Platten des Monats – Juli 2026 – Singles & EPs

Singles & EPs – Platte des Monats

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Lyfe On The Dancefloor (Detroit Techno Records)
Wir blicken gut 40 Jahre zurück: In Detroit rocken die Belleville Three (Juan Atkins, Derrick May und Kevin Sanderson) mit einem futuristischen Sound die Dancefloors und steigen in den Folgejahren zu Ikonen und Innovatoren von Techno auf. Auf diese Pioniere folgten zahlreiche Produzenten, DJs und Acts auf Labeln wie Transmat, Underground Resistance oder Metroplex. Auch heute noch huldigen wir den Originalen; dennoch entwickeln weiterhin noch Unerschrockene den Sound weiter und liefern mitunter beeindruckende Ergebnisse. So wir die 12. VÖ auf Detroit Techno Records. Sechs Übertracks lassen Dein Inneres jubeln und auf dem Floor Freudentänze vollführen. „Funkin 4 Detroit“ bringt uns den voluminösen Wummerbass (erinnert an Bobby Konders) mit minimal Kicks und ravy House-Sequenzen. In „Barry’s House“ deept es gewaltig zwischen den Percussioninstrumeten und narrativen Interaktionen – geiler Groove, super Track! Wir coolen down und bewegen uns mellow wie Moodyman mit Gesang im chilligen House („Smoke & Wine“). Auf der Flip funkt es mit Disco massiv – Streicher all over, Female Vocals und ein trockener Bass sind die Ingredienzen. Jazzige Parts wetteifern mit breakender Rhythmik, warme Chords flanschen sich an („Amaphide“), bevor das funky und perkussiv rollende „Here My Dear“ tracky and anders gut, eine überirdische 12inch seiner Vollendung zuführt. Wer immer das produziert hat, gehört den ikonischen Detroit Troublemakern von damals vorgestellt, um ein paar Kollabos an den Start zu bringen. SENSATIONELL! 10 Cars10.Becker

Singles & EPs – Top Ten

Cutworx
Stubborn / Red Lights (Data Music)
Würde ich versuchen, für dieses Release keine Superlative zu verwenden, müsste ich sagen, dass das hier die fettesten Tunes sind, die ihr diesen Monat zu hören bekommt. Denn was Cutworx hier abliefert, bedarf eigentlich des Superlativs des Superlativs. Oder, um es anders auszudrücken: Für diese beiden Tracks wurde das Wort „heavy“ erfunden. Was euch erwartet, ist stoisch walzender Techfunk im Doppelpack. Düster, fordernd, weder daran interessiert, Kompromisse einzugehen, noch Gefangene zu machen, setzen die Tunes „Stubborn“ und „Red Lights“ nicht nur jeden Club in Brand, sondern bringen auch jedes noch so selbstbewusste Soundsystem an seine Grenzen. Drumandbass-Schönheit des Monats! 10 points Feindsoul

DJ Koze
Spiralen EP (Pampa Records)
Der Autor dieser Zeilen hatte das große Glück „Spiralen“ vorab bei 100 Dezibel auf einer wirklich sehr guten Funktion One hören zu dürfen und es war schlicht und einfach ein magischer Moment. Die wabernde Melodie, dieses ganz Feine, die bewusste Langsamkeit, das Überraschende und dann der an Hildegard Knef erinnernde Gesang von Sophia Kennedy: „„In Deinen Augen drehen sich Spiralen / Sie ziehen mich tiefer als jeder Verstand / Die Welt wird weich an ihren Rändern / Und alles fliegt ins Niemandsland“. Dieses Stück dürfte auch gar nicht schneller sein als 120 Beats per Minute. Eine Discokugel wird beim Hören dringend empfohlen. Und von der Magie mal abgesehen hört man nach etwa 13 Sekunden: das kann nur neue Musik von DJ Koze sein! Das gilt auch für die sehr persönliche B-Seite „Wo´s Patric?“, bei der die fast Rave-artige Melodie irgendwann (ebenfalls wieder magisch und ohne den Rave zu vergessen) in die gehaucht-geflüsterte Zeile „Wo´s Patric?“ übergeht. Erinnert total an ein älteres Stück von DJ Koze, aber an welches fällt einem bei der Vielzahl der großartigen Musik von ihm nicht unmittelbar ein. Sowohl die A- als auch die B-Seite eignen sich sehr gut zum rauf und runter und wieder rauf und wieder runter hören. Wirklich magisch! 10 Dirk Domin

