The Paris Tapes sind 1987 im Norden von Paris entstanden. Und Sie haben wirklich keinen Kontakt zu den Einheimischen gehabt?

So gut wie gar keinen. Ich konnte ja kein Französisch. Die Franzosen sprechen ja auch kein Englisch und auch kein Deutsch. Sie sind schon sehr Französisch irgendwie. Vielleicht ist es heute anders aber in den 80er Jahren waren die Franzosen noch konservativer. Von der Sprachmentalität her zumindest. Die Franzosen sind ja auch berühmt dafür, nur Französisch zu sprechen. In jedem Land kommst Du mit Englisch durch aber die Franzosen sind da sehr reserviert, die sagen: Non, je parle francais.

Also war das in Frankreich kein selbstgewähltes Exil, sondern die Franzosen wollten Sie nicht kennenlernen?

Ich war einfach isoliert in dem Sinne: Ich ging nicht auf die Leute zu. Klar, ich bin da natürlich auch in ein Café gegangen und habe da natürlich schon gewusst: Un Café. Ganz simple Sachen, das konnte ich sprechen. Und das war´s aber auch schon. Die Sprachbarriere war irgendwie so hoch, dass ich gar nicht in die Versuchung kam zu denken: Ich ziehe heute Nachmittag los und lerne Leute kennen.

Ich stelle mir vor, dass es ein schönes Leben ist, wenn man fünf oder sechs Stunden zu Hause sitzt und Musik macht und dann vielleicht aber auch mal irgendwie rausgeht und irgendwen trifft.

Ich bin schon raus aber eher so zum Spazieren gehen oder mal zum Essen gehen oder Kaffee trinken. Ich bin auch schon mal in einer Bar gesessen, so ist es nicht, auch in Bars Abends mal. Aber es war schon schwierig, also ich kann jetzt nicht behaupten, dass ich da irgendwie großartig Kontakt hatte. Es war eher schon sehr für mich, sehr alleine.

Sie hatten einen Synthesizer…

Ich hatte einen Synthesizer, so ein Plastik Teil, dieses ensoniq SQ1, hieß das. Das hatte ich mitgenommen, mit einer Tasche, wirklich ein paar ganz simple Sachen nur. Eine Tasche mit Klamotten, ein Musikinstrument. Und habe dann im Grunde genommen in Paris von vorne angefangen nach ein paar Sachen, die nicht geklappt haben.

Auf der CD ist kein Text drauf.

Keine Lyrics, meinst Du. Das war bewusst, ich habe nur musiziert, ich habe nur Musik gemacht. Ich war in der Stimmung kompositorisch zu arbeiten. Ich hatte dieses Gerät und das hat mich auch inspiriert. Das ist schon die Wahrheit, dass auch Musikinstrumente eine Rolle spielen, auch so ein bisschen, wie du dich bewegen kannst. Je mehr du mit einem Instrument machen kannst, umso mehr kannst du machen. Umso weniger, umso weniger Möglichkeiten hast du auch, dich musikalisch auszudrücken. Minimalistisch ist auch gut, aber dieses Gerät hat mich wirklich dazu verleitet, geradezu inspiriert… Das hatte nämlich acht Spuren. Das war so eine Art Workstation. Du konntest da zum Beispiel eine Keyboardline, die ja eher im tiefen Bereich ist, im Bass, aufnehmen. Und danach spielst du eine Spur drüber, vielleicht eine Violine.

Man konnte also verschiedene Instrumente einprogrammieren…

Und du konntest den Sound auch kreieren, das war schon ein sehr tolles Gerät. Du hast auch eigene Soundbanks gehabt, also Violine oder Keyboard sind schon drauf, aber du kannst diese Sounds auch verändern. Man kann es speichern und dann klingt es so wie du es willst. Das war schon wie ein Computer in einem Musikinstrument. Das nannte man damals Workstations. Die sind eine Zeit lang ganz berühmt geworden, die gibt es heute noch. Heute sind das natürlich riesen Dinger. Da kannst du alles machen, spielen, schneiden, editieren, andere Sachen dazu laden. Das war das aber auch in klein. Es hatte immerhin acht Spuren, die du übereinander aufnehmen konntest, du konntest ein richtiges Musikwerk kreieren.

Was macht den Unterschied zu der Musik von DAF?

Das hat mich inspiriert, denn die DAF-Formel ist eine richtig heiße Sequenz, ein Beat und der Gesang und die Lyrics. Das ist die berühmte DAF-Formel. Die kannst du in den Tonhöhen variieren, aber es ist nur eine Sequenz. Diese Formel haben wir kreiert, damit sind wir berühmt geworden. Das ist eine richtig fette, geile Sequenz, das ist egal, ob das Mussolini ist, oder verschwende deine Jugend, oder der Räuber und der Prinz. Und dann ein Beat drauf, also so ein richtiger cooler Beat und Gabi singt bei DAF dann immer am Schluss seine Lyrics drauf.
Die Paris Tapes sind eine sehr vielschichtige Musik, fast schon wie ein Orchester.

Warum klingt das wie ein Orchester?

Weil ich das alles aufeinander gespielt habe. Ich habe die erste Geige gespielt, dann habe ich den Bass gespielt… Das klingt total klassisch. Das könntest du fast mit einem Sinfonieorchester aufführen. Und das klingt so, weil ich viele Spuren übereinander gespielt habe, nicht nur eine. Und das ist der Unterschied zu DAF.
Als ich nach Paris kam und in dieser eher isolierten Situation lebte, wollte ich wirklich mit neuer Musik neu anfangen. Und wirklich was anderes machen. Deshalb habe ich wie in einer Partitur viele Stimmen übereinander gelegt. Wie in einem Orchester und irgendwann ist es ein ganz großer Klang.

