Die einen sammeln Briefmarken, andere jeden Schmöker ihres Lieblingsautors. Wiederum andere haben jedes Release ihres musikalischen Heroes im Plattenregal. Wer die Komplettsammlung der Technoclub-Compilation sein Eigen nennt – der braucht schon ziemlich viel Platz. 60 Doppel-CDs hat das deutsche Trance-Urgestein Talla 2XLC bis heute mit großartigen Tracks zusammengestellt und jeweils eine Disk davon als Mix gestaltet. Doch der Frankfurter ist nicht nur als DJ seit knapp 40 Jahren aktiv, sondern auch als Event-Veranstalter unterwegs und als Produzent im Dauereinsatz. Am 29. Januar 2021 erschien sein neues Album „Carpe Diem“. Zeit, den Tag zu nutzen, um eine Bilanz zu ziehen.

 

 

Als ich dich zum ersten Mal auf einem großen Festival sah, war das 1998 bei Nature One. Im Winter darauf zusammen mit Taucher dann im Ballhaus Afterhour Club Dortmund. Seitdem ist viel Zeit vergangen. War früher alles besser?

Aus der Sicht eines jemanden, der es miterlebt hat, ein klares Ja. Aber wenn man danach aufwuchs, ist es immer dann die beste Zeit, weil man Vorangegangene nicht kennt. Ich würde trotzdem sagen: Die 80er und 90er waren spannender, was die elektronische Musik betrifft, da alles neu und frisch war. Es gab viele Sounds einfach zum ersten Mal und kein Recycling wie heute.

 

 

Zeitsprung ins Hier und Heute. Ende Januar ist dein neues Album erschienen. Ist es eine reine Soloproduktion oder entstanden Tracks auch mit anderen Produzenten?

Nach zwei Jahren ist es mein zweites Artist-Album bei ZXY. Es enthält viele Solo-Tracks, aber auch einige Collaborations, die ich mit befreundeten Produzenten erarbeite habe. Ich möchte eine Kontinuität für meine Fans präsentieren und in diesem Turnus etwas veröffentlichen.

 

Beschreib doch mal den Sound. Uplifting, progressiv oder vocal-lastig? Und: Wie unterscheiden sich Disk 1 und Disk 2?

Wer mich kennt, weiß, das ich die schnellen Beats liebe, die Emotionen und Energie. CD 1 ist eine Mischung aus meinen besten Tracks des letzten Jahres, aber auch einige neue, unveröffentlichte Songs, die ich exklusiv auf dieses Album gepackt habe. CD 2 ist als Bonus dabei, sie enthält einen Nonstop-DJ-Mix der Disk 1. Generell gibt es auf der „Carpe Diem“ vor allem Uplifting und Vocal Ttrance.

Vom ersten bis zum letzten Beat: Wie lange hat die Album-Produktion in etwa gedauert und auf welchen Track bist du besonders stolz?

Die Länge ist schwierig zu sagen, weil es keine Albumproduktion im klassischen Sinne war, wo man zusammen im Studio hockt und nur das Album produziert. Wenn man es hochrechnet, würde ich sagen, drei bis vier Wochen etwa. Auf zwei Titel bin ich besonders stolz, einmal die Single „Back to Life“ mit meiner guten Freundin und Sängerin Clara Yates aus Melbourne. Ein wundervoller Song ist uns da gelungen. Das zweite ist meine Collab mit Xijaro and Pitch, zwei talentierten und aufstrebenden Artists aus Holland und Belgien. Unser Song „Aniara“ hat viele bewegt, auch weil DJ Pitch aka Anthony Reyers, von Geburt an blind ist und trotz seiner Krankheit (Norris Disease) eine unglaubliche positive Ausstrahlung hat und geniales Gespür for den Trance.

 

Wer dir bei Facebook folgt, weiß: Corona-müde ist er nicht, der Talla. Du hast unheimlich viele Tracks seit März letzten Jahres veröffentlicht. Hast du die Zeit des Lockdowns sehr intensiv im Studio genutzt?

Ich habe generell die giglose Zeit mit dem Schaffen neuer Sounds und Songs, dem Label ZXY Music und dem Livestreaming genutzt. Gerade Letzteres betreibe ich seit letzten Mai sehr intensiv. Dazu später mehr.

 

Durch den Lockdown konntest du deine neu geschaffenen Tracks ja nicht im Club vor Live-Publikum testen. Wie hast du dir Feedback von deinen Fans eingeholt?

