Ich gebe zu, dass diese Überschrift nicht meine erste Wahl gewesen ist. Ursprünglich wollte ich in der Headline auf das 25-jährige Bestehen von Junk Project eingehen, aber nach dem Gespräch mit Andreas Kraemer und DJ SLT blieb mir keine andere Wahl, als dieses Oliver-Kahn-Zitat zu benutzen. Wer sich so lange in der Szene der elektronischen Musik bewegt, die Hochzeit und diverse Depressionen miterlebt hat, darf sich so äußern, wie die beiden es im Interview getan haben. Und vielleicht nehmen sich ja einige Künstler dort draußen die Anregungen der zwei zu Herzen.


In diesem Jahr feiert Junk Project sein 25-jähriges Jubiläum. Eine unglaublich lange Zeit. Wie ist das Projekt damals entstanden?

Andreas Kraemer: Ich hatte meine ersten Releases auf PCP. Irgendwann traf ich auf einem Stadtfest Faris Al-Hassoni, der gemeinsam mit Volker Diehl das Label Universal Prime Breaks führte. Wir verstanden uns auf Anhieb gut und ich beschloss, dort auch etwas zu releasen. In den 90ern war alles noch sehr frisch und innovativ – Techno war der Sound der Jugend, kann man sagen. Es gab auch nicht 100 verschiedene Genres so wie heute. Es konnte also vorkommen, dass man z. B. ins Frankfurter Omen ging, das damals mit dem Dorian Grey zu den angesagtesten Clubs gehörte, und man hörte Trance, Techno und Hardcore innerhalb eines DJ-Sets. Alles fiel quasi unter einen großen Begriff – und der war Techno. Später hat sich das dann in verschiedene Genres aufgeteilt. Das erste Release, das ich auf Universal Prime Breaks hatte, war eine Acid-Nummer, die jedoch vom Sound her etwas schneller war, mit einer mächtigen Bassdrum darunter. Die Namensfindung gestaltete sich damals eigentlich nicht spektakulär. Damals haben viele meiner Freunde immer gesagt: „Kraemer, du bist ein Techno-Junkie.“ Das war ich auch, 24 Stunden, rund um die Uhr. Deshalb dachte ich mir: „Okay, ich nenne es einfach Junk Project.“ Später kamen dann Faris und Volker als Produzenten mit dazu. 2019, als ich beschloss, das Projekt wieder aufleben zu lassen, habe ich mir DJ SLT mit ins Boot geholt. Das wäre die Kurzfassung zur Entstehung.

In den 1990er-Jahren gab es sehr viele erfolgreiche Releases und auch diverse Hit-Kollaborationen. Wieso ist es dann ruhiger geworden?

Andreas Kraemer: Ich habe unter Junk Project damals ca. zehn Single-Releases gemacht. Ich war vom Sound her immer vielfältig und wollte mich nie auf eine Richtung festlegen oder mich in eine Schublade stecken lassen. Deshalb habe ich verschiedene Richtungen gemacht: Techno unter Andreas Kraemer, Trance unter Aquaplex, Solid Sleep, Junk Project und später Hard Trance unter Russenmafia, Schwarze Puppen etc. Ich habe nun nach ca. 27 Jahren Musikbusiness ca. 600 Release-Titel und 40 Pseudonyme. Irgendwann habe ich einfach aufgehört, zu zählen. Es kam stellenweise sogar vor, dass ich im Club stand, Tracks von mir gespielt wurden und ich erst nach einigen Minuten gemerkt habe, dass es ein Track von mir war. Es ist um das eine oder andere Projekt dann ruhiger geworden, weil ich Bock hatte, mehr in einem anderen Techno-Genre zu machen, und das lief dann unter einem anderen Projekt. Es sollte sich ja nichts vermischen. Wenn ich z. B. als Andreas Kraemer gebucht werde, ist der Sound ein ganz anderer als der, den wir unter Junk Project produzieren oder spielen. Das muss auch so sein, da ein Künstler oder Produzent, der in eine Schublade gesteckt wird mit seinem Sound, in seiner Kreativität eingeschränkt ist und immer das machen muss, was seine Fans und die Labels von ihm erwarten. Deshalb habe ich mehrere Projekte erschaffen, um mich kreativ im Bereich der elektronischen Musik auszutoben, ohne Einschränkungen und Erwartungen.

