur emotional, sondern auch intellektuell. Das kann bedeuten, wie wir Musik wahrnehmen, zu überdenken, ihre Geschichte zu erforschen oder auch gesellschaftliche Themen aufzugreifen. Ich komme aus einem Land, in dem Drogenpolitik viele soziale und kulturelle Aspekte geprägt hat. Ich finde es wichtig, kreative Wege zu finden, darüber zu reflektieren – nicht, um Statements zu machen, sondern um Gespräche zu eröffnen. Durch Kunst können wir hinterfragen, entstigmatisieren und neue Perspektiven schaffen.
Deine Musik basiert auf Erinnerungen und Emotionen. Gab es kürzlich ein persönliches Erlebnis, das dich zu einem Track inspiriert hat?
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber bei mir sind die meisten Erinnerungen mit Musik verknüpft. Musik markiert Momente im Leben – und das bringt eine gewisse Nostalgie mit sich. Der Track „In Spain“, mit der Stimme von Rigoberta Bandini, entstand letzten Sommer auf Ibiza. Ich war an der Cala Jondal und dachte, die Insel brauche einen Song, der die spanische Identität einfängt – nicht klischeehaft, sondern mit echter Emotion und Tiefe. Als ich ihr Vocal fand, hat es sofort Klick gemacht. Es hatte diese Wärme, diesen Akzent und die Energie, die perfekt in den Cala-Kosmos passte. Persönlich, kulturell – und mit genau dem richtigen Maß an Wärme und Tiefe.
Wie gelingt es dir, globale Gesangstraditionen in deine Musik zu integrieren, ohne in Klischees zu verfallen?
Ich habe mal geschrieben: „Klischees entstehen, wenn wir aufhören zuzuhören und anfangen zu wiederholen.“ Der Schlüssel ist Zuhören – der Quelle, dem Kontext, und sich selbst. Ich glaube auch nicht, dass Klischees immer schlecht sind. Manchmal ist es spannend, mit ihnen zu spielen – so wie es Martin Parr oder Andy Warhol getan haben – um sie zu zeigen oder sogar zu unterlaufen. Wenn man das bewusst tut, kann es Teil des Storytellings sein. Für mich zählt letztlich die Intention. Sobald du deinen eigenen Sound gefunden hast, ist die größte Herausforderung, mit ihm verbunden zu bleiben – aus dem Inneren heraus zu kreieren statt auf fertige Formeln zurückzugreifen. Es ist immer einfacher, etwas Erfolgreiches zu kopieren. Aber wenn du etwas aus deiner eigenen Vision heraus erschaffst, wird jeder Track zu einer eigenen Welt. Und das versuche ich zu schützen.
Du beschäftigst dich auch mit visueller Kunst, Mode und Drehbuchschreiben. Wie verbindest du all diese Disziplinen?
Ich muss einfach erschaffen – ob ich nun ein Foto mache oder eine Melodie baue. So verarbeite ich das Leben. Es ist wie mein persönliches Tagebuch – visuell oder musikalisch – etwas, das ich jeden Tag brauche. Deshalb trenne ich die Disziplinen auch nicht zu sehr. Mein Vater ist Maler, ich bin zwischen Leinwänden und dem Geruch von Terpentin aufgewachsen. Ich habe mit sechs Jahren angefangen zu malen, und über die Jahre hat sich dieser kreative Impuls auf Fotografie, Musik, Mode und sogar Drehbuchschreiben ausgeweitet. Ich habe kürzlich einen Drehbuchkurs gemacht, und ich kann mir gut vorstellen, diese narrative Energie in zukünftige Projekte einzubringen. Alles fühlt sich miteinander verbunden an – wie verschiedene Kapitel derselben Geschichte.
Tale of Us, Adriatique, Solomun und Carlita haben deine Musik gespielt. Was bedeutet dir diese Anerkennung?
