Platten des Monats – Juni 2026 – Alben & Compilations

Alben & Compilations – Platte des Monats

25 Years Cocoon Recordings – Volume Two
(Cocoon Recordings)
Das einflussreiche Frankfurter Label um Sven Väth präsentiert die lang angekündigte zweite Ausgabe seines aufwendigen Jubiläumsprojekts. 15 exklusive Club-Tracks, weitestgehend im Bereich von House und Techno, vereinen bravurös den langjährigen Künstlerstamm mit den jüngeren Neuzugängen der Cocoon-Familie. Die Compilation beginnt mit „Activate“ des Produzenten Emanuel Satie zunächst sehr schwungvoll; britische Pianos lehnen sich an große Dance-Hits der 90er-Jahre an. Im Anschluss wird es sodann funky und soulful mit dem Vocal-House-Track „Love Is Like Music“, der direkt in das erste Highlight des Samplers mündet: „Liquid Sunshine“, eine wunderbar sphärische Angelegenheit mit wirbelnden 909-Drums, die wie gemacht ist für die gerade begonnene Saison auf Ibiza. Von hier geht es stark weiter mit Roman Flügel und einer seiner spannendsten Produktionen bisher, „Secret Service“ – möglicherweise der Track der Compilation! Vor allem alles aufgrund guter inhaltlicher Substanz in vernünftiger Länge. Marcel Dettmann setzt sodann mit „Magnet“ auf hypnotische Sounds, während Petar Dundov mit dezenten Acid-Einschüben aufwarten kann. Der gebürtige Ire Dec Lennon alias Krystal Klear steuert mit „New Gen Tech Tool“ einen wahren Hit bei, der die ein oder andere Stimmung diesen Sommer hochkochen lassen dürfte. Ricardo Tobar führt den Hörer mit „Union“ ein in seine höchst interessanten Arrangement-Techniken, während Gregor Tresher und André Galluzzi sich mit „Strahlung“ direkt aus dem RBMK-Reaktor melden. Das verhältnismäßig kurze „Chides“ lässt das facettenreiche Hörerlebnis wunderbar laid-back ausklingen. Ein sensationelles 5×12“-Boxset! 10 Master J  

Alben & Compilations – Top Ten

Curses presents Next Wave Acid Punx TROIS
(Eskimo Recordings)
Diese Compilation ist für mich definitiv die Scheibe des Monats. Aufgeteilt in drei Kapitel geht Curses’ Next Wave Acid Punx in die dritte und auch letzte Runde. Ich war schon ein großer Fan von Luca Venezias ersten beiden Runden und liebe den Sound, der hier gespielt wird. Im ersten Kapitel geht es wieder um die Klassiker, die Techno und House geprägt haben und auch heute noch gerne gespielt und gehört werden. Unter anderem finde sich dort Model 500, Nitzer Ebb & Die Krupps, Metropolit und Age Of Love. Insgesamt 13 songs sind es die schwer bis gar nicht mehr zu finden sind. Jetzt aber zurück ins Jetzt. Insgesamt 33 weitere Tracks befinden sich auf den Kapiteln zwei und drei. Hier findet ihr Songs von Künstlern wie natürlich Curses, Dina Summer, Digitalism, ROTCIV, Iggor Cavalera (ja, der von Sepultura) und Radondo. Das besondere an der Next Wave Acid Punx TROIS ist, dass viele der Songs nicht direkt EBM sind, sondern viele Anleihen aus dem Italo Disco nehmen. Das macht die beiden letzten Kapitel zu einem etwas helleren Abschluss der Reihe, was mir gut gefällt. Absolute Empfehlung, hier ist kein Ausfall bei. 10 Transmitter

Déepalma Ibiza 2026
Mixed by Yves Murasca & Rosario Galati (Déepalma Records)
Labelhead Yves Murasca und sein langjähriger Déepalma-Act Rosario Galati läuten die neue Runde ein, willkommen in der Ibiza-Saison 2026! In der Sommersaison wird die weiße Insel zum Hotspot der europäischen Partyszene, kaum eine Destination hat so einen Vibe, der die Menschen glücklich macht. Und diese Compilation repräsentiert dieses Feeling eindrucksvoll. „Déepalma Ibiza 2026“ besteht aus drei Mixen: „Sunset Moods“ fängt die magischen Stunden des frühen Abends ein, wenn die Dämmerung einbricht und das Partytreiben langsam startet. Es herrscht eine Atmosphäre, die prickelt und sich immer weiter auflädt. Tracks Mollono.Bass, Gorge, andhim oder von Yves Murasca & Rosario Galati selbst sorgen für diese unvergleichliche Stimmung. Der zweite Mix sind die „Pool Party Grooves“, hier schlagen Herz und Beat schneller, der Dancefloor am Pool ist voll und sprudelt über vor Euphorie – dafür sorgen auch Tracks von Bob Sinclar, Carl Cox mit einem Ninetoes-Remix, Sandy Rivera, Milk & Sugar oder CASSIMM. Mit den „Beach Feelings“ wird es dann wieder chilliger, durch den warmen Sand geht es zum Meer, dessen sanfte Wellen am Strand branden und ein wohliges Rauschen erzeugen. Wohlig auch die Trackauswahl mit Acts wie Groovecat, Sebb Junior, Nick & Curly & Stee Downes und wieder auch mit den beiden Protagonisten dieser tollen Compilation. 9 Chill Schweiger

