Sein Sound gleicht einer mit außerordentlich viel Bedacht ausgewählten Mixtur aus fast schon anmutigen Melodien und zögerlichen, aber nicht weniger druckvollen Kicks und zeigt sich so in mystischem, wenn nicht sogar spirituellem Gewand. Weltmusik im elektronischen Kontext. Umso erstaunlicher, dass Rey&Kjavik seine Heimat nicht in Süd- oder Lateinamerika oder einer sonstigen fernen Kultur findet, sondern in Offenbach. Seit seinem Debütlangspieler „Rkadash“ im Jahr 2017 auf Katermukke wächst seine Hörerschaft sowohl in sämtlichen sozialen Netzwerken als auch auf dem Dancefloor der Clubs und Festivals, die er bespielt, unaufhaltsam. Im vergangenen Jahr lancierte er mit „Mountiri“ sein zweites Album auf dem eigenen Label RKJVK. Genau dort erschien am 15. November auch seine „Tohon/Ajala“-EP und damit die 20. Katalognummer seines Imprints. Nun mixt Rey&Kjavik den offiziellen Download-Mix des Monats für uns, ehe am 6. Dezember sein zweites Release auf Mobilee erscheint. Ein Interview.

Wie war das Jahr 2019 für dich, sowohl beruflich als auch privat?

Für mich war es eines der schönsten Jahre überhaupt. Die Geburt meiner Tochter steht da natürlich über allem, emotional war das für mich noch einmal etwas ganz anderes, ein Gefühl, das alles bisher Erlebte übertroffen hat. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass ich mich gegen mich selbst durchgesetzt habe und zwei Schritte zurückgegangen bin, was die Geschwindigkeit angeht, in der sich mein Hamsterrad über die Jahre gedreht hat. Kein einfacher Prozess, da man sich nie sicher sein kann, dass die eigene Überlegung auch die richtige sein wird, bevor man nicht angefangen hat, sie umzusetzen und zu leben. Die Tatsache, dass wir von allem irgendwann genug haben können, aber leider nicht von der Zeit, hat mich letztlich dazu bewegt, mir diese nun einzuräumen. Das war ich mir und meinen Liebsten auch in gewisser Form schuldig geblieben über die letzten Jahre.

Du warst de facto sehr intensiv auf Tour.

Ja, mit über 200 Shows in den letzten drei Kalenderjahren kann man sich die Zeit „On the road“ quasi selbst errechnen. Am Ende muss ich sagen, dass „Entschleunigung“ eine der besten Entscheidungen war, die ich treffen konnte. An dem Punkt anzukommen und zu sagen „Ich bin zufrieden“, ist das größtmögliche Ziel für mich und heutzutage eines der vielleicht am schwersten zu erreichenden überhaupt bei einer doch eher auf „Höher, schneller, weiter“ ausgerichteten Gesellschaft. Abschließend bin ich stolz, die Balance in diesem Jahr für mich hergestellt zu haben, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen und meiner Tochter bewusst und ohne Terminstress bei ihren ersten Schritten auf unserer Welt zur Seite zu stehen.

Diese Entschleunigung findet im Rhein-Main-Gebiet statt. Wie wirkt sich deine Heimat auf dich als Künstler aus?

Sehr stark, genauso wie meine gesamte Umwelt. Ich denke, das kann man auch sehr gut an meiner Musik erkennen, und das wird sich hoffentlich auch nie ändern. Wir sind hier eine sehr heimatverbundene Region, was man zum Beispiel daran sehen kann, wie der Fußballverein Eintracht Frankfurt unterstützt und gelebt wird. Oder aber daran, dass wir trotz einer sehr hohen Zahl an verschiedenen Nationen und Kulturen keine Partei haben, die Multikulti negativ hätte auslegen können. Mein gesamter Freundeskreis sowie die Hälfte meiner Familie haben einen Migrationshintergrund. Ich könnte mir daher so ein Szenario bei uns überhaupt gar nicht vorstellen und darauf können wir sehr stolz sein.

Ich erinnere mich an sehr internationale Lyrics bei deinem Track „Baba City”.

