Sven Väth teilt mit seinen Fans seinen persönlichen Jahresrückblick

Sven Väth teilt mit seinen Fans seinen persönlichen Jahresrückblick

Sven Väth ist nicht nur einer der Dienstältesten deutschen DJs, sondern auch weltweit als Techno-Lichtgestalt aus Deutschland angesehen. Auch wenn viele unserer jüngeren Leser – und Praktikanten – ihn gar nicht mehr kennen, verfolgt die Mehrzahl unter euch doch sehr genau die Schritte des Babbas.

Heute hat Sven Väth wie gewohnt seinen persönlichen Jahresrückblick via Social Media geteilt. Da sein Post auf Englisch abgesetzt wurde, haben wir uns erlaubt, seine Gedanken für euch zu übersetzen. Den Original-Post auf Englisch findet ihr unter unserer Übersetzung.

Liebe Freunde und Fans,
Wenn ich auf dieses Jahr zurückblicke, sehe ich eine Welt, die sich durch turbulente Zeiten navigiert – eine Welt, die mit Krieg und Trauer konfrontiert ist, aber auch von unerschütterlicher Hoffnung und Widerstandsfähigkeit geprägt ist. In diesen Momenten ist es eine Herausforderung, die richtigen Worte zu finden, aber es ist wichtig, sich nicht von den dunklen Ereignissen überwältigen zu lassen.
Ich habe gelernt, die Medien sowohl als Segen als auch als Fluch zu betrachten. Sie öffnen uns die Augen, können aber auch unsere Perspektive verzerren. Daher ist es eine Kunst, die richtige Balance zu finden und sich nicht in den Strudel der Negativität ziehen zu lassen. Das ist eine Herausforderung, der ich mich jeden Tag stelle.
Inmitten dieser Turbulenzen habe ich mich mehr denn je der Kraft der Musik und des Tanzes zugewandt. Sie sind mein Zufluchtsort und meine stärkste Inspirationsquelle. Tanzen und Musik vereinen uns und ermöglichen es uns, selbst in schwierigen Zeiten Freude zu finden. Die Verbindung mit euch bei meinen Shows, die Energie und Liebe, die wir teilen, sind das wahre Elixier des Lebens.
Besonders hervorheben möchte ich die Clubszene, die dieses Jahr so viel durchgemacht hat. Clubs sind nicht nur die Wiege unserer Musik, sondern auch lebendige Gemeinschaftszentren. Mein Dank gilt allen Clubbesitzern und Mitarbeitern weltweit für eure unermüdliche Arbeit und Hingabe. Ihr seid das Herzstück unserer Kultur.
In dieser sich rasant verändernden Welt, in der Informationen und Bilder uns in atemberaubendem Tempo überschwemmen, habe ich diesen Sommer eine faszinierende Reise durch die Welt der Festivals erlebt. Diese Erfahrung war ein Kaleidoskop aus Farben, Klängen und Emotionen, das mich tief beeindruckt und zum Nachdenken angeregt hat.
Bei den zahlreichen Festivals, bei denen ich gespielt habe, beobachtete ich, wie die Veranstalter versuchen, mit den flüchtigen Trends Schritt zu halten. Manchmal scheint es, dass die wahren Bedürfnisse des Publikums in den Hintergrund geraten. Einige Line-ups und Ablaufpläne schienen unausgewogen und schlecht durchdacht, was für die Zuhörer eine echte Herausforderung darstellt.
Aber es gibt auch jene kleinen, liebevoll kuratierten Boutique-Festivals, die mit großer Sorgfalt und Aufmerksamkeit für Details glänzen. Ihre Bemühungen um ein ausgewogenes Musikprogramm, kreative künstlerische Leitung, Nachhaltigkeit und faire Preisgestaltung sind ein Leuchtturm in der heutigen, oft kommerziell getriebenen Festival-Landschaft.
Diese Vielfalt an Festivals und Veranstaltungen ist wie ein Regenbogen – bunt, vielfältig und voller Überraschungen. Es zeigt, dass in der Welt der Musik und des Feierns für jeden etwas dabei ist. Es erinnert uns daran, dass trotz des schnellen Tempos und der Kommerzialisierung immer noch Raum für Authentizität, Kreativität und echte musikalische Entdeckungen besteht.
