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Popof – Zwischen Neukaledonien und Paris

 

Am Anfang seiner beeindruckenden Karriere war Alexandre Paounov alias Popof der Teil des Pariser Underground-Kollektivs Heretik System, das in den Neunzigerjahren für seine legendären Partys bekannt war. Während er das neue Jahrtausend noch mit härteren Gangarten begann, schaltete er nach und nach ein paar Gänge runter, und rauscht nun durch House- und Techno-Landschaften. Das Jahr 2009 gehört zweifelsohne zu den wichtigsten des Franzosen, da wurde er als Best Newcomer bei den Ibiza DJ Awards ausgezeichnet und startete sein Label Form Music, auf dem er bisher Acts wie Sam Paganini, Sébastien Léger, Simina Grigoriu oder jüngst auch Philip Bader versammeln konnte. Es gab Releases auf Turbo, Cr2 und zusammen mit Mathias Kaden veröffentliche er 2014 die jährlich erscheinende „Cocoon In The Mix“-Ausgabe. Im letzten Jahr kam schließlich sein Debütalbum „Love Somebody“ auf Hot Creations raus, die Album-Single „Lidl Girl“ wurde vor wenigen Wochen mit Remixen von Kerri Chandler, Magda, Carl Cox sowie Shaun Reeves & Tuccillo veröffentlicht. Zur Zeit befindet sich Popof noch auf einer Tour durch Asien und Südamerika, wir haben ihn im südlichen Pazifik in Neukaledonien erwischt.

Du warst Mitglied und Mitbegründer des Heretik System in Paris. Kannst du uns dazu ein bisschen erzählen?

Wir waren ein Künstler-Kollektiv mit sozialem., politischem und philosophischem Ansatz. Wir organisierten voller Trotz kostenlose Partys in Frankreich, zu einer Zeit, als dieses Konzept noch neu war und daher unbekannt für die lokalen Behörden. Oder etwas exakter: Es gab noch keine wirklichen Gesetze gegen diese Art von Partys und daher konnten wir uns erfolgreich in einer Grauzone bewegen. Wir besetzten eine Location, feierten hart und warteten dann auf die Konsequenzen – wenn es überhaupt welche gab. Und über viele Jahre haben wir Einiges erlebt, wie zum Beispiel unsere legendäre Party im damals stillgelegten Art-déco-Schwimmbad Molitor, über die man noch heute spricht. Wir mussten für dieses hektische und rebellische Leben auch immer öfter unseren Tribut zollen, die Gesetzeshüter wurden immer rigider und repressiver (Unsere Ausrüstung wurde beschlagnahmt, einige von uns wurden verhaftet). Leider starben auch ein paar Freunde, wie es sehr akkurat in dem Film „We Had A Dream“ von Damien Radlot Dauillac dokumentiert wird. Es war eine magische Ära und ich bereue absolut nichts. Ich sehe ab und an noch die anderen und hin und wieder spielen wir auch zusammen. Heretik System feiert in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag und es sind große Shows in ganz Frankreich geplant.

Mit dem Abstand einiger Jahre, was ist die Essenz dieser Zeit, die für dich und deine Entwicklung wichtig war?

Diese Zeit hat mich gelehrt, Herausforderungen anzunehmen. Niemals das akzeptieren, was einfach ist, niemals etwas als selbstverständlich hinzunehmen. Sie hat mich auch dazu gebracht, dass ich immer hinter die Kulissen schaue und Sachen in Frage stelle – politisch, sozial und musikalisch. Deswegen hänge ich auch nicht in einem Genre fest und schau mich kontinuierlich nach neuen Impulsen um.

Parallel zu deiner Zeit beim Heretik System startete auch die „French House“-Bewegung ihren Siegeszug rund um den Globus. Wie denkst du darüber?

Ich bin sehr stolz auf Frankreichs Erfolge im musikalischen Bereich. Viele Künstler haben dazu beigetragen, die Geschichte der modernen Musik zu gestalten und einige sind sogar zu Legenden geworden.

Was kannst du über die heutige Szene in Frankreich und Paris sagen?

Frankreich ist voller neuer und vielversprechender Talente, die elektronische Szene boomt in vielen Städten. Die Pariser Szene entwickelt sich sehr positiv mit vielen neuen und dynamischen Veranstaltern und neuen spannenden Venues. Eine schöne Abwechslung zu den üblichen Clubs und Festivals. Die Szene expandiert und ich bin sehr begeistert davon.

