Nicht nur als DJ, auch als Produzent zeigt sich der Berghain-Regular Oliver Deutschmann seit einigen Monaten sehr umtriebig. EPs und Remixe erscheinen in kurzen Abständen auf verschiedenen Labels und mit S.M.O.D. wird nun ein ganz neues Projekt losgetreten. Wir haben mit dem sympathischen Techno-Act gesprochen und bringen euch nun auf den neuesten Stand.

Oliver Deutschmann


In diesem Jahr konntest du bereits deine Premiere auf Luke Slaters Mote Evolver feiern; du bist damit erneut Teil eines sehr hochwertigen Release-Katalogs. Erzähl uns doch etwas mehr über die Entstehung der Tracks und die Zusammenarbeit mit Mote Evolver!

Mit Luke und Mote Evolver zu arbeiten, ist natürlich ein Traum. Ich bin wirklich ein Fan von ihm und seinem Label. Keine Ahnung, wie viele Dutzend Produktionen ich da schon gekauft habe. Vor ein paar Monaten hatte ich dann eine E-Mail von ihm im Postfach – ob ich mir vorstellen könnte, etwas auf seinem Label zu veröffentlichen. Was für eine Frage! Absoluter Gänsehautmoment. Ich habe ihm dann gleich einige Tracks geschickt und er hat sich dann auch sehr schnell entschieden. War alles sehr unkompliziert und professionell. Auf jeden Fall eines der Releases, auf die ich am stolzesten bin. Die Tracks sind über einen Zeitraum von ca. einem Jahr entstanden. Als es für mich klar war, dass ich Berlin in näherer Zukunft den Rücken kehren und nach meinem Umzug wahrscheinlich erst mal kein richtiges Studio haben würde, habe ich mich wie verrückt in die Studioarbeit geworfen. Die Tracks für Mote Evolver sind alle in dieser Zeit und unter diesem „Druck“ entstanden.

Was so ein Umzug doch alles bewirken kann. Wieso wolltest du weg aus Berlin?

Unser schöner Altbau am Mauerpark wurde an einen Investor verkauft. Luxussanierung mit allen Begleiterscheinungen. Und unser Kiez hatte sich einfach wahnsinnig stark verändert. Nicht alles zum Besten. Die Porsche-Cayenne-Dichte wurde immer höher. Außerdem gab es noch viele persönliche Gründe, die für einen Umzug gesprochen haben.

Mit der EP „A Form Of Travel Unknown To Humans“ wurde nun ein neues gemeinschaftliches Projekt losgetreten, das unter dem Namen S.M.O.D. läuft. Wie kam es zu dieser Kooperation und wer steckt hinter S.M.?

Hinter S.M. steckt Sascha Müller. Einige dürften ihn als Smilla von seinen Alben auf Analog Audio und Harthouse kennen. Ich bin ja nun vor einigen Monaten aus Berlin weg und in meine alte Heimat Offenburg gezogen. Sascha lebt auch dort. Wenn ich in den letzten Jahren meine Familie besuchte, haben wir auch öfter zusammen auf Partys in der Region gespielt, die er oder Freunde von ihm veranstaltet haben. Nach meinem Umzug haben wir begonnen, uns in seinem Studio zu treffen, um zu sehen, ob auch hier die Chemie stimmt. Hat auf jeden Fall gepasst!

Was können wir in Zukunft noch von S.M.O.D. erwarten? Bleibt es ein Side-Project oder wirst du dich vermehrt darauf konzentrieren?

Alles, was ich neben meinen Solo-Produktionen als Oliver Deutschmann mache, ist ein Side-Project. So war das auch mit Orion, Berg oder gowentgone. Aber ich bin mir sicher, dass man von S.M.O.D. in naher Zukunft noch einiges hören wird. Demnächst erscheint ein Track auf der kommenden Compilation von Second State, dem Label von Pan Pot. Danach wahrscheinlich noch mal eine EP auf Saschas Label Taktschleife. Dann sehen wir weiter. Wir machen uns da keinen Druck.

Könntest du dir in diesem Zusammenhang auch wieder ein Album vorstellen? Oder ist das etwas, was deinem Solo-Projekt vorbehalten bleibt?

Mit S.M.O.D. kann ich mir definitiv ein Album vorstellen. Wir treffen uns zurzeit regelmäßig und haben schon Material für ca. drei Alben produziert! Mal sehen, wo es uns diesbezüglich hintreibt.

