LORAW – Keep it real, keep it Schranz

Foto: nachtravm

Seit unserem Interview Ende 2025 ist bei LORAW viel passiert. Die Hard-Techno- und Schranz-DJ hat ihre internationale Präsenz weiter ausgebaut, neue Musik veröffentlicht und blüht inzwischen in ihrer Rolle als Dozentin für Musikproduktion auf. Gleichzeitig sorgte sie mit einem kontroversen Statement über Social Media und Authentizität für Aufmerksamkeit. Zeit für ein Update. Wir haben mit ihr unter anderem über die vergangenen Monate, ihre aktuelle Sicht auf die Szene und ihre Pläne für die Zukunft gesprochen.

Unser letztes Interview war im Dezember 2025. Was hat sich seitdem bei dir getan?

Im Januar 2026 habe ich den Bootshaus-DJ-Contest gewonnen. Das war ein toller Erfolg, meine Musik im Bootshaus Köln so vielen talentierten DJs präsentieren zu dürfen. Danach sind einige coole Kollaborationen und Tracks entstanden, unter anderem ein noch unveröffentlichter Track für Boris S. sowie ein Remix mit Viper XXL, „Das Leben ist ein Tool“. Letzterer hat mir durch meine Reels rund 10.000 neue Follower auf Facebook und Instagram beschert. Darauf bin ich besonders stolz. Endlich haben die Oldschool-Hardtechno- und Schranz-Köpfe durch den Algorithmus ihren Weg zu meiner Musik gefunden. Außerdem stehen für den Rest des Jahres spannende Bookings an: GOTEC Karlsruhe, Proton Stuttgart sowie Gigs in Köln und Ulm. Seit kurzem habe ich mit Jessica Aluna ein Management an meiner Seite. Ich habe sie 2024 auf den Berlin Dance Music Events kennengelernt. Ein weiteres Highlight ist mein erstes Vinyl-Release auf dem Label Blackrose.rec von Eyra aus Kolumbien. Der Track heißt „LOVELETTER“ und ich bin super stolz darauf.

Wie läuft dein Karriere-Ausgleichs-Minijob auf dem Kartoffelhof?

Aktuell machen Hitze, Trockenheit und fehlender Niederschlag vielen Landwirten und auch uns zu schaffen. Deswegen war neulich sogar das Fernsehen da. Es muss viel beregnet werden. Der Ertrag war ganz gut. Ich hoffe, dass der Preis noch steigt und nicht wieder fällt. Insgesamt kann ich mich aber nicht beklagen. Ich habe ein tolles Arbeitsumfeld mit meiner Familie, gutes regionales Essen und einen guten Ausgleich gefunden.

Was hörst du eigentlich so privat?

Ich höre gerne bunte oder aggressive Songs mit viel Gitarre. Nirvana, Tash Sultana, Limp Bizkit und Marilyn Manson. Auch theatralischer Stuff wie The Doors ist bei mir ganz oben. Manchmal erwische ich mich dabei, melancholischere Sachen wie Lil Peep, Sofia Isella oder Billie Eilish zu hören. Im Auto höre ich oft meine aktuellen Mixdowns und Recordings, um sie zu bewerten. Ich versuche immer up to date zu sein, was neue Releases betrifft. Daher höre ich gerne Promos oder die aktuellen Hardtechno-Charts auf Beatport.

In einem Instagram-Statement schreibst du, dass Schranz für dich nie ein Trend war, sondern immer für Widerstand, Haltung und Ehrlichkeit stand. Wann hattest du das Gefühl, dass diese Werte von anderen Faktoren überschattet wurden? 

Das war der Zeitpunkt, an dem ich besonders deutlich gespürt habe, wie stark sich die Szene verändert hat. Zwischen Dezember 2025 und März 2026 wurde für mich immer sichtbarer, dass Reichweite und Social-Media-Präsenz teilweise einen größeren Stellenwert bekommen hat als musikalische Leistung und Authentizität. Gleichzeitig haben die Vorwürfe und Berichte über Missbrauch in der Szene vieles für mich in ein anderes Licht gerückt. Mich hat es sehr enttäuscht, dass Manche aufgrund ihrer großen Reichweite als DJs wahrgenommen werden, obwohl diese teilweise künstlich aufgebaut ist und der Einfluss, den sie dadurch haben, nicht immer verantwortungsvoll genutzt wird. Besonders schwierig finde ich es, wenn dabei Fans oder andere Menschen aus der Szene respektlos behandelt werden.

