
Seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine hat die Zahl der Denunziationen in Russland massiv zugenommen.
Laut Roskomnadsor wurden allein im ersten Kriegsjahr 283.789 Anzeigen erstattet – ein Viertel mehr als 2021. Seit 2023 veröffentlicht die Behörde keine Zahlen mehr, doch Beobachter gehen nicht von einem Rückgang aus. Betroffen sind nahezu alle Lebensbereiche.
Auch die Kultur- und Clubszene gerät ins Visier. So wurden DJs angezeigt, weil sie Musik ukrainischer Künstler spielten. In Nischni Nowgorod wurde ein Mädchen festgenommen, nur weil es mit Regenbogenohrringen in einem Café saß.
Auf der Krim verlor eine Lehrerin ihren Job, nachdem sie ihr Klassenzimmer mit gelben und blauen Luftballons dekoriert hatte – den Nationalfarben der Ukraine. Besonders häufig betreffen Anzeigen pro-ukrainische Äußerungen oder sogenannte „Diskreditierung der Armee“.
131.000 Meldungen im Jahr 2022 fielen in diese Kategorie. Auch die von Putin propagierte Bekämpfung sogenannter „LGBTQ-Propaganda“ ist ein zentrales Ziel. Viele Betroffene sehen sich nicht nur Anzeigen, sondern auch Verfahren, Berufsverboten oder der Einstufung als „ausländische Agenten“ ausgesetzt.
Manche haben das Denunziantentum zur Profession gemacht. Eine Frau, die sich als „professionelle unbezahlte Informantin“ bezeichnet, berichtete, im ersten Jahr des Krieges 764 Anzeigen verschickt zu haben.
Sie verbringe mehr als 20 Stunden pro Woche damit, Inhalte ausländischer Medien zu sichten und Namen russischer Bürger an Behörden zu melden. „Das Denunziantentum liegt mir ,im Blut‘“, schrieb sie, und verwies auf ihren Großvater, einst Agent des sowjetischen NKWD.
Auch bekannte Persönlichkeiten nutzen das Klima für eigene Zwecke. Der Politiker Witali Milonow gilt als scharfer Gegner von LGBTQ-Clubs. Jekaterina Misulina gründete die „Liga für Internetsicherheit“, deren Beschwerden zu Strafverfahren führten.
Sogar Komiker wie Vovan und Lexus tragen zur Einschüchterung bei, indem sie oppositionelle Künstler mit fingierten Telefonstreichen bloßstellen. So wurde der Schriftsteller Boris Akunin 2023 nach einem manipulierten Gespräch als „Terrorist“ eingestuft.
Bemerkenswert ist diese Entwicklung, weil Denunziation in Russland seit der Stalin-Ära als verpönt galt. Studien der 1990er und 2000er Jahre zeigten sogar, dass russische Studierende weniger bereit waren, Prüfungsbetrug zu melden als ihre westlichen Kommilitonen.
Heute aber hat sich das Klima gewandelt: Putins Politik schafft ein Umfeld, in dem Kultur und Subkultur, Künstler und DJs jederzeit unter Druck geraten können – allein durch eine Anzeige aus dem Publikum.
Quelle: Tagesspiegel
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