2017 erschien mit „1989“ das bisher letzte Album von Rune Reilly Kölsch – gleichzeitig auch Abschluss der Jahreszahl-Trilogie, die 2013 mit „1977“ startete und über „1983“ (2015) zum oben erwähnten Album führte. Der Däne begann schon im Jahr darauf mit den Planungen und ersten Produktionen für einen Nachfolger, der sich thematisch auch von den Vorgängern unterscheiden sollte. Nicht mehr der Blick zurück stand im Vordergrund, sondern das Hier und Jetzt. Das Hier und Jetzt, das nun schließlich mit „Now Here No Where“ ein Resultat gefunden hat – und das auch noch in einem sehr speziellen Jahr. Willkommen in der Gegenwart.

 

 

Du hast an den Arbeiten zu „Now Here No Where“ schon 2018 begonnen und jene in diesem Jahr fertiggestellt. Hast du denn – der aktuellen Situation geschuldet – noch viel umgebaut oder verändert?

Zu 70 Prozent hatte ich das Album schon 2018 und 2019 produziert. Die letzten Jahre habe ich die Demo-Tracks getestet und versucht, sie zu verfeinern. Ein eher langwieriger Prozess, aber im Endeffekt lohnt sich das immer. Die letzten 30 Prozent habe ich dann in diesem Jahr entwickelt und produziert, sodass sich die Richtung doch noch ein wenig geändert hat. So habe ich beispielsweise das letzte Stück “Pause” nach dem Beginn der Pandemie noch umgeschrieben.

Während deine Album-Trilogie vor allem einen Blick auf Erinnerungen und Gefühle in der Vergangenheit warf, ist „Now Here No Where“ ein Album über die Gegenwart, über das Jahr 2020. Und dieses Jahr wird natürlich vor allem von einem Thema beherrscht – der Corona-Pandemie. Welche Themen genau spiegeln sich für dich persönlich in diesem Album wider?

Die Idee für „Now Here No Where“ hatte ich schon vor ein paar Jahren. Die Trilogie war fertig, und ich habe mir gründlich überlegt, ob es nicht endlich Zeit wäre, mich mit aktuellen Themen zu beschäftigen. Der Ursprung kam von Beobachtungen, die ich während meiner Touren gemacht habe. Für mich ist das große Thema, wie wir im Jahr 2020 komplett von Social Media dominiert werden – alles muss dokumentiert werden. Erlebnisse, Restaurantbesuche oder Urlaub sind nicht in sich selbst eine Belohnung, sondern eher Rohstoff für den ewigen Strom von Informationen.

Ein Strom, der so voller Banalitäten ist, dass Fake-News plötzlich geglaubt werden. Alles sieht perfekt aus, und wir als Menschen werden andauernd emotional unter Druck gesetzt: Wir sind nie fit, reich oder talentiert genug. Ich finde es extrem, dass wir in einer Zeit Leben, in der wir andauernd mit unserem schlechten Gewissen konfrontiert werden.

Kannst du nochmals kurz erläutern, was genau der Titel „Now Here No Where“ für dich bedeutet?

Er stellt den ewigen Limbo des Lebens dar. Ich existiere jetzt, aber “jetzt” ist nie gut genug.

Was hat sich denn beim Produzieren des Albums im Gegensatz zu früher verändert? Beeinflusst dich das, dass du viel weniger unmittelbaren Input von Gigs bekommst, den du verarbeiten kannst?

Rein technisch habe ich versucht, mit diesem Album viel mehr zu experimentieren. Ich habe die letzten Jahre sehr viel mit neoklassischer Musik gearbeitet, und mit diesem Album wollte ich woanders hin. Von Jazz über Siebzigerjahre-Ambient bis hin zu Achtzigerjahre-Westcoast-Rock wollte ich alles dabeihaben. Einfach etwas Neues probieren und dann die Resultate daraus destillieren.

Ursprünglich waren es um die 25 Tracks, die musste ich dann um die Hälfte reduzieren. In dem Prozess habe ich absolut den Kontakt zu meinem Publikum vermisst. Das Schönste an Musik ist, dass die erste Reaktion immer sehr echt ist – und da ist der Input von Gigs wirklich wichtig. Nicht um die Musik grundsätzlich zu ändern, aber mit dem Input kann man viele Details verfeinern.

Wie persönlich gehst du mit der Corona-Situation um? Wie war das am Anfang für dich und wie ist es jetzt? Und vor allem auch in Bezug auf den Tod deiner Tante (mein Beileid), die Ende April an Covid-19 gestorben ist.

Es ist für uns alle eine extreme Situation. Wir hatten in Dänemark keinen kompletten Lockdown wie beispielsweise in Italien oder Spanien, aber alles war geschlossen. Die Regierung hat erst letztens wieder Restriktionen eingeführt. Alles muss jetzt um 22:00 Uhr geschlossen sein. Ich finde es richtig hardcore, mich daran zu gewöhnen. Die erste Zeit war ich emotional ziemlich fertig. Ich hatte das Gefühl, dass ich mein ganzes Leben verschwendet hätte, meine Talente waren irrelevant und unwichtig. Jetzt geht es mir langsam besser, es hat mir sehr geholfen, weiter Musik zu produzieren.