Ich war wochenlang sehr niedergeschlagen und konnte kaum fassen, welches Ausmaß das Ganze angenommen hat. Gleichzeitig war es für mich ein Wendepunkt. Ich habe beschlossen, mich nicht von vermeintlich perfekten Images oder großen Zahlen täuschen zu lassen, sondern meine Energie in das zu investieren, was für mich wirklich zählt: echte Einblicke, musikalische Nähe und die Kunst, die wir lieben.

Dabei habe ich gemerkt, wie viel wertvoller echte Verbundenheit mit Menschen ist als bloße Reichweite. Wenn Menschen nicht nur online folgen, sondern tatsächlich zu meinen Auftritten kommen, meine Musik hören und mich darüber hinaus supporten, bedeutet mir das viel mehr als irgendeine Zahl auf Social Media. Für mich ist genau das ein Zeichen von Authentizität und nachhaltiger Verbindung zur Szene.

Welche konkreten Veränderungen würdest du dir wünschen?

Dass wieder mehr Musik, Authentizität und langfristiger Beitrag zur Szene zählen – weniger Hype und Social-Media-Reichweite. Gerade in einer Zeit, in der Clubs und Festivals wirtschaftlich unter Druck stehen, sollten Budgets bewusst eingesetzt und Artists danach ausgewählt werden, was sie musikalisch und kulturell mitbringen. Tools wie Viberate oder Chartmetric können dabei helfen, Entwicklungen und Reichweiten einzuordnen. Am Ende sollten aber nicht nur Zahlen entscheiden, sondern vor allem Musik, Persönlichkeit und Leidenschaft.

Welche Newcomer in der Szene begeistern dich aktuell?

I.D.A. Ich habe mit ihr ein B2B in der E-Küche in Köln gespielt und war von ihrem Talent und ihrer Leidenschaft sofort begeistert. Der Vibe hat einfach gematched, sodass ich sie auf der Nature One kurz vor dem NUMEN-Gig gefragt habe, ob sie noch ein B2B mit mir spielen möchte. Beide Sets sind bald auf SoundCloud – das E-Küche-Set auch auf YouTube. Mein Schüler Alex aus Los Angeles ist ebenfalls sehr talentiert, musikbegeistert und auf jeden Fall einen Blick wert. Sein Instagram ist sharifi.wav. Produktionstechnisch würde ich außerdem Kosu weiterempfehlen. Sein neuer Track „Everytime I Drop“ haut böse rein.

Du gibst mittlerweile nicht nur DJ-Unterricht sondern auch Producer-Workshops. Was treibt dich an, dein Wissen weitergeben zu wollen?

In erster Linie kamen die Interessenten auf mich zu und haben mich gebeten, ihnen Unterricht zu geben. Viele haben mir von ihren musikalischen Träumen erzählt – das erinnerte mich an meine eigenen Anfänge. Da war zum Beispiel ein alleinerziehender Vater aus Los Angeles, der mich für seinen Sohn angefragt hat. Die beiden reisen jedes Jahr zur ADE und sind über Social Media auf mich aufmerksam geworden. Der Vater erzählte mir, dass Musik für seinen Sohn eine wichtige Rolle spielt und er ihn dabei unterstützen möchte, seinen Traum von eigener Musik zu verwirklichen. Das hat mich sehr berührt. Mittlerweile sitzen Alex und ich jede Woche zusammen und arbeiten schrittweise an seinem ersten eigenen Track. Genau solche Geschichten motivieren mich. Mir gibt es sehr viel, mein Wissen weiterzugeben und Menschen dabei zu unterstützen, ihren eigenen musikalischen Weg zu finden.

Es war noch nie so einfach, mehr über Musikproduktion zu erfahren. Welche Plattform, Instagram-Page oder welcher YouTube-Kanal waren für dich Gamechanger und was kannst du Anfängern sowie Fortgeschrittenen empfehlen?

Definitiv das Sinee Institut. Dort habe ich meine Anfänge in Sachen Musikproduktion gemacht und 2020 den 6-Monatskurs angefangen. Bis heute liefert Sinee für Anfänger, Fortgeschrittene und Profis einfach super Content. Dann kann ich die YouTube-Videos von Julien Earle empfehlen. Der Amerikaner hat unglaublich viel Talent und vereinfacht Produktionsprozesse auf eine sehr sympathische Art und Weise. Auch die GRAPH-Tutorials und Breakdowns sind sehr hilfreich. Als Lektüre kann ich außerdem das Attack Magazine empfehlen. Dort findet man immer wieder Wertvolles über die Geschichte verschiedener Genres.

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Du arbeitest bei deinen Produktionen mit Hardware. Erzähl uns von deinem Workflow. Was sind deine Go-to-Pieces im Studio und wie setzt du sie ein? Wie viel Produktionsrelevantes passiert wirklich „out of the box“?

