Mit ihren äußerst energetischen Sets und den gleichermaßen geladenen Produktionen festigte Pretty Pink ihren Status im elektronischen Kosmos. In den vergangenen Jahren bespielte sie die renommiertesten Festivals und Clubs, gründete neben ihrem Label Wanderlust das Sublabel Deep Woods und veröffentlicht dort im Hochbetrieb erfolgreich eigene Musik sowie von weiteren Akteuren der Szene. Alleine im gerade abgelaufenen Jahr veröffentlichte die studierte Multimedia-Designerin aus Leipzig ganze zwölf Tracks. Zuletzt sind mit „Come Back“ auf Anjuna sowie „Taste Your Love feat. The Element“ auf Found Frequencies zwei Tracks erschienen, die schon jetzt unzählige Plays und Lobeshymnen ihrer Fans generieren. Auf dem allseits bekannten Radiosender Sunshine live hostet Pretty Pink ganz aktuell auch ihre eigene Show, im Wochentakt zur Primetime. Gründe genug, diese Grande Dame der Szene zu unserer Mix-Reihe einzuladen. Neben der Musik gehören auch Sport und gesunde Ernährung zu ihren Leidenschaften. All diese Themen und wie sie die Balance in diesen schwierigen Zeiten hält, darüber haben wir im Interview gesprochen.

 

Anne, ein absolut verrücktes Jahr liegt hinter uns. Wie geht es dir und wie hast du 2020 persönlich wahrgenommen?

Keine Frage, dieses nun hinter uns liegende Jahr geht ganz sicher in die Geschichte ein. Anfang 2020 freute ich mich noch auf meine geplante USA-Tour, die dann letzten Endes natürlich aufgrund der Pandemie abgesagt worden ist. Genauso wie viele andere Events und Festivals – so wie auch das Tomorrowland in Belgien, auf das ich mich schon sehr gefreut hatte. Ich bin mir sicher, es war nicht nur für uns Kreative ein schwieriges und für viele auch ein existenzbedrohendes Jahr. Und es lässt sich immer noch nicht absehen, wie viele Clubs, Veranstalter, Labels und Künstler wirtschaftlich durch die Krise gekommen sind. Von den gesundheitlichen Folgen der Pandemie ganz zu schweigen. Normalerweise bin ich nahezu jedes Wochenende unterwegs, mit der neuen Situation musste ich erst einmal lernen umzugehen.

In der Tat. Für viele war das Jahr Fluch und Segen zugleich. Welche Vor- bzw. Nachteile hast du aus der Pandemie gezogen?

Für mich war es besonders schwierig, am Wochenende nicht mehr hinter den Decks im Club stehen zu können. Dieser direkte und nahe Kontakt mit meinen Fans gibt mir enorm viel Energie und Inspiration. So eine schweißtreibende Nacht im Club oder auf einer Festivalbühne ist einfach mit nichts zu vergleichen. Ich denke, das fehlt nicht nur mir, sondern vielen sehr. Vor allem während der Anfangszeiten der Pandemie habe ich dann einen wöchentlichen Livestream ins Leben gerufen, um weiterhin Musik zu präsentieren, den Leuten zu Hause etwas zu geben und am Start zu sein. Die freigewordene Zeit im letzten Jahr habe ich intensiv für Musikproduktionen, meine Labels Wanderlust und Deep Woods, aber auch für viel Sport genutzt. Ich habe die Zeit gefunden, über viele Dinge nachzudenken und mich mit Sachen auseinandergesetzt, für die ich vielleicht vorher nicht so viel Zeit hatte. Da ich sehr viel kreative Arbeit, wie zum Beispiel die Artworks für meine Labels, mache, hatte ich dennoch ein volles Wochenprogramm. Diese feste Struktur brauche ich auch: morgens aufstehen und ein wenig Sport treiben, dann ab ins Büro und Label-Arbeit erledigen und danach dann noch ins Studio.

Würdest du sagen, du hast dich in dieser Zeit auch als Künstlerin verändert?

Ich denke, dass ich noch achtsamer und bewusster durchs Leben gehe. Und das nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Mensch. Vor allem habe ich wieder gemerkt, wie wichtig es ist, sich untereinander in der Szene zu helfen und einander zu supporten. Letzten Endes ist gerade dieses Gemeinschaftsgefühl einer der Gründe, warum ich auch damals in die elektronische Musikszene gekommen bin.

