Sie war gerade einmal 15 Jahre alt, als ihr älterer und heute weltbekannter Bruder sie in einen Hamburger Club schleuste und ihr so die Welt der elektronischen Musik offenbarte. Bis heute hat Magdalena die Szene nicht nur aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachtet, sondern auch nachhaltig geprägt. Sie führte den legendären Club EGO in der Hansestadt und verantwortete dort neben dem allgemeinen Clubmanagement auch die Bookings. Später wurde sie dort selbst zum Resident-DJ. Auch das über die Landesgrenzen hinaus bekannte EGO Open Air stammt aus ihrer Feder. Mittlerweile gehört Magdalena zu den festen Größen der DJ-Szene und kann mit SHADOWS eine eigene Brand vorweisen, die dabei ist, sich weltweit einen Namen zu machen. Im September erscheint eine EP auf John Digweeds Bedrock – und schon diesen Monat mixt die Grande Dame von Diynamic den offiziellen FAZEmag Download-Mix. Ein Interview über den Fluch und Segen der Pandemie, Family-Time und neu entdeckte Hobbys.

 


Magdalena, wie geht es dir und wo verbringst du deine Zeit?

Ich habe die letzten beiden Wochen Urlaub auf Ibiza gemacht und bin jetzt wieder in Leverkusen, wo ich aktuell wohne. Nach dem Urlaub bin ich natürlich sehr entspannt jetzt. Es war gut für mich, nach der ganzen Ungewissheit, die 2020 mit sich gebracht hat, mal komplett abzuschalten und den Kopf frei zu bekommen. Es geht mir super!

In der Tat ein Jahr voller Ungewissheit. Wie war 2020 bislang für dich persönlich?

Alles fing eigentlich sehr gut an. Ich hatte mit meiner Partyreihe SHADOWS ein sehr gutes Event in Tulum, dann noch ein paar große Gigs in Südamerika und einen Gig in Brüssel, ehe der Lockdown kam. Danach entstanden dann jede Menge Fragezeichen, wann und ob es weitergeht. Da ich mit SHADOWS auch auf Ibiza meine eigenen Events veranstalte, hingen wir hier auch mit der Vorbereitung sehr in der Luft. Letztendlich habe ich dann viel Zeit im Studio und mit meiner Familie verbracht, die in den letzten Jahren immer zu kurz gekommen ist.

Die Quarantäne war und ist für viele Fluch und Segen zugleich. Welche Vor- und Nachteile siehst du persönlich darin?

Ein Vorteil war ganz klar die große Menge an Zeit, die ich hatte, um intensiv an neuer Musik im Studio arbeiten und Freunde und Familie besuchen zu können. Die Nachteile liegen auf der Hand und wurden schon ausreichend diskutiert. Ich versuche, Dinge immer positiv zu sehen, und so ist es auch in diesem Fall.

Eine Industrie steht vor dem Kollaps. Wie wird sich die Szene deiner Meinung nach mit bzw. durch Corona verändern? Du hast selbst schon einen Club geführt, warst Bookerin und bist jetzt Künstlerin, kannst die Situation also aus vielen Perspektiven nachvollziehen.

Für unsere Szene ist diese Situation ganz klar eine riesige Herausforderung, die wir irgendwie meistern müssen. Ich sehe aber auch, dass die Begeisterung für unsere Musik nicht nachlässt und der Großteil der Musikfans Clubs und Festivals direkt wieder besuchen möchte, sobald es sicher ist. Deswegen hoffe ich, dass wir aus dieser Situation stärker hervorgehen. Es ist jetzt nur wichtig, dass Veranstalter und andere Institutionen der Musikindustrie den Lockdown überhaupt überleben und im Nachhinein nicht jahrelang an einem unüberwindbaren Schuldenberg zu knabbern haben. Ich blicke da in Richtung Politik, die mit klaren Aktionen zeigen muss, dass Kunst kein Luxusgut ist, sondern zu unserem alltäglichen Leben gehört.

