
Die Techno-Welt ohne Klaudia Gawlas? Kaum vorstellbar. Als langjährige Wegbegleiterin unseres Magazins und regelmäßige Mix-Lieferantin für FAZE hat die gebürtige Polin schon lange den Olymp im elektronischen Kosmos erklommen und auch 2024 wieder ein Jahr voller Highlights hinter sich. Von ihrer langersehnten USA-Tour über emotionale Debüts in Südamerika bis hin zu einem mitreißenden Set beim Century Circus auf der Nature One – Klaudia hat sich erneut als internationale Ausnahme-DJ etabliert.
Im Interview spricht sie mit uns über die Herausforderungen des Jahres, die Magie eines ausverkauften Warehouse-Gigs in Los Angeles und ihre Pläne für 2025. Dabei gewährt sie nicht nur Einblicke in ihre kreativen Projekte, wie die „Rookie Selection“ auf ihrem Label Illusion Recordings, sondern erzählt auch von besonderen Begegnungen mit Fans und Kolleg*innen: ein Gespräch über Leidenschaft, Reisen und die unerschütterliche Liebe zur Musik.
Klaudia, wie war 2024 generell für dich?
2024 war ein ziemlich herausforderndes Jahr, aber auch gepaart mit sehr vielen schönen Momenten, tollen Gigs, einigen Debüts und vielen Reunions. Ich bin sehr zufrieden und dankbar, dass ich endlich eine USA-Tour spielen konnte, nachdem ich 2019 schon in New York debütiert hatte. Gerade komme ich aus Santiago de Chile – megaschön, endlich dort aufzuschlagen; und mit dem anschließenden Gig im argentinischen Mendoza wurden all meine Erwartungen übertroffen. Mit meinem Label Illusion Recordings haben wir für das Jahr 2025 auch schon einiges auf Spur gebracht und ich kann retrospektiv schon mal sagen, es war zwar turbulent aber trotzdem super.
Du hast gerade schon die US-Tour angesprochen. Es gab Stopps in Los Angeles, San Francisco und Boston. Welche waren die Highlights für dich, und wie war es, nach all den Jahren wieder in einem Warehouse in den USA aufzulegen?
Für mich ging ein großer Traum in Erfüllung. Ich war schon vor Jahren, noch als Schülerin, in den USA bzw. speziell auch in L.A. und habe damals schon diesen Wunsch geäußert, mal als DJ zurückzukommen. Ich habe in den USA das Auflegen gelernt und meine Freunde von damals kamen nun extra für mich nach Kalifornien eingeflogen, um mich zum ersten Mal live zu sehen. Das war wahnsinnig emotional und berührend, zumal mein damaliger DJ-Lehrer und bester Freund auch da war. Ein funny Highlight war noch, dass Reinier Zonneveld spontan vorbeikam, da er am selben Tag auch eine Show in San Francisco hatte. Die Show in L.A. hat dann einfach alles übertroffen. Ein Warehouse, sold out, war schon eine sehr spezielle Erfahrung. Boston hat die Tour dann noch final abgerundet und ich durfte einen Fan wahnsinnig glücklich machen, da sie damals 2019 um die zehn Stunden für mich gefahren ist, um mich live sehen zu können – und nun war ich endlich in ihrer Heimatstadt – das sind Momente, die mich sprachlos machen.
Du hast ganz früh in den USA das DJ-Handwerk von Hip-Hop-DJs gelernt. Wie hat dich diese Erfahrung geprägt und wie fühlte sich die Rückkehr an diesen besonderen Ort an, diesmal als international gefeierter Techno-DJ?
Schon sehr besonders und vor allem verbunden mit viel Dankbarkeit. Ich weiß, wo ich herkomme und sehe, wo ich jetzt bin. Das ist manchmal gar nicht leicht zu verarbeiten. Damals lief in den USA überhaupt kein Techno. Meine Freunde hatten einen Plattenladen in der Stadt und da fing für mich alles an. Mit gerade mal ca. 30 Platten im Genre Techno, die sie im Laden hatten. Darunter waren z.B. Tresor Records, Rush, Carl Cox und Monika Kruse, aber Techno-Partys musste man schon richtig suchen. Ich kann mich erinnern, dass es mal eine Show von Richie Hawtin in Minneapolis gab – da sind wir natürlich hin. Und einmal sind wir nach Chicago in die berühmte Crobar gegangen – das war‘s dann auch schon. Mehr gab es dann eher in Kalifornien. Mittlerweile zieht sich das durch das ganze Land und die Festivals werden immer größer. Deswegen ist es auch toll zu sehen, wie groß Techno jetzt wird. Auf diesen Moment habe ich sehr lange gewartet.
