Die Geschichte geht weiter. Die Geschichte der Musik sowieso und unsere Geschichte mit Liquidfive ebenfalls. Nachdem wir bereits zu den letzten Singles „Stadt Land Fluss“ sowie „Sweater Weather“, einer Neuinterpretation des gleichnamigen Songs der US-Band The Neighbourhood, mit dem Kopf des Projekts Martin Maximilian gesprochen hatten, ist es nun an der Zeit, etwas weiter auszuholen. Grund ist die neue Single „On And On“, die am 7. Dezember via 1st Strike/Universal erscheinen wird. Wir sind nach Dorsten gefahren und haben Martin zusammen mit seinem Produktionspartner Michael „Jaxon“ Bellina besucht. Nach einem kurzen Tischtennis-Match und einem Plausch mit Moguai, der sich ebenfalls hier im Studio betätigt, haben wir uns zu dritt mit Liquidfive beschäftigt.

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Liquidfive ist dein Projekt, Martin, aber du hast im Studio hochkarätige Hilfe – dein Produktionspartner Jaxon aka Michael Bellina hat schon mehrere große Hits für bekannte Interpreten geschrieben. Könnt ihr mal ein bis zwei nennen? 

Michael Bellina: Ich arbeite seit 20 Jahren mit Künstlern wie Moguai zusammen und auch mit Phil Fuldner habe ich Hits wie „The Final“ oder „Miami Pop“ produziert. In England habe ich viel mit der Agentur Get On gearbeitet und unter anderem für die Sugababes und Girls Aloud Nummern geschrieben. Zuletzt habe ich mit an Robin Schulz‘ Album gearbeitet.

Die Idee von Liquidfive ist es, tanzbare und poppige Backings mit schönen und eingängigen Vocals zu versehen. Das ist euch sehr wichtig. Eure neue Single „On And On“ ist im Gegensatz zu den letzten Singles clubbiger geraten. Ist das der neue Weg, den ihr einschlagen möchtet?

Martin Maximilian: Wir haben uns auf kein Genre festgelegt. Liquidfive liegt irgendwo zwischen poppig und dancig. Es ist für uns schwierig, uns nur auf ein Genre festzulegen, da sich jeder Song anders entwickelt. Ich glaube, die nächsten Nummern werden eher danciger denn poppiger. Das bedeutet aber nicht, dass wir keine Popsongs mehr herausbringen werden. Sicher ist, Vocals werden auch in den nächsten Nummern mit dabei sein. Das liegt besonders an dem guten Netzwerk, das wir haben.

Michael Bellina: Unter unseren Vokalisten befinden sich viele tolle Engländer, die ich aus der Zeit kenne, die ich in London verbracht habe. Großartige Künstler, mit denen wir gerne zusammenarbeiten und deren Stimmen gut zu unseren Songs passen.

Die neue Single klingt für mich nach einem nahezu perfekten Song. Hier passt alles. Wie lange hat es gedauert bis zur endgültigen Version?

Martin Maximilian: Von „On And On“ gab es vor dieser Abmischung bereits gefühlte 100 andere Versionen. Die früheren waren uns jedoch alle zu poppig und daher haben wir diesen neuen Weg eingeschlagen – den Sound zwischen Pop und Dance. Wir werden in Zukunft wahrscheinlich mehr Nummern machen, mit denen wir auf Clubs abzielen. Dennoch verfügt „On And On“ auch über eine gewisse Radio-Kompatibilität. Das ist ja auch nicht so schlecht.

Wie sieht es aus, wenn ihr zusammenarbeitet? Du, Martin, kommst aus Essen und Michael aus Dorsten. Erstellst du die Layouts und kommst dann bereits mit einer Idee hierher oder gibt es zuerst das Vocal? 

Martin Maximilian: Wir sitzen regelmäßig zusammen im Studio und besprechen unsere Ideen. Wir holen auch oft die Meinung unserer britischen Freunde ein. Das ist wichtig für uns, da wir unsere Texte auf Englisch schreiben. Wir probieren so lange herum, bis wir zufrieden sind und die fertig ausgearbeitete Idee steht.