Es gibt in der elektronischen Musikszene eine Sehnsucht nach der „guten alten Rave-Zeit“. Eine Zeit, in der man noch nicht die ganze Zeit mit dem Handy herumhantierte, sondern noch exzessiv feierte. Wie schafft es das Junk Project, diesen Spirit wieder aufleben zu lassen?

Andreas Kraemer: Ja, es kann sein, dass es daran liegt, dass SLT und ich die 1990er-Jahre miterlebt haben und somit natürlich der Oldschool-Sound in unseren Adern fließt. Allgemein sollte sich die neue Szene mehr mit der Musik beschäftigen. Früher, wenn man in einem Club feiern war, ist man am nächsten Tag in einen Plattenladen gegangen und hat dann versucht, die Platten zu bekommen, die man am Abend zuvor gehört hatte. Auch wenn man Gigs gespielt hat, war die Stimmung anders. Die Leute waren viel mehr im Vibe der Musik und nicht am Handy, bei Facebook oder in anderen Social-Media-Netzwerken. Man sollte sich im Allgemeinen wieder mehr auf die Musik einlassen und mehr für die Musik interessieren. Wer hat eigentlich den Track gemacht, der da gerade läuft? Welcher DJ legt überhaupt gerade auf? Das Berghain z. B. macht mit seinem Handyverbot einen Schritt in die richtige Richtung, wenn auch nicht nur wegen der genannten Punkte. Aber generell ist die Idee „Handy aus auf dem Dancefloor“ echt gut.

DJ SLT: Die gute alte Rave-Zeit … Das wird jetzt bei einigen echt Fragen aufwerfen, wovon wir da überhaupt reden. Aber für die Jüngeren unter euch: Das waren Partys von Freitagabend bis Sonntag, vielleicht in verschiedenen Clubs und Locations, aber es war einfach was los – und das ist, wenn ich den Gedanken von Andreas aufgreife, heute schier unmöglich, denn so lange hält kein Handy-Akku, und ohne Handy ja keine Party … Echt, Leute – fällt euch das denn nicht auf? Egal, wo man heute hingeht: Du stehst auf der Bühne und siehst am Anfang nur ein Meer von Handyrücken und Arme, die dir diese Nervteile entgegenstrecken. Ich hatte bei unserem letzten Gig in Amsterdam, 30 Jahre DJAX UP Records, dasselbe Problem und habe mit einer sehr eindeutigen Geste ins Publikum aber auch ganz klar weitergegeben, wie ich darüber denke. Und siehe da, nicht alle, aber ein Großteil hat die Handys weggesteckt und als Belohnung gab es Abfahrt – so wie früher. Techno, wie wir ihn kennen, war ja mehr als Musik, es war ein Lebensgefühl: Wir sind jung, frei, es geht uns gut, wir haben keine Angst vor morgen und genießen das Leben. Schau dir doch mal die Leute an, die heute in dem Alter sind, in dem wir früher weggingen. Neid, Missgunst, jeder will die meisten Follower haben, die meisten Likes, hier Terrorangst, dort Mobbing, um die Ecke lauert die Depression, alles total negativ – wie soll man denn da auch nur einen Gedanken fassen wie „Scheißegal, heute ist feiern angesagt“? Und egal, wie schlecht es dann den Leuten geht: Es muss noch zusätzlich mit irgendwelchen Mitleidsposts und blöden Sprüchen auf Instagram und Facebook breitgetreten werden. Einfach mal ein Foto und keine Bravo-Foto-Story von der Party posten, nur ein Bild mit einem ehrlichen Lachen, nassgeschwitzt und abgeravt – das würde sicher viel ändern. Früher ging man weg, um mit seinen Freunden Spaß zu haben, oder auch allein, aber es ging um Spaß, darum, frei zu sein und alles zu vergessen. Musik an, Kopf aus. Heute geht man weg, um höher, schneller, weiter zu sein.

In den 25 Jahren, in denen das Junk Project existiert, hat sich die Techno-Community komplett geändert. Aus einer regionalen Club-Szene ist eine weltweite Festival-Szene geworden. Wie erklärt ihr euch diese Entwicklung und wie geht ihr damit um?