Ich erinnere mich noch genau daran, als Adriatique vor zwei Jahren hier in Barcelona zwei meiner Tracks gespielt haben. Das hat mich nachhaltig geprägt. Es war eines der ersten Zeichen, dass sich etwas bewegt. Jahre zuvor habe ich unzählige Mails verschickt, ohne je eine Antwort zu bekommen – Musik produziert, ohne zu wissen, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Das war das Schwierigste: dranzubleiben, ohne echtes Feedback. Jetzt ist alles anders. Meine Tracks werden gespielt, meine Mails geöffnet – das ist ein Privileg. Aber ich weiß auch, dass ich es mir durch Disziplin und Einsatz verdient habe. Ich bin immer noch dankbar, wenn jemand, den ich bewundere, sich mit meiner Arbeit verbindet. Es motiviert mich. Wenn große Künstler und Künstlerinnen meine Musik spielen, zeigt mir das, dass ich etwas richtig mache. Aber es erinnert mich auch daran, mich weiterzuentwickeln, Risiken einzugehen und nicht in Wiederholungen zu verfallen.
Du hast bei großen Festivals und in Clubs gespielt. Wie passt du deine Sets an unterschiedliche Settings an?
Im Laufe der Jahre – als Fan und Raver – habe ich viel über Kontext gelernt. Jeder Ort verändert die Art, wie sich Musik anfühlt. Um 18 Uhr zu spielen, ist nicht dasselbe, wie um 4 Uhr morgens. Die Energie verschiebt sich – und das beeinflusst, wie ich ein Set aufbaue. Ein Club ist auch ganz anders als ein Festival. Jede Umgebung hat ihre eigene Sprache. Diese Perspektive hilft mir sehr bei der Vorbereitung. Ich versuche immer, so viel eigene Musik wie möglich zu spielen – weil ich sie ja für Menschen produziere. Aber sie muss auch im jeweiligen Kontext Sinn ergeben. Darin liegt die Herausforderung – und auch die Schönheit des DJ-Seins. Es bleibt dadurch spannend. Es ist schwer, sich zu langweilen, wenn jede Nacht anders ist.
Ein Set von John Cala aus dem Pacha Barcelona:
Du willst eine Stiftung zur Förderung junger Künstler*innen in Kolumbien gründen. Was ist deine Vision dafür?
Vor etwa 13 Jahren bin ich nach London gezogen, mit dem Traum, mein Leben der Musik zu widmen. Ich habe dann 17-Stunden-Schichten als Küchenhilfe geschoben (haha) und hatte irgendwann die Chance, in der Galerie des Ministry of Sound zu spielen. Dieser Kontrast verändert dich. Er bringt dich zum Wachsen. Er erdet dich. Ich wurde in Medellín geboren – einer Stadt voller Talent, aber auch in mancher Hinsicht verschlossen. Der Weg, meinen Platz als Künstler zu finden, war herausfordernd. Jetzt will ich etwas zurückgeben. Meine Vision ist, eine Stiftung zu gründen, die junge Künstler*innen in Kolumbien und Lateinamerika unterstützt. Es gibt so viel Talent – aber nicht immer die nötigen Mittel oder Möglichkeiten. Das Projekt ist noch in der Anfangsphase, aber ich bin entschlossen, es zu verwirklichen.
In diesem Monat kuratierst du auch den offiziellen FAZEmag-Mix. Was erwartet uns?
Nach allem, was du gehört hast, bist du bestimmt neugierig, wie das klingt. Musik ist einer der besten Wege, mich zu verstehen. Also klicke auf Play – und lass den Mix für sich sprechen. Ich werde exklusive Tracks spielen, die ich gerade erst fertiggestellt habe. Musik, die bisher in keinem meiner Sets lief und die niemand sonst in Händen hält.
Hier geht es zum Mix des Monats FAZEmag In The Mix 162 mit John Cala.

Die Single „El Carretero“ von John Cala erscheint am 29. August 2025 via Spinnin‘ Records.
Aus dem FAZEmag 162/08.2025
Text: Triple P
www.instagram.com/johncalamusic