Marc DePulse – Stillstand ist der Tod

Dem aufmerksamen FAZEmag-Leser ist Marc DePulse seit mindestens vier Jahren bekannt, schreibt er doch seit Ende 2015 regelmäßig die Kolumne „Aus dem Leben eines DJs“ für das Magazin. Musikalisch begann seine Reise vor rund 20 Jahren und in der Zwischenzeit erschienen unzählige Tracks auf diversen Labels, EPs, Remixe, zahlreiche Compilations und DJ-Mixe sowie zwei Studioalben. Und obendrauf kommt noch JEAHMON!, sein eigenes Label. Die (vorläufige) Kirsche auf dem Kuchen: Im Februar erschien sein erster Track auf Solomuns Label Diynamic – damit ging ein Traum in Erfüllung. Ein Interview über Corona, Kolumnen, Küche, Kontrollverlust und vieles mehr.

 

 

„Kontrollverlust“ hieß dein letztes Album, das du Ende 2017 veröffentlicht hast. Der Titel könnte kaum aktueller sein. DJs haben innerhalb kürzester Zeit ihre Gigs verloren und wie lange dieser Zustand anhält, das weiß keiner. Wie hast du diese Phase des Heranrollens wahrgenommen und wann wurde dir klar, dass hier massive Umwälzungen auf dich zukommen?

Das Ausmaß wurde mir erst dann bewusst, als von Ausgangssperren die Rede war. Ich habe die Situation zugegebenermaßen anfangs belächelt. Keiner konnte voraussehen, was mit uns März/April 2020 passieren wird, daher traf es uns mit voller Wucht. Von der Dynamik waren wir alle überrascht. Ich habe Anfang März meinen letzten Gig gespielt. Mir sind in den Tagen darauf nach und nach Gigs weggebrochen. Erst einer, dann zwei, dann alle bis Mai. Der eine Club gab noch eine Hygiene-Verordnung raus und wollte den Betrieb aufrechterhalten, der andere hat schon die Pforten schließen müssen. Eine Woche später hatte ich gleich acht ausgefallene Shows und realisierte, welches Ausmaß da auf uns zukommt. Da steht man als Selbstständiger für den ersten Moment natürlich recht hilflos und alleingelassen da und stellt sich plötzlich ganz elementare Fragen. Ich will das Thema trotzdem nicht größer machen, als es ist. Stattdessen hoffe ich, dass wir bald wieder zur Normalität zurückkehren. Ich wünsche uns allen, dass wir weitgehend schadlos aus der Nummer raus kommen, Hauptsache gesund. Wir werden erleben, was die nächsten Wochen bringen. Mehr als abzuwarten und uns gegenseitig zu unterstützen und Mut zuzusprechen, bleibt uns im Moment nicht.

Wie gehst du privat mir der Situation um?

Ich habe letztens etwas gelesen, worüber ich sehr schmunzeln musste: „Dieses Gefühl, wenn dein täglicher Lifestyle als Quarantäne bezeichnet wird.“ Denn im Grunde ist das ja genau das, was wir DJs und Produzenten wochentags machen. Wir schließen uns zu Hause ein, um Musik zu machen, sehen an manchen Tagen vor lauter Kreativität kein Tageslicht. Großartig viel ändert sich also nicht. Die tägliche Sporteinheit im Freien darf man ja trotzdem machen, einzig die sozialen Kontakte beschränken sich aufs Web. Aber auch das gehört zum daily Job in unserer Szene, kommen wir doch fast alle aus unterschiedlichen Orten und begegnen uns nur online. Ich für meinen Teil habe gelernt: Lass dich nicht von Dingen herunterziehen, die du nicht ändern kannst. Umso schneller komme ich zum Punkt und ich mache mir nicht so viele unnötige Gedanken. Das kommt der Kreativität zugute. Ich nutze die Zeit also hauptsächlich zum Produzieren von Musik und schreibe an meinen Blogs.

Bist du im regelmäßigen Austausch mit befreundeten DJs? Wie ist die Stimmung?

Ich bin in täglichem Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus der Industrie, aber nicht nur der Coronakrise wegen. Die Stimmung ist gemischt, aber vorwiegend zuversichtlich. Viele haben Fragezeichen ob der Zukunft, andere blicken sehr entspannt in selbige und freuen sich über die gewonnene Zeit und Ruhe. Das Wort „entschleunigen“ habe ich in den letzten Wochen am meisten gehört. Wir haben innerhalb unserer Agentur eine WhatsApp-Gruppe, über die wir uns ständig auf den aktuellen Stand bringen.

Gibt es denn nun endlich Zeit für ein Hobby, das bisher immer vernachlässigt wurde?

