Teil Zwei: die verschiedenen Formate

Analoge Tonträger
Ende 2011 wurde die Nachricht verbreitet, dass die Major Labels Ende 2012 den Verkauf von CDs einstellen würden. Eine merkwürdige Nachricht – vor allem deshalb, weil 2010 die CD mit 82,8 % mit weitem Abstand der am häufigsten in Deutschland verkaufte Tonträger war. Auch wenn der Absatz von CDs weiterhin sinken würde bin ich mir sicher, dass auch 2020 CDs hergestellt und gehört werden. Zu groß ist die Zahl der musikverbundenen Leute, die nie den Schritt von der CD zum Kauf eines MP3s o.ä. vollziehen werden. Mindestens werden CDs 2020 Tonträger sein, die in der Nische zu finden sind, da sie für die Käufer einen besonderen Stellenwert haben. Auch das Vinyl wurde bereits für tot erklärt – aber Totgesagte leben länger. In den letzten drei Jahren erlebte das „Schwarze Gold“ ein so starkes Revival, dass selbst große Handelsketten den romantischen Rentner unter den Tonträgern wieder verkaufen, der mittlerweile fast 1 % Marktanteil hat. Ich stelle mir die Frage, warum diese beiden Formate im Jahr 2020 nicht mehr verkauft oder gehört werden sollten? Sollte ich den vorherrschenden Meinungen im Netz glauben, wäre selbst das Hühnerei mittlerweile digital – ist es aber nicht. Und das ist genau der Punkt. Es scheint mir, dass neue Errungenschaften wie das Internet im Zusammenhang mit Musik bis zum Anschlag ausgereizt werden, da man von den technischen Möglichkeiten überwältigt ist. Fast ist der exzellente, satte und warme Klang des Vinyls vergessen, bis man eines Abends nur eine Platte aus Nostalgiegründen anhören möchte und sich wenig später auf der Seite eines Mailorders wieder findet, um total angefixt Vinyl zu bestellen. Vinyl wird erst dann sterben, wenn es kein Öl mehr auf der Erde gibt.

Digitale Formate
Seit der Einführung der legalen digitalen Angebote, erlebt der Markt einen stetigen Auftrieb und hatte im Jahr 2010 in Deutschland einen Anteil von 17,2 % am Musikmarkt. Im Jahr 2020 werden der digitale und analoge Musikmarkt in Deutschland vermutlich in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen – in den USA ist das bereits Realität. Dann werden junge Menschen Musik hauptsächlich digital konsumieren, ältere Leute in den Formaten, die sie aus ihrer Zeit als Musiknerds kennen. Die anhaltende Diskussion um die Vergütung der Musiker für ihre Musik wird 2020 weitegehend abgeschlossen sein. Musiker, die ebenso Fans der Musik sind, wie es ihre Fans und Musikliebhaber sind, haben sich aufeinander zu bewegt. In der Regel wird gerne für den Musikkonsum bezahlt werden. Es geht nicht mehr darum, Konzernen durch einen Boykott Schaden zu wollen. Man setzt auf das Positive und sieht in der Vergütung letztendlich den Weg, wie Musiker uns, die Fans mit ihrer Musik, begeistern können, auch wenn sie sich in eienr eher kleinen Nische bewegen. Außerdem kann man seit der Einführung des Internets eine Beschleunigung der Gesellschaft feststellen. Nicht nur die Anzahl der Informationen, die Anzahl der Informationsquellen, auch die Flexibilität von Ort und Zeit nehmen stetig zu. Digitale Formate sind daher wegen ihrer einfachen Handhabung und ihres „Gewichts“ das perfekte Format, um immer und überall seine Lieblingsmusik hören zu können. Die sogenannten „Digital Natives“ sind dabei nur die erste Generation, die mit ortsunabhängigen Informationen und Inhalten aufwächst. Welche Tragweite die Digitalisierung hat, werden wir 2020 eher begreifen als es uns jetzt möglich ist. Dabei wird jeder Haushalt über mediale Knotenpunkte uns bisher unbekannten Formats verfügen, die einem in jedem Raum oder auch unterwegs mit der gewünschten Musik beschallen.

