In den vergangenen Wochen wurden sie gewählt. Der Mann oder die Frau des Jahres. Das Wort des Jahres. Der Fußballer des Jahres. Das Celebrity-Pärchen des Jahres. Der peinlichste Ausrutscher des Jahres. Ja, diese Liste könnte man unendlich fortsetzen. Konzentriert man sich allerdings auf die wichtigen Dinge im Leben, wie die Musik, verringert sich die Auswahl beachtlich. Oliver Schories gehört auf diesem Gebiet zu den Protagonisten in 2012. Seine Sets wurden frenetisch gefeiert – sowohl live oder als DJ im Club oder im World Wide Web. Liebe zum Detail wird ihm nachgesagt. Und so trug sein Debütalbum im März 2012 den kurzen, aber passenden Namen „Herzensangelegenheit“. Zwölf Monate später ist der Hype um seine Person riesig. Sein Kalender quillt über vor Shows, Interviews, Studio-Terminen. Dennoch fand der gebürtige Bremer Zeit, an seinem zweiten Album „Exit“, das im März auf seinem Label der turnbeutel erscheint, zu arbeiten. Bevor die neuen Stücke um die Welt gehen, setzte sich der mittlerweile in Hamburg lebende Schories außerdem hin, um den zweiten FAZEmag Download-Mix in 2013 zu erstellen und unseren Fragen Rede und Antwort zu stehen.

Nach deinem Debütalbum entwickelte sich das Jahr 2012 ziemlich erfolgreich für dich. Wie ist deine persönliche Retrospektive?
2012 war schon anders als die Jahre zuvor, das stimmt. Selbst bekommt man das ja immer recht spät mit – ich jedenfalls. Als im März das Album kam, wurde die Aufmerksamkeit, auch international, auf einmal um einiges größer. Ich erinnere mich noch an eine lustige Begegnung im Shuttlebus in Belgien auf dem Weg zum Tomorrowland Festival, zu dem ich mit dem Youtube-Team aus London fuhr. Ein Mädel von denen machte seinen iPod auf der Fahrt an und spielte den Podcast ab, den ich ein paar Wochen zuvor für Ibiza Voice aufgenommen hatte. Sie sagte ‚Hey, this Oliver is playing today as well, we need to see him‘, da musste ich natürlich schon ein bisschen grinsen und habe mich gefreut. Ansonsten war eigentlich alles wie immer, nur etwas mehr als ich bisher gewohnt war: Ein bisschen mehr Arbeit, ein bisschen mehr Stress und ein paar mehr Leute, die kamen, wenn ich gespielt habe. Und dann kam im Juni dieser magische Samstagmorgen in Lärz, von dem ich inzwischen den Eindruck habe, dass so gut wie jeder vor Ort gewesen ist. Es ist absolut unglaublich, was für eine riesige Resonanz diese 60 Minuten auf dem Fusion Festival ausgelöst haben. Es vergeht nahezu kein Abend, an dem ich unterwegs bin und mich nicht jemand darauf anspricht. Am Sonntag nach dem Auftritt bin ich in Urlaub gefahren und hatte quasi als ‚letzte Amtshandlung‘ noch das Set auf Soundcloud hochgeladen. Als ich dann nach drei Tagen das erste Mal wieder online ging und nachschaute, war es bereits über 40.000 mal abgespielt worden – da ahnte ich, dass das wohl doch etwas höhere Wellen schlagen könnte. Auch wenn dieses Wort immer etwas cheesy klingt, würde ich dieses Set als eine Art Durchbruch bezeichnen.

Die Klicks auf deinem Soundcloud-Profil sind definitiv beeindruckend. Wie wichtig sind für solchen Zahlen der digitalen Welt für dich?
Ich würde lügen, würde ich sagen, sie seien unwichtig. Parallel zu den Verkaufszahlen und den Charts hat sich in den vergangenen Jahren eine Menge entwickelt. Es gibt ja viele Künstler, die nicht eine einzige Veröffentlichung haben, aber zehntausende Plays auf Soundcloud und so auf sich aufmerksam machen. Ein gutes Beispiel ist da Nico Pusch, der sich in den letzten Jahren mit dem Basteln von Bootlegs beschäftigt hat (die übrigens witzigerweise von Soundcloud weitgehend nicht gelöscht worden sind) und es so über Facebook und Soundcloud inzwischen zu europaweiten Bookings gebracht hat.