Andreas Kraemer: Es geht heute um mehr als nur um die Musik, nicht so wie früher. Die Leute wollen am Leben ihrer DJ-Idole teilnehmen; schauen, wo sie rumreisen, wie ihr Tagesablauf ist usw. Es geht mehr um Entertainment, und das erstreckt sich über die Social-Media-Netzwerke – es geht nicht mehr wirklich um die Musik der Artists oder DJs selbst. Natürlich trägt die Musik einen Teil dazu bei, dass die Leute heute auf jemanden aufmerksam und auch Fan werden, aber der Anteil ist weitaus geringer als das Image und der ganze Rummel um die DJs oder Artists selbst. Dadurch ist natürlich auch alles kommerzieller geworden und man erreicht mehr Menschen. Das haben auch Event-Konzerne gemerkt und quasi die Nachfrage nach dem Mehr gestillt, indem sie Mega-Line-ups über mehrere Tage machen, bei denen für jeden was dabei ist. Dazu kommt leider auch, dass die Big-Player-DJs Gagen haben, die sich kleinere und mittlere Clubs nicht mehr leisten können, weshalb sie auch überwiegend auf Festivals zu sehen sind, was wiederum für ein noch größeres Publikum dort sorgt. Dann gab es früher auch ein größeres Miteinander; heute ist es so, dass viele Clubs und Agenturen gegeneinander arbeiten. Das Resultat ist dann das Clubsterben, und dazu trägt die Regierung noch einen zusätzlichen Teil bei, indem sie Clubs bspw. durch gewisse Auflagen etc. zum Schließen bewegt. Es hat alles nicht mehr diese Leichtigkeit und Frische von früher. Es kommen sicher auch noch andere Gründe hinzu, aber die genannten Punkte fallen schon schwer ins Gewicht.

DJ SLT: Ich hatte zu diesem Thema vor nicht allzu langer Zeit ja schon mal etwas gesagt, und dazu stehe ich. Um es noch mal kurz zu machen: Es ist die Gier, die alles kaputt macht. Gier nach Geld. Die DJs wollen mehr Gage, wenn sie die bekommen können, mehr Fame, Follower, Likes; die Veranstalter zahlen mehr, weil bekanntere und „öfter geklickte“ DJs natürlich höhere Eintrittsgelder ermöglichen. Und am Ende bleibt das, was uns – und damit meine ich tatsächlich mal nur DJs, Produzenten und Live-Acts, die über 40 sind – ausgemacht hat, auf der Strecke. Die Liebe zur Musik, zum Detail, die Kreativität. Mich hat neulich jemand zu einer Silvester-Party eingeladen, nicht zum Auflegen, sondern zum Feiern. Geniales Line-up, wenn man auf schlechte Musik steht, fast wie ein kleines Festival. Nur eben: alles Retorten-DJs! Einer so schlecht wie der andere. Controller, Sync, vorgefertigte Sets, null Kreativität, aber alle fette Gage und alle fette Social-Media-Accounts. Jeder hat einen eigenen Social-Media-Typen bei jedem seiner Auftritte dabei, der alles live streamt. Das ist scheiße! Wenn diesem Trend nicht wirklich bald entgegengetreten wird, stehen alle in fünf Jahren mit Virtual-Reality-Brillen im Wohnzimmer und feiern beim Sound aus dem Kopfhörer mit, verteilt über die ganze Welt, aber irgendwo in einer leeren Fabrikhalle steht dann so ein Social-Media-Muppet und spielt, ohne dass irgendjemand sonst physisch anwesend ist. Das kann es doch nicht wirklich sein, oder?

Wenn sich ein Veranstalter für einen Junk-Project-Gig interessiert, was sagt ihr ihm, was er erwarten kann?

Andreas Kraemer: Wir stellen uns immer auf das Publikum ein. Es gibt keine vorgefertigten Playlists. Wenn wir auf der Veranstaltung sind, schauen wir, was die Leute vom Sound her catcht, und dann entscheiden wir, wie wir unser Set aufbauen. Ich denke mal, nach den unzähligen Gigs weltweit, die SLT und ich in den letzten 27 Jahren gespielt haben, ist vor allem eins zu erwarten: Wir wissen genau, was zu tun ist, um die Leute zum Feiern zu bringen und ihnen einen Abend zu ermöglichen, der in Erinnerung bleibt.