Digitalism
Optimism (Magnetism Records)
Seit über zwanzig Jahren sind İsmail „Isi“ Tüfekçi und Jens „Jence“ Moelle auf ihrer Mission unterwegs, elektronische Musik ordentlich zu rocken! „Optimism“, das auf ihrem eigenen Label Magnetism Records erscheint, ist ihr fünftes Studioalbum und obwohl sie natürlich auch hier ihren eigenen Trademark-Sound zelebrieren, haben sie dieses Mal etwas anders gemacht. Hatten sie bisher immer auf zahlreiche Ideen, die auf Festplatte oder in der Cloud gespeichert sind, zurückgegriffen, so haben sie für „Optimism“ nur neue entwickelte Songs aufgenommen und darüber hinaus hochwertige Studio-Hardware benutzt, die ein Freund in ihrem legendären Bunker-Studio zwischenlagerte. Der Titel war am Anfang, bevor auch nur ein Ton produziert wurde. Ein Statement in Zeiten, in denen Optimismus mehr denn je wichtig ist und mit dem ein Raum abseits der Politik geöffnet werden soll, “in dem jeder seinen Platz hat und gehört werden kann”. Herausgekommen sind auch dieses Mal wieder teils eingängige, teils fordernde Banger. Mit viel Druck, kreischend, anstoßend, bittersüß, wummernd, wachmachend und auch sehr sympathisch. Das Hamburger Duo erfüllt die Erwartungen, „Optimism“ blickt zurück, nach vorn nimmt uns mit und startet ordentlich durch. 9 Elle Ektro

DJ Seinfeld
If This Is It (Ninja Tune)

DJ Seinfeld klingt auf „If This Is It“ deutlich emotionaler und melodischer als noch zu seinen früheren Lo-Fi-House-Tagen. Statt staubiger Clubtools setzt das Album stärker auf Atmosphäre, Vocals und nostalgische Klangbilder. Besonders „U Can’t Come Home“ zieht direkt rein – schwebende Synths, fragile Vocals und diese melancholische Grundstimmung, die sich fast durch das komplette Album zieht. Gleichzeitig gibt es immer wieder Momente, die klar Richtung Dancefloor gehen. „Quakin’“ wirkt deutlich druckvoller und cluborientierter, während „The Right“ mit Confidence Man angenehm verspielt und fast schon poppig nach vorne marschiert. „Of Joy“ erinnert mit seinen Trance-Anleihen tatsächlich an frühe 2000er-Momente, ohne billig nostalgisch zu wirken. Besonders stark ist außerdem „Something That I’ve Never Known“ mit SG Lewis – cineastisch, leicht verträumt und mit diesem Italo-Synthwave-Einschlag. Pop und House liegen – wenn gut produziert – so dicht beieinander. 8 scharsigo

Harald Grosskopf
Glitches Brew (bureau b)

Krautrock-Veteran Harald Grosskopf meldet sich mit „Glitches Brew“ zurück und liefert damit eines seiner stärksten Alben. Der titelgebende Verweis auf Miles Davis‘ Werk „Bitches Brew“ ist Programm: Auch hier geht es um produktive Reibung – zwischen Mensch und Maschine, zwischen kosmischem Erbe und digitaler Gegenwart, die hier geprägt ist von Schnelligkeit und Unmittelbarkeit. Entstanden ist der Longplayer in nur drei bis vier Monaten in seinem Gartenstudio, klingt dabei aber nicht hastig. Sequenzergetriebene Grooves, analoge Wärme und ein untrügliches Gespür für Rhythmus als emotionalen Katalysator ziehen sich wie ein roter Faden durch alle acht Tracks – von der euphorischen Eröffnung „Leisure Life“ über das unheimliche „Stranger Strings“ bis zum ravetauglichen Abschluss „Kalter Lärm“. Ein großes Werk, zeitlos und spannend. 9 Beau Tanik

Matias Aguayo
Anenoa (Platoon)
Matias Aguayo kehrt nach längerer Funkstille mit „Anenoa“ zurück, einem einfalls- und abwechslungsreichen neuen Album. Er erweitert mit seinem neuesten Werk seine Experimente mit Stimme, Rhythmus und kollektivem Erlebnis. Mittlerweile in Mexiko ansässig, hat seine Musik die pulsierende Energie der gemeinschaftsorientierten Tanzkultur in sich aufgenommen. Ein Großteil von „Anenoa“ wird auf Spanisch gesungen und bringt unterschiedliche Künstler aus Lateinamerika und Europa hinaus zusammen und bringt enorm viel Spaß. Hervorzuheben wäre das Gesangsduett mit der chilenischen Pop-Visionärin Javiera Mena bei „¿No Ves?“ sowie „La Heredera“ mit zwei herausragenden Stimmen des lateinamerikanischen Undergrounds: IARAHEI, einer aufstrebenden Künstlerin aus Santiago de Chile und Camille Mandoki, einer Sängerin aus Mexiko-Stadt. Das Album ist nicht unbedingt direkt für DJs zugänglich, aber jeder der nach guten Vibes sucht wird hier fündig. 8 Transmitter