Wenn ich über Ibiza nachdenke, die Insel, die in meinem Leben eine so tiefe Bedeutung hat, erfüllt mich das mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Nachdenklichkeit. Die letzten 40 Jahre dort waren eine unglaubliche Zeit voller spiritueller Erfahrungen, musikalischer Entdeckungen, Bekanntschaften, Freundschaften, romantischer Momente, Visionen und sogar Tränen. Ich bin unendlich dankbar, dass ich die Magie dieser Insel so früh in meinem Leben entdecken durfte.
Nach 20 Jahren Cocoon auf Ibiza im Amnesia habe ich 2019 ein bedeutendes Kapitel meines Lebens abgeschlossen. In diesem Jahr fühlte ich mich beim Spielen für euch wieder völlig frei und unbelastet. Es war befreiend, meine Kreativität und die meines Teams ohne den Druck kommerzieller Erwartungen entfalten zu können. Diese Entscheidung zu treffen, war wichtig, um den Geist dessen, was wir lieben und schätzen, wirklich zum Leben zu erwecken.
Dennoch muss ich zugeben, dass ich auch wunderbare Abende in den bekannten großen Clubs auf Ibiza hatte, zu denen ich von Kollegen eingeladen wurde. Diese Erlebnisse, gefüllt mit guter Energie und Unterstützung von euch allen, machen Ibiza zu dem, was es ist – ein Ort der Freude, der kreativen Entfaltung und des gemeinsamen Feierns.
Musikalisch erlebe ich derzeit eine Art Rückblick auf die frühen neunziger Jahre. Es ist faszinierend zu sehen, wie die junge Generation die Energie und das Tempo dieser Ära feiert, fast vergleichbar mit den ersten Rave- und Hardcore-Sounds der Neunziger. Manchmal werden sogar explizit diese alten Tracks gespielt oder Elemente daraus – die sogenannten Rave-Signals – in neue Produktionen integriert. Für jemanden wie mich, der diese Ära vor dreißig Jahren miterlebt, mitgestaltet und gelebt hat, ist das teilweise recht amüsant.
Allerdings finde ich, dass vieles im heutigen Techno- & House-Bereich sehr uninspiriert und formelhaft klingt. Die immer gleichen alten House-Vocal-Samples und vorhersehbaren Drops… Funktionalität gepaart mit Loops und Effekten, die oft nur Gähnen hervorrufen.
Aber dennoch: Meine Plattentaschen sind voll mit starkem, facettenreichem Techno und House. Ein großes Dankeschön an all die Labels und Vertriebe für ihre hervorragende Arbeit in einem wirklich herausfordernden Markt. Es ist ermutigend zu sehen, dass sich auch junge Künstler für Vinyl interessieren und dieses Medium zu schätzen wissen.
Mit der „What I USED TO PLAY“-Compilation, die in einer aufwendig gestalteten 12-inch Vinyl-Box im Frühjahr erschienen ist, wollte ich euch einen Einblick geben, was ich tatsächlich als DJ in den achtziger Jahren gespielt habe. Dann kam im Sommer das Catharsis-Remix-Album mit absoluten Killer-Remixen, die ihr sicher schon in meinen Sets gehört habt.
Ich möchte euch allen von Herzen danken für eure Liebe zur Musik und das gemeinsame Tanzen. Viele von euch nehmen dafür weite Reisen auf sich. Mein Dank geht auch an meinen Agenten und mein Cocoon-Team für ihre unschätzbare Unterstützung und Hingabe. Bleibt gesund und im Groove – und manchmal auch im Schwebe-Modus, wie es Laraaji & Kramer auf ihrer „Baptismal“ LP ausdrücken.
Lasst es fließen. Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr.
Love ❤ & Peace ☮️
Sven

 

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