DJ SLT: Ein nasses Höschen, weil dir der Schweiß vom Rücken runterlaufen wird, als gäbe es kein Morgen. Du musst als DJ da oben auf der Bühne einfach nur Eier haben. Eier, die groß genug sind, dass es dir egal ist, ob du vor fünf oder 50 000 Leuten spielst, und du spielst, was du fühlst. Du siehst, wie die Menge auf feine Nuancen reagiert, was sie treibt. Ich finde es toll, dass man heute in irgendwelchen Workshops lernt, wie man auflegt – fuck that! Auflegen hast du als der Depp gelernt, der als Unbekannter im Club vor dem Personal und den 20 Gästen, die in den ersten zwei Stunden kommen, die Musik macht. Und wenn du scheiße gespielt hast, wurde auch noch ans Pult getreten. Die harte Schule, durch die wir gegangen sind, merkt man. Und das hat nichts damit zu tun, dass man abgebrüht ist, sondern damit, dass man weiß, was man tut. Ich verwette Haus und Hof, Plattensammlung, Equipment und Auto, dass man Andi oder mich heute auf irgendein Festival auf die Mainstage stellen könnte, auf der der größte Superstar-Social-Media-DJ die Leute gerade zum Kochen bringt. Am besten hat man uns gerade aus dem Bett geholt, gibt uns fünf total miese Tracks und lässt uns mitten in das Set von dem anderen DJ spielen – und wir setzen noch eins drauf und lassen alles davor wie einen Kinderfasching aussehen. Wer von den Newbies weiß denn heute noch, was ein wenig mehr eingedrehte Höhen und ein wenig mehr Bass, dafür die Mitten beim EQ weg, bei den Menschen genau in diesem Moment auslösen, obwohl das vom Sound her niemand unterscheiden kann? Es fehlt einfach das Gefühl für die Musik!

Ihr seid wieder auf Tour und werdet auch verstärkt neue Releases auf den Markt werfen. Worauf können wir uns freuen?

Andreas Kraemer: Im Moment ist unser gemeinsames Release mit Talla2XLC draußen, der auch noch sein Buch veröffentlicht hat und eine historische Größe im Trance-Bereich ist. Bald kommt ein Remake der Aquaplex meets Junk Project „Brightness“, was damals ein großer Hit im Trance-Bereich war. Direkt nach dem Amsterdam-Gig bei DJAX UP kam unser Release zusammen mit Miss DJAX raus, das den Namen „Acid Queen“ trägt. Im März/April steht dann ein weiteres Release zusammen mit Talla2XLC an. Wir hatten am 26.12. unseren letzten Gig 2019 und jetzt im neuen Jahr geht’s wieder auf Tour mit weiteren Terminen. Es ist also jede Menge Junkfood unterwegs, auf das man sich freuen kann.

Ihr habt gerade in Amsterdam gespielt und die Location komplett zerlegt. Warum wissen so viele Acts nicht mehr, wie man die Gäste richtig mitnimmt?

Andreas Kraemer: Viele ziehen einfach ihr Ding durch, ohne darauf zu achten, wie die Leute auf dem Dancefloor reagieren. Es gibt auch welche, die keinen eigenen Stil haben und irgendwelche Playlisten von bekannteren Acts runterrattern oder Sachen, die gerade hip sind. Um sich als Künstler durchzusetzen und vor allem auch bei den Leuten in Erinnerung zu bleiben, muss man seine eigene Handschrift haben und auch mal experimentieren und einen Track spielen, den vielleicht niemand kennt, aber der seinen Job erfüllt. Sven Väth hat das z. B. auch immer gemacht in der HR3 Clubnight. Da kam es immer mal vor, dass der eine oder andere abgedrehte Track dabei war, der sich dann durchgesetzt hat, und jeder wollte ihn haben. Das macht einen Künstler aus. Er kann die Leute mit Neuem begeistern und hat ein Händchen dafür, was ankommt und was nicht.

Eure Klassiker werden vermehrt auch von „neuen“ DJs gespielt, ich erinnere da nur an Nina Kraviz. Ist das ein Zeichen großer Wertschätzung oder nur der Beweis, dass es zu wenig gute neue Musik gibt?