Ein ebenfalls wichtiger Teil des Lebens ist die Familie, mit der du viel Zeit verbracht hast. Wie sieht ein typischer Tag im Leben der Solomuns aus?

Wir stehen auf, stöpseln die Lautsprecher ein und spielen ein 20-Stunden-b2b-Set im Wohnzimmer. (lacht) Nein, Spaß, da würde unsere Mutter sicherlich durchdrehen. Ich denke, unsere Quality-Time mit der Familie gleicht der von den meisten Familien. Wir chillen zusammen, kochen, unterhalten uns über private Dinge und natürlich auch ein kleines bisschen über Musik, die unser Leben unter normalen Umständen dominiert.

Dein Bruder ist in der Regel nonstop unterwegs. Konnte man sich während der Quarantäne auf eine gewisse Weise wieder reconnecten?

Na ja, wir haben auch so ein sehr enges Verhältnis, da wir in der Vergangenheit schon viele gemeinsame Projekte wie zum Beispiel unseren ehemaligen Club EGO in Hamburg hatten. Es war aber auf jeden Fall schön, mal eine längere Zeit gemeinsam zu haben und sich nicht immer nur am Telefon oder hektisch auf dem Sprung austauschen zu können.

Gab es während der Quarantäne Sachen, die du endlich angegangen bist oder die du erlebt hast, für die du vorher keine Zeit hattest?

Ich mache momentan viel Sport, dazu habe ich sonst in der Tat nicht so viel Zeit. Tennis habe ich neu für mich entdeckt. Außerdem habe ich mir meinen Garten vorgeknöpft, der wuchert sonst immer wild vor sich hin.

Dein Tour-Kalender war ja vollgepackt mit Mega-Highlights.

Das stimmt. Ich hatte mich sehr auf meine zehn SHADOWS-Events auf Ibiza gefreut. Dort hatten wir schon zahlreiche Gäste geplant wie Artbat oder Tale of Us. Außerdem war ich zum ersten Mal für das Exit Festival gebucht, hatte Bookings beim Diynamic Festival in Barcelona und in Amsterdam. In Amsterdam hätte ich zusätzlich noch auf dem Loveland Festival gespielt und mit SHADOWS hatten wir Events auf der ganzen Welt, in Los Angeles, New York, Istanbul oder auch London, in Planung. Zusätzlich waren Touren durch Südamerika, Nordamerika und Asien geplant.

Besonders Ibiza hat dieses Jahr extrem mit den Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen. Die Insel hat man so wohl noch nie gesehen zu dieser Zeit. Wie hast du das erlebt?

Als ich die letzten zwei Wochen dort Urlaub gemacht habe, war alles etwas bizarr. Restaurants, Hotels und Strände haben zwar wieder geöffnet, aber es ist sehr wenig los. Wir sind an ein paar verlassene Buchten zum Baden gefahren und es war wirklich niemand dort. Vielleicht war so das Ibiza von früher, von dem man immer hört. Wir haben es jedenfalls genossen, wobei natürlich in den Gedanken auch immer die Menschen mitschwingen, die dadurch nur wenig bis gar kein Einkommen generieren.

In wenigen Wochen wirst du eine Solo-EP bei Bedrock veröffentlichen. Was können wir erwarten?

Seid gespannt! Die EP wird „Outlines“ heißen und besteht aus drei Tracks mit etwas unterschiedlichen Stilen. Einmal Melodic Deep House natürlich, der andere Song ist etwas techiger und den dritten habe ich ganz nach John Digweeds Geschmack etwas progressiver gestaltet. Release ist Anfang September.

Du bist bei Diynamic die Grande Dame und aktuell eine sehr gefragte Künstlerin, mit SHADOWS hast du deine eigene Brand. Wie rekapitulierst du persönlich deinen Werdegang in den letzten Jahren und was waren deine Highlights?