Da habt ihr ja gute Vorarbeit geleistet. Wie können wir uns die Zusammenarbeit im Studio vorstellen? Hat da jeder seine bestimmte Aufgabe im Schaffensprozess?

Das folgt keinem bestimmten Schema. Einer fängt an und der andere steigt ein. Mal programmiert er die Drums, ein anderes Mal mache ich das und er kümmert sich dann um die Synthies. Geordnetes Chaos. Am Ende muss es uns beiden einfach gefallen. Die unangenehmen Dinge wie das Abmischen überlasse ich aber gerne Sascha! (lacht)

Abgesehen davon: Kürzlich erschienen Stücke auf Etruria, OFF und Maeve. Wirst du deine Fans weiter in dieser Frequenz mit neuer Musik begeistern?

Klar. Es kommen ja immer noch ein paar Remixe im Laufe des Jahres. Außerdem werde ich mich demnächst mal wieder an eigenes Material setzen!

Lass uns noch etwas über deine Gigs sprechen wie deine Residency im Veto Club auf Ibiza. Was unterscheidet den Club bzw. dessen Politik vom sonstigen Trubel auf der Partyinsel?

Das Veto ist ein ziemlich kleiner Club in Eivissa, es passen ca. 150 Leute rein. Bier kostet 4 EUR, Eintritt ist frei. Die Besitzer sind einfach cool und wollen der gnadenlosen Kommerzialisierung auf der Insel etwas entgegensetzen. Ich hatte da schon eine Menge toller Nächte. Tolle b2b-Sets mit Thomas Schumacher, Ed Davenport usw. – das Publikum ist ab 5:00 Uhr morgens willenlos. Geiler Club. Kann ich nur empfehlen. Es sei denn, man steht auf 50 EUR Eintritt, versalzenes Leitungswasser und 20 EUR für einen Longdrink. Dann ist das natürlich nichts.

Das hört sich nun wirklich nicht nach Ibiza an. Auf welchen Festivals können wir dich außerdem erleben und welche Clubs wirst du bespielen?

Der Sommer ist ziemlich vollgepackt dieses Jahr. Besonders freue ich mich auf meinen Gig im Geheimclub Magdeburg. Schon viel Gutes darüber gehört. Außerdem spiele ich diesen Sommer zum ersten Mal in Dresden, Warschau, Peking sowie Schanghai und Ende Juli auf dem Open-Air-Festival Schall im Schilf bei München auf der Hotflush-Stage. Besonders freue ich mich wieder auf die Pornceptual-Party in Berlin im August. Davon kann man zwar seinen Enkeln später nichts erzählen, aber wenn man es exzessiv mag, sollte man sich das nicht entgehen lassen!

Diese Erfahrungen können deine Nachkommen ja dann selbst machen. Wovon man ihnen aber gut und gerne erzählen kann, sind die Vorfälle und Aufstände in Tiflis rund um den Club Bassiani. Auch du hast schon zweimal in Georgien gespielt und wir hatten ja in unserem letzten gemeinsamen Interview bereits über die Zusammenhänge von Techno und Politik gesprochen. Wie hast du diese Situation in Georgien wahrgenommen?

Die Staatsgewalt in vielen Ländern, gerade in autokratisch angehauchten, ist ja schnell bei der Hand mit Razzien in Technoclubs. Vorrangig soll es dabei immer um Drogen gehen und darum, die Besucher davor zu schützen. Das ist natürlich Quatsch. An so etwas glauben nur die allergrößten Vollidioten. Bei der Fabric in London ging es ja offensichtlich um Grundstücksspekulation, also um Gier. Und ein Club wie das Bassiani ist natürlich vielen konservativen und reaktionären Menschen ein Dorn im Auge. Homosexuelle, Künstler, Freaks, Normalos, Menschen, die friedlich zusammen feiern. So etwas geht natürlich nicht. Beeindruckend, wie die Leute in Georgien aufgestanden sind, um sich „ihren Club“, der ja auch so etwas wie ein Safe Space ist, zurückzuholen. Da wäre ich definitiv gerne dabei gewesen! Ich bin auch gespannt, wie es in einem Land wie China weitergehen wird. Wenn Techno dort zu einer großen Bewegung werden sollte, wird sich die Regierung das nicht einfach nur anschauen, auch dort wird sie wahrscheinlich versuchen, Repressalien zu ergreifen.

Aus dem FAZEmag 077/07.2018
Text: Gutkind
Bild: Stella Weisser