Fiona Kraft
Onyva (No Merci Music)
Der französische Star featured sich mit Nummer 30 auf dem eigenen No Merci Label. Der neue Track skizziert klassischen Detroit Techno a la „Strings Of Life“. Euphorisch ist die Stimmung und zum Quasi-Break nach knapp vier Minuten rollen die Drums deep – die Synthies highlighten den Groove mit der Wärme und Eleganz von Streichern und die Leude werfen wir natürlich alle unaufgefordert die Hände in die Luft. Mit „Onyva“ zeigt sich ihr tiefes Verständnis von elektronischer Musikhistorie und zeitgenössischer Dancefloor-Dynamik. Klasse! 9 Cars10.Becker

Harry Romero, Brothers Macklovitch & Austin Ato
The Corner (Rekids)
Jetzt wird es bemerkenswert auf Rekids (und das im positive Sinn): Bereits mit den Unterlabeln bedient Matt auf seinem Label neben Techno auch andere housige Gangarten. Dass jetzt allerdings Harry Romero & Konsorten auf dem Techno Urimprint nun lateinamerikanischen House zelebrieren, erstaunt an dieser Stelle schon. Der Piano Mix eröffnet mit warmem, energetischem House, der Piano und Gitarre in einem jazzigen Format swingen lässt. Im „Deep In Jersy Dub“ setzen Filter und Breakdown Akzente, um die Spannung aufzubauen. Sehr, sehr starkes Release auch unter Zuhilfenahme von A-Track und Dave 1 aka Brothers Macklovitch! 9 Cars10.Becker

K’Alexi Shelby
OMG (Klassik Blueprint Muzik)
Bei diesem Labellaunch erwartet uns wahrhaftiger, elegischer Afro-House mit hymnenhaften Gesang und schönen afrikanischen Blasinstrumenten. Dabei weicht K’Alexi vom aktuellen Afro-Einheitsbrei erfrischend ab und erschafft mit „OMG“ einen gospelhaften, bluesigen Afrotrack – beeindruckend! Quasi als deepe Version kommt auf der Flip „Who Wants It Deep“ mit repetitivem Chordloop, narrativen Malevocals und breakenden Beats – sehr, sehr gelungenes Stück, das die Ursprünglichkeit von House und Rootyness des afrikanischen Kontinents beleuchtet- Master At Work werden dieses Vinyl auf Rotation bei ihren Sets setzten. 9 Cars10.Becker

Module One
Sundays (Luck of Access)

Killerplatte aus Andrey Pushkarevs Deep- und Dub-Schmiede Luck of Access made by Victor Kiktenko alias Module One. „Animation“ legt mit schweren Bässen, stoischen Kicks und leicht taumelnden Chords los. Das schiebt ordentlich nach vorn, bleibt aber deep genug, um auch in längeren Spannungsbögen zu funktionieren. „Square One“ geht anschließend melancholischer zur Sache: verträumte Flächen, weicher Groove, spätnächtliche Stimmung. Sehr hübsch. Dann das Wort zum Sonntag: „Sundays“ badet in schöner, immersiver House-Wärme. Leafar Legov alias Irf legt im Remix noch eine staubige Jazz-Patina darüber und zieht das Ganze weiter in Richtung verträumter Afterhour. Diese Scheibe ist eine absolute Bank! 10 Laenkford