Ja, meine Tante aus Tübingen ist leider an Covid-19 gestorben, was natürlich sehr tragisch ist. Gott sei Dank hat meine Oma in Frankreich, die 94 Jahre alt ist, das Virus überlebt. Es ist wirklich eine sehr bizarre Zeit

Du hast in den ersten Monaten der Pandemie regelmäßig aus deinem Studio DJ-Sets gestreamt. Wie wichtig war das für dich, um mit deinen Fans in Kontakt zu bleiben, gerade in dieser ersten schwierigen Phase?

Es ist und war mir sehr wichtig, einen Kontakt beizubehalten. Meine Fans sind im Laufe der Jahre fast eine Familie für mich geworden. Ich bin normalerweise so viel unterwegs, dass ich mehr Zeit mit meinen Fans verbringe als mit meinen engsten Freunden. Ich habe die Streams eigentlich nur aus Spaß gemacht. Ich habe meine ganze Plattensammlung komplett wiederentdeckt und dachte mir, dass ich die guten Tracks teilen möchte.

Mittlerweile ist es ja fast unmöglich geworden zu streamen, Facebook und YouTube sind mit den Copyrights dermaßen aggressiv geworden, dass das leider nicht mehr funktioniert.

Spätestens seit deinem Cercle-Set auf dem Eiffelturm 2017 wissen wir, dass Kölsch immer für eine spektakuläre Location gut ist. Ende Mai hast du auf dem Müllheizkraftwerk Copenhill/Amager Bakke in Kopenhagen gespielt. Wie kam es dazu und wie war das für dich?

Nach den Streams aus meinem Studio habe ich mir überlegt, dass ich etwas Größeres machen möchte. Coppenhill ist für mich ein Symbol der Zukunft. Die Kombination aus Müllheizkraftwerk und Skipiste finde ich visionär und futuristisch und ich hatte endlich die Chance, in Kopenhagen etwas Großartiges zu machen.

Mein Management hat die Genehmigung besorgt, und dann haben wir ein richtig gutes Team zusammengestellt. Mit dem gleichen Team haben wir auch neulich im Museum Cisternerne, einem ehemaligen unterirdischen Wasserreservoir, einen Stream gemacht, der auch wirklich gut geworden ist. Es macht Spaß, dass man in der Pandemie wenigstens solche Projekte auf die Beine stellen kann.

Du lebst in Kopenhagen, wie ist dort die Lage, wie gehen die Menschen mit der Situation um?

Es ist schon ziemlich gechillt hier. Die Leute leben ja ohne Clubs, Festivals und Konzerte weiter, aber alle sind sehr frustriert. Überall sind viele private Partys und illegale Raves. Das hat jetzt zu zahlreichen Infektionen geführt. Ich frage mich immer, ob es nicht mehr Sinn machen würde, die Leute unter kontrollierten Bedingungen feiern zu lassen, aber ich bin kein Experte.

2010 kam mit „Speicher 68“ die erste EP unter deinem Alias Kölsch raus. Hättest du damals gedacht, dass diese Reise zehn Jahre später immer noch andauert?

Niemals. Ich hätte in meinen wildesten Träumen nie gedacht, dass ich so viel Erfolg mit Kölsch haben würde. Eigentlich wollte ich einfach mit meiner Musik experimentieren und mich emotional ausdrücken. Es gab (und gibt) gar keinen größeren Plan. Ich mache einfach nur Musik.

2016 hast du dein eigenes Label IPSO gegründet. Vier Releases gab es bisher dort, drei Kollaborationen mit Michael Mayer, Tiga und Sasha sowie einen Remix von Jam & Spoons „Stella“. Wann dürfen wir denn hier das nächste Release erwarten?

Ich habe dieses Jahr keine Releases auf IPSO geplant, weil ich meinem Album den Platz überlassen wollte. Es sind aber ein paar Releases schon ready. Collabs mit Dubfire, Joris Voorn und Man with Guitar werden gerade fertig produziert. Das Tolle an IPSO ist ja, dass es eher ein Kunstprojekt für mich ist. Es gibt keinen Plan und keine Notwendigkeit, regelmäßig zu releasen. Es muss schon wirklich etwas Besonderes sein, wenn es auf IPSO herauskommen soll.

Ein Ende der Pandemie ist noch nicht wirklich in Sicht, wie gehst du mit dieser Ungewissheit um?

Ich versuche, die Realität zu vertreiben. Mit der Ungewissheit kann ich einfach nicht umgehen. Mein ganzes Leben lang habe ich nur Musik machen wollen und plötzlich sind Auftritte unmöglich. Man kann eine Weile optimistisch bleiben und versuchen, alles neu zu denken, aber irgendwann brauche ich den menschlichen Kontakt wieder. Ich vermisse es sehr extrem.

Was genau ist es, was du momentan am meisten vermisst?

Interaktion und menschlicher Kontakt. Die kleinen Gespräche mit Menschen, denen man zufällig begegnet. Laute Musik. Atmen. Lächeln. Mich frei zu bewegen. Frei zu denken.

Die erste richtige Party nach Corona …?

Ich werde nie wieder nach Hause gehen.

 

Aus dem FAZEmag 104/10.2020
Text: Tassilo Dicke
Foto: Kompakt Records
www.facebook.com/kolschofficial

Hier könnt ihr das Album kaufen: https://kompakt.fm/releases/now_here_no_where