Die Szene ist ein gutes Stichwort. Welche Chance hat diese in deinen Augen, aus dieser Krise zu lernen bzw. hervorzukommen – zumindest die, die es schaffen?

Es hat mich sehr gefreut zu sehen, dass es schon nach kurzer Zeit Zusammenschlüsse von Künstlern, Veranstaltern oder auch Booking-Agenturen gegeben hat. Ebenfalls finde ich es beeindruckend, dass es auch kreative und junge Start-ups gibt, die sich mit neuen Möglichkeiten des Streamings oder der anonymisierten Kontaktverwaltung für Veranstalter beschäftigen. Aber all diese Lösungen und Chancen stehen auch ganz klar persönlichen Schicksalen gegenüber. Von daher hoffe ich nicht nur auf neue Entwicklungen im Tech-Bereich, sondern vor allem wünsche ich uns allen Gesundheit. Ich denke auch, dass wir jetzt die Möglichkeit haben, unsere Musik-Präsentationswege zu überdenken. Also nicht leichtfertig alles kostenlos herzugeben. Ich sehe uns als Dienstleister und diese künstlerische Dienstleistung sollte entsprechend vergütet werden. Denn das ist ja unsere Lebens- und Existenzgrundlage. Gerade in den letzten Monaten haben wir alle viel Musik und kreativen Output for free präsentiert. Das bringt aber auch die Gefahr mit sich, dass dies als eine Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird. Wir Musikschaffende müssen sicherlich in manchen Bereichen nachlegen und uns noch intensiver mit Themen wie Tantiemen und Lizenzen vorrangig im Streaming-Bereich auseinandersetzen.

Für unsere Leser mixt du in diesem Monat den offizellen FAZEmag-Download-Mix. Wie bist du an die Track-Auswahl und an das Mixing herangegangen?

Ich habe einige aktuelle Releases von mir einfließen lassen. Darüber hinaus aber auch ein paar Nummern, die mich in den letzten Wochen sehr gekickt haben, wie der Radio-Slave-Remix von Eli Brown oder der Track „Daka“ von Monkey Safari. Am liebsten hätte ich noch viel mehr Tracks reingepackt, aber die Limitation auf die Essenz ist ja das Besondere daran.

Auch im Studio warst du sehr produktiv und hast aktuell neue Releases auf Anjuna und Found Frequencies. Führe uns durch die Sachen und erzähle uns mehr dazu.

Ich hatte mir Anfang des Jahres das Ziel gesetzt, jeden Monat einen neuen Track zu releasen. Diesen Output konnte ich dieses Jahr realisieren und habe tatsächlich zwölf Tracks gemeinsam mit verschiedenen spannenden Künstlern gemacht, auf die ich sehr stolz bin. Ich habe auf meinen eigenen Labes Wanderlust und Deep Woods verschiedene Releases, sowie weiterhin auf verschiedenen anderen Labels, deren Label-Arbeit ich sehr schätze. Found Frequencies zum Beispiel, von meinem Freund Lost Frequencies, macht immer eine sehr gute Arbeit und auch Anjuna hat mich gereizt. Nach unzähligen Demos haben sie einen Debüt-Track von mir genommen. Musikalisch fühle ich mich bei beiden Labels sehr wohl, und beide Labels haben auch schon die nächsten Follow-ups für 2021 auf dem Tisch. Für mein eigenes Label plane ich aktuell ein erstes Album von mir. Hier werde ich allerdings einen besonderen Weg einschlagen, um es zu präsentieren und zu veröffentlichen. Gerade auf seinem eigenen Label hat man viele Möglichkeiten, etwas ganz Besonderes umzusetzen.

Auf Deep Woods ist Anfang Oktober etwas Neues von dir erschienen. Wie happy bist du mit der Entwicklung des Labels und was sind deine Pläne für 2021 neben dem Album?