Mein größtes Hobby hat zwei Beine, brabbelt und krabbelt den ganzen Tag, wenn sie nicht gerade schläft. Unsere Tochter ist mittlerweile neun Monate alt und erhellt jeden noch so dunklen Tag. Das Schöne an der momentanen Situation ist, dass ich mit ihr ganz viel Zeit verbringen kann. Ansonsten tobe ich mich gerade wieder etwas mehr in der Küche aus, koche viel und bin dabei sogar kreativ. Dazu hat sonst immer die Zeit gefehlt.

Nun zur Musik! Du hast Ende Februar dein Debüt auf Diynamic Music gegeben, dein Track „exe.cute“ erschien auf der EP „Four To The Floor Vol. 17“. Wie kam es dazu, dass du bei Solomun gelandet bist?

Völlig unspektakulär: Ich habe ein Demo an die offizielle Mail-Adresse geschickt. Nach zwei Wochen wurde mir mitgeteilt, dass Solomun den Track mag, und ich wurde darum gebeten, die Nummer für eine Weile zu blockieren. Das hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert, zumindest kam es mir so vor. In der Zwischenzeit konnte ich verfolgen, wie Solomun den Track auf der ganzen Welt gespielt hat. Der Hashtag #solomun ist ein netter Zeitvertreib auf Instagram. Man kann Stunden und fast ganze Tage damit verbringen, Videos anzuschauen und somit fast ganze Gigs nachzuvollziehen. (lacht)

Diynamic war immer mein großer Traum, also wartet man natürlich gerne. Vom Demo bis zum Release waren es knapp vier Monate. Das ist ein faires Zeitfenster. Und dass es final geklappt hat, hat natürlich einige Korken zum Knallen gebracht, auch wenn es „nur“ ein Track auf einer „Various Artists“ ist. Aber genau da wollte ich auch hin.

Wen man sich die Karriere von Solomun anschaut und beachtet, was für ein Standing sein Label hat, kann man nur den Hut ziehen.

Absolut. Ich finde den Hype um Solomun beeindruckend. Er spielt „unsere“ Musik. Keinen kommerziellen Mist, der in den EDM-Charts hoch und runter läuft. Es ist mehr oder minder Underground-Electronic-Music und dafür finde ich es überragend, wie viele Menschen seine Gigs besuchen und seiner Musik Gehör schenken. Das Schöne daran ist, dass auch die nachfolgende Generation mit dieser Musik getriggert wird. Und auch die Labelarbeit hinter Diynamic ist sehr professionell. Da wurde über mehr als ein Jahrzehnt großartige Arbeit geleistet und man sieht ja heute, wo sie stehen.

Wie sehen denn deine Pläne für kommende Releases aus, was dürfen wir wann erwarten? Oder hast du deine Pläne wegen der Situation erst einmal auf Eis gelegt?

„Stillstand ist der Tod“, sang schon ein berühmter Bochumer. Es wird Ende des Jahres nicht nur einen Baby-Boom geben, sondern auch unzählige neue Künstler-Alben. Für einen Musikproduzenten ist die Zeit aktuell perfekt, um sich kreativ einmal richtig auszutoben. Ich merke es selbst. Nach einem Tour-Wochenende sind Körper und Geist normalerweise erschöpft. Bis man wieder auf Betriebstemperatur ist, dauert es ein wenig. Und dann ist meistens schon wieder Freitag und man muss wieder los. Das bremst halt jedes Mal unheimlich die Energie, was wiederum der Vorteil der aktuellen Situation ist. Ich weiß mitunter gar nicht mal, welcher Wochentag ist, und das finde ich ganz fantastisch. Meine Eltern sagen dazu Lotterleben. (lacht) In Sachen Releases wächst und gedeiht mein Plan. Es kommt demnächst u. a. eine Single auf Lost On You und eine auf Selador. Und auch auf meinem hauseigenen Label JEAHMON! Records werde ich nach einigen Jahren wieder veröffentlichen. Einige andere Releases sind in Arbeit, aber noch nicht spruchreif. Aber wegen der aktuellen Situation nichts zu releasen, fände ich falsch. 

Und noch mal zurück zu „Kontrollverlust“. Wie sieht es denn mal mit einem neuen Album aus?

Da gibt es leider (noch) keine spannende Antwort. Sicherlich wird das in den nächsten ein bis zwei Jahren wieder ein Thema. Schauen wir mal. Aktuell arbeite ich wieder in einigen Kollaborationen mit anderen spannenden Künstlern. Eventuell entwickelt sich daraus schon Stoff für ein Album.

Bei unseren Lesern ist deine Kolumne „Aus dem Leben eines DJs“ sehr beliebt – wir drucken sie seit über vier Jahren regelmäßig im Heft ab. Wie kann man sich das vorstellen: Wie wird ein interessantes Thema zur Kolumne?