Richtig, genau vor diesem Hintergrund entstand damals „Baba City”, mein erster Track mit globalen Soundeinflüssen. Der Text lautet „Brate, Brudi, Bro, Habibi, Salam aleikum – Baba City”. Für mich die große Stadt, als Vorbild für Zusammenhalt.

Dein Sound klingt sehr einzigartig und emotional. Wie würdest du ihn selbst beschreiben und wovon lässt du dich inspirieren?

Zuerst einmal freue ich mich sehr, dass das bei dir auch so ankommt. Ein solches Feedback bedeutet mir unheimlich viel und gibt Bestätigung, denn das Hinterfragen und Selbstzweifel sind, denke ich, stetige Begleiter im Künstlerdasein. Ich lasse mich beim Produzieren von meiner jeweiligen Emotion und dem Erlebten leiten. Nichts macht Musik authentischer für mich, als wenn sie ein direkter Spiegel meiner aktuellen Stimmung und Umgebung ist. Vielleicht ist diese Ehrlichkeit der emotionale Schlüssel zu meinen Hörern.

Wie können wir uns deine Arbeit im Studio vorstellen und was sind deine Favoriten in Sachen Soft- und Hardware?

Da ich in den letzten Jahren überwiegend auf Tour produziere, um meine enorme Menge an Reisezeit sinnvoll zu nutzen, beschränkt sich das Equipment meist auf Laptop, Midi-Keyboard, Soundcard und Kopfhörer. Als Software nutze ich Ableton Live. Mein Favorit ist seit Jahren zweifelsohne der Minimoog.

Wie hat sich dein Sound deiner Meinung nach über die letzten Monate und Jahre verändert bzw. entwickelt?

Mein Sound ist über die Jahre mit mir gereift; ich würde sagen, er hat sich stetig entwickelt und wird das auch weiterhin tun. Ich hatte niemals Angst vor Veränderung oder Diversität der Genres. Für mich ist am wichtigsten, dass ich mir treu bleibe und ich fühle, was ich produziere, denn zuallererst muss ich im Studio sagen „Ja, das ist es“. Wenn dieser Punkt erreicht ist, habe ich alles getan, was in meiner Macht steht und innerhalb meiner Möglichkeiten ist. Das Gefühl danach ist Freiheit auf künstlerischer Ebene, denn mit meinem Label RKJVK kann ich das Ergebnis im Anschluss einer breiten Öffentlichkeit vorstellen, wofür ich extrem dankbar bin. Verändert hat sich über die Jahre vor allem die Art und Weise, wie ich arbeite. Dadurch, dass ich die Reisezeit nutze, habe ich zwar weniger Equipment permanent verfügbar, bin aber viel näher an meiner Emotion als je zuvor. Für mich hat sich diese Arbeitsweise als sehr positiv erwiesen.

Am 15. November erschien eine neue EP auf deinem eben genannten eigenen Label RKJVK, ein Sinnbild dafür.

Ein eigenes Label zu gründen, war für mich die logische Konsequenz meiner Produktionen und der Erfahrung, die ich über die letzten Jahre gesammelt habe. Ich muss sagen, ich fühle mich musikalisch ja total wohl zwischen 90 und 122 bpm; da kann ich mich künstlerisch total austoben. Meine erfolgreichsten Tracks auf Spotify oder Beatport sind beispielsweise Remixe wie „Smek“ und „Cuatro Vientos“ im unteren bpm-Bereich. Nachts im Club kann man sie natürlich extrem selten spielen, dafür aber zu Hause oder im täglichen Gebrauch besonders gut. So habe ich eine emotionale Brücke zu meinen Hörern geschaffen, die über das Nachtleben hinausgeht und die ohne das eigene Label und den damit verbundenen Spielraum so vielleicht gar nicht möglich gewesen wäre.

Ganz im Gegenteil zu deiner aktuellen „Tohon/Ajala“-EP, die durchaus dancefloor-kompatibel ist.