Clouds
Nachdem Apple das Rennen um den Launch der Cloud gegen Amazon und Google für sich entscheiden konnte, ist es für jeden Haushalt möglich, sich seine eigene virtuelle Datenwolke anzulegen. Der in Nerd-Kreisen viel diskutierte Launch des Angebotes drang bisher eher in die Bürowelt von Unternehmen, als in private Bereiche vor. Sollte sich die Idee und Notwendigkeit eines (mobilen) medialen Knotenpunkts durchsetzen, wäre eine Ausweitung der Cloudservices in private Haushalte denkbar. Dabei wird auch die Frage eine Rolle spielen, wie sich Festplatten weiterentwickeln, oder wie Technikanbieter die Integration von Unterhaltungselektronik in die Wohnkultur planen. Je mehr die Idee in Richtung der Funktionalität und des Platzsparens tendiert, desto eher wird die Cloud aus Anbietersicht Relevanz haben und entsprechend an Bedeutung gewinnen. Tatsächliche Vorteile einer privaten Cloud jetzt oder im Jahr 2020 erschließen sich mir nicht.

Applikationen
Im Bereich der Applikationen wird es im Jahr 2020 sicherlich ein Angebot geben, von dem wir als Musikfans heute nur träumen können. Bekanntermaßen gewähren uns Charts im Technobereich einen Einblick in die Musikauswahl von DJs. Eine App von z.B. einem Musikmagazin könnte ein Abomodell entwerfen, bei dem man pro Monat die Charts ausgewählter DJs erhält und die Top 3 laden kann. Mit einem Audiokommentar des DJs, was genau diesen Track ausmacht, was dieser Track hat, was andere Tracks nicht haben, was an ihm Produktionstechnisch besonders ist, etc.. Falls es 2020 möglich sein wird, Musik durch Emotionen steuern zu können, oder Musik anhand der Emotionen des Hörers generieren zu können, so hätten Musikfans die Möglichkeit einem Spiegelbild ihrer selbst zu lauschen. Was heute noch aus vorgefertigten Loops und Sounds vom User selber arrangiert werden muss, würde nur anhand der Übertragung der Gefühlslage die Applikation erledigen. Diese dynamischen und individuellen Spiegelbilder könnten angehört und mit Freunden getauscht werden. Eine andere Idee wäre, ebenso die Stimmung des Musikfans in Verbindung mit einem riesigen Pool an Sounds bestehender Musik dahingehend zu programmieren, dass eine Generierung eigenständiger Remixe automatisch passiert. Beide Ideen wirken auf mich unwirklich. Der neue und in jeder Hinsicht herausfordernde Aspekt wäre die Verschmelzung bzw. die Umsetzung von menschlichen Emotionen und statischer Rechenleistung. Der Komponist, die Person, die ein Stück erschafft und ihm Leben einhaucht, tritt vollkommen in den Hintergrund und wird durch Rechenkapazitäten ersetzt. Ein Gedanke, der nicht nur das Mit- und Gegeneinander von Mensch und Maschine thematisiert, sondern auch die Frage aufwirft, inwieweit Kunst vom individuellen Schöpfer abhängig ist.

Daten
Bei den angerissenen digitalen Beispielen gibt es im Vergleich zu den im Laden gekauften Tonträgern einen weiteren großen Unterschied: die Daten, die ein Unternehmen vom Käufer erhält und auswerten kann. Bezahlt man eine CD in bar, hat der Verkäufer nur wenige Daten über seinen Kunden. Generell können Downloads, Streams und das gesamte Nutzerverhalten eines Kunden auf Plattformen getracked werden. So lässt sich nach intensiver oder langer Nutzung ein sehr genaues Bild des Kunden zeichnen. Vermutlich wird in Zukunft deutlich werden, ob und wie viel diese gesammelten Daten wert sind. Damit zusammenhängend stellt sich die Frage, inwiefern Kunden sich gegenüber Firmen derart transparent darstellen wollen. Je mehr Daten eine Firma über einen Kunden hat, desto einfacher wird es ihr gelingen z.B. die musikalischen Vorlieben der Kunden zu befriedigen. Auf der anderen Seite kann eine Individualisierung stattfinden, die dem Kunden nur die errechneten Dinge ermöglichen, die in sein Muster passen. Dabei gilt es immer zu bedenken, dass der Umgang mit Daten errechnet wird und Empfehlungssysteme auf Algorithmen basieren, die die Individualität und Flexibilität, die uns Menschen ausmacht (noch) nicht berücksichtigen kann. Ob dies im Jahr 2020 möglich sein wird, kann ich nur schätzen.