Das ist tatsächlich ganz unterschiedlich. Es gibt total interessante Themen, zu denen mir aber nicht viel einfällt. Da sammle ich dann und warte auf die zündende Idee. Andere Themen gehen wiederum flott von der Hand. Das sind dann meist Dinge, die mich sehr beschäftigen. Es einfach runterzutippen hilft mir, mein Puzzle an Gedanken zu ordnen. Ich schreibe sehr impulsiv, meist in Stichpunkten. Aus der Summe an Aussagen bilde ich dann einen zusammenhängenden Text, kürze, füge hinzu, kürze wieder, ändere, verwerfe, fange von vorn an. Klingt fast wissenschaftlich, aber ich möchte auch keine plumpen Berichte schreiben, sondern zum Schmunzeln anregen und jeder Geschichte die gewisse Würze geben. Was sich am Ende sehr flüssig liest, ist manchmal die Arbeit von mehreren Tagen, gar Wochen. Man kann das in etwa mit dem Produzieren von Musik vergleichen. Auch da habe ich immer ca. zehn offene Projekte, denen ich nach Lust und Laune Tag für Tag etwas hinzufüge. Jeder geht schlussendlich anders an solche Sachen heran. Wichtig ist, dass man auf den Punkt kommt und verstanden wird. Im Text genauso wie in der Musikproduktion und als DJ während des eigenen Sets.

Zu welchen Kolumnen-Themen bekommst du das meiste Feedback? Und gibt es in dem Zusammenhang eventuell eine kuriose Anekdote?

Ich freue mich generell über jedes Feedback, ob kritisch oder lobend. Das zeigt mir, dass die Texte gelesen und bewertet werden. Mir begegnen immer wieder wildfremde Menschen, die mich auf die Kolumne ansprechen. Das motiviert natürlich ungemein, immer weiter zu schreiben. Zumal es mir auch sehr viel Spaß macht. Heute ist es ja so, dass reißerische Überschriften die meisten Klicks bekommen. Darauf ziele ich nicht ab. Aber es fällt schon auf, dass aalglatte Themen nicht so viral gehen wie tagesaktuelle bzw. brandheiße Themen. Ich bekomme öfter Nachrichten von Kollegen, die fast schelmisch meinen: „Endlich traut sich mal einer, das auszusprechen.“ Es sind natürlich die provozierenden Aussagen, mit denen man aneckt und Dinge infrage stellt. Ich bin kein Journalist, habe auch nie eine derartige Ausbildung gemacht. Das hilft mir vermutlich, die Sache etwas undiplomatischer zu gestalten. Zumal eine Kolumne immer eine sehr persönliche Erfahrung ist und nicht die Meinung eines jeden widerspiegelt.

Du lieferst für unsere Leser den Mix des Monats ab. Wie gehst du an so ein Projekt heran? Hast du da ein bestimmtes Konzept?

Ich habe anno dazumal fast jeden Monat einen Podcast gemacht, mittlerweile schränke ich mich da sehr ein. Seit einiger Zeit teile ich Live-Mitschnitte von Auftritten, daher sind die klassischen Podcasts weniger geworden. Was aber der Kreativität keinen Abbruch tut. Einen Podcast kann man natürlich gezielter vorbereiten. Tracks nach Genre und Wirkung oder Tonart sortieren und auch mal schwierigere Übergänge wagen. Darin besteht eigentlich die größte Arbeit. Und für jeden guten Mix daheim brauche ich auch eine gute Flasche Wein. Die besten Sets spiele ich immer in einer dezent beschwipsten Stimmung. Mein Set für euch hat nachweislich 1,2 Promille und einen tollen Abgang! 

Wenn wir die Corona-Krise hinter uns gebracht haben: Was könnte das Positive sein, das wir aus dieser schmerzlichen Phase mitnehmen?

Dass wir wieder näher zusammengerückt sind, dass wir wieder mit einfachen Dingen glücklich zu machen sind, dass wir kleine Gesten mehr zu schätzen wissen. Trotz allem sollte uns immer bewusst sein, wie gut es uns trotz Krise und Quarantäne eigentlich geht. Wir haben Nahrung, fließend Wasser, Strom. Sogar Klopapier im Überfluss. Spaß beiseite. Ich wünsche mir einfach, dass der Mensch gestärkt und demütig aus dieser Phase hervorgeht. Ein kleiner Reset kann manchmal Wunder bewirken, zum Umdenken bewegen. Solidarität wird in diesen Tagen großgeschrieben. Der ein oder andere entdeckt seine soziale Ader wieder, und das finde ich sehr schön. Ich wünsche uns allen beste Gesundheit und einen hoffentlich fantastischen Festivalsommer.

Aus dem FAZEmag 098/04.2020
Text: Tassilo Dicke
Fotos: Jörg Singer
www.marc-depulse.com