Definitiv. Das sind zwei Tracks, die in ihrer Intensität klar in Richtung Dancefloor gehen und die auch seit geraumer Zeit meine DJ-Sets prägen. Auf Clubmusik liegt natürlich immer noch mein Hauptaugenmerk, aber ich habe es lieben gelernt, auch mal unkonventionelle Wege einzuschlagen, und möchte diese mir gegebene Freiheit nicht mehr missen.

Nur drei Wochen später, am 6. Dezember, ist eine EP auf Mobilee erschienen – nach „Anela“ im Juni dein zweites Release auf dem Label.

„Anela“, meine erste EP auf Mobilee, war für mich deshalb spannend, weil ich einen Schritt aus meiner Komfortzone gehen musste und wieder einem A&R meine Arbeit vorgestellt habe. Das finale Feedback auf die EP war sehr positiv und daher ist „Time“ jetzt die logische Schlussfolgerung. Auf die Idee, dort etwas zu veröffentlichen, brachte mich SIS, mit dem ich Anfang des Jahres an irgendeinem Flughafen in Asien mit extrem schlechtem Internet telefonierte, während er in Istanbul auf den Abflug wartete. Es ging eigentlich um seinen Gazapizm-Remix auf meinem Label und irgendwie landeten wir bei seinem letzten Release auf Mobilee in diesem Gespräch. Die Ergebnisse sind nun „Anela“ und „Time“, so unkompliziert kann das manchmal sein.

Im kommenden Jahr stehen große Projekte an, unter anderem wirst du wieder auf Live-Tour gehen. Was hast du genau geplant?

Das hat ganz verschiedene Gründe und hat sich wie so vieles in den letzten Jahren von selbst in diese Richtung entwickelt. Die Diversität meiner Produktionen lässt sich nachts im Club in ihrer Gesamtheit oftmals schwer widerspiegeln. Ich habe seit jeher glücklicherweise einen hohen Output und einen Stil, den ich gerne intensiver und diverser vortragen möchte, als ich das bei einem rein auf den Dance oor ausgerichteten DJ-Set kann. Hinzu kommt eine aufwendigere Live-Show für alle Sinne, an der wir im Team final noch arbeiten; mehr dazu bald.
In Sachen Shows stehen eine ausgedehnte Asien-Tour, im Sommer wieder Ibiza, Griechenland etc. auf der Agenda. Meine Agenda führte mich bislang an viele schöne Orte dieser Welt, dieses Privileg weiß ich sehr zu schätzen. Ich habe bis auf Australien schon jeden Kontinent betreten und allein das ist doch wundervoll. Ich habe versucht, so viel von dem Erlebten wie nur möglich in meiner Musik zu spiegeln, um meinen Teil zum Ganzen zurückzuführen. Orte wie Istanbul, Ti is, Black Rock City, San Francisco, Berlin oder Singapur und die damit verbundenen Erlebnisse hatten großen Einfluss auf mich und im Umkehrschluss auf meine Musik.

Du bist ein Familienmensch, das kann man heraushören. Wie verbringst du Weihnachten und Silvester?

Wir verbringen traditionell die Weihnachtstage zusammen. Ich versuche mir diese auch immer so gut es geht freizuhalten – eine tolle Möglichkeit, die Ruhe zu genießen. Weihnachten durch Kinderaugen zu sehen und zu erleben, ist natürlich auch etwas Besonderes und bringt die Magie früherer Tage zurück. Für Silvester versuche ich nur Auftritte anzunehmen, bei denen wir alle zusammen anreisen können, damit wir den Jahreswechsel gemeinsam erleben.

In Dezember hast du den offiziellen FAZEmag Download-Mix geliefert, damit den letzten des Jahres 2019. Was können die Hörer erwarten?

Es wird kein Best-of-2019-Mix sein, so viel kann ich verraten. Der Mix enthält einige meiner neuen Produktionen sowie Tracks, die ich aktuell sehr gerne spiele. Hinsichtlich der bpm-Zahl wird er variieren, musikalisch spiegelt er natürlich mich im Hier und Jetzt.

 

Aus dem FAZEmag 094/12.2019
Text: Triple P
Foto: Stipe Braun
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