Es ist schon sehr schade, wenn die Songs nicht live testen kann, aber inzwischen läuft das alles über das Livestreaming. Dort stelle ich die neuen Titel vor und bekomme durch den Chat direktes Feedback, auf eine gewissen Art sogar noch intensiver als auf der Tanzfläche. Jedoch ist die Präsenz in Clubs und auf Festivals ein ganz wichtiger Faktor, um Songs zu breaken. Und das wird natürlich von allen Artists schmerzlich vermisst.

 

 

Natürlich redet man nicht gerne von „älter werden“, aber du bist nun mal zweifelsfrei einer der Pioniere des Trance. Und Pionier ist man nicht mit Mitte 20. Aber: Wärst du in der heutigen Zeit noch einmal gerne Mitte 20?

Also, jünger würde man immer gerne noch mal sein, aber ich bin seit vielen Jahren immer 39. (lacht) Aufwachsen in der heutigen Zeit finde ich schwierig, speziell in der Corona-Panademie. Das ist wohl das Schlechteste, was einem passieren kann, nach dem WW2. Ich hoffe, vor allem für die Jugend, dass wir das bald hinter uns lassen können.

 

Am Anfang deiner DJ-Karriere hast du mit Vinyl aufgelegt. Dann kam die Digitalisierung. Fiel es dir schwer, auf diesen Zug aufzuspringen?

Ich habe eigentlich lange gefightet für Vinyl. Aber die Trance-Labels waren die ersten, die auf digital umgestellt haben. Wir haben bis zuletzt noch Vinyls gepresst, aber wenn du von 10.000 Pressungen in den 90ern auf 300 verkaufte Mitte 2000 weltweit fällst, kannst du eine Pressung einfach nicht mehr finanzieren. Leider haben sich die Fans sofort auf mp3 gestürzt, aber eher im kostenlosen Download anstatt dafür zu zahlen. Ich bin dann auf CD umgestiegen, weil es dem traditionellen Auflegen am ehesten ähnelte. Erst sehr spät habe ich angefangen, mit Sticks zu arbeiten, weil die Pioneer Player das forcierten, aber ich arbeite weiterhin mit der Vinyl-Funktion, d. h. ich starte die Songs manuell über das Jog Wheel (Simulation eines Plattentellers) und beschleunige und bremse mit diesem Wheel beim Mixen. Ist also ähnlich wie früher, nur digital. Trotzdem vermisse ich die Wärme im Sound einer guten schwarzen Vinyl, die fett im Club klang.

 

Facebook, YouTube, Twitter – und jetzt Twitch. Viele „alte Hasen“-DJs weigern sich, sich mit diesen neuen Medien auseinanderzusetzen. Du nicht. Lockdown hin – Corona her: Sind diese Medien heutzutage die wichtigste Plattform, um mit der Club Community zu kommunizieren und seine Präsenz zu zeigen?

Also, ich habe keine Berührungsängste mit den neuen Medien, ausgenommen Tiktok und Snapchat, das ist für mich Pillepalle. Bin zwar dort auch angemeldet, aber ich nutze eher Instragram & Co. Seit letzten Mai bin ich leidenschaftlicher Livestreamer bei Twitch.tv geworden. War es vorher ein Gamerkanal, sind seit der Pandemie viele DJs dort unterwegs. Ich liebe die Interaktionen mit den Fans. Sie sind viel näher am Artist als in einem Club. Ein wichtiger Grund war für mich, die Leute mit meiner Musik zu bespielen, damit sie in diesem ganzen Pandemie-Alltagsfrust ein bisschen abgelenkt werden. Inzwischen habe ich über 10.000 Follower, stream dreimal die Woche (Mi., Fr. u. So.) und habe verschiedene Stylemotti, z. B. Uplfting Trance, Classix, Psytrance und Melodic Techno, dazu noch Chatsession und Special, wie Best of Bonzai Records u.v.m. In meinen Shows stelle ich meine neuen Songs vor, die kommenden Compilations, aber interagiere auch mit anderen Artist. Mir war von Anfang wichtig, das ich den Fans etwas Besonderes biete und nicht einfach nur auflege. Das Schöne ist die intensivere Interaktion: Die Leute sehen dich live, du sprichst mit ihnen auch über Mikro und sie geben dir ihre Dankbarkeit über den Chat, aber können dort auch Fragen stellen. Es ersetzt keinen Club, aber ist trotzdem eine tolle Sache in pandemischen Zeiten, und ich werde es auch weiterführen bis die Clubs wieder öffnen. Wer mich live im Stream erleben möchte: twitch.tv/talla2xlc.

Zu deinen Erfolgslorbeeren gehört auch eine der langlebigsten und erfolgreichsten Compilation-Reihen Europas: Technoclub. Gibt es hierzu News zu verkünden, was bevorstehende Releases und Gast-DJs angeht?

