Um eins vorweg zu nehmen: Unter Druck steht Martin Garrix nicht. Im Gegenteil. 2020 war für den musikalischen Tausendsassa ein Jahr zum Runterkommen. Klar, Lockdown-bedingt. Dies machte sich der Niederländer zunutze und produzierte ganz relaxt am laufenden Band. Keine Live-Gigs, keine Festivals, kein Travelling around the world. Chillig, aber dennoch völlig ungewohnt – schließlich steht der 24-Jährige sonst bei Hunderten Shows auf den größten Mainfloors der größten Open-Air-Events. Warum dann die Subline „Under Pressure“? Ganz einfach: „Pressure“ heißt die neue Single. Und die stammt nicht nur aus der Feder von Martin Garrix. Er hat sich hochkarätigen Support geholt. Tove Lo, eine schwedische Singer-Songwriterin, die mittlerweile in Los Angeles lebt. Ihr Ohrwurm „Habits (Stay High)“: ein weltweiter Superhit. Mehr als eine Milliarde Klicks auf YouTube. Getreu der Devise „Immer auf der Suche nach neuer Innovation“ zeigt sich Garrix hier von einer anderen Seite. Deep, rough, aufs Minimalste beschränkt. Wer also glaubt, der Name Martin Garrix sei immer noch gleichzusetzen mit den Begriffen Mainstream, EDM und Hands up – der irrt. Warum? Das lest ihr im Interview. Aber, Tipp aus der Redaktion: Seht und hört euch am besten den Track erst einmal im Web an. Und zwar hier:

 

 

Hallo Martin, schön, dass du Zeit für ein Interview hast. Das letzte Gespräch zwischen uns ist noch gar nicht so lange her. War Ende letzten Jahres. Damals ging es um die Koop mit Elderbrook, unter deinem Alias YTRAM. Was ist seitdem passiert?

Ich habe Ende 2020 noch einen YTRAM-Track veröffentlicht. Und jetzt starte ich mit „Pressure“ in das Jahr 2021. Ich habe an so viel Musik gearbeitet, 2021 wird verrückt werden.

Wo liegen die Unterschiede zwischen den beiden Tracks „Fire“ und „Pressure“?

Der größte Unterschied ist, dass wir „Pressure“ unter dem Namen Martin Garrix veröffentlicht haben, was aufregend war, aber auch ein bisschen nervenaufreibend für mich. Es ist ein ganz anderer Song als alle anderen Garrix-Stücke, die ich gemacht habe. Also hofft man natürlich, dass die Fans offen für einen anderen Sound sind. Glücklicherweise waren die Reaktionen bisher sehr positiv! Dieses ganze Jahr war für mich im Studio sehr experimentell und im Grunde genommen ohne Druck, denn normalerweise musste ich Tracks mitten auf der Tournee produzieren und fertigstellen. Ich habe jetzt einfach viel mehr Zeit, kreativ zu werden und in die Tiefe zu gehen.

Wie kam die Zusammenarbeit mit Tove Lo zustande? Und wer hat welchen Part im Produktionsprozess übernommen?

Ich möchte ein großes Lob an Osrin und Wilhelm aussprechen, die ich vor ein paar Jahren kennengelernt habe, und die diesen Track zusammen mit mir gemacht haben. Alles begann mit einem Gitarren-Riff, das diesen coolen Bassline-Vibe hatte. Wilhelm hat die Demo-Vocals eingesungen, und die Produktion fühlte sich sehr frisch und anders an. Das Team kam auf die Idee, den Track Tove Lo vorzuschlagen, und sie sagte: „Let’s do it“. Sie hat Teile des Textes umgeschrieben und die Vocals absolut zerschmettert und schickte es mir zurück. Es ist verrückt, denn wir haben uns noch nicht einmal im echten Leben getroffen. Die ganze Arbeit ging über das Internet vonstatten. Sie ist supercool und es macht sehr viel Spaß, mit ihr zu arbeiten.


 

 

 

 

 

 

Die Nummer ist mit 02:25 Minuten ein sehr kurzer Song geworden. Warum hast du dich gegen eine Standardlänge von 03:30 Minuten entschieden?