Ich bin wirklich sehr glücklich mit der Entwicklung. Auf Deep Woods präsentiere ich eine Mischung aus Melodic House und Techno, Progressive und Deep House. Die Veröffentlichungen sind in der Szene bisher sehr gut ankommen und ich freue mich, den Release-Katalog schon sehr weit vorbereitet zu haben. Dieses Jahr hatten wir einen zweiwöchentlichen Output, was sehr viel Office-Arbeit bedeutete. Ich bin superstolz auf die vielen guten Tracks und Artists, mit denen wir arbeiten konnten. Deep Woods war mir als Sublabel von Wanderlust sehr wichtig, da es den Kreis zwischen meiner wöchentlichen Radioshow und den Events schließt. In der Planung der Releases sind wir auch schon bis März 2021 durchgeplant und es kommen wirklich viele gute Demos rein. Für 2021 habe ich schon einige Event-Planungen auf dem Tisch und sobald Corona unter Kontrolle ist, hoffe ich, auch Labelnights planen zu können. In Leipzig, meiner Heimat, habe ich schon sehr erfolgreich Events über die Jahre veranstaltet. Das möchte ich nun gerne noch ausbauen. Wer übrigens gerne im passenden Genre ein Demo einsenden möchte, gerne an demos@wanderlustmusic.de. Mein Team und ich freuen uns auf eure Musik.

Du hast gerade schon die Radioshow angesprochen. Auf Sunshine live hört man dich nun wöchentlich. Wie fühlt sich der Job als Radiohost an?

Nun ja, ich habe ja bereits eine Zeit lang meine Radioshow auf internationalen Sendern wie in Australien, Ibiza und auch den Vereinigten Staaten laufen. Die Möglichkeit, nun wöchentlich mit einem einstündigen Programm in der Primetime bei Sunshine live vertreten zu sein, ist natürlich etwas Besonderes. Bereits der zweistündige Auftakt zu meiner Show und Video-Livestream aus dem Sunshine-live-Studio in Berlin war ein Highlight und ich freue mich jede Woche aufs Neue, frische Tracks spielen zu können und natürlich auch ein wenig zu moderieren. Wobei ich auch klar sagen muss, dass der Fokus auf der Musik und meinen Sets liegt. Ich stelle immer die neuesten Tracks aus dem Bereich Melodic House und Techno sowie Progressive und Deep House vor. Natürlich sind auch die aktuellen Sachen meiner eigenen Labels jede Woche dabei. Das Ganze kann man dann auch montags auf meinen Socials wie Soundcloud, Youtube und Apple Podcast nachhören. Bisher habe ich nur positives Feedback von den Hörern bekommen – ein guter Start also (lacht).

Wie unterscheidet sich die Arbeit bzw. Vorbereitung für eine regelmäßige Radioshow im Vergleich zu der deiner Clubshows?

Wenn ich im Club auflege, versuche ich mich ganz dem Moment und dem Setting hinzugeben und auf die Crowd einzugehen. Ein Abend im Club kann also ganz unerwartete Momente und Situationen hervorbringen, auch wenn es immer noch der charakteristische Pretty-Pink-Sound ist. Im Club muss ich alles auf zwei bis drei Stunden komprimieren und möchte die beste künstlerische Performance bieten – damit ist das Mixing auch etwas schneller. Für meine Show im Radio höre ich sehr viel in neue Promos und nehme mir viel Zeit für die Auswahl der Tracks. Hier spiele ich auch Tracks, die nicht in ein „Maintime“-Set passen würden, aber mir von der Art gefallen. Denn viele Tracks sind wirklich schön produziert und passen daher gut in ein Radioset. Hierbei versuche ich auch, die meisten Tracks in voller Länge auszuspielen, damit die Hörer die gesamte Dramaturgie erleben können. Dadurch ist die Radioshow etwas chilliger als meine Clubsets.

Du streamst generell sehr häufig aus deinem Studio, führe uns durch dein Set-up dort und zu deiner persönlichen Verbindung zu dem Ort, wo du so viel Zeit verbringst.

