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Es ist schon ganze sieben Jahre her, dass der in Amsterdam lebende Voorn sein letztes Album veröffentlichte. Seit dieser Zeit machte sich Joris Voorn nicht nur mit Releases auf seinen beiden Labels Rejected und Green einen Namen, sondern auch durch die aus 102 Track-Samples bestehende Balance-Mix-CD in 2009, die bei Resident Advisor im gleichen Jahr auf den vierten Platz der besten Alben gewählt wurde. Großartige Gigs rund um den Erdball taten ihr Übriges, und so gehört Voorn heute zu den größten Headlinern seiner Zunft. Mit „Nobody Knows“ veröffentlicht er am 17. November nun sein drittes Album. Erscheinen wird es erneut auf Green, dem Label, das er seit 2005 mit Edwin Oosterwal führt. Dabei arbeitete er u.a. mit Matthew Dear und – passend zu seiner neuen Reihe auf Ibiza – mit seinem Vater Joop Voorn zusammen.

Doch zunächst stellt sich die Frage, was der Niederländer in den letzten sieben Jahren für eine musikalische Veränderung erlebt hat. Positioniert er sich mit dem neuen Longplayer doch eindeutig weg von der Peaktime – nein – fast schon gänzlich vom Tanzflur. Ruhig, musikalisch und neu. „Ich glaube, die Musik hat sich in diesen sieben Jahren generell stark verändert, nicht nur für mich persönlich. Als ich 2007 dieses von Detroit inspirierte Album veröffentlichte – inmitten eines absoluten Minimal-Wahnsinns – hatte ich lange Zeit danach nicht das Bedürfnis, ein neues Album anzugehen. Es hat sich nicht richtig angefühlt. Ich war lange Zeit gelangweilt von dem, was dort draußen passierte. 2009 gab es von mir die Balance-Mix-CD, an der ich lange gesessen habe. Erst danach kamen langsam aber sicher wieder neue Ideen, die für ein Album denkbar waren und auch neuer Antrieb, ins Studio zu gehen. Es hat mich von diesem im Detroit-Bereich angesiedelten Sound weggezogen.“ Und so kaufte er sich verschiedene E-Bässe und zog sich für mehrere Wochen zurück. Melodien über Melodien und zahlreiche Scratche häuften sich. „Plötzlich fand ich mich in für mich völlig neuen Soundstrukturen wieder, für die mein Name auch eigentlich gar nicht stand. Das war eine ziemlich große Herausforderung. Ich wollte unbedingt etwas anderes als zuvor machen. Oft bin ich daran verzweifelt, weil ich das Gefühl hatte, nicht weiterzukommen. Ich habe das Projekt zig mal beiseite geschoben, weil ich nicht sicher war, ob ich mich auf einem guten bzw. richtigen Weg befand. Demnach hat es dann umso länger gedauert, bis es etwas Hörbares gab. Es war mir sehr wichtig, eine neue musikalische Identität zu kreieren, die nicht nur unbedingt auf den Dancefloor abzielt. Und auch die Sänger, die dann auf meine Sounds sangen, haben dem Ganzen eine völlig andere Richtung gegeben. Es war quasi eine Achterbahn der Gefühle. Und ein ziemlich langer Ritt.“

Und genau darin fand er den Titel für sein drittes Album. Das zunächst als Arbeitstitel gewählte „Nobody Knows“ klang für den Holländer zunehmend sinniger, vor allem zum Ende hin.„ Zum einen, kannte niemand diese neuen Sounds wirklich von mir und/oder erwartete sie und zum anderen, weil sich die Richtung, in die ich mich bewegt habe, im Laufe des gesamten Prozesses, stetig veränderte. Es war mir auch nicht möglich, die neuen Sachen in meine Sets zu integrieren, weil es stilistisch einfach nicht gepasst hätte. Also war es so etwas wie ein geheimes Projekt. Niemand wusste am Anfang also, wo wir am Ende sein werden. Von daher ist das in diesem Fall der absolut perfekte Name für das Album. Man könnte meinen, ich hätte mich als Künstler komplett neu erfunden.“ So zog es ihn oftmals auch aus dem Studio heraus. Das Produzieren auf Reisen machte ihm plötzlich Spaß und gilt mittlerweile als wichtige Inspirationsquelle. „Es herrscht eine ganz eigene Magie, wenn man unterwegs ist und entweder gerade etwas Tolles erlebt hat in der letzten Nacht oder sich auf die kommende freut. Meist sitze ich am Fenster und lasse mich von den Landschaften oder den Wolken inspirieren. Eine Zeitlang habe ich es vermieden, auf Tour zu produzieren. Mittlerweile entspannt mich das sogar und lässt die Zeiten, die man mit Warten oder Rumsitzen verbracht hat, schneller vorbei gehen (lacht). Die Vorbereitungen für das Album allerdings fanden – aufgrund der gesamten Instrumentalisierung – eher im Studio statt. Dort konnte ich in aller Ruhe den Schritt neben den Dancefloor wagen und mich dann zurechtfinden.“