Ich möchte mich in Sachen Kreativität nicht einschränken und mit dem Flow des Songs gehen. Das bedeutete auch, sich nicht an die „Standardlängen“’ zu halten.

Das Video auf YouTube wurde bereits fast eine Million Mal angeklickt. Worum geht es in dem Clip?

Das Video ist etwas ganz anderes, was mir sehr gut gefällt. Es geht um ein Mädchen, dem die Vision genommen wurde und das versucht, sich zu rächen. Es passt wirklich zum Vibe des Songs.

Der Track ist ziemlich tiefgründig. Wird es einen Remix geben, geeignet für Festivals?

Wer weiß, wer weiß …

Apropos Remixe. Was muss ein Song haben, damit du einen Remix-Auftrag annimmst?

Ich mag es immer, wenn ein Künstler seine eigene Meinung zu einem Track äußert und ihn in etwas völlig anderes verwandelt.

Seit Beginn deiner Karriere hast du Dutzende von Singles veröffentlicht. Woher nimmst du die Kreativität?

Normalerweise lasse ich mich von und auf Reisen inspirieren, von Auftritten und Begegnungen mit allen möglichen Leuten auf der ganzen Welt. Seit es keine Shows mehr gibt, ist es ganz anders, aber ich glaube, das hat einen anderen Teil von mir zum Vorschein gebracht. Ich habe ganz anders klingende Musik gemacht, was sehr aufregend ist. Ich habe auch etwas Festival-Sound gemacht, aber es fühlt sich komisch an, diese Art von Musik zu machen, wenn keine Open Airs stattfinden. Ich habe experimentiert und hatte eine Menge Spaß dabei. Ich lasse mich immer noch inspirieren, aber einfach von anderen Dingen.

Wen betrachtest du als dein musikalisches Idol?

Zu viele, um nur einen zu nennen. Ich denke, es gibt so viele tolle Musiker da draußen und ich lasse mich von so vielen inspirieren.

Normalerweise bist du viel unterwegs, auf Festivals, in Clubs, überall auf der Welt. Siehst du etwas Positives für dich während der Zeit des Lockdowns, weil du jetzt andere Dinge tun kannst?

Für mich war es schön, ein Jahr zu haben, in dem die Pausentaste gedrückt wurde. Ich hatte mehr Zeit zum Nachdenken, Entspannen, Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen, aber auch, um im Studio kreativ zu sein. Auch wenn ich das Touren und die Fans wirklich vermisse, habe ich in diesem letzten Jahr viel über mich selbst gelernt und es hat mir definitiv eine Menge positiver Dinge im Studio gebracht.

Wie bleibst du mit deinen Fans während der Pandemie in Verbindung?

Zum Glück haben wir heutzutage Social Media, was es mir leichter macht, mit meinen Fans in Kontakt zu bleiben. Aber natürlich vermisse ich es, sie im echten Leben zu sehen.

 

Welche Musikprojekte planst du bereits?

Es gibt so viel neue Musik, die in Planung ist, auch nicht mit Martin Garrix zusammenhängend. Ich habe den UEFA-Track, der dieses Jahr endlich veröffentlicht wird, sowie einige sehr spannende Dinge, die mit meinen Nebenprojekten zu tun haben. Ich denke, dass die Leute in den kommenden Monaten langsam merken werden, an welchen Sachen ich in den letzten Monaten gearbeitet habe, als ich nicht viel neue Musik veröffentlicht habe.

Beenden wir dieses Interview doch mit einem Zitat von Tove Lo, aus der offiziellen Pressemitteilung zu „Martin Garrix feat. Tove Lo – Pressure“:

„Dieser Track hat mich förmlich umgehauen und ich wollte unbedingt ein Teil davon sein. Es ist cool, dass es sowohl für mich als auch für Garrix eine leicht neue Richtung ist! Textlich geht es um zerstörerische Leidenschaft und den Mangel an Selbstkontrolle. Was sich toll anfühlt, bis es einen in den Wahnsinn treibt. Ich bin sehr aufgeregt, dass dies unsere erste Kollabo ist und ich hoffe, alle unsere Fans spüren das!“

www.martingarrix.com

Aus dem FAZEmag 109/03.2021
Text: Torsten Widua
Foto Martin Garrix: Louis van Baar
Foto Tove Lo: Moni Haworth