Michael Gray
You & Me (Sultra Records
)
Michael Gray liefert, was wir erwarten, wenn Michael Gray draufsteht. Warmer, souliger Disco-House mit starken Vocals und viel Groove. Besonders die Tracks mit Bran Mazz stechen heraus. „Ascension (Don’t Ever Wonder)“ funktioniert mit seiner smoothen, fast schon schwebenden Atmosphäre hervorragend als Opener, während „I Like The Way“ deutlich funkiger nach vorne geht. Überhaupt lebt das Album stark von seinen Stimmen. Tania Foster bringt auf „Shake“ ordentlich Energie rein, Audrey Martells hebt „Beautiful“ mit ihrer kraftvollen Performance noch einmal an und „Detonate“ entwickelt mit Live-Drums, Soul-Einflüssen und leicht dramatischer Stimmung fast schon etwas Hymnisches. Mein Highlight ist aber das jackin’-lastige „Universe“. Wie oft predigen Vocals vom zeitlosen House? Dieses Album unterstreicht genau das. Nicht alles muss neu sein, es muss nur wirken. Ein Longplayer, der miese Laune im Keim erstickt. 9 scharsigo

Tech040 — “Intro”
(Techno Records)
Allein für das Konzept und die Zusammensetzung lohnt sich diese Compilation schon. Inhaltlich wird hier nämlich nicht auf Peaktime-Techno gezielt, sondern der Vibe der ersten Club-Minuten angestrebt. Hinter der Idee, hochwertige Intro- und Warm-up-Tracks zusammenzubringen, steckt niemand Geringeres als Nastia. Und als wäre das nicht schon alles wild genug, präsentiert die Ukrainerin hier mit „Elephant Dreamin“ ihren, man mag es kaum glauben, ersten eigenen Solo-Track. Doch auch unter den weiteren Artists hat sie hochwertig kuratiert. Meine persönlichen Highlights: Das futuristisch treibende Acid-Brett „Velvet Slide“ von Conrad van Orton, die Bunkerhymne „I Woke Up Like This“ von Sera J sowie der orchestral startende „Ostinato 2.0“ von Steven Rachmad. Mal atmosphärisch, mal reduziert, mal industrial und eigentlich immer irgendwie hypnotisch. Bockt! 8 scharsigo

Tom Wax
Test Pressure
(Phuture Wax Recordings)
Pause? Durchatmen? Eher nicht so das Ding für Tom Wax. Nach etlichen jüngsten Veröffentlichungen präsentiert nun auch sein siebtes Studioalbum mit insgesamt 17 neuen Tracks. Startete „A New Beginning“ noch mit summender Bassline und hallenden Breaks ins Album, fliegt uns kurzerhand die nostalgische Techno-Nummer „I Want To Feel Alive“ um die Ohren. Noch weiter nach vorne stampft „The Blast“, ehe „Abundance Of Life“ mit KI-generierter Stimme wie ein Interlude auf den untergrundigen „Rave Junkie“ weiterleitet. Düsterer wird es dann in „The Firefox“, während das Acid-Brett „We Are Losing Control“ Bock auf Endzeit-Games macht. Im weiteren Verlauf hören wir mal Bunker-Techno, mal Ambient-Ausflüge, hier etwas Tech-House, da etwas Acid-Techno. Einer meiner Favoriten ist das progressive „Feeling Lost“ – Tom Wax präsentiert hier ein Club-Album, dessen große Tracklist trotz so vieler Genre-Ausflüge überraschend homogen funktioniert. 8 scharsigo

WOODKIN
Woodkin (3000Grad Records)
Das noch recht neue Projekt von Mollono.Bass und MAZ’N vereint die musikalischen Welten der beiden – die Wärme des House und die melodische Dynamik des Techno einerseits sowie die Dynamik von Pop, Songwriting und emotionalen Gesang andererseits. Schon vor den ersten Tracks als WOODKIN arbeiteten sie zusammen, woraus letztlich dann dieses Projekt entstanden ist, dessen DNA vor allem im gemeinsamen Live-Auftritt auf der Bühne verankert ist. Das Zusammenspiel der zwei ist sehr natürlich und organisch, die Tracks wandeln sehr selbstbewusst, umarmend und lebendig zwischen Indie-Dance-Techno und House, getragen von eingängigen Beats und den sanften Vocals, ein pulsierender und fesselnder Trip zwischen Melancholie und Euphorie – für den Tag am See, den Kopfhörer, die Afterhour, den Tanz in der Dämmerung oder das sonnige Open Air. Ein rundes Album, das vor allem in den Tracks „Leave Me Alone“, „Never Now“ und „In Your Mind“ seine Highlights hat. 10 Terence Trance D’Arby


Aus dem FAZEmag 172/06.2026