Alben & Compilations – Platte des Monats
Bondage Games Part 11
20 Years of Bondage-Music (Bondage-Music)
Das Leipziger Label Bondage-Music feiert seinen 20. Geburtstag und veröffentlicht zum Jubiläum eine besondere Ausgabe der „Bondage Games“-Serie. Anstatt der üblichen 12Inch mit vier Tracks wurde eine Dreier-Vinyl-Box geplant, die letztlich aber immer weiter wuchs und letztlich bei 20 Tracks – passend – und fünf Platten. Stammpersonal wie Mihai Popoviciu, Sascha Dive, Markus Homm, Tuccillo NTFO sowie die Labelheads Pornbugs waren gesetzt, dazu gesellen sich viele weiter Acts aus dem Umfeld des Leipziger Labels wie Lolu Menayard, Tuccillo oder Dust Yard. 20 Tracks aus dem Feld von House, Deep House, Dub (Techno) und Minimal sind auf dieser Compilation und repräsentieren den vielfältigen Sound des Imprints, der hier charmant und druckvoll rüberkommt. Zu den Highlights gehören der Dub-Tempo-Track „Patterned Shards“ von Roger Gerressen, „Shared Orbit von Steve Bug & Pornbugs, „Missing Pieces“ von Markus Homm und „Slow Down“ von Lola Palmer. 10 Tech Guardiola
Alben & Compilations – Top Five
Alexander Kowalski
Echoes / 25th Anniversary Remaster (Cycles Music)
Zum 25-jährigen Jubiläum erscheint Kowalskis Debütalbum in einer behutsam remasterten Fassung, die den ursprünglichen Charakter bewahrt und zugleich mehr Klarheit, Tiefe und Druck aus den Tracks herausholt. Dabei wird schnell deutlich, warum das Werk Anfang der 2000er Jahre zu den prägenden Veröffentlichungen auf Kanzleramt zählte. Die Mischung aus treibenden Grooves, hypnotischen 303-Lines, kraftvollen Drum-Machine-Rhythmen und melancholischen Melodien besitzt bis heute eine beeindruckende Strahlkraft. Statt auf bloße Nostalgie setzt „Echoes“ auf eine zeitlose Vision von Techno, die sowohl auf dem Dancefloor als auch beim konzentrierten Hören funktioniert. Zu meinen persönlichen Highlights zählen das deepe und zugleich druckvolle „Oxygen“, die überraschend groovige House-Nummer „Delicious“, die futuristischen Breaks und verspielten Synth-Effekte von „Patterns Of Hope“ sowie der minimalistische Bunker-Raver „Silence Of Thoughts“. Auch 25 Jahre später klingt „Echoes“ erstaunlich frisch. 9 scharsigo
Anthony Rother
Anthony Rother presents DATAPUNK 20+ YRS (Datapunk)
Nach mehr als zehn Jahren kehrt Rother zu einem seiner prägendsten Projekte zurück. Die 38 Tracks umfassende Werkschau vereint Klassiker wie „Father“, „Back Home“ oder „Punks“ sowie bislang unveröffentlichtes Material aus den Jahren 2005 bis 2010. Dabei wird deutlich, wie stark DATAPUNK die Entwicklung von Electro und Techno mit seiner Mischung aus futuristischen Klangwelten, Synth-Pop-Ästhetik und maschineller Melancholie beeinflusst hat. Das Schöne an dieser Zusammenstellung ist, dass jeder einzelne Track den Geist einer anderen, teils vergangenen, teil ewig fortwährenden Epoche zu atmen scheint. Einiges klingt richtig schön oldschool nach Electro-Punk, Indie oder Electronica. Die Hybrid-Edits stehen dem Ganzen im Nichts nach und fügen mal düstere Industrial-Klänge hinzu, mal technoide Club-Vibes mit futuristischen Klanglandschaften. Zwei extra Snacks gibt’s noch vom 2006er Gig beim Pukkelpop. Das Ding hier sollte sich kein Fan entgehen lassen! 9 scharsigo
Boards of Canada
Inferno (Warp Records)
Unabhängig davon, dass man dieses Album unbedingt in voller Länge – also wirklich von der ersten bis zur letzten Sekunde – hören sollte: im Grunde ist es ein Soundtrack! Aber für was für einen Film? Komödie passt nicht, Krimi sowieso nicht, Horrorfilm eh nicht, bei Science-Fiction wird es schon realistischer. Das Duo Boards of Canada hat mit dem Album „Inferno“ ein sehr spannendes, neues Album veröffentlicht. Es beginnt mit einer Prophezeiung bei 1420 MHz, die Geräusche aus dem All verarbeitet, womöglich sogar von Außerirdischen. Wir mussten sehr lange auf ein neues Album warten, auf diesen einzigartigen Sound, auf das Sphärische, die Überraschung. Erstes großes Highlight ist das Stück „Naraka“, welches Flirren, Verzerrung und eine unglaubliche Tiefe vereint. Nach 30 Sekunden ist man im Kopf mitten im Weltraum. ByteFM schreibt zum Album, dass es „ein beunruhigend schönes Album über das instabile Verhältnis von Glauben und Wissenschaft“ ist. „Into the magic land“ ist dann Flirren hoch drei! Vielleicht könnte es doch ein Soundtrack zu einem Film sein, der in einer staubigen Wüste spielt, obwohl es staubige Wüste in der Heimat des Duos, nämlich Schottland, gar nicht gibt. Die 18 Stücke des Albums sind ein Inferno fürs Ohr. Musik zum Zuhören. Als Kurzurlaub ins Weltall. 9 Dirk Domin
Christian Prommer
Rhythmic Nocturne (Compost Records)
Christian Prommer möchte uns in eine rhythmische Nacht einladen und das gelingt ihm. Das Titelstück „Rhythmic Nocturne“ eröffnet sein neues Album mit Gitarre und einer sehr dichten Atmosphäre und Spannung und Piano und macht sofort Lust auf die weiteren Stücke. Der Multi-Instrumentalist und Produzent mit einer langen Geschichte bei Compost Records hat elf Stücke auf das Album gepackt. „Black Mamba“ hat ein ganz wunderbares, schräges Piano – gepaart mit einer Club-Tauglichkeit. „Night Society“ pendelt zwischen klassischer Musik und Club, was Christian auf eine fast magische Weise gelingt. „Spiral“ ist auch wieder ein Spagat zwischen balearischen Einflüssen, Brasilien und Peak-Time-House. „Struck“ ist zusammen mit der Sängerin Leona Berlin aufgenommen worden und erinnert auf eine sehr schöne Art und Weise an Jazzanova und Massive Attack. Den letzten Track „I Lost Myself In The Music“ können vermutlich alle Leser:innen dieser Musikzeitschrift nachvollziehen – das Stück ist entrückt und sommerlich und ist ein wunderbarer Abschluss dieses spannenden Albums. 9 Dirk Domin
EINER REIN. EINER RAUS
(mauromusica)
Maurizio Schmitz erfüllt sich einen lang gehegten Traum. Am 27. Juni wird aus seiner 1999er Partyreihe, die seit 2014 auf Eis lag, nun ein eigenständiges Label & Event: MAUROMUSICA. Musikalisch bewegt sich das Release zwischen Warm-Up, Peak-Time und Afterhour Sound, ebenso wie eine Clubnight idealerweise klingt. In Zukunft soll dort auch Ambient seinen Platz finden. Das 2×12“ Vinyl-Release wird ein hochwertiges, limitiertes Kunstobjekt. Gleich zu Beginn geht’s gut los! „Based In Space“ baut sich über einen hypnotischen Groove auf, ehe technoide Synths den Startschuss für mehr Tempo liefern. Ruhiger angehen lässt es „Endless Pulse“ von RE-ST, während uns „Ducks and Dolphs“ von ja:cK deutlich druckvoller auf die Tanzfläche schubst und sich im letzten Drittel noch einmal zu einem echten Clubhit entlädt. Mit dem melodisch-progressiven „The Sampler“ von Fedele und der dystopischen Tech-House-Nummer „Like It Never Was“ von Dracul Radu folgen dann meine zwei Highlights, ehe uns Sublee mit „Bagamudra“ wieder einfängt und mit rhythmischen verspielten Sounds den Cortisol-Spiegel senkt. 9 scharsigo
Aus dem FAZEmag 173/07.2026