Zurechtfinden musste er sich bei den Kollaborationen zu „Nobody Knows“ hingegen nur
kurz. Neben Kid A und Bram Stadhouders stand ihm Matthew Dear, ein Künstler, zu dem er seit Jahren aufschaut, zur Seite. „Von Techno, über House bis hin zu deepen Kram beherrscht Matthew so viele Stile – in seiner Band singt er sogar. Ein Genie für mich. Auch er war sehr interessiert daran, am Album mitzuwirken. Er hat ein paar Vocals aufgenommen, die ziemlich anders waren, als ich erwartet hatte. So anders, dass sie am Ende allerdings noch viel mehr Sinn ergaben und mich für noch mehr Sachen inspiriert haben.“ Hinzu gesellte sich dann noch der Mann, der Joris am längsten kennt – sein Vater. „Er ist mittlerweile über 80 und war lange Zeit Komponist für klassische Musik. Bei diesem Track habe ich immer und immer wieder die gleiche Keyboard-Line wiederholt. Als ich nicht weiterkam, habe ich ihn nach Inspiration gefragt. Er hat darüber dann ein paar Melodien eingespielt mit einer Violine und einem Cello. Da es in meinem Studio sehr schwer war, diese Geräte in perfekter Soundqualität einzubinden, habe ich die Melodien mit einigen Synthesizern nachgespielt. Es hat diesen sehr klassischen Touch, und ich bin sehr glücklich darüber, mit meinem Dad gemeinsam gearbeitet zu haben. Zumal es auch das erste Mal war.“

Eine Premiere feierte er in diesem Jahr auch auf Ibiza. Gemeinsam mit Nic Fanciulli beehrte Joris Sonntags den Ushuaia Club. Innerhalb weniger Wochen gehörte La Familia zu den beliebtesten Zielen der Insel. „Wir hatten eine großartige erste Saison. Zumal das Ushuaia auch nicht gerade die kleinste Location auf Ibiza ist. Woche für Woche gleicht es einer Herausforderung, dieses Venue, das sowieso einen leicht kommerziellen Ruf hat, zu füllen. Und wir sind stolz darauf, dass uns das immer ganz gut gelungen ist. Ants an den Samstagen gehört dort zur erfolgreichsten Nacht, und die Leute dort wissen, dass man aus so einem Spot auch eine ernstzunehmende Underground-Party machen kann. Musikalisch konnten wir uns wirklich austoben, auch wenn man natürlich Openair bei diesem Eventcharakter nicht so deep gehen kann wie im Winter im Club. Aber sowohl Nic und ich als auch unsere eingeladenen Headliner wie Âme, Hot Since 82, Kölsch und Co. haben wundervolle Arbeit geleistet. Wir haben viele verschiedene Stile unter einen Hut gebracht und damit wirklich eine Familie vereint. Wir werden uns in den kommenden Wochen mit den Verantwortlichen zusammensetzen und schauen, ob wir für das kommende Jahr erneut etwas auf die Beine gestellt bekommen.“

Äußerst sicher hingegen sind die Planungen der kommenden Wochen auf seinem Label Green. „Anton Pieete gehört aktuell zu meinen absoluten Geheimtipps. Auch er hat sich stilistisch in den letzten Wochen stark verändert. Treibend und sehr 909-basiert spielt er aktuell ein super Set nach dem anderen. Alles andere als gewöhnlich. Auch toll und bald mit einem ziemlichen Dub-Techno-Release auf Green vertreten sein wird Roland Klinkenberg. Er ist bereits seit über 20 Jahren in der Szene und eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Er wird ebenfalls auf Green ein Album veröffentlichen. Wann genau? Nobody knows! (lacht)“ / Rafael Da Cruz

Aus der FAZEmag-Ausgabe 033/11.2014
www.jorisvoorn.com
Foto: Gianni Pisano