Credit_Donald Priebsch



Sommer 2012, Fundbuerau Hamburg unter der Sternenbrücke, irgendwann zwischen 01:00 Uhr und 04:00 Uhr an der Bar: Stephan Funk und Tobias Klemm beschließen, ein Label zu gründen. Musik, die man Tag und Nacht hören kann und dazu noch eine Prise „Hamburch“ innehat. Es begann die Suche nach
ambitionierten, jungen und schlummernden Perlen der Tech- und Deephouse-Szene. Die Geburtsstunde feiern sie 2013 mit Katalognummer 001. Dieser Tage verewigt sich I am Frost mit „Dead End“ in der Label-Diskografie und markiert damit Veröffentlichung Nummer 38.

„Ich genoss Musik schon immer gern laut. Als die Magie der Nacht dazu kam, war es um mich geschehen. Anfangs u. a. durch AC/DC und Motörhead, für die ich auch heute noch viel übrig habe. Anfang der 90er dann elektronische Musik: Plötzlich stand die Musik und nicht der Künstler im Mittelpunkt, das war völlig neuartig“, erzählt Tobias, der das Label mittlerweile allein und darüber hinaus auch den Club Fundbureau führt. „Ich habe damals zunächst Goa und Trance gemacht. In dieser Zeit knüpfte ich meine ersten Labelkontakte. Durch Peter Huber sah ich, wie das Business funktioniert. Vielen Dank an dieser Stelle, Peter. Mitbegründer Stephan aka Stevie ist aus Zeitgründen leider nicht mehr dabei. Seitdem bin ich der Manager des Labels, der alle Teile zu einem Ganzen zusammenfügt: Promotion, Abwicklung, Termine sowie Fristen setzen und einhalten – aber viele Einzelteile werden von unseren Künstlern erledigt: So hat beispielsweise Herr Oppermann jüngst die Website www.tachundnacht.de programmiert. Wir sind eine Familie. Nur dadurch, dass ich mich blind auf alle Familienmitglieder verlassen kann, funktioniert das Ganze. Das ist großartig!“

Dass Verkaufszahlen eines Labels in der heutigen Zeit nicht der einzige Maßstab sein können, war dem Hanseaten bereits vor der Gründung von Tach & Nacht bewusst. „Heutzutage ist ein Release unverdienterweise oft schon einen Monat nach Veröffentlichung für viele veraltet. Man nimmt sich keine Zeit mehr für einzelne Musikstücke. Musiker investieren viel Zeit, Emotion und Kraft in ihre Arbeit – von Grafikern ganz zu schweigen. Das Produkt wird gemastert und vertrieben. Da passiert sehr viel, ehe es zu einer Veröffentlichung kommt. Dennoch kann man aufgrund von Schnelllebigkeit und Überfluss schon froh sein, wenn Leute beim schnellen Scrollen überhaupt beim Release anhalten und man es nicht kurz nach VÖ auf Free-Download-Portalen wiederfindet. Das sind wahre Herausforderungen. Potenzial in der Underground-Musik ist also keine monetäre Größe – wenn doch, dann hieße sie allenfalls ,Kostendeckung’. Es ist vielmehr die Freude an der Musik und daran, diese mit den Menschen zu teilen und damit Glücksmomente zu erschaffen. Das ist ihr Potenzial. Etwas in meinen Augen Höherwertiges. Die Musik, in der ich das sehe, erscheint bei T&N.“
So nun auch bei „Dead End“. Der Kontakt zum Künstler erschloss sich über Daniel T., seines Zeichens von ,Vergissmeinnicht’ aus Berlin, der im vergangenen Jahr im Fundbureau eine Party veranstaltete. „Er schickte mir Demos seiner Artists und ich sah sofort das erwähnte Potenzial. Deren Sound passte super zu uns. Solid Slap als einer der beiden Remixer dieser EP sind seit der ersten Katalognummer bei uns, der Remix von Helms kam durch die Verbindung zu ,Vergissmeinnicht’ zustande.“ Ein erklärtes Ziel von Tobias für die Zukunft des Imprints ist es, Tach & Nacht als Plattform für neue Musiker zu etablieren. Hier sollen sie sich mit Releases beweisen können. Während sie daran unbeirrt festhalten, sollen zugleich Größe und vor allem Qualität in jeglicher Hinsicht vorangetrieben werden. Noch für dieses Jahr ist einiges geplant – Formel wird die T&N040 liefern, Folie a deux wird mit der T&N041 auf Vinyl erscheinen. Darüber hinaus wird es eine Compilation namens MOIN #4 mit elf unveröffentlichten Tracks geben. Sowohl in die Label- als auch in die Club-Arbeit investiert Tobias aktuell sämtliche Kräfte – aus Leidenschaft und mit Anspruch. „Gerade in einem Club, der bereits sein 20-jähriges Bestehen feiert, ist letzterer natürlich konsequent hoch. Dazu kommen seit Jahren die immer wiederkehrenden Ungewissheiten darüber, wann der Club aufgrund der Sanierung der Sternbrücke schließen muss. Der Zeitpunkt ist bis heute ungewiss. Klar ist, dass es passieren wird. Ansonsten steht fest, dass beide Projekte voneinander profitieren, und ich versuche, beidem gleichermaßen gerecht zu werden. Wenn es beim Label mal besonders viel zu tun gibt, wickelt meine Freundin Ute Clubangelegenheiten ab und hält mir so für das Label den Rücken frei. Egal ob bei Tag oder bei Nacht.“ / Rafael Da Cruz

Aus dem FAZEmag 055/09.2016
www.tachundnacht.de