zoom_plx_1000_1_l
Auf der diesjährigen Musikmesse konnte man sich bei der Präsentation eines Pioneer-DJ-Turntables unter einer Glashaube noch nicht sicher sein, ob das nun die ironische Beerdigung des analogen DJ-Zeitalters demonstrieren sollte, oder ob die Japaner wirklich das schier Undenkbare wagen würden. Inzwischen wissen wir: Sie wagen sich! Viel wurde bis zum jetzigen Erscheinen dann spekuliert, geunkt und, vorrangig von der eingefleischten Technics-Jüngerschaft, klein geredet. Bei aller mehr oder minder fundierten Kritik bekam man sehr schnell das Gefühl, als schwänge abseits der ohnehin kaum bekannten Faktenlage eine schwer greifbare  Negativeinstellung gegenüber dem Hersteller mit. Gerne sah man sich in der Vinylfraktion als „chosen few fighter“ im Kampf gegen Pioneer als offenbar nicht weniger als die DJ-Weltmacht anstrebenden Goliath. Gegen eine Company, die zunächst die analoge DJ-Kultur maßgeblich mit zerstörte und nun auch in diesem sorgsam gehegten Biotop herum wilder will. Die wollen nun einen dem Technics ebenbürtigen Analog-TT herausgebracht haben? Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Lässt man dieses Feindbild einmal hinter sich, stellt man rasch fest, dass das sehr wohl sein kann. Denn betrachtet man den Pioneer Hifi-Sektor, wird deutlich, dass die Japaner seit 50 Jahren und bis zum heutigen Tage nie aufgehört haben, vorzügliche Plattenspieler zu bauen. Naja gut, im Hifi-Bereich, schmettert es einem da gleich wieder entgegen. Offenbar vergessend, dass auch der Technics 1200/1210 einst genau für diesen Einsatzbeich konzipiert war. Hier unser Test.


Äußerlichkeiten
Dass der PLX-1000 unmöglich ein Relplikant zumindest des schwarzen SL-1210MK2 sein kann, zeigen bereits einige äußerliche Details. So ist Power-Schalter auf dem Strobotürmchen keine aufgesetzte Scheibe, sondern wird oben abschließend vom Alu-Zylinder umfasst. Ebenso verfügt der TT über einen Pitch-Rest (anstelle des Einrastpunktes), so dass die Pitchfahrt ungestört und auch nahe des MK2-nolralgischen Nullbereichs exakt funktioniert. Ferner wohnt der auf Knopfdruck ausfahrbaren Nadelspitzenbeleuchtung natürlich kein Glühbirnchen inne, sondern es erstrahlt mit einer langlebigen LED. Addiert man diese Feinheiten, gleicht der PLX-1000 in Funktionsumfang und Layout (inklusive der blauen Beleuchtung) somit eher den ab 2002 gebauten Technics-Modellen SL-1210MK5 bzw. MK6 denn dem Ahnen von 1979. Pioneer tat gut daran, sich den aktuellsten Versionen anzulehnen, da diese bereits die wenigen MK2-Schwachpunkte ausgemerzt hatten. Wir werden uns im Folgenden deshalb auch auf die Unterschiede des Pioneer-Neulings zum MK5 beschränken. Denn auch die bei aller optischer Verwechselungsgefahr durchaus vorhanden. Beispielsweise sind beim PLX-1000 weder das Stromversorgungs- noch das Cinch-Out-Paar fest mit dem Gerät verbunden. Stattdessen lugen ein handelsüblicher Kaltegerätestecker sowie eine klassisches Stereo-Cinch Anschlusspaar gut geschützt aus dem Hinterteil. Hier sind die ensprechenden Strippen einfach anzuschließen. Darüber hinaus sind kleine Handmulden ins Chassis eingelassen, ebnefalls um einen Transport zu erleichtern. Aber ganz ehrlich: Wer will Koloss mit 13,1 kg Rohgewicht häufger als unbedingt nötig schleppen? Damit ist er sogar 1 kg schwerer als der MK5. Gehäusebeschädigungen sind in keinem Falle zu erwarten, denn der PLX-1000 stellt sich bis hinauf zur metallischen Faceplate einerseits ebenso „rock solid“ wie sein Vorbild dar und ist dank des Spezialkunststoffgehäuses sowie der höhenverstellbaren Dämpfungsfüße gleichermaßen vibrationshemmend. Einen offizellen Rumble-Wert weist Pioneer zwar offiziell nicht aus. Hörbar negative Klangeinstreuungen, ob rumpeln oder brummen, konnten wir jedoch definitiv keine feststellen. Und wir waren, soweit im Heimbetrieb möglich, bei derSimulation eines harten Clubeinsatzes wahrlich nicht zimperlich. Übrigens wurde auch bei den jungen Zwölfzehner-Modellen die Dämpfung im Vergleich zu den Vorgängern immer wieder verbessert. Denn so ganz „ohne“ war der geheiligte MK2 in diesem Punkt keinesfalls. Amüsiert waren wir über den kreisrunden statt eckigigen Start/Stop-Schalter, welcher auf mit fast schon ironischem Seitenblick die Brücke ins CDJ-Zeitalter schlagen zu wollen scheint. Für Design-Gleichheit mit anderen Pioneer-Produkten ist also durch dieses niedliche Detail gesorgt.

