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Seit vielen Jahren schon ist Linus Quick als Produzent und Live-Act in der elektronischen Szene unterwegs und bespielt die Menschenmengen auf zahlreichen großen und bekannten deutschen Festivals wie der Nature One oder der Mayday. Nun ist er mit einem neuen Album auf Complexed Records zurück. Im Interview sprach der Offenburger nicht nur über seine neue Musik, sondern auch darüber, wieso er das DJing dem Live-Act vorzieht.


Du stellst „True Friends“ als Konzeptalbum vor. Welche Idee steckt hier im Detail dahinter?

Ich denke, Techno ist international verständlich, deshalb finde ich den Titel und auch die Namen der Tracks sehr passend. Es sind Wörter, die im Englischen und Deutschen gleich sind. Das sind teilweise echt starke Begriffe wie Drama, Code, Gold, Boss. Da dachte ich wie automatisch auch an eine musikalische Übersetzung. Als ich dann anfing, an dem Album zu arbeiten, war mir sehr schnell klar, dass sich diese Idee, dieses Konzept der „True Friends“, durch das ganze Album ziehen wird. Es sind nur wenige Elemente in den einzelnen Tunes, meistens eine Kick-Drum und eine modulierende Synth-Sequenz. Im Normalfall sind meine Tracks eher drumlastig, auch was das Arrangement betrifft. Bei „True Friends“ jedoch geht es hauptsächlich um die Verbindung von Kick und Synth und deren Zusammenspiel. Zwei Elemente und wahre Freunde.

Dem momentanen Trend zum Trotz, zumindest analoge Gerätschaften betreffend, hast du dein Album komplett „in the box“ produziert. Bist du kein Fan von Roland und Co. oder gar modularer Gerätschaften? Oder bist du einfach nur gerne mobil und flexibel?

Zu Beginn meiner Arbeit als Produzent hatte das eher finanzielle Gründe. Über die Jahre habe ich mich aber einfach daran gewöhnt, auf diese Weise meinen Sound zu erzeugen. Darüber hinaus finde ich es auch praktisch: Man kann sichern und einfach an einem anderen Tag weiter an einem Track arbeiten. Ich bin auch ein Fan von Back-ups, denn ich hasse es, Arbeit zu verlieren. Trotz der rein digitalen Arbeitsweise versuche ich immer, ein „Human Feeling“ in meiner Musik zu haben, das heißt, ich mache die Modulationen mit Controller und spiele die Sequenzen mit einem Keyboard ein, oft mit dem QWERT Key. Wenn ich dann mal einen Fehler mache und den als charmant empfinde, lasse ich das einfach so. Ich denke, das ist auch ein Grund, warum analog immer noch so angesagt ist: Man recordet und macht Fehler, das gibt der Musik ein Gefühl. Ich mache das halt im Rechner.

Neben dem Album erschien auch in jedem anderen Monat des Jahres neue Musik von dir, zum Beispiel die „Miau“-EP mit fünf Originalen auf Eclipse Recordings. Woher nimmst du die Ideen, die Motivation und vor allem die Zeit für all diese Tracks? Oder liegt das vielleicht auch an der Länge der einzelnen Stücke? Auf „True Friends“ beträgt diese jeweils nur etwa 5 Minuten.

Nun, ich mache das ja nicht erst seit gestern. Früher waren im Normalfall zwei oder vier Tracks auf einer Vinyl, auf 33 oder 44 rpm. Selten war ein Track länger als 5 oder 6 Minuten. Dann kam das Digital-Format und die Tracks wurden 12 Minuten lang. Nicht jede Melodie oder jedes Thema trägt über solch eine Länge, was nicht heißen soll, dass es schlecht ist, es ist einfach nicht für einen so langen Zeitraum gedacht. Ich bin ein Fan der Idee des „perfekten Loops“, der so cool ist, dass er ohne Arrangement über eine gewisse Zeit laufen kann, ohne zu nerven. Im Gegenteil: Er gefällt umso mehr, je länger man ihn hört. Auf meinem aktuellen Album, mit den eher einfachen Sequenzen und Beats, ging es gerade um dieses Konzept. Das Einzige, was einem vortäuscht, ein „Lied“ zu hören, sind die Modulationen in der Zeit und nicht etwa ein klassisches Arrangement mit Intro, Bridge, Chorus, Outro. Und warum ich so viel mache? Hm, ich mache ausschließlich Musik, habe also ausreichend Zeit, all meinen Ideen nachzugehen.