Michael Bellina: Das ganz perfekte Muster existiert nicht. Die Gefahr, sich zu wiederholen, ist sehr hoch, deswegen werfen wir vorhandene Algorithmen über den Haufen. Manchmal kommt Martin mit einer Idee an und an anderen Tagen präsentiere ich ihm eine Idee. Es gibt unterschiedliche Wege. Bei „On And On“ hatten wir vollkommen unterschiedliche Ansätze; Pop, Dance und dann wieder umgedreht. Wir schicken uns regelmäßig Entwürfe und Gedanken per E-Mail zu, da wir so viele unterschiedliche Ideen entwickeln. Neulich musste ich ein Clean-up mit meinem Mac machen, weil ich 70 Gigabyte MP3s im Postausgang hatte.

Martin Maximilian: Wir sind Perfektionisten und versuchen stets, ein perfektes Produkt abzuliefern. Das ist nicht leicht, aber zumindest versuchen wir, mit der endgültigen Nummer komplett zufrieden zu sein. Irgendwann muss man aber auch einen Cut machen, damit man nicht bei Version 100 landet.

Zu Beginn war Liquidfive als Band-Projekt mit vielen Live-Auftritten konzipiert. In der Zwischenzeit hat es sich zu einem reinen Studioprojekt gewandelt. Aber ab dem kommenden Jahr wird es wieder ein Live-/DJ-Projekt geben, was sind da eure Pläne? 

Martin Maximilian: Wir planen, erst einmal einen Hit zu landen. Das erweist sich als schwierig genug. Dann wird es natürlich auch wieder die ersten Gigs geben. Liquidfive hat zu Beginn als Bandprojekt gestartet und dahin soll es auch wieder gehen. Ich liebe es, zu performen. Auch wenn ich von meinen Freunden im Club immer ausgelacht werde, weil ich der Einzige bin, der im Club abends keinen Alkohol trinkt.

Es gibt viele junge Musikinteressierte, DJs und Produzenten, die mit wenig Budget Equipment kaufen – digital und analog – und dann produzieren können. Weltweit gibt es Millionen von diesen Musikern. Es ist unglaublich schwierig, da aufzufallen beziehungsweise herauszustechen. Wie seht ihr die Entwicklung in Zeiten der Abkehr von physischen Tonträgern und der Generation Streaming? Wie seht ihr die Zukunft?

Michael Bellina: Mittlerweile sehen wir die Entwicklung auch wieder positiv. Zwischendurch gab es eine Phase, die ich ganz schlimm fand, weil die Einstiegsschwelle, Musik zu machen, vor einigen Jahren so günstig war, dass gefühlt jeder mit einem Laptop und ein paar gecrackten Programmen Produzent wurde oder sich selbst so nannte. Was dazu führte, dass der Markt mit tonnenweise semiguten und weniger guten Produktionen überflutet wurde. Aber der Musikmarkt konsolidiert sich durch das Streaming wieder und ich habe auch das Gefühl, dass Clubmusik und Musik generell wieder einen anderen Stellenwert bekommen haben. Qualität wird wieder anerkannt. Dafür braucht man gute Songs, gute Vocals und innovative Ideen. Nehmen wir mal Disclosure als super Beispiel. Diese Band hat total antizyklisch ein Retro-House-Album releast, als niemand von House gesprochen hat und es nur darum ging, wie viel die Mega-EDM-DJs umherreisen und wie viel diese dabei verdienen. Das zeigt mir, dass es wieder mehr um Inhalte geht.

Martin Maximilian: Auch wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Qualität in den Fokus zu stellen. Das Gute setzt sich am Ende durch und wer heutzutage hart arbeitet und an sich glaubt, wird auch Erfolg haben.

Martin, du bist beruflich gesettelt, deine Firma ist erfolgreich und du machst Musik, weil du Musik machen willst. Und du willst Musik machen, weil du sie liebst. Hast du manchmal das Gefühl, dass das zulasten der Kreativität geht, weil du noch deinen „normalen“ Job hast, oder ist das eher befreiend für dich?

Martin Maximilian: Für mich ist es eher befreiend, keinen finanziellen Druck zu haben. Ich muss nicht morgen einen Hit landen, um meine Miete zahlen zu können. Der Kreativität schadet das auf keinen Fall, aber ich möchte natürlich erfolgreich sein, das steht außer Frage. Ich würde aber nicht sagen, dass es schadet oder belastet.

