Alben & Compilations – Platte des Monats
House Of House
(Heist)
Geburtstag im Hause Heist: Zum 100sten Release gönnt man sich eine Doppelcompilation, die das Herz des Housers meilenweit gen Himmel schlagen lässt. Hier kommt alles an Künstlern aus den letzten 13 Jahren seit Gründung des Labels zu Gehör, das Rang und Namen hat. Swingender Piano House von Dam Swindle („Back To The Oldschool”) kennzeichnet den Spirit und das Anliegen dieser 20 Stücke vielleicht am deutlichsten: Solider, gut groovender House mit melodiösen Anteilen, die dich mitnehmen und einen nachhaltigen Eindruck vermitteln. So wie auch perkussive Perlen, wie Supershys jazziges „Pyrenees“ und das Aufsehen erregende „U Gotta Believe“ von Cynthie im Strictly-Rhythm-Stil. Weitere Highlights: US-House der Marke Kerri Chandler („Kerriousity“), soulige Houseperlen („Not Enough“ im Mix von Louie Vega und Josh Milan) und das bouncende “Take Up The Space” von Riva Star (super Spoken Words!). Afro Tribals (“Coco Coco” von Elisa Elisa), der pumpende und funky groovende DJ Sneak („Lovin‘ Me“) und immer wieder Dam Swindle, die mit fünf Titeln vertreten sind. Congrats to Lars Dales und Maarten Smeets für die unglaubliche Qualität des Heist Labels, das sich, auch im Vergleich zu namhaften historischen Labels, einen veritablen Platz am Housefirmament erarbeitet hat. Mein Favorit: Der catchy „Head Spin“ von Fouk – räumt im Deepen House einfach alles ab und lässt den Floor explodieren. 10 Cars10.Becker
Alben & Compilations – Top Five
Brian Jackson
Now More Than Ever Produced By Masters At Work (BBE)
Was für eine Kollabo! Louie Vega und Kenny Dope Gonzales produzieren Brian Jackson. Auf zwei abendfüllenden CDs widmen sich die Protagonisten den Expertisen von Brian, der mit seinen Arbeiten und Songs maßgeblich zur Bewegung der Black Consciousness beigetragen hat (u.a. geschrieben mit Gil Scott-Heron). Oh Mann, und wer hier nicht alles sonst noch am Start ist! Neben Masters At Work, Moodyman, Omar, Rich Medina oder Raheem De Vaughn. Da schlackern einem die Ohren und man mag vor Glück fast platzen, wenn Tracks wie „It’s Your World“ jazzig und trackig im MAW-Outfit soulig grooven und das Herz ansprechen. Housiges Tanzen geht mit Omar („The Bottle“) oder auf „Racetrack in France“ performed durch Josh Milan, J. Ivy & Moodyman. Die die fantastische, ja omnipräsente Raquel Ra Brown ist mit ihrer narrativen Vortragsweise für mich die Entdeckung dieses Albums. Tip: Das laszive „We Almost Love Detroit“ mit Moodyman im Gepäck und das MAW-typische groovende “Home Is Where The Hatred Is“. Killer Longplayer und bereits jetzt schon ein echtes Stück Musikgeschichte! 10 Cars10.Becker
Chris Liebing
Evolver (CLR)
Fünf Jahre sind vergangen seit seinem bislang letzten Album. Dreizehn Titel und Mitstreiter sind am Start, die sich gewaschen haben: Luke Slater, The Advent, Speedy J, Terence Fixmer, Charlotte De Witte u.a. Dazu der ikonische Fotograph Anton Corbijn, der seinen Auftritt visuell in Szene setzt. Chris ist auf über 60 Minuten unterwegs, um seine Vision von Sound, Technologie und kreativen Lebensmomenten darzustellen. Er startet sein Unterfangen acid-lastig mit „Unfold“ und damit offenbart sich auch gleich die Essenz in seinem Sound und dem methodischen Vorgehen: Generiert mit einer neuen Software, musste er den Fortschritt im Umgang vom Experiment zum verständlichen Mix erlernen. Acid aus den 90ern erklärt „Symphonie Des Seins“ – entwickelt mit Chalotte, werden Ramon Zenker und Oliver Bondzio diesen Track sicherlich feiern. Die Energie der 90er wird auch auf „Subjective Immortality“ deutlich, wenn The Advent aka Cisco Ferreira ins Geschehen eingreift und perkussives Technodrana mit Chris kreiert. Weiterer Höhepunkt, obgleich das Album im Grunde nur aus solchen besteht, ist „Roy Battery“ ein catchy moderater Slammer, der massiv groovt. Funky kommt das druckvolle „John Connor“, „Double Split“ mit Luke Slater rattert wie in alten Tresor Zeiten zu Beginn der Technoperiode. Es folgen High Energy („Higher Things“), elektronische Experimente mit Speedy J („Shaping Frequencies“) und Awex-like nach „It’s Our Future“ klingende Ausformungen („Brooks Ave“), Rattertechno („Eye C“) und der dystopisch, ambiente „Endtrack“. Fazit: Positiver Sound aus der dunklen Technokaverne, der wieder einmal viel Lust auf Erfahrungen und Spüren dieser unfassbaren Energie namens Techno macht. Mein Tipp: Das supertreibende „Entagled Circuits“ mit dem Alten Stuben Modular Ensemble (Derber Name!). 10 Cars10.Becker