Innereien
Zu den Unterschieden in der Funktion und verbauten Elektronik. Für die meiste Verwunderung hat im Vorhinein wohl das extrem hohe Drehmoment des bürstenlosen Gleichstrommotors von 4,5 kg/cm gesorgt. Es ist damit auf dem Papier gleich dreifach höher als beim MK5. Den Unterschied von 0,3 Sekunden zu 0,7 Sekunden im Anlauf spürt man tatsächlich deutlich, vor allem wenn man die Wettbewerber parallel betreibt. Entscheidungsgrundlage für diese starke Variante könnte sein, dass Pioneer neben klassischen Club-Drehern eben auch Hip-Hop-DJs und Turntablisten als Käuferschcht im Blick hat. Sie wären dumm, wenn sie diese Zielgruppe nicht ansprächen. Denn so weh es auch tut: Weltweit gesehen ist Hip-Hop größer als Dance und dürfte zudem auch noch deutlich stärker „an der Nadel“ hängen. Und dort darf es, losgetreten  1999 vom Vestax PDX 2000 (2,0 kg/cm), antriebsmäßig eben inzwischen auch deutlich kräftiger zur Sache gehen. Für dieses Argument spräche weterhn, dass sich, ebenfalls zum allgemeinen Erstaunen, der Pitchbereich nicht nur auf +/- 8% und 16% sondern sogar auf +/-50% einstellen lässt. Einen derart extreme Umsetzung wird ein reiner Dance-DJ kaum nutzen. Ebenfalls nur spekulieren können wir zur Frage, warum zur beidseitigen Zufredenheit dann keine einstellbare Startzeit aufgenommen wurde. Noch nicht einmal mittels Schraube unterhalb des Tellers. Vielleicht, weil es das Motobauteil nicht hergab. Und/oder sich durch diese Regelvariabilität auch die Gleichlaufschwankungen nochmals erhöhen würden. Diese sind nominell bereits mit maximal 0,1% WRMS (Messmethode JIS WDT) angegeben. Beim Technics MK5 liegen sie bei 0,25% (Messmethode JIS C552). Merken wird man diese Differenz im DJ-Alltag jedoch nicht; selbst bei ausgedehnten Beatmatchings und Parallelläufen identischen Vinyls drifteten die Kontrahenten in unserem Testlauf nicht auseinander. Weitere Befürchtungen gab es im Vorfeld beim Klang. In diesem Punkt scheint der unbeugsame Technics-Lover dann doch wieder zu wissen, dass der MKx für ein (einstiges) Massenprodukt bis zum heutigen Tage einfach hervorragend klingt. Und da beißt die Maus keinen Faden ab: Es stimmt. Der Pioneer klingt aber mitnichten schlechter. Wir konnten keinen hörbaren Unterschied feststellen. Im wichtigen Bassfundament kommt der Pio so satt und bis in die Frequenzspitzen klar definiert wie der Technics; er wirkt insgesamt sehr dynamisch und warm –  so, wie man es von einem Analog-TT erwartet. Man muss allerdings betonen, dass die Vielzahl der sonstigen Komponenten im DJ-Setup einen mindestens eben so großen Einfluss darauf haben, was am Ende durch die Boxen perlt. Welches Nadelsystem nutze ich, sind die Auflagekraft und der Tonarm perfekt austariert, wie gut ist die jeweilige Platte gemastert und geschnitten und welche sonstigen Bausteine (Mixer, Verstärker etc) befinden sich in der Signalkette sind entscheidendende Fragen. Ein wirklicher Klangvergleich der reinen Turntable-Hardware wäre also nur unter idealen Laborbedingungen möglich und sinnvoll.Und damit für uns schon wieder sinnlos. Denn bereits wer einen DJ- statt dedizierten Hifi-Tonabnehmer ansteckt, drückt einen Teil möglicherweise vorhandener TT-Hardware-Vorteile unter die Wahrnehmungsschwelle. Und wollen wir mal nicht so tun, als seien DJs beim Auflegen Hifidelisten vor Herrn. Sie sind Arbeiter und der TT ist das Arbeitsgerät. Wer es nicht glaubt, kann ja mal einen echten Hifidelisten  zu sich einladen und ihm zeigen, was ihr mit Plattenspieler und Vinyl so alles „drauf hat“. Wäre kein Leptosom sondern kräftg genug, würde er euch beides um die Ohren hauen, zumindest aber entreißen. So bleibt ihm aber keine andere Wahl, als such wegen Misshandlung Schutzbefohlener anzuzeigen.

