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Festivals gibt es wie Sand am Meer. In Deutschland, Europa und weltweit sind elektronische, rockige und gemischt-musikalische Open-Air-Veranstaltungen für Millionen Musikbegeisterte eine willkommene Freizeitbeschäftigung. Dabei gibt es viele Events, die durch ein besonders tolles Rahmenprogramm, einen besonders malerisch angelegten Campingplatz, besonders nachhaltige Bühnenkonstruktionen oder ausschließlich veganes Essen punkten wollen. Und es gibt die Art von Festivals, die sich nicht um solche Dinge kümmern und stattdessen den Spaß in den Fokus rücken, wie das Solar Weekend Festival im niederländischen Roermond, das am ersten Augustwochenende über die Bühne gehen wird. Hier treffen die Besucher auf erwartete Acts wie Len Faki, Sam Paganini, Egbert, Miss Kittin, Joris Voorn, Boris Brejcha, Fedde Le Grand oder DJ Rush und auf unerwartete Bands wie Scooter. Ja, ihr habt richtig gelesen: „Hyper Hyper“ wird von der Bühne in Holland schallen. Das fanden wir so außergewöhnlich für ein elektronisches Festival, dass wir die Gelegenheit ergriffen haben, mit H.P. Baxxter ein Gespräch zu führen.

Scooter, früher das Feindbild aller Techno-Fans, haben es sich mittlerweile gemütlich gemacht auf ihrer „Kult-Couch“. Was früher Hass gewesen ist, mutierte sukzessive zu Respekt, und den hat sich die erfolgreichste deutsche Band – Top-10-Singles in den deutschen Verkaufscharts zugrunde legend – hart erarbeitet. Unzählige Touren liegen hinter der Band, in der von den drei ursprünglichen Gründungsmitgliedern nur noch Frontmann H.P. Baxxter aktiv ist. Aber für viele Fans ist Scooter sowieso deckungsgleich mit Hans Peter Geerdes aka H.P. Baxxter aka MC HP aka Chicks Terminator, Mic Enforcer oder Whistling Dave. Und auch die Redaktion, einstmals vom ehemaligen Chefredakteur der Raveline zum Hass gegenüber Scooter erzogen, hat sich mittlerweile emanzipiert und kann ganz gut zu Songs wie „Maria Maria, I Like It Loud“ oder „Always Hardcore“ die Beine schütteln.

Wir haben erst vor Kurzem über euer neues Album und eure Tour berichtet – jetzt widmen wir uns eurem Gig auf dem niederländischen Festival Solar Weekend. Wieso, denkt ihr, ist es in Holland normal, Scooter auf einer Bühne neben Len Faki, Miss Kittin und Joris Voorn zu sehen, und in Deutschland nicht? Oder reden wir von noch nicht?

Wir jedenfalls finden es normal. Schließlich haben wir in den vergangenen Jahren bereits auf vielen großen Festivals im Ausland wie dem Open Air Gampel in der Schweiz, Nova Rock in Österreich oder bei Budapest in The Park in Ungarn gespielt. In Deutschland gibt es bei den großen etablierten Festivals scheinbar noch Berührungsängste – wir arbeiten daran, dass sich das in Zukunft ändert.

Ich war auf eurem Konzert in Düsseldorf und richtig begeistert von der Stimmung. Allerdings sind die Gäste dort ausschließlich euretwegen erschienen. Wie werdet ihr auf dem Solar Weekend euren Auftritt gestalten? Viele Gäste werden euch feiern, andere ignorieren. Inwiefern wird sich der Auftritt auf dem Solar Weekend von einem Scooter-Konzert abgrenzen?

Bei einer Scooter-Einzelshow spielen wir volle zwei Stunden, das Set auf einem Festival ist auf jeden Fall kürzer bzw. etwas komprimierter, aber es unterscheidet sich nicht wesentlich von einer unserer Live-Shows. Das haben wir bisher bei sämtlichen Festivals im Ausland so gehandhabt, das funktioniert super.

Habt ihr Zeit, euch noch andere Acts anzuschauen, oder wie sieht der Plan aus? Gibt es Live-Auftritte von anderen Techno- und Rave-Acts, die euch inspirieren?

Wir haben leider sehr selten die Möglichkeit, die anderen Acts vor der Bühne zu sehen, da wir uns meistens im Backstage-Bereich aufhalten und das Timing immer sehr knapp ist.

Wie viel Lampenfieber und Aufregung spürt ihr noch vor einem Auftritt? Und was für Rituale hat man sich im Laufe der Jahre vor Konzerten angewöhnt?