Was ich an DAF mag, ist diese Direktheit und Radikalität.

Das ist dieses minimalistische, dieses kräftige, DAF ist auch wahnsinnig einfach.

Sie haben sich damals mit Gabi Delgado zerstritten…

Unser erster Break mit DAF war ja 1983. Wo wir auch unseren Fans gesagt haben, wir hören am Höhepunkt auf. Das DAF Bild ist zu Ende gemalt, das war ja damals unsere Aussage. Und Ende 1985 haben wir unser erstes Comeback gehabt. Und 1986 haben wir diese Scheibe gemacht, diese „First Step to Heaven“. Das war unser erstes englisches Album, wo wir auch zusammen singen – Brothers. Das wir Brüder sind, der Gabi und ich. Und das dramatische war, wir haben 1985 diese Comeback Platte gemacht. Und am Anfang haben wir uns richtig gut verstanden und als die Platte eingespielt war, haben wir uns schon wieder so zerstritten…
Es gab mehrere Gründe, da hat auch dann die Plattenfirma dazwischen gefunkt und so weiter. Da haben wir dann plötzlich eine andere Meinung gehabt, wie wir das handhaben, mit der Firma und so. Auf alle Fälle haben wir uns so zerstritten, der Gabi und ich, gerade als die Platte fertig war. Normalerweise bist du happy, es kommt eine neue Platte raus… Und wir haben uns wieder getrennt.

Eigentlich hätten Sie auf Tour gehen können…

Tour, genau. Wir haben dann noch ein paar Gigs gemacht, weil die Plattenfirma das von uns verlangt hat. Aber wir waren eigentlich schon getrennt.

Jetzt gibt es DAF wieder…

2003 haben wir nochmal ein Comeback gehabt. Seit 2003 ist wieder alles gut. Wir machen wieder Konzerte, 2003 haben wir diese Platte 15 neue DAF Lieder rausgebracht. Das war unser drittes, ne zweites Comeback. Wir haben uns drei Mal getrennt, aber wir hatten nur zwei Comebacks insgesamt.

Nachdem Sie sich mit Gabi Delgado gestritten hatten, verging Ihnen die Lust an der Musik. Wie hat sich das angefühlt?

Ich hatte die Schnauze richtig voll, denn ich habe mich auf dieses Comeback 1986 sehr gefreut. Und das fand ich so abgefuckt irgendwie, da habe ich gesagt, jetzt mache ich erst mal ganz was anderes. Da habe ich mich entschlossen Schauspiel zu studieren. Dann bin ich auf dieses Stella Adler Konservatorium nach New York gegangen. Das ist eine ziemlich bekannte Schauspielschule. Das hat mir sehr gut gefallen. Vor allem die Shakespeare Klasse, das war so richtig Bühnen Schauspiel. Das ging dann so ein dreiviertel Jahr, dann hat mich das amerikanische Immigration Office entdeckt. Ich habe mich aus deren Sicht illegal in Amerika aufgehalten. Ich habe mit einem Touristenvisum studiert, das ist nicht erlaubt.
Da haben die mich aufgeklärt, für so etwas braucht man ein Studentenvisum und das war so schlimm, dass sie mich aus Amerika rausgeschmissen haben. Ich musste innerhalb von einer Woche gehen und wurde mit einem zehnjährigen Einreiseverbot bestraft. Das war schon ein richtiger Rausschmiss, gerade, dass sie mich nicht abgeführt haben. So abgeschoben und ins Flugzeug gesetzt… Es ging fast schon in die Richtung.

Dann wollten Sie nach Deutschland einreisen und das hat auch nicht geklappt.

Die Amerikaner sagen: „When the shit hits the Fan.“ Wenn die Scheiße… Fan ist dieser Propeller im Sommer, im Raum… Stell dir das das mal bildlich vor… Wenn die Scheiße den Ventilator trifft.
Ich, also aus Amerika rausgeschmissen, DAF im Arsch, totale Enttäuschung, mit Gabi, endgültige Enttäuschung. Schauspiel zu Ende. ich komme zurück, dann erwartet mich hier auch in Deutschland die Grenzkontrolle, die Bundeswehr: Sie sollen eingezogen werden. Sie können sich innerhalb von 14 Tagen melden, sonst werden Sie von den Feldjägern abgeholt.

Es war ja auch davor schon so viel passiert, ich kann mir vorstellen, dass Sie einfach erschöpft waren und nach Hause wollten.

Genau. Und dann habe ich voll die Flucht nach vorne angetreten, denn zur Bundeswehr wollte ich nicht. Ich konnte mir nicht vorstellen eine Waffe in die Hand zu nehmen. Und ich hatte aber nur 14 Tage Zeit. Beim nächsten Mal werden sie abgeholt, hieß es ja. Sie müssen sich ganz dringend melden.
Und es war alles so im Arsch, dass mir genau das Gegenteil eingefallen ist: die Romantik. Ich wollte irgendwo hingehen, wo es ganz schön ist. Und dann ist mir Paris eingefallen. Ich war schon mal in Paris und das hatte ich so in Erinnerung: Paris ist so schön. Das hatte ich im Kopf.
Es gibt ja sogar den berühmten Spruch: Paris, die Stadt der Liebe. Und da habe ich meine Tasche gepackt und dieses ensoniq Gerät und bin mit dem Nachtzug von München nach Paris gefahren und habe mich eigentlich vom Acker gemacht. Und bin dann fast ein Jahr lang in Paris gewesen.