Rückkehr zur Tradition
Man kennt das Spiel, man hört einen neuen Track, der einen in Ekstase versetzt. Man will den Track noch mal hören, und noch mal, bis man sich satt gehört hat und sich dann entweder den alten Lieblingsliedern zuwendet, oder sich neue Tracks sucht. Im übertragenen Sinne habe ich für beide Möglichkeiten weiter oben Szenarien für technische Lösungen des Wunsches nach Musikkonsum gezeichnet. Ein aus meiner Sicht auch in Zukunft wichtiger und unauslöschbarer Aspekt ist die Rezeption über die klassischen Formate mit Hilfe der typischen Heimanlage. Der digitale Rausch der permanenten Verfügbarkeit, die Maßlosigkeit der unendlichen Auswahl, ständig auf der Suche zu sein, ohne sich an dem „Hier und Jetzt“ zu erfreuen erschöpft sich und schlägt vielleicht in Unzufriedenheit um. Die angebotene Funktionalität, die Leichtigkeit und der einfache Umgang mit digitalisierter Musik geht auf Kosten der Klangqualität, der Zwischenmenschlichkeit an einem Ort und dem Erlebnis, sich auf eine Sache zu konzentrieren und sich diese voll und ganz bewusst zu machen: das Hören und Erleben von Musik. Jedem einzigartigen Künstler die Aufmerksamkeit zu schenken, mit der er es verdient, als einzigartiger Künstler wahrgenommen zu werden. Je mehr digitale Musik gehört wird, desto mehr wird auch wieder das Bedürfnis entstehen es in der analogen Form zu tun. Romantische Gedanken sind dabei nicht von der Hand zu weisen, doch kann der warme Klang von analog wiedergegebener Musik und die Haptik von Tonträgern und das Aussehen von Cover, Artwork und Linernotes so einiges, was digitale Formate nicht können. Jetzt nicht und auch in Zukunft nicht.

Sicherlich wird es immer Musikkonsum auf eine Art und Weise geben, die außer Internet-Konzernen und Anbietern zweifelhafter Angebote, niemanden unterstützt. Hoffentlich werden wirschon vor 2020 erleben, dass es bei jedem Service das versprochene Angebot auch zu hören gibt, da sich Anbieter und Hersteller einig sind, dass Musik etwas wert ist und daher für das Hören von Musik freiwillig angemessenes Geld bezahlt wird. Hoffentlich werden wir schon vor 2020 erleben, dass bei allen Leuten, die gerne Musik hören ein Bewusstsein dafür entstanden ist, dass jeder für Musik gerne und freiwillig bezahlt. Nur so kann jeder sicher sein, einen Beitrag dazu zu leisten, dass es in der Zukunft für neue Künstler möglich ist, spannende Dinge auszuprobieren, uns mit neuen Genres zu überraschen und uns einfach mit unschlagbar guter Musik bewegen zu können! Was will man schlussendlich mehr als das? Musik derart genießen, dass Endorphine den Körper durchströmen und wir das pure Leben spüren wenn nach dem Break …

 

Der Autor: Reimut van Bonn (31) arbeitet beim VUT – Verband unabhängiger Musikunternehmen e.V. in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Als Musiker prüduziert er Dub Techno sowie Ambient und Drones.

Musikhören im Jahr 2020 Pt.1
Musikhören im Jahr 2020 Pt.3