Coup oder kein Coup?
Zweifellos ein Coup ist Pioneer mit dem PLX-1000 dahingehend gelungen, das sie einen analogen Turntable auf den Weg gebracht haben, der dem Technics MK5 absolut ebenbürtig ist. Vielleicht sogar zu ebenbürtig. Denn nicht wenige dürften von dem japanischen Digitalspezialisten erhofft haben, dass das ein oder andere moderne Zusatzfeature Einzug hält (Preamp, Key Adjust, USB-Interface, Controllerfunktionen). Aber dann wäre der PLX wiederum ein aufgerüsteter, vielleicht auch fehleranfälliger Digital-TT und für die puristische Technics-Fraktion von vornherein untragbar. Dass ein deutlich stärkerer Motor verbaut wurde, dürfte ein Zugeständnis an die Hip Hop-Fraktion mit dem Ziel der Zielgruppenverbreiterung sein. Das ist legitim. Denn auch Pioneer will, nein müssen das Laufwerk natürlich in möglichst großer Stückzahl verkaufen. Reine Liebhaberei kann sich Pioneer ebensowenig erlauben, wie es Panasonic/Technics konnte. Wäre es anders, würden die Zwölfzehner schließlich immer noch hergestellt. Ab dem Zeitpunkt des meditativen Zusammenbaus (Slipmat auf Teller auf Spindel) ist die Arbeit mit dem PLX-1000 jedenfalls ein absolutes Erlebnis. Was zwar geht, aber aufgrund der differierenden und nicht einstellbaren Motorleistung doch etwas unangenehm ist, ist der gleichzeitige Betrieb eines Technics und des Pioneers. Aber hier greift ohnehin die Regel, dass man stets nur zwei TTs (und zwei Systeme) gleicher Bauart verwenden sollte. An die 4,5 kg/cm hat man sich, sofern man sich tatsächlich profesioneller DJ nennt, im Nu gewöhnt. Tatsächlich existiert kein rationaler Grund, sich nicht für Pioneer zu entscheiden. / Matthias Tienel

Pioneer PDX-1000
Analoger DJ-Schallplattenspieler
Preis: 699 EUR UVP

Das könnte dich auch interessieren:
Frank Sonic testet den Reloop RP-8000 – Plattenspieler 2.0
Digital DJs aufgepasst: Pioneer DJ stellt den XDJ-1000 vor
Elevator lädt zum “Work & Shop Day” ein
www.pioneer.eu

20140909_1017065