Glücklicherweise habe ich mich schon vor der Pandemie technisch sehr gut aufgestellt, um Livestreams umzusetzen. In meinem Studio habe ich daher einen Extra-Bereich eingerichtet, den ich ausschließlich zum Streamen nutze. Neben entsprechender Kameraausrüstung nutze ich die neuen Pioneer CDJ-3000 und als Mixer den Pioneer DJM 900 NXS2 – also praktisch so wie ich es auch im Club am liebsten habe. Wobei dann gerne noch ein dritter CDJ auf der Stage stehen kann. Mit diesem Set-up entwickelt sich bei mir der beste Workflow und ich kann das, was ich fühle, tatsächlich mit meinem Mix wiedergeben. Mein Produktions-Set-up ist mit Laptop, Monitoring-KRK und Arturia-Keyboard sowie einem kleinem MiniMoog eher spartanisch. Aber es reicht für mich, und die meisten Ideen setzte ich dann digital um.

Neben der Musik sind auch Sport und Ernährung ein wichtiges Thema für dich. Gerade im Winter fällt es den meisten allerdings schwer, bei diesen Themen am Ball zu bleiben. Wie schaffst du das und wie sieht eine normale Woche bei dir aus?

Ich komme aus dem Leistungssport, somit war ich schon immer sehr sportfanatisch. Tägliches Training war nach der Schule für mich Pflichtprogramm. Durch den Sport habe ich mir den Adrenalin-Kick geholt, den ich jetzt auch immer beim Auflegen habe und brauche. Eine typische Woche sieht bei mir wie folgt aus: Montags habe ich mir zu „Nicht-Corona-Zeiten“ immer einen freien Tag nach dem Tour-intensiven Wochenende gegönnt. Da verbringe ich den ganzen Tag sehr gechillt mit meinem Hund. Ab Dienstag bis einschließlich Freitag bin ich in einer normalen Woche früh im Office, zelebriere den Start immer mit einem proteinreichen Smoothie, wie z.B. Spinat-Mango, und Kaffee, um dann in den E-Mail-Wahnsinn einzutauchen, Demos zu checken und was sonst so officemäßig ansteht. Anschließend folgt die Label-Arbeit, Social-Media-Planung und Grafikdesign. Natürlich nutze ich die Zeit auch für mein eigenes Projekt – momentan baue ich am Merch-Shop für Pretty Pink. Mittags hole ich mir etwas Asiatisches oder einen Salat zu essen. Dann gehe ich zum Sport – momentan gern in den Park, zumindest solange die Sonne noch scheint, und mache dort Kraftübungen, Yoga und kleinere Läufe. Je nachdem, wonach mir gerade ist. Jetzt im Winter gehe ich auch gern früh laufen, weil es da noch hell ist. Abends koche ich frisch und gehe meist noch ins Studio.

Sport und Ernährung sind bei Vorsätzen für das neue Jahr immer häufig genannt. Wie sehen deine Vorsätze für 2021 aus?

Mein Vorsatz ist es tatsächlich, mich noch intensiver mit meinem kreativen Output zu beschäftigen. Ich plane jetzt schon, wie bereits erwähnt, mein erstes Album für das nächste Jahr und sammle dafür Ideen und erste Produktions-Skizzen für mein Konzept. Mir gibt nichts so sehr etwas zurück wie die Musik und von daher ist es für mich eine logische Konsequenz, ebenfalls etwas zurückzugeben. Was ich mit meinem Album tun werde. Aber dazu dann im nächsten Jahr mehr.

Wir freuen uns darauf. In Bezug auf die Krise gibt es Licht am Ende des Tunnels und du hast sogar schon einige Festivals für 2021 bestätigt. Erzähle uns mehr zu deiner Agenda und zu deinen Plänen für das neue Jahr.

Natürlich sind viele der Veranstalter noch sehr zurückhaltend mit den Planungen und Terminen für das kommende Jahr. Das kann ich absolut verstehen, und ich denke, das kann jeder nachvollziehen. Dennoch freue ich mich natürlich, dass ich schon erste Termine für Festivals in diesem Jahr im Tourkalender habe. Darunter unter anderem das Tomorrowland Festival in Belgien, das Deichbrand Festival in Norddeutschland und Luft & Liebe Open-Air in Duisburg. Drücken wir also die Daumen, dass sich die Zukunft positiv entwickelt und wir alle gesund und sicher miteinander feiern können.

 

Aus dem FAZEmag 107/01.2021
Text: Matt Eagle
Foto: Pretty Pink
www.prettypink.de