Findest du das eher positiv oder negativ?
Ich halte das definitiv für eine gute Sache, da die Künstler so ohne Umweg mit den Leuten in Kontakt treten und sich Feedback abholen können. Auch ich habe ja als einzigen Kommunikationskanal Facebook, über den ich neue Tracks, Mixe und Termine verbreite. Es ist meines Erachtens sehr wichtig, mit den Leuten auf Augenhöhe zu sein, auf Fragen zu antworten und zu sehen, was gerade so läuft, dafür ist Facebook ein geeignetes Medium, da es recht ungefiltert ist. Die Leute sind in der vermeintlichen Anonymität des Internets einfach ehrlicher. Wenn du einen schlechten Track hochlädst, schreiben dir innerhalb weniger Minuten zehn Leute, dass das Schrott ist, dann weißt du sofort: Ok, next
J.

Bei dir gehören negative Kommentare eher zur Seltenheit. Vielmehr werden deine „Jahreszeiten“-Mixe geliebt, geliked und geteilt. Wie entstand die Idee dazu, und welches Konzept verfolgst du dabei?
Ehrlich gesagt kann ich mich nicht mehr daran erinnern, welches der erste Jahreszeiten-Mix war und wie es dazu kam. Ich glaube, dass ich einfach nur nach einem Titel suchte und ihn dann – mangels Kreativität bei der Namensfindung – der damaligen Jahreszeit entsprechend benannte. Die Klickzahlen waren astronomisch, und irgendwann wurden dann Fragen nach einem Nachfolge-Set der nächsten Jahreszeit entsprechend laut. So ist diese ‚Serie‘ entstanden. Von Konzept möchte ich hier auch nicht sprechen; es sind meist eher ruhigere, langsame Tracks, die sich oft nur schwer im Club spielen lassen, mir aber trotzdem sehr gut gefallen und für mein Empfinden Gehör finden sollten. Als recht großes Problem sehe ich bei der ganzen ‚Mixtape-Community‘ jedoch momentan Soundcloud selbst, die seit geraumer Zeit intensiv damit beschäftigt sind, Sets von diversen DJs ohne weitere Information einfach zu löschen – mit Verweis auf Copyright-Verstöße. Auf Nachfragen, welcher Track des Sets denn aber nun dem “automatic content protection system‘ nicht gefällt, gibt es keine Antwort.

Exit TurnbeutelAuch die Stimmen nach einem FollowUp deines Albums „Herzensangelegenheit“ haben sich in den vergangenen Wochen gemehrt. Ehe wir auf die Zukunft zu sprechen kommen – bist du mit der Resonanz auf deinen ersten Longplayer zufrieden?
Als ich die Demos des Albums zu Parquet Recordings schickte, sagte der Vertrieb ‚davon werden wir keine 100 Stück verkaufen!‘ – Ich musste wirklich ein bisschen um die Veröffentlichung kämpfen. Einer Vinyl-Edition wurde von Anfang an eine Absage erteilt, und beim Thema CD war ich mir überhaupt nicht sicher – braucht man das? Wer kauft denn im Jahre 2012 noch CDs? Ich wollte aber auf alle Fälle was Physisches haben, und so habe ich dann die CD-Version extra nochmal gemixt, dass sie ohne Unterbrechung durchläuft – und wir haben uns für eine Gutschein-Lösung entschieden: Wer die CD kauft, bekommt die mp3s ungemixt dazu. Das hat dann doch erstaunlich gut funktioniert, zur großen Überraschung aller Beteiligten. Es war schließlich auch für Parquet ein verhältnismäßig großes Ding, und ich kann mich nur immer wieder bei Normen (Solee, dem Labelboss, Anm. d. R.) bedanken, dass er mir das Vertrauen geschenkt hat und ich die ganze Scheibe genau so veröffentlichen konnte, wie ich wollte, ohne irgendwelche Kompromisse eingehen zu müssen. Wenn ich es heute höre, würde ich natürlich alles anders machen, aber in der Entstehungszeit Ende 2011 fand ich das cool so. Ich bin super zufrieden mit dem Feedback, und danke ganz herzlich allen, die mich dabei unterstützt haben, dass es geklappt hat.

In den vergangenen Wochen hattest du die Chance, „alles anders zu machen“. Im März erscheint mit „Exit“ dein zweites Album.
In der Tat, es kommt am 15. März ziemlich genau ein Jahr nach dem ersten. In diesem Fall sogar auch als Vinyl. Es enthält 13 neue Tracks, wobei „Sunset“ bereits als Single mit Remixes von Joris Delacroix, Wankelmut und Newbie Nerdz im Dezember 2012 auf meinem Label der turnbeutel erschienen ist. Insgesamt denke ich, dass für mich das Albumformat eine bessere Möglichkeit darstellt, meine Musik zu veröffentlichen, als mit Singles und EPs. Meine Musik funktioniert im DJ-Set nicht. Einzelne Titel vielleicht, aber das Gros ist zu speziell, um es aufzulegen – es sticht immer zu sehr heraus. „Exit“ ist viel runder als der Vorgänger, natürlich auch wieder mit viel Bass und Vocals, enthält einige der ‚klassischen‘ Schories-Elemente, klingt aber insgesamt schon homogener. Bisher hat es kaum jemand gehört, ich werde es einfach mal veröffentlichen und schauen was passiert. (lacht)