Wo liegen deine musikalischen Wurzeln? Hast du immer schon elektronische Musik gehört und hast du irgendwelche Idole?

Ich höre eigentlich schon immer elektronische Musik. Ich höre außerdem auch sehr viel Vocal-Jazz, Funk und Hip-Hop. Ich liebe besonders Ella Fitzgerald und Marvin Gaye.

Hast du gelernt, ein Instrument zu spielen? Wenn ja, wie wichtig ist das für deine Arbeit mit der Musik?

Ich habe Klavier, Gitarre und Schlagzeug gelernt. Die Grundlagen davon haben mir enorm geholfen, Musik zu verstehen, bezüglich Rhythmus, Tempo usw. Und es hat mir geholfen, Musik aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

Letztes Jahr hast du dein Debütalbum auf Hot Creations veröffentlicht. Warum letztes Jahr erst und wieso auf diesem Label?

Ich habe einfach gefühlt, dass die Zeit reif sei, mehr nicht. Es gab keine besonderen Vorbereitungen. Und auch die Labelwahl war eine Sache des guten Gefühls. Jamie Jones und Lee Ross, die beiden Betreiber, sind Künstler, die ich respektiere und sowohl auf persönlicher als auch auf professioneller Ebene schätze. Es machte einfach Sinn, das bei ihnen zu machen.

Gibt es Pläne für ein neues Album?

Nein, noch nicht. Aber es gibt demnächst ein paar neue Tracks, Remixe und eine Kollaboration mit Julian Jeweil, die in den Startlöchern steht.

2009 hast du dein Label Form Music gegründet. Nun, sieben Jahre später, wie würdest du die Entwicklung des Labels beschreiben und wie zufrieden bist du damit?

Ich bin sehr glücklich über die Evolution von Form Music. Ein kleines engagiertes Team arbeitet mit mir konstant daran, neue vielversprechende Künstler zu entdecken und zu unterstützen. Im Laufe der Jahre haben wir viel erreicht und unser letzter Label-Showcase während der Off-Sonar-Woche war sehr intensiv, mit wunderbaren Auftritten von Oxid, Julian Jeweil, Simina Grigoriu, Animal & Me etc.

Was sind deiner Meinung nach die bisher wichtigsten Veröffentlichungen auf Form Music?

Ehrlich gesagt habe ich da keine speziellen Releases im Sinn. Alle sind wichtig und jedes hat seine eigene Identität.

Zur Zeit bist du auf großer Tour mit Stopps in Japan, Indonesien, Argentinien, Ecuador, Uruguay, Kolumbien und im französischen Übersee-Department Neukaledonien. Letzteres ist nicht gerade ein Hotspot in Sachen Clubkultur oder irre ich mich da?

Dieser „Nicht gerade ein Hotspot“-Status macht es für mich erst richtig interessant. Auf der kleinen Île aux Canards vor der Küste der Hauptstadt Nouméa zu spielen war eine ganz neue Erfahrung für mich und einfach ganz anders als das Übliche, was man von Clubs kennt. Neukaledonien ist wunderschön.

Auf diesen Touren, von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent, findest du da genügend Zeit, um dich zwischendurch zu erholen oder Kraft zu schöpfen? Bleiben wir doch in Neukaledonien, hattest du zum Beispiel die Zeit für einen Besuch am Strand? Ich meine, die sehen wirklich großartig aus.

Ja, die sind wirklich großartig, wie im Kino (lacht). Normalerweise versuche ich auf so einer Tour so viele Aktivitäten wie möglich zu machen – also ja, ich gehe zum Strand und versuch auch, etwas zu wandern, wenn möglich. In Neukaledonien bin ich auch am Strand geritten und in Peru habe ich die Ruinenstadt Machu Picchu erklommen, das war großartig. Und wenn ich zu Hause bin, trainiere ich regelmäßig.

Und wie sehen deine Freizeitaktivitäten aus, wenn du zu Hause bist?

Ich gehe gerne ins Kino, gehe gerne mit meinen Freunden einen trinken, spaziere durch Paris oder nehme meinen kleinen Sohn mit in den Park. Ganz normal, nichts Extravagantes …

Ab sofort und exklusiv bei iTunes – FAZEmag DJ-Set #57: Popof
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Aus dem FAZEmag 056/10.2016
Text: Tassilo Dicke
www.soundcloud.com/popofofficial