Mein Werdegang war sehr facettenreich, um ehrlich zu sein. Ich habe im Hotelgewerbe angefangen, wo ich regelmäßig 80 Stunden pro Wochen gearbeitet habe. Das hat mir sehr geholfen, Verantwortungsbewusstsein und Flexibilität zu erlernen. Diese Fähigkeiten konnte ich dann gut nutzen, als ich unseren damaligen Club EGO aufgemacht habe. Zusätzlich habe ich angefangen, das Open-Air-Festival EGO Air zu organisieren, das zu seinem Höhepunkt 7000 Besucher zählte. Das war definitiv eines meiner Highlights. Zusätzlich habe ich natürlich irgendwann mit dem Auflegen begonnen, und es ist für mich immer wieder ein Highlight, auf coolen Partys zu spielen. Eine Party, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist das letztjährige MELT! Festival, wo ich sonntags um 5 Uhr morgens auf dem Sleepless-Floor gespielt habe. Vor dem Gig war ich sehr nervös, weil ich dachte, dass zu dieser Uhrzeit noch maximal 50 bis 100 Leute stehen können. Als ich dann kurz vor meinem Set an der Stage angekommen bin, wurde ich von 3000 Leuten überrascht, die extra für mein Set gekommen sind. Das war ein mega Gefühl!

Wie sind deine bzw. eure Planungen für 2021? Ist man dahingehend eher zögerlich oder geht man in die Vollen?

Im Moment warten wir noch ab, wie sich die Lage entwickelt. Auch weil die Veranstalter gezwungen sind, abzuwarten, und vorerst keine Events planen können. Wir hoffen natürlich, dass sich die Lage im Winter entspannt und wir 2021 mit SHADOWS, meinen Gigs und weiteren Releases voll durchstarten können – so wie wir es 2020 schon geplant hatten.

Du hast vor wenigen Wochen mit Âme auf einer der ersten Partys nach dem Lockdown gespielt. Was war das für ein Gefühl?

Die Party war beim Coconut Beach in Münster. Eine Venue mit einer Kapazität von über 1000 Leuten. Zugelassen waren 200 Personen, daher war es schon ein anderes Gefühl als früher. Trotzdem waren Stimmung und Party mega und es hat sich sehr gut angefühlt, wieder Musik aufzulegen. Anfangs waren alle noch etwas unsicher mit den Masken und Abstandsregeln auf dem Dancefloor, das hat sich im Laufe der Zeit aber gelegt und der Tag war ein voller Erfolg.

In manchen Ländern geht es langsam, aber sicher wieder los. Wie siehst du persönlich das Feiern unter Hygienemaßnahmen und hast du schon bestätigte Bookings?

Ich denke, solange strikte Hygienemaßnahmen – wie zum Beispiel bei Coconut Beach – eingehalten werden, steht dem Feiern nichts im Wege. Für die kommenden paar Wochen habe ich ein paar offene Bookings, wo es noch nicht sicher ist, ob das Event stattfinden kann oder nicht. Wir werden sehen. Ich kann es auf jeden Fall kaum erwarten, wieder loslegen zu können.

Was steht für die kommenden Wochen und Monate beruflich und privat auf deiner Agenda?

Ich wünschte, ich könnte euch hier meinen vollen Tourplan vorlegen, damit wir uns wieder auf dem Dancefloor sehen können. So wie es momentan aussieht, werde ich evtl. auf Ibiza auf ein paar kleinen Events spielen. Gigs auf Mykonos und in Kiew sind auch noch offen. Privat werde ich die Zeit nutzen, um meine Mutter in Kroatien zu besuchen und Zeit mit meinem Mann zu verbringen, bevor es dann hoffentlich im Winter weitergeht.

 

 

Aus dem FAZEmag 102/08.2020
Text: Triple P
Foto: Samiragrafie
Make-up: Julia.brari
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