Wie unterscheidet sich deiner Meinung nach das Publikum in Südamerika, wo du gerade warst, von jenem in Europa oder in den USA?
Ich finde die Südamerikaner generell leidenschaftlicher beim Feiern. Wenn sie jemanden lieben, dann unendlich – und das zeigen sie auch. Ich wurde sehr warmherzig empfangen. Danach ging es noch nach Mendoza, Argentinien. Das war ein richtig großer Outdoor-Rave bis in den Sonnenaufgang – einfach unvergesslich schön. Als Warm-up wurden wir am Nachmittag spontan von Ramiro Lopez zu seinem Koch-Stream eingeladen. Erst ging es eine halbe Stunde in die Berge, und auf einmal standen wir in einem Idyll aus Palmen und kleinen Teichen: oben auf dem Hügel eine Hütte, und der Grill war schon an. Hundert geladene Gäste plus Crew und wir haben dort gespielt und gegrillt. Das war definitiv ein „once in a lifetime“-Ding und hat irre viel Spaß gemacht mit Kolleg*innen wie Ramiro und Victoria Engel. Zum Glück hatte ich meinen Stick eingesteckt (lacht).
Im Sommer hast du auf Filth on Acid, dem Label von Reinier Zonneveld, releast. Was macht diese Plattform für dich besonders, und gibt es Pläne für weitere Releases dort?
Filth on Acid ist ein sehr großes und erfolgreiches Label. Es ist für mich eine Ehre, dort meine Musik zu veröffentlichen. Die Aufmerksamkeit ist groß und der Support von Reinier und seinem Team ist großartig. Ich hoffe, dass wir dort in Zukunft noch einiges hinbekommen, vielleicht auch zusammen.
Die EP „Genetics” ist am 25. Juli 2024 via Filth on Acid erschienen:

Für 2025 planst du einen Remix des legendären Tracks „Papillon“ und eine neue Version von „Canvas“.
Ich hatte schon länger vor, eine härtere Version von „Papillon“ zu machen, da viele den Track noch hören wollen. Wie es der Zufall manchmal so will, hat sich Zeltak dafür angeboten. Und da ich seine Produktionen wirklich sehr mag, haben wir den Versuch gestartet, und die Version hat mich einfach umgehauen. Zeltak hat einen treibenden Style, den ich gerne spiele und der sich jetzt auch in dieser Version von „Papillon“ findet. Seid gespannt. Mit Canvas haben wir eine „Dolby Atmos Version“ in den Hamburger Studios Tonlabor aufgenommen. Das ist das erste Mal, dass ich so etwas machen durfte. Der Sound, den wir hören, ist ja meist Stereo. Bei diesem Projekt ging es darum, die Elemente im ganzen Raum wandern zu lassen. Die normalen Boxen können das nicht wiedergeben, aber die meisten Kopfhörer schon. Es geht darum, den Leuten zu zeigen, wie es in Dolby Atmos ist. Ein beeindruckend anderes Sounderlebnis in 360 Grad!
Bereits 2013 coverte Klaudia „Papillon“, im Original von der britischen Indie-Rock-Band Editors aus dem Jahr 2009:
Du hast dieses Jahr bei 25 Jahre MAYDAY Polen gespielt. Was bedeutet dieses Event für dich persönlich angesichts deiner polnischen Wurzeln?
Die MAYDAY bedeutet mir wirklich sehr viel. Ich hatte schon viele großartige Momente dort – egal, ob bei der Edition in Deutschland oder in Polen. Natürlich ist es für mich emotional noch eine ganz andere Hausnummer, nach Polen zurückzukommen, da ich auch aus der Gegend von Katowice komme. Zu sehen, wie sich Polen die letzten Jahre zum Positiven verändert hat, auch wirtschaftlich, ist für mich sehr schön. Und auch in Sachen Techno ist seit der Pandemie großes Wachstum da. Auf der MAYDAY darf ich schon seit vielen Jahren dabei sein. Dass die 25. Edition ausverkauft war, macht mich persönlich sehr glücklich. Ich finde, 2024 ist etwas wirklich Großes passiert, und diese Mayday geht in die Geschichte ein. Ich werde heute noch genauso herzlich dort empfangen wie bei meinem ersten Gig vor Jahren, und dafür bin ich den Polinnen und Polen sehr dankbar. Mein Herz schlägt nun einmal deutsch und polnisch.
Ebenfalls herzlich empfangen wirst du beim Tomorrowland Festival, wo du in diesem Jahr zum dritten Mal gespielt hast. Was macht dieses Festival für dich so besonders?