Wie kam die Zusammenarbeit mit Arnd bzw. Complexed Records zustande? Nach deinem regen Kontakt zu vielen Labels gab es sicher mehrere Optionen für das Album. Wieso das Label von Drumcomplex?

Ich bin seit vielen Jahren ein Fan von Arnd und dazu kam noch, dass Kevin De Vries, einer meiner absoluten Lieblingskünstler, dort releast. Ich habe ihn kurz vor seinem Bekanntwerden durch Drumcode entdeckt und war so geflasht von der frischen Art, davon, wie er mit klassischen, fast schon alten Sounds so etwas Cooles, Neues und Zeitloses kreiert. Ich fand es super, dass Arnd einen neuen, sehr jungen Künstler mit einem sehr eigenen Sound auf seinem Label releasen lässt, und schickte ihm einfach auch mal ein Demo. Mit den ersten Sachen bin ich auch gar nicht durchgekommen. Ich habe ihm trotzdem weiterhin Tracks geschickt und letztendlich meine erste EP auf Complexed veröffentlicht. Weil wir uns gut verstehen und ich auch die Freiheit von Arnd bekam, das Album so zu machen, wie ich wollte, war schnell klar, dass es dort erscheinen wird. Ich bin sehr froh darüber, dass mir das Label so viele Freiheiten lässt. Dadurch war es überhaupt erst möglich, so ein Konzeptalbum zu gestalten.

Auch hinter den Kulissen hat sich bei dir einiges verändert. Neben einer neuen Booking-Agentur gibt es nun auch wieder die Möglichkeit, dich als DJ zu buchen. Was hat dich zu diesen Veränderungen bewegt und welche Auswirkungen haben sie auf deine Gigs? Und vielleicht verrätst du uns auch gleich, wo wir dich in den nächsten Wochen und Monaten erleben können.

Ja, es hat sich einiges geändert. Ich bin nun nicht mehr bei Abstract, die im deutschen Raum ja schon als Major-Agentur zu bezeichnen ist. Mir hat Abstract – und speziell Sven Schaller – außerordentlich dabei geholfen, mich weiterzuentwickeln und auf Events wie der Mayday, Nature One, Ruhr in Love, Winterworld und bei den Abstract-Nächten spielen zu können. Ich verdanke dieser Agentur sehr viel. Trotzdem war ich immer einer der kleinsten Acts in einer großen Agentur. Das kann auch schwierig sein. Ich habe tolle Erfahrungen gemacht, denn als Live-Act ohne Hit auf solchen Events spielen zu können, war unglaublich. Das Problem eines Live-Acts ist, dass er unter Umständen den Zeitgeist verliert, da er sich nur mit seiner eigenen Musik auseinandersetzt. Genau das ist auch mir ein bisschen passiert, ich war in meiner eigenen kleinen Welt gefangen. Als ich dann Künstler wie den oben schon genannten Kevin De Vries, Emmanuel von Arts, den noch unbekannten Act HAW oder den inzwischen befreundeten Act Amotik für mich entdeckt habe, war mir klar, dass ich auch die Musik von Leuten spielen möchte, die mich inspirieren. Ich muss also wieder als DJ auf die Bühne! Es war ein großer Schritt und eine große Veränderung für mich. Über Abstract habe ich viele Leute kennengelernt, die mir heute sehr wichtig sind, wie Niereich oder meinen guten Freund Jörg aka Pappenheimer. Er hat mich immer sehr unterstützt. Aus seiner Veranstaltungsreihe „Abfahrt Würzburg“ wuchs mittlerweile eine Agentur mit Künstlern wie Matt Mus, Ben Dust und eben jetzt auch mir. Lustigerweise werden wir alle über The-Act, die Agentur von Sascha Ewe, mitverbucht. Sascha war bereits mein Booker, als ich frisch zu Abstract kam. So schließen sich mehrere Kreise. In den nächsten Monaten wird man mich dann im Lehmann Club in Stuttgart, in der Lola in Aalen, in Bonn und vielen weiteren Städten und Clubs hören können.

Bist du weiterhin als Live-Act verfügbar oder ist dieses Projekt nun erst mal auf Eis gelegt?

Ich bin nicht mehr als Live-Act zu buchen, eventuell wird es mal eine spezielle Show geben, bei der ich nur eigene Musik spiele, aber dann auch nur im Format eines DJ-Sets. Wenn man als Act überzeugen will, dann muss man sich fokussieren und Schwerpunkte setzen. Linus Quick ist nun zu 100 Prozent ein DJ-Projekt!

Aus dem FAZEmag 068/10.2017