Andreas Kraemer: Wir finden es schon geil, wenn unsere Tracks durch DJs wie Nina, Amelie oder Miss DJAX sogar heute noch die Massen begeistern. Es gibt natürlich auch heute noch gute Musik. Was die Classic-Tracks von den neuen unterscheidet, ist die Seele. Viele Tracks heutzutage haben keine Seele, sondern sind nach Schema F produziert. Es ist ja auch easy: Man meldet sich in einem Workshop an und schwupp, ein paar Monate später ist man Produzent und macht Techno. Womit wir beim Schema F wären. Man kann lernen, zu produzieren, aber einen Titel zu machen, der eine Seele hat, der auch in fünf Jahren noch zeitlos klingt, dazu muss man Bauchgefühl und Liebe in die Musik stecken, und das machen viele heute leider nicht mehr. Aber es gibt auch jede Menge gute neue Musik. Das Problem ist, dass vieles davon untergeht durch die Massen an Releases, die wöchentlich auf den Markt geschossen werden. Ein Digital-Label hat keinerlei Risiko mehr, worunter dann die Qualität vieler Veröffentlichungen leidet. Früher hat man als Label einen Titel wochenlang gehört und im Club getestet, bevor man sich entschieden hat, ihn auf Vinyl zu releasen. Man hat quasi dreimal überlegt und Absagen erteilt oder hat den Artist gebeten, den Track abzuändern, bis er den Qualitätsanspruch des Labels erfüllt hat. Heute wird fast nur noch online releast und man hat dementsprechend auch keine 5 000 bis 10 000 Vinyls gepresst, die man dann mit Minus einstampfen kann, weil sie keiner gekauft hat. Ein Online-Release kostet das Label nur einen Knopfdruck und Manpower, um es zu promoten. Das System, das Labels und Artists heute fahren, bedarf quasi einer Generalüberholung. Leider leben wir heute in einer Wegwerfgesellschaft, in der sich alles daran angepasst hat, leider auch die Musikindustrie größtenteils. Wenn es das eine Release nicht schafft, schießt man das nächste hinterher. Darunter leiden dann die Musik und auch die Künstler, deren Titel so vielleicht untergehen und nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen gebührt.

DJ SLT: Nun, natürlich ist das schön und auch lustig, denn die meisten Leute in der Crowd, die da abfeiern, suchen dann via Shazam noch den Track und sind wahrscheinlich überrascht. Was die Wertschätzung angeht: Ich habe vor Jahren mal irgendwo im Ruhrgebiet gespielt, habe Ralf Hütter an der Bar erkannt und konnte dann nicht anders und habe einen geilen Remix von „Das Model“ gespielt – die Platte hatte ich früher immer im Koffer dabei. Nach dem Set kam er dann zu mir und sagte: „Junge, es ehrt mich natürlich, dass du das Ding gespielt hast, aber ich kann es auch irgendwo nicht mehr hören. Wertschätzung und Anerkennung ist toll, wir freuen uns, wenn unsere Sachen gespielt werden. Schöner wäre es natürlich, wenn mal einer von den Neuen sich melden würde und den Mut hätte, etwas mit uns zu machen.“ Was Andreas zu den Labels sagte, stimmt leider. Ich habe ja vor nicht allzu langer Zeit mein eigenes Label Acerbus Records gegründet und leide darunter, dass mir auf der einen Seite das Postfach mit Demos zugemüllt wird, aber auf der anderen Seite auch wirklich alles unbrauchbar ist, weil du überall dieselben Loops, Effekte etc. zu hören bekommst. Es kann doch nicht normal sein, dass mir ein Künstler aus Kolumbien zwei Tracks mailt, die sich – bis auf die Melodie – vom Sound genauso anhören wie das, was mir ein paar Tage zuvor jemand aus der Ukraine gesendet hatte. Dieses fehlende Kostenrisiko, dass man mit einem Release eine Entscheidung trifft, die für das Label aus finanzieller Sicht riskant ist durch die Kosten für die Vinyl-Pressung, das überschwemmt den Markt mit Masse. Und Quantität kann nicht gut sein.

 

Aus dem FAZEmag 095/01.2020
Text: Sven Schäfer
Foto (c): Junk Project
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