Nun ja, Tomorrowland zieht die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich. Und wenn man auf den Mainfloor schaut und diese Bühnenkonstruktion sieht, spürt man sofort, dass man in seinem ganzen Leben so etwas noch nicht gesehen oder erlebt hat. Es ist ein wahnsinnig schönes Gefühl, dabei zu sein. Man fühlt sich als Artist trotz der immensen Größe sehr wohl und die Veranstalter*innen kümmern sich auch um jeden einzelnen Künstler. Bei so einem Line-up mit weltweit renommierten Artists bin ich eine, die sagt: Chapeau! Und das auch noch in so einem vermeintlich kleinen Land wie Belgien.
Deine Sets beim Century Circus und auf dem Sunshine-Live-und-FAZE-Floor waren absolute Highlights bei der Nature One 2024. Welche Momente sind dir besonders in Erinnerung geblieben?
Der Century Circus ist für mich einfach magic. Da gibt es nicht viel auf der Welt, das da herankommt. Ich habe immer Ganzkörpergänsehaut, wenn ich diese große Bühne betrete. Der Gig ist bestimmt mein Highlight 2024. Doch der zweite Tag auf dem FAZEmag-und-Sunshine-Live-Floor war schon sehr einzigartig und emotional. Ein Abriss, der wohl auch unvergesslich bleibt.
Dein eigener Floor bei Ruhr in Love 2025 wurde bereits bestätigt. Was erwartet uns dort, und wie kuratierst du die Line-ups?
Der Floor bei der Ruhr in Love heißt „Klaudia Gawlas & Friends“. Somit gestalte ich das Line-up größtenteils mit Acts, die ich in erster Linie gut finde und mit denen ich auch befreundet bin. Der erste Spot ist eher ein Newcomer-Spot. Der Rest ist so meine kleine Wunschliste, die wir versuchen nach und nach abzuarbeiten und zu schauen, welche Künstler*innen verfügbar sind. Man kann sagen, dass ich von allen, die da sind, ein großer Fan bin. Zu erwarten ist also purer Techno. Mal schneller, mal langsamer.

Du planst für Februar eine „Rookie Selection“ auf deinem Label Illusion. Was war die Inspiration dazu, und wie wählst du die Newcomer*innen aus?
Ich bekomme immer sehr viele Demos, die ich gar nicht alle durchhören kann. Dabei gibt es immer so Ausnahmetalente, bei denen ich mir denke, „Schade um den wahnsinnig guten Track“. Um dem Ganzen entgegenzuwirken und dieser Musik eine Plattform zu bieten, habe ich die „Rookie Selection“ ins Leben gerufen und werde damit hin und wieder neue bzw. noch nicht so bekannte Künstler bzw. Durchstarter präsentieren. Das macht unendlich viel Spaß, sich durch all die Tracks durchzuhören. Beim ersten Mal habe ich über 150 Demos bekommen. Schauen wir mal, ob wir das beim zweiten Mal toppen können.
Für 2025 ist eine Kollaboration mit einem großen Modelabel geplant. Wie kam es zu dieser Verbindung zwischen Mode und deiner Musik?
Ich habe irgendwann das Modelabel Karo Kauer für mich entdeckt. Und da ich sehr viele Shirts von ihr trage, kam uns die Idee, etwas zusammen zu machen. Wenn ich unterwegs bin, treffe ich viele, die mich auf Karo Kauer ansprechen und die das Label auch lieben. Vor allem mein Gig auf der SeaYou ist ein wenig viral gegangen, da viele Fans von Karo Kauer die Videos geteilt und uns beide verlinkt haben. Demnach war es dann fast logisch, etwas zusammen zu starten. Ich freue mich sehr auf die Kollektion, die im Frühjahr herauskommt. Sie ist richtig schön geworden.
In diesem Monat mixt du erneut den offiziellen Download-Mix von FAZE. Was dürfen die Hörer*innen erwarten?
Wie immer – ordentlich Schub nach vorne. Ich freue mich sehr, wieder die Ehre zu haben und wünschen allen Leser*innen viel Spaß beim Hören und frohe Weihnachten!
Klaudia Gawlas hat für das Heft den Mix des Monats Dezember 2024 beigesteuert. Hier geht es zum exklusiv für unsere Print-Magazin-Leser angefertigten Mix, der nur in diesem Monat kostenlos verfügbar ist.

Aus dem FAZEmag 154/12.2024
Text: Lisa Bonn
Credit: Traffic Artist Agency
Web: www.instagram.com/klaudia_gawlas