Speedy J
Walkman (STOOR)
Es ist das erste Soloalbum des Niederländers Jochem Paap alias Speedy J, der wie kaum ein anderer die frühen Technojahre prägte, vor allem mit seinen Releases auf dem Kultlabel Warp Records. Dabei waren – und sind – seine Veröffentlichungen immer vom Geist der Innovation getrieben, immer abwechslungsreich und auch experimentell. Vor einigen Jahren installierte er die Plattform STOOR, eine Art Labor für elektronische Musik – mit Studio, Events und Label. Hier nun veröffentlicht Speedy J „Walkman“, einen 20 Tracks umfassenden Longplayer, der den Spirits eines Mixtapes trägt und als Soundtrack seines Schaffens eine Bandbreite an Musik präsentiert, für die er bekannt ist. Es ist ein Trip in pulsierende, übersprudelnde, opulente, epische und sehr durchdachte Soundstrukturen, jede von sich, geht einen anderen Abzweig, verliert sich, kommt zurück, umarmt uns, stößt uns weg. Das alles im Spannungsfeld von Ambient, Drone, Avantgarde, Techno, Breaks und Industrial. Hier bleibt kein Stein auf dem anderen, es kommt anders als man denkt und genau da liegen dann auch die Erwartungen: was passiert jetzt? Die Neugier ist groß – und spannend, faszinierend. 9 Acid Hasselhoff
Stardust Memories
(Fine Coincidence)
Anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums der Input Output Putput Radio Show kuratiert Moderator Tomasz Guiddo die hier vorliegende Compilation, die gespickt mit Deep-, Balearic- und Afro-House, Ambient, Chill-Out, Nu Jazz sowie Folk nicht breiter angelegt sein könnte. Der ambient geratene, fast zehnminütige Opener „Transpose Manifold“ lädt anhand seiner an- und abschwellenden Pads direkt zum Sonnenbad ein; Percussion und markante Lead-Sounds, die in teils großen Hallräumen versinken, ergänzen die meditative Stimmung. Im Anschluss folgen einige kürzere Chill-Out-Tracks, von denen „Lost In Thought“ als Tribut an den New Yorker Produzenten Arthur Russel eher als Mixtur aus Folk und Akustik-Pop durchgeht, während „Tomorrow’s Past“ mit seinen gehauchten Vocals hingegen klar auf relaxte Lounge-Vibes setzt. Der Münchner Flo Førg leitet mit seiner kurzen „Reise“ sodann die eigentliche Aufbruchstimmung des Samplers ein, dem sich Michał Jacaszek mit „Caravan“ reiselustig anschließt. „New Horizons“ von Jimi Tenor oder „What U Feel“ von Luca Vera & Barbara Broadcast markieren weitere Highlights auf dem Trip in Richtung Süden, ehe Tomasz Guiddo selbst das Stück der Compilation abliefert: „Waterfront“ verzaubert den Hörer in seiner majestätischen Länge durch seine sehnsüchtig-zarten Violinen, warmen E-Piano-Chords und feierlichen Trompeten im Kontrast nachhaltig.10 Master J
Techno Club Classix Vol. 1
(ZYX)
Mit Technoclub Classix startet eine neue DJ-Mix-Serie, die den unverwechselbaren Spirit der goldenen Trance-Ära zurück auf die Tanzfläche bringt. Techno Club-Ikone und Host Talla 2XLC trifft bei Episode Eins auf den legendären Dance-Pionier DJ Quicksilver und gemeinsam liefern sie zwei mitreißende DJ-Sets voller zeitloser Classics, treibender Beats und euphorischer Melodien. Auf Silberling Eins vermixt Talla Klassiker wie „Planet Violet“ von Andry Nalin, „Solarcoaster“ von Solarstone oder „Brightness“ von Junk Project mit mir eher unbekannteren Nummern zu einem unwiderstehlichen Mix, während Quicky auf CD2 einen Hit nach dem anderen abfeuert. Ihr wollt Namen? Ot Quartett mit „Hold That Sucker Down“, Sasha mit „Xpander“, Chicane mit „Saltwater“, Binary Finary mit „1998“, „Age Of Love“ im Jam & Spoon Remix, „Madagascar“ im Cygnus X-Remix und „Ready To Flow“ von Nikolai, um nur einige zu nennen. Quicky hat es echt raus. Grandiose Erinnerungen auf zwei CDs. 10 Points trancemasterBrause
Aus dem FAZEmag 171/05.2026