Michael Bellina: Ich glaube schon, dass sich das Zeitmanagement ein wenig verschoben hat in den letzten Monaten und die Musik und das Label einen größeren Stellenwert einnehmen in Martins Leben. Wir reden ja nicht nur von unseren Produktionen, sondern auch von Remixen, vom Mastering, vom Artwork und so weiter. Aber es ist auf jeden Fall gut, wenn man Musik nicht um des Geldverdienens willen produziert. Das hat Brian Higgins mir mal gesagt.

Der Xenomania-Brian?

Michael Bellina: Genau, er hat unter anderem mit den Pet Shop Boys, den Sugababes, Kylie Minogue, Texas, den Kaiser Chiefs und Saint Etienne gearbeitet. Jedenfalls hat er mir gesagt: „Wenn du dich ins Musikbusiness bewegst, um schnell Geld zu verdienen, dann solltest du dich ganz schnell wieder vom Acker machen. Denn es wird dir nicht gelingen. Wenn du jedoch idealistische Werte vertrittst und Spaß an der Musik hast, wird sich irgendwann der Erfolg einstellen.“ Von 200 Songs, die wir aufs Jahr gesehen beginnen, produzieren wir vielleicht 50 zu Ende. Und von diesen 50 werden 15 releast.

Martin Maximilian: Wir haben einen Liquidfive-Ordner, in dem liegen 40 bis 50 Songs, die auch mal wieder auf dem Tisch landen oder komplett in der Versenkung verschwinden.

Ihr seid jetzt bei einem bekannten, großen deutschen Major-Label unter Vertrag.

Martin Maximilian: Unser Label heißt 1st Strike und ist ein Partner-Label von Universal in Berlin. Unser Kontakt ist Sven Koslik, den man auch als Jean Elan kennen dürfte und der früher bei Ministry Of Sound gearbeitet hat. Ein Mitarbeiter von Sven ist Manuel „Mantu“ Overbeck, der unter anderem schon für Get Physical gearbeitet hat. Wir haben ihnen einige Stücke von uns zugeschickt und sie finden unsere Arbeiten spannend. Wir sind guten Mutes, dass hier etwas Großes entsteht.

Was für ein Equipment benutzt ihr im Studio?

Michael Bellina: Wir arbeiten mit Logic, weil wir hier jeden Handgriff kennen, aber auch immer mehr mit Ableton Live, denn die 10er-Version ist richtig gut geworden. Wir haben diverse Plugins von Universal-Audio und 593 000 verschiedene Monitorsysteme. Die einzigen, die immer da sind, sind die Yamaha NS10. Da werden jetzt sicherlich einige eurer Leser drüber lachen, denn das sind keine Dance-Monitore, da sie keinen Bass haben.

Martin Maximilian: Aber natürlich haben wir auch diverse Gitarren und Keyboards.

Michael Bellina: Viel altes Zeug auch. Ich finde, man sollte niemals Musikinstrumente, Bücher, Schallplatten und CDs verkaufen. Disclosure zum Beispiel haben das komplette erste Album mit Retro-Equipment gemacht, und das hört man auch. Das ist ein großer Rat an alle Produzenten: Findet euren eigenen Sound. Jedes noch so beschissene Musikinstrument hat irgendeinen geilen Sound, den man nutzen kann.

Das kann ich nur bestätigen. Viel Erfolg mit der Single. 

 

Shortcuts:

Erste gekaufte Schallplatte: OMD – „Sugar Tax“

Zuletzt gekauftes Musikstück: Calvin Harris & Sam Smith – „Promises“

Lieblings-Dance-Track aller Zeiten: Michael Jackson – „Billie Jean“

Wunsch-Vokalist für Liquidfive: Sam Smith

Lieblings-Produzent: Quincy Jones

Bester Vocal-Part in einer Dance-Produktion: Alesso vs. OneRepublic – „If I Lose Myself“

Erster besuchter Club: Warehouse/Köln – Anfang der 1990er

Lieblingsclub: iT in Amsterdam; leider seit 2002 geschlossen

Lieblingshobby neben Musik: Radfahren und an der Spielekonsole ein wenig daddeln.

Musik ist für mich: … fast so wichtig wie die Luft zum Leben, ohne kaum vorstellbar.

In fünf Jahren: … hoffe ich, mit meiner Musik viel mehr Menschen erreicht zu haben.

 

Aus dem FAZEmag 082/12.2018
Text: Sven Schäfer
Foto: André Ruessel
www.liquidfive.com