Die Jubiläums-Compilation Vol. 60 war Platz fünf in den offiziellen Deutschen Sales Charts. Mein Partner ZXY Music macht einen tollen Job, nicht nur für die Compilation-Serie, sondern auch für die Labels. Christa Mikulski und Sigrid Fadinger mit ihren Teams stehen voll hinter mir und wir konnten die Verkäufe in diesem schwierigen Jahr für CDs verdoppeln. Jetzt steht im März die Technoclub Vol. 61 an, und ich habe diesmal als Mixpartner Jerome Isma-Ae eingeladen, für mich einer der besten Progressive-Produzenten weltweit und ein guter Freund. In München aufgewachsen, lebt er inzwischen in Houston (Texas) und streamt dort am Wochenende auf dem Balkon im paarundreißigsten Stockwerk eines Skyscrapers. (lacht). Die Vol. 62 ist auch schon in der Planung, die wird im Juni kommen, da habe ich seit langem wieder mal eine Frau als Guest-Mixer. Sie kommt aus Japan, lebt in Schweden und ist eine der aufstrebensten Künstlerinnen der letzten zwei Jahre. Also wie du siehst, niemals Stillstand. So wie Kraftwerk mal sagte: Es muss immer weitergehen – Musik als Träger von Ideen.

 

Im September 2019 kam deine Biografie als Buch und Hörbuch heraus, das auf Amazon derzeit sagenhafte 4,6 Sterne hat. Was war dein Ansporn, deine Geschichte zu schreiben, und warum hast du das Hörbuch nicht selbst eingesprochen?

Der Ansporn war meine Frau Wafa, der ich generell sehr viel zu verdanken habe in meinem Leben. Ihr habe ich auch unzählige Anekdoten meiner frühen Künstlerjahre erzählt und sie meinte immer, ich solle ein Buch schreiben. Aber erst als mein Berliner Kollege Westbam eins schrieb und meine Frau mit dem Nudelholz winkte (lacht), raffte ich mich auf und brachte meine Gedanken mit einem guten Bekannten zu Papier. Es ist zwar nur ein kleines Release, aber so viele Menschen haben mir geschrieben und sich bedankt für dieses Buch. Es ist nicht nur die Geschichte meines musikalischen Lebens, sondern auch eine Zeitreise, wie mit Kraftwerk alles begann und über die Jahre mit der Loveparade, Mayday, Nature One, und den Szenen in Ibiza, Miami, Tel Aviv, wo sich der Techno-Vibe überall positiv verbreitete. Es ist auch spannend zu lesen für Menschen, die vielleicht nicht direkt Fans der elektronischen Musik sind. Im Nachhinein bin ich stolz darauf und Wafa für ihre Idee dankbar. Die Sache mit dem Hörbuch, ich hatte einfach keine Zeit, wochenlang das Buch in einem Studio einzusprechen, und auch nicht das Knowhow dazu. Denis Rühe ist ein begnadeter Sprecher und hat das wirklich toll rübergebracht.

 

Die ganze Welt wartet darauf, geimpft zu werden. Was glaubst du: Ist dann alles gut und wir können wieder alle zusammen feiern?

Ja, ich warte auch darauf. Ich bin ein Impfbeführworter, habe mich auch sonst die letzten Jahre gegen alles Wichtige impfen lassen und nie Probleme gehabt. Aber eine Prognose, wie es danach sein wird, kann keiner wirklich akkurat sagen. Eine Normalität wie früher wird es nicht geben, es wurden so viele Ängst geschürt, von Gegnern, wie Medien und aus Regierungskreisen. Es wird lange dauern, bis es wieder besser wird. Aber ich hoffe, dass Angie & Co. endlich aus dem Quark kommen und genügend Impfdosen beschaffen. Ich würde mich freuen, wenn wir im Sommer weitestgehend durchgeimpft sind und ab Herbst zumindest in irgeneiner hygienischen Art die kleinen Clubs wieder öffnen können. Die großen Festival sehe ich nicht vor 2022. Aber Wunder gibt es immer wieder. Ich wünschen allen FAZEmag-Lesern nur das Beste und hoffe, dass wir gesund durch die Pandemie kommen. Vielleicht hilft mein Album „Talla 2XLC – Carpe Diem“ zumindest musikalisch ein bisschen durch die schwierigen letzten Monate.

 

 

www.talla2xlc.com

 

Aus dem FAZEmag 108/02.2021
Text: Torsten Widua
Fotos: Andreas Tomalla