Tom Noy – Timeless

Tom Novy – timeless


 

House music all night long? House music all life long! Tom Novy ist ein Urgestein der Szene. Ein DJ und Produzent, der es stets verstand, sich neu zu erfinden und dennoch nicht zu verