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Als er 2005, damals noch in der Raveline, zu einem der besten Newcomer des Jahres gekürt haben, konnte noch keiner ahnen, wie rasant seine Karriere nach oben schnellen würde. Damals wie heute ist Roman, so Tocadiscos bürgerlicher Name, eine Person, die nach Neuem strebt, nicht stillstehen kann und sich immer selbst herausfordern muss. Was er mit seinem Eifer in den 15 Jahren seiner Karriere realisiert hat, ist beachtlich und katapultierte ihn auf die Sonnenseite des Musikerdaseins. Und das im wahrsten Sinn: Vor zwei Jahren entschied er sich, sein Leben zusammen mit seiner Frau in Brasilien fortzuführen. Eine inspirierende Umgebung, um das kommende Album „4” fertigzustellen und neue Zukunftspläne zu schmieden. Ein Gespräch über Kultur, Leidenschaft, Realismus und Freiheiten.

Wie groß war dein persönlicher Kulturschock, als du nach Brasilien gezogen bist? Sich irgendwo langfristig einzunisten ist ja eine andere Hausnummer, als nur für einen Gig oder kurzen Besuch zu landen.

Ehrlich gesagt war es überhaupt kein Kulturschock für mich. Seit ich meine Frau kennengelernt habe, war ich sehr oft in Brasilien und konnte mich mit Land und Leuten bekannt machen. Die Menschen sind wesentlich entspannter, man ist nicht so schnell gestresst. Überall wird gefeiert und man freut sich des Lebens. Es war eher das Gefühl, endlich nach Hause zu kommen, wenn du weißt, was ich meine. Kein Ordnungsamt, keine schlecht gelaunten Nachbarn. Wenn du die Musik zu laut machst, beschwert sich auch keiner, denn morgen drehen die dann auf. Es ist halt alles etwas unorganisierter. Aber daran gewöhnt man sich schnell.

Gibt es auch keine kulturellen Unterschiede, mit denen du in deinem täglichen Leben zu kämpfen hast? 

Nicht wirklich. Wenn man wie ich um die Welt reist, begreift man schnell, dass der Mensch an sich überall dieselben Bedürfnisse hat. Gerade wenn man sein Geld mit Musik verdient und sieht, dass Musik verschiedene Menschen und Kulturen friedlich zusammenbringen kann. Jeder soll so leben, wie er es mag, solange er keinem anderen auf die Füße tritt. Man muss sich anpassen können und wissen, dass die Dinge überall ein bisschen anders laufen. Aber das fand ich schon immer interessant.

Dann lass uns doch mal über die Feierkultur in Südamerika sprechen. Die wird ja wohl viel ausgelassener sein, oder?

Stimmt! Das ist ein weiterer Grund, warum es mir hier so gefällt. Das Feiern liegt hier jedem im Blut. Da kommt gar nicht erst die Frage nach dem „ob“ auf, sondern nur „wann und wo”. Allerdings ist alles immer ein bisschen abhängig von der momentanen Wirtschaftslage. Gerade ist der Dollar hoch. Das heißt, Länder wie Argentinien, Peru und Chile feiern mehr als Brasilien, wo der Real gerade etwas schwächelt. Damit meine ich allerdings Partys mit großen Headlinern. Wenn weniger Geld da ist, wird trotzdem gefeiert, nur nicht so opulent.

In unserem Vorgespräch hast du verraten, dass du in diesem Jahr sogar eine eigene Bar in Brasilien eröffnen willst. Wie kam es zu dieser Idee? 

Ich werde dieses Jahr 41. Zwar habe ich immer noch viel Spaß daran, um die Welt zu reisen und Musik für andere Leute aufzulegen, allerdings bin ich auch realistisch. Ich weiß, dass ich das nicht für den Rest meines Lebens machen kann und will. Gerade jetzt ist es einfacher als je zuvor, DJ zu sein. Das ruft natürlich auch viele untalentierte Leute auf den Plan, die nur nach Ruhm und Geld streben. Denen ist die Kultur, das Erbe von House und Techno egal. Meine Lebenserfahrung hat gezeigt, je untalentierter jemand ist, desto unehrenhafter werden seine Taten, um doch berühmt zu werden. Es ist immer noch ein Business, mit dem man viel Geld verdienen kann und in dem keiner eine Ausbildung braucht. Lange Rede, kurzer Sinn – ich habe als Künstler immer schon versucht, mehrere Standbeine zu haben, um eventuelle „Geld-Schwankungen“ abzufangen. Von daher die Idee mit dem Restaurant/Bar/Club. Ich suche nur noch die perfekte Location.

Erzähl uns doch mal konkret von deinen Plänen. Was ist das Konzept, wie soll es aussehen?

Mir schwebt ein Konzept vor, wie es häufig in Barcelona zu sehen ist. Dort ist eine Location am frühen Abend eine Bar, wird dann zum Restaurant und nach Mitternacht werden die Tische zur Seite geräumt – dann ist es ein Club. Ich fand das immer faszinierend, denn so kann man die Location optimal ausnutzen. Natürlich muss alles cool, stylish und modern sein. Hier im Süden von Brasilien ist auch Livemusik ganz groß. Also brauchen wir neben einer DJ-Kanzel auch eine Bühne für Bands und Sänger.

Heißt das, dass du selbst weniger Musik machen und auch weniger auf Tour gehen wirst?

Genau. Ich werde trotzdem immer noch reisen, wenn mich jemand bucht. Aber „heavy touring” und ein Restaurant? Das geht nur, wenn man jemanden hat, dem man vertraut und der die Bar leitet, wenn man unterwegs ist. Mein bester Freund betreibt einige Restaurants, Bars und einen kleinen Club. Ich weiß also, was dahinter steckt und wie viel Arbeit man investieren muss, damit es gut läuft. Ich war in den letzten zehn Jahren nur unterwegs. Als Barbetreiber musst du aber hauptsächlich am Ort bleiben. Also ein guter Plan für die späteren Jahre.

Bis 2011 warst du vor allem auf Superstar Recordings unterwegs, danach endete die Zusammenarbeit. Wie kam es dazu? War der Zeitpunkt gekommen, sich nach Neuem umzusehen und sich eher auf das eigene Label zu konzentrieren?

Mein Vertrag ist ausgelaufen. Unglaublich, was in der Zeit alles passiert ist in der Musikbranche. Mit Superstar habe ich mich aber friedlich getrennt, da gab es nie Probleme. Ein eigenes Label zu gründen, war natürlich auch schon immer ein Traum. TOCA45 Recordings ist jetzt mein Baby.

Dein Label hast du jedoch schon seit 2007. Wie kam es zu dem Entschluss, ein eigenes Label aufzusetzen, obwohl du den Vertrag noch hattest?

Du hast mit einem Label natürlich viel Freiheit, aber auch viel mehr Arbeit. Damit es gut läuft, muss man auch viel Geld investieren. Ich wollte einfach ein Label haben, auf dem ich alles, was ich gut finde, veröffentlichen kann. Ich habe das Label nie als Marke gesehen, die nur mit einer Musikrichtung verknüpft ist. Leider ist das ein Konzept, das wenige Freunde hat. In der heutigen Zeit herrscht ein Überangebot an Musik. Um Erfolg zu haben, muss man sich spezialisieren. Das war nie mein Ding. Ich bin schnell gelangweilt, wenn ich immer das Gleiche mache. Ich habe auch kein Verständnis dafür, warum man als Label (und Künstler) nicht gleichzeitig Deep House, House, Techno – und was man sonst noch gut findet – produzieren und veröffentlichen kann. Das ist mir alles zu klein gedacht. Ich bin Musiker. Ich liebe Musik. Nicht nur einen Stil, sondern die Kunstform an sich.

Gab es eigentlich Tracks oder Mixe in deiner Laufbahn, die du aus heutiger Sicht bereust?

Bereuen ist zu viel gesagt, aber ich habe ab und zu einen Remix gemacht, nur um die Miete zu bezahlen. Doch das finde ich immer noch besser, als irgendeinen Job zu machen, auf den ich keinen Bock habe. Trotzdem habe ich immer nur die Sachen gemacht, die ich auch gut fand.

Du warst auch immer jemand, der sich lautstark in Interviews echauffiert hat, dass Musik nur noch geklaut wird. Vor allem mit dem Hype des Vinyls sehen wir, dass es nun genau in die gegenteilige Richtung geht. Wird die Musik deiner Meinung nach wieder mehr wertgeschätzt?

Es ist schon viel passiert in den letzten Jahren. Ich liebe Vinyl. Mit Vinyl habe ich angefangen aufzulegen und ich habe mich bis heute hartnäckig geweigert, meine Schallplattensammlung zu verkaufen. Natürlich finde ich es klasse, dass viele Menschen wieder lernen, eine Verbindung mit der Musik und dem Künstler, der dahintersteckt, aufzubauen. Eine Schallplatte ist ein Wertobjekt, ein Kunstwerk. Es ist etwas Besonderes, wenn man Musik auf Vinyl hört. Etwas Menschliches. Ein MP3 ist nichts zum Anfassen, Fühlen oder Wertschätzen.

Spielst du selbst wieder vermehrt mit Platten? In deinen Anfangsjahren warst du ja ein regelrechter Vinyljunkie – bis du irgendwann umgestiegen bist.

Es ist verdammt schwer als House- und Techno-DJ, der international arbeitet. Nicht nur wegen des Gewichtes, auch die Extrakosten für Übergepäck oder das Problem, wenn man umsteigen muss und die Scheiben nicht mitkommen. Wenn ich nur lokal auflegen würde, dann würde ich sicher wieder mit Vinyl auflegen. Ganz davon abgesehen gibt es hier in Brasilien aber nicht mal einen Vinyl-Laden für DJs. Ich wäre also ziemlich aufgeschmissen.

Stell dir vor, du hättest mit deiner Musik niemals Erfolg gehabt. Wo wärst du gelandet?

Gute Frage. Ich hätte wahrscheinlich versucht, Filmregisseur zu werden.

Gutes Stichwort. Du hast ja sogar Film studiert.

Das stimmt, in Los Angeles. Der Film war immer meine zweite Leidenschaft. Aber durch das viele Reisen der letzten Jahre habe ich meine Filmideen immer vor mir hergeschoben. Ich werde mich aber in Zukunft wieder intensiver darum kümmern. Ich habe auch bereits mehrere Drehbücher geschrieben. Und jetzt im Februar mache ich mit einem Freund hier in Brasilien einen Kurzfilm. Um wieder reinzukommen sozusagen.

Der nächste Blockbuster kommt also aus deiner Feder? Von der Musik zum Film?

Für mich ist das alles eins. Wenn ich von Clubmusik gelangweilt bin, schreibe ich ein Musikstück, das man in einem Film verwenden könnte. Dann fallen mir coole Ideen für einen Film ein. Es dreht sich bei mir alles immer im Kreis. Das eine geht ohne das andere nicht. Film ohne Musik macht auch keinen Sinn.

Lass uns doch mal auf dein kommendes Album „4” konzentrieren. Dein letztes ist ja auch schon ewig her. Wie ist der Entstehungsprozess gelaufen? Wann hast du für dich beschlossen, dass es an der Zeit für ein neues Album ist?

In den eineinhalb Jahren, in denen unser Haus hier gebaut wurde, habe ich Musik als „Bedroom-DJ“ in einem kleinen Zimmer eines Miethauses gemacht. Das ist natürlich für einen professionellen Produzenten ein Albtraum – aber es ging eben nicht anders. Während der Zeit sind viele Tracks entstanden, die ich nie beendet habe. Seit einigen Monaten ist nun das Haus mitsamt neuem Studio fertig. Ich bin durch die ganzen Projekte gegangen und hatte das Gefühl, dass aus den Tracks ein Album werden sollte.

„4” enthält sowohl experimentelle als auch poppige Stücke und dann Tracks wie „Rigmarole”, die eher dem Techno-Genre zuzuordnen sind. Deine Liebe zur Variation war nicht gelogen.

Ich setze mich meistens hin und produziere das, wonach ich mich gerade fühle. Für mich ist das ein Prozess und alle Tracks sind ein Teil von mir. Wenn ich in der Hängematte liege, will ich keinen Hardcore-Techno-Track hören. Da muss etwas Entspanntes her. Im Auto zu einem poppigen Song zu singen macht mir genauso viel Spaß, wie vier Stunden auf einer Techno-Afterhour aufzulegen. Ich finde, ein Album muss die Seele des Künstlers widerspiegeln. Jetzt weißt du, dass es in meiner Seele nie langweilig wird. Ob ich auflege oder produziere: Wenn ich es nur aus Marketinggründen machen würde oder die ganze Zeit darüber nachdenken würde, was irgendwelche Leute über mich denken, dann hätte ich ein ziemlich trauriges Dasein. In meinem Leben habe ich eine Menge Musik geschrieben und haufenweise Remixe produziert. Wenn ich zurückblicke, erinnert mich jedes Musikstück an eine bestimmte Zeit in meinem Leben. Ich höre einen Track und weiß genau, warum, wie und wo ich den gemacht habe.

Circularity” fand ich übrigens besonders interessant. Ein kurzes Stück mit klassischen Instrumenten. Wie stehst du zur klassischen Musik?

Das ist genau eines dieser Stücke, die ich für einen noch zu verfilmenden Kurzfilm geschrieben habe. Ich habe in meiner Jugend in vielen Bands gespielt und ich liebe klassische Instrumente, egal welche. Es ist immer noch schwer für mich, mit einem Instrument in einem Raum zu sein, ohne es anzufassen und darauf zu spielen.

Es gibt Künstler, die ihre elektronische Musik mit klassischen Orchestern verbinden. Wäre ein derartiges Projekt auch etwas, das du dir vorstellen könntest?

Das wäre ein Traum! Wie Jeff Mills zum Beispiel. Das war fantastisch! So was ist aber mit großem finanziellem und logistischem Aufwand verbunden. Und irgendwo muss man auch sagen, dass Träume auch mal Träume bleiben können. Ich habe momentan genug zu tun. Und man soll zwischendurch auch mal das Leben genießen. Sonst macht der Rest, den man macht, auch keinen Sinn. / Janosch Gebauer

Das Album „4” von Tocadisco erscheint voraussichtlich Ende März auf TOCA45. 
Aus dem FAZEmag 048/02.2016

www.tocadisco.com