Ramon Bedoya & TheConnect
Cigarette (Repopulate Mars)
Mit ihrem ersten gemeinsamen Release bringen uns Ramon Bedoya und TheConnect schnellen und kompromisslosen Techhouse. Zu hören bekommen wir forsche Beats, zusammen mit fetzigen Fx-Sounds, verspielten Vocals, prägnanten Synthies und Percussions, die Fangen spielen. Das geht schon ziemlich zügig nach vorne, vergisst aber nicht jede Menge Drive zu versprühen. Nice! Und für den Fall, dass ihr es nicht mitbekommen habt, so feiert RPM einen Milestone. Das hier ist die Katalognummer 300. Was zum einem natürlich als Understatement verstanden werden kann. Auf der anderen Seite zeigt es aber auch den Wert, den Musik heute noch hat. Es sind ja nicht nur die 300 Releases, die Lee Foss auf RPM rausgebracht hat. Dazu gehören ja auch noch Releases auf North Of Neptune, South Of Saturn und ich weiß nicht, wie weit Lee Foss noch bei Hottrax drinsteckt. Das ist eine unglaubliche Masse an Tracks, die man heute überall dabei hat und die in der Flatrate enthalten sind. Versteht mich nicht falsch, das werfe ich Lee Foss nicht vor! Ich nehme das hier nur als Beispiel für den Wert, den Musik heute noch hat. Man verliert bei der Masse an Releasen vollkommen den Bezug zur Musik. Zur Arbeit, die sich ein Künstler / eine Band damit gemacht hat. Den Feinheiten in der Kunst des Musikschaffens. Was, so glaube ich, auch für abnehmende Qualität in vielen Releasen sorgt. Es wird alles austauschbarer, es klingt vieles einfach gleich. Ich weiß, was ihr sagen wollt, die 60er Generation hat ähnliches gesagt als die 80er kamen. Die 80er Generation sich über mp3 beschwert. Die Boomersprüche kennen wir alle noch. Jedoch ist das Tempo aktuell echt krass. Um aber den Bogen zu spannen, sollten wir das natürlich nüchtern betrachten und uns sagen, disruptive Veränderungen sind auch was Gutes, denn sie schaffen Platz für Neues / Anderes. Es ist aber trotzdem auch ein bisschen Schade. 9Rusty

Solee
XX EP (Future Romance)
Solee feiert sein 20-jähriges Künstlerjubiläum und hat dazu eine Compilation mit 20 ausgewählten Tracks aus seiner Karriere rausgehauen. Vier davon haben es – editiert – auf die Vinyl-EP geschafft, eine Essenz seines kreativen Schaffens aus zwei Dekaden. Schon der erste Track „Zebra“ ist eine wilde, melodische und progressive Abfahrt mit Pathos, die immer noch frisch und fett klingt. „Pink Panther“ haut in eine ähnliche Kerbe, ist nur etwas introvertierter und entspannter. „Morgenrotsonate“ verzückt mit Synthies und Melodie, während „Watoto“ etwas geheimnisvoll über den Dancefloor gleitet. 9 Beau Tanik

Urban CC
The Introduction Part II (Berg Audio)
Obscure Shape – eigentlich für knackigen Techno bekannt – wirft hier sein drittes Release unter seinem House-Moniker Urban CC ins Rennen und findet mit Berg Audio die perfekte Anlaufstelle. Das passt nicht nur wie Arsch auf Eimer, sondern klingt darüber hinaus auch noch absolut phänomenal. Vier Detroit-infused Dub-House-Banger bringen den Floor zum Kochen, ehe „Willy“ auf der B3 dem Ganzen dann mit einer herausragenden Ambient-Jungle-Nummer die Krone aufsetzt. Volle Punktzahl! 10 Laenkford

Various Artists
Disco Berlin (Eclipser 19)
Sehr schöner Deep House zum Auftakt von Daniel Paul & Stenger: Ihr „Let Em Dance“ findet die richtige Balance zwischen Druck und Deepness, so dass man sehr gepflegt auf dem Floor grooven kann. Auf der Flip vollführen die beiden ihren zweiten Streich mit „Paternoster“. Der Basslauf erinnert an die chilligen Deep Funk Mover Mocca aus dem Ruhrgebiet – schöner chilliger House. Dann wird es discoid: Alessandroni Paul Honesty klingt mit seinem „Welcome 2025 Instrumental“ wie „Ma Quale Idea“ von Pino D‘Angio von 1979. Extrem cooles Vinyl! 10 Cars10.Becker


Aus dem FAZEmag 173/07.2026