Das meiste passiert bei mir „in the box“. Ich arbeite sehr unterschiedlich und mache das, worauf ich gerade Lust habe. Wenn ich eine Idee habe, schreibe ich sie mir für später auf. Das kann zum Beispiel ein Vocal, eine Melodie oder ein Arrangement-Aspekt sein. Bin ich mal gar nicht kreativ oder habe keine konkrete Idee, fange ich einfach an, Schranz-Loops zu machen und speichere sie ab. Später kann ich darauf zurückgreifen und habe so meine eigenen Samples.

Diese Loops lasse ich in einer weiteren Session durch meine Sherman-Filterbank, meine Distortion-Pedale von Boss und mein Plasma-Pedal von Gamechanger Audio laufen. Bei der Filterbank reguliere ich vor allem den Input-Anteil sowie Frequenzen und Resonanzen. Ich mag es, mit beiden Händen an den Potis zu tweaken, bis ein cooler analoger Sound entsteht. Genauso mache ich es mit der Hüllkurveneinheit: Ich drehe an Attack und Release, um einen perkussiveren Sound zu formen. Wenn ich ganz wild drauf bin, baue ich mir interne Feedbacks und nutze sie als Oneshots und Background-Sounds.

Für Rock ist es die E-Gitarre, für Acid die TB-303. Hat Schranz im Hardware-Bereich auch so etwas wie den heiligen Gral, der den Stil des Genres soundtechnisch derart geprägt hat?

Soweit mir bekannt ist, hatten FL-X einen Waldorf Blofeld, Chris Liebing einen Virus B und Arkus P einen Yamaha-Synthesizer. Die meisten meiner Lieblingsartists nutzen FL Studio in Kombination mit Ableton und arbeiten „in the box“. Ich finde, eine Sherman-Filterbank kommt für einen schranzigen Sound schon ziemlich nahe dran – allerdings eher als analoge Veredelung und nicht als Klangerzeuger. Im Endeffekt zählt das, was rauskommt, und nicht unbedingt, womit gekocht wurde. Wenn es sich gut anhört, dann ist es meiner Meinung nach auch gut.

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Was war bislang für dich der größte Meilenstein oder ein besonders denkwürdiger Moment deiner Karriere?

Da gibt es für mich persönlich einige! Schmunzel. Angefangen hat es mit dem Connecten mit meinen Lieblingsartists, die zu Freunden wurden. Gleichgesinnte Artgenossen zu treffen, die genau dieselben Dinge beschäftigen und mit denen man sich gegenseitig supportet, steht für mich ganz oben. Eine internationale Tour mit einem Gig vor dem kolumbianischen Präsidenten, Gigs in den besten Clubs Deutschlands wie dem Bootshaus und GOTEC oder eine Erscheinung im FAZEmag – ich bin über jeden Erfolg glücklich, dankbar und mächtig stolz.

Besonders stolz bin ich darauf, dass ich mir das alles selbst erarbeitet und aufgebaut habe. Am meisten bereichern mich die Menschen um mich herum, die genau denselben Vibe erleben wie ich. Für mich ist es das Größte, mich selbst zu verwirklichen, frei zu entscheiden und diese facettenreiche Reise zu erleben – mit allem, was dazugehört. Vielleicht kann ich mich auch deshalb nicht für einen einzigen Meilenstein entscheiden, weil es da draußen noch so viele weitere Ziele gibt: tolle Festivals und eine breite Masse, die den LORAW-Sound noch zu hören bekommen muss.

Was steht in diesem Jahr besonderes bei dir an?

Im November erfülle ich mir einen lang gehegten Traum und gründe mein eigenes Label: 16RAW. Der Name lehnt sich an meinen Artistnamen an und steht für das, was ich musikalisch verkörpere. Die Mission ist klar: die DNA von Oldschool Hardtechno und Schranz zurückbringen – modern interpretiert und clubtauglich produziert.

Sonst noch etwas, das du uns mitteilen möchtest?

Ich möchte einfach weiterhin meinen Weg gehen, authentisch bleiben und meine Musik machen. Ich glaube, am Ende setzt sich das durch, was echt ist und von Herzen kommt. Ich freue mich auf alles, was noch kommt – auf neue Musik, neue Menschen, neue Clubs und Festivals und natürlich darauf, den LORAW-Sound noch weiter in die Welt zu tragen.

Aus dem FAZEmag 175/09.26
Text: Niklas Fust
Fotos: nachtravm
www.instagram.com/loraw_official/