Lampenfieber gibt es immer, das ist auch von großer Bedeutung, sonst wäre einem die Show nicht wichtig genug. Wir schließen uns immer eine Stunde vor dem Auftritt ein und glühen mit ohrenbetäubend lauter Musik vor.

Das Publikum bei euren Shows in Deutschland ist bunt gemischt. Es gibt nur wenige Bands, die so übergreifend Fans versammeln. Wie erklärst du das?

Die Erklärung ist relativ einfach: Unsere große Fanbase aus den Anfangstagen ist uns treu geblieben und bringt inzwischen ihre Kinder mit. Ich finde es auch relativ ungewöhnlich, dass so viele junge Fans dazugekommen sind, das ist nicht selbstverständlich.

Ist das im Ausland genauso/ähnlich/anders? Überhaupt, was für Unterschiede gibt es bezüglich der Crowd in den verschiedenen Ländern?

Im Ausland ist es ähnlich, unsere Fangemeinde ist generationsübergreifend. Unterschiede nimmt man nicht wirklich wahr, man hat immer eine tobende Menge vor sich. Auffällig ist jedoch, dass wir früher überwiegend männliches Publikum hatten, im Laufe der Jahre sind immer mehr Frauen dazugekommen.

Die Marketing-Maschinerie hat ganze Arbeit geleistet, wenn es um Scooters Bekanntheitsgrad und dessen Steigerung geht. DSDS und Jimmy Fallon sind da nur zwei Beispiele, wobei die lustige Nummer mit dem ehemaligen SDNL-Mitglied ein Geschenk des Himmels und keine geplante Aktion gewesen zu sein scheint. Wie viele Anfragen gibt es seit der Jimmy-Fallon-Geschichte aus den USA und wann tretet ihr dort in der Show auf? Wie gestaltet sich für euch der US-amerikanische Markt, den ihr ja seit 2005 immer mal wieder bereist habt?

Wenn in den USA etwas passiert, dann eigentlich immer eher nach dem Zufallsprinzip, so auch die Jimmy-Fallon-Geschichte. Es ist sehr schwierig, so was von Deutschland aus zu steuern. Seit unserem Nummer-1-Album in UK glaube ich aber, dass generell alles möglich ist.

Scooter als Marke gibt es jetzt schon seit 1994. Die erste Single war eine recht stilvolle Fresh-Fruit-Coverversion, aber der Durchbruch gelang mit „Hyper Hyper“. In der Folge habt ihr unzählige Acts aus der Rave- und Techno-Szene zitiert: L.A. Style, Acardipane, Neophte etc. Inwiefern hat sich das Phänomen Scooter irgendwann verselbstständigt und die Mitglieder der Band eingefangen? Wie oft habt ihr schon daran gedacht, das Projekt zu beenden?

Nachdem wir trotz aller Kritik über Jahre supererfolgreich am Start waren, wurde Scooter auf einmal vom Feuilleton aufgegriffen und zum „Kult“ erklärt. Zu welchem Zeitpunkt das genau stattgefunden hat, kann ich nicht mehr sagen, aber auf einmal fanden wir uns auf der 1-Live-Bühne, in der Zeit, der Süddeutschen und im Arte-Kultursommer wieder. Na klar, es gibt in so einer langen Zeit immer mal wieder Querelen, aber es gab niemals die ernsthafte Überlegung, mit Scooter aufzuhören.

Wie sieht für dich, H.P., ein Leben – oder kürzer gefasst: ein Tag – ohne Scooter aus?

Auch ich habe Tage, an denen ich mich gerne mal nur um alltägliche Dinge kümmere wie Rechnungen überweisen, einkaufen, Wäsche waschen, Freunde und Familie treffen.

Das neue Album ist erst vor Kurzem erschienen, die Tour liegt hinter euch. Wie sieht es mit weiteren Plänen für die kommenden Monate aus?

In den nächsten Monaten stehen auf jeden Fall erst mal jede Menge Open-Air-Festivals wie z. B. das Highfield Festival in Deutschland an, anschließend haben wir ein paar Tage Urlaub. Aber man weiß ja nie – da kommt dann doch immer ganz unerwartet irgendein Projekt um die Ecke.

Eure 5 Lieblings-Scooter-Songs
1. Oi Fuckin’ Oi
2. Mary Got No Lamb
3. Fuck The Millenium
4. Bit A Bad Boy
5. J’adore Hardcore

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Aus dem FAZEmag 053/07.2016
www.scootertechno.com