Du hast gerade dein DJ-Set angesprochen. Ich habe kürzlich ein Interview von dir gelesen, in dem du behauptest deine DJ-Skills seien in den letzten Jahren vermeintlich schlechter geworden – also doch lieber live?
Beides hat seinen Reiz, ganz klar. 2013 wird sicher wieder gut durchmischt sein, da achte ich schon immer drauf. Ich habe mein neues Live-Set so gut wie fertig, habe nun die NI Maschine und den Livid Instruments CNTRL:R voll mit eingebunden und warte sehnsüchtig auf den ‚Push‘ von Ableton. Wenn der das kann, was die Werbung verspricht, ist es exakt das Gerät, das mich “complete” in meinem Setup macht. Dann wird das Live-Set zu einer kleinen Technikschlacht in der ich mich über 90 Minuten richtig schön austoben kann und Spaß haben werde. Für DJ-Sets muss ich mir nochmal ein neues Setup überlegen. Ich bin ja großer Fan von Traktor mit Timecode-Vinyls, muss aber leider immer mehr feststellen, dass sich viele Clubs davon verabschiedet haben, ihre 1210er zu pflegen und nur noch auf CD setzen. Ich hatte es letztes Jahr wirklich sehr oft, dass Club- oder Bühnentechniker einfach nicht mehr wissen, wie Plattenspieler aufgestellt und vor Vibrationen geschützt werden – von daher werde ich wohl auch sehr bald auf CD-Player mit Timecodes ausweichen. Denn wenn dir alle drei Minuten die Nadel weghüpft, macht das auch keinen Spaß. Aber – ich bin DJ, lege seit 15 Jahren Platten auf, und werde von daher ein DJ-Set vermutlich immer etwas lieber spielen als live, auch wenn ich nie der perfekte Beatmatcher und Stimmungsbogenerzeuger war und nie sein werde. Ich spiele einfach das, was mir gefällt – ohne mich dabei irgendeiner Etikette zu unterwerfen. House, Techno, Deep-, Tech- ein paar Bootlegs, ein paar Klassiker …

Wohin denkst du, geht die Reise in den nächsten Jahren? Verlieren aufgrund der Digitalisierung Akteure, die ausschließlich auflegen, an Bedeutung und wird somit der Live-Act immer wichtiger?
Ich denke, dass es immer DJs genauso wie Live-Acts geben wird. Die Sache ist eben, dass man als Live-Act einfach ein paar halbwegs gute Produktionen haben muss, um damit auch gebucht zu werden. Denn nichts zieht sich schlimmer, als ein langweiliger Live-Act. Zunehmende Digitalisierung bedeutet ja – leider – nicht automatisch auch eine zunehmende Anzahl an guten Produzenten. Vielmehr werden wir uns meines Erachtens damit anfreunden oder abfinden müssen, dass über kurz oder lang wohl der Großteil der Akteure mit Laptop oder USB-Stick spielen wird, und Vinyl wohl weitgehend verschwinden wird. Ich sehe so selten Leute, die noch mit Vinyl auflegen, und gepaart mit der bereits angesprochenen oft schlechten technischen Ausstattung der Clubs wird das sicher so weitergehen. Von meinem Label der turnbeutel weiß ich ja auch ein bisschen, wie sich die Vinylverkäufe verhalten – lohnen tut sich das definitiv nicht.“

Was dürfen wir denn für 2013 auf dem Label erwarten?
Ich lege in diesem Jahr ganz klar mein Hauptaugenmerk auf das Label. Wir werden eine Reihe von Veröffentlichungen haben, darunter Miyagi aus Hamburg, Kollektiv Ost aus Berlin, Uschi & Hans oder Zusammenklang aus Bremen, schNee aus Berlin und noch einige weitere. Zum Sommer hin wird es auch noch eine neue Single aus meinem Album mit Remixes von Rodriguez Jr, Pupkulies & Rebecca und Dan Caster geben. Weiterhin werden wir ein paar Label-Partys veranstalten und unsere Booking-Agentur ausbauen. Es steht also wieder einiges an in diesem Jahr. / Rafael Da Cruz

Ab sofort und exklusiv bei iTunes: DJ-Set #12 – Oliver Schories

www.oliverschories.de
www.der-turnbeutel.de
www.soundcloud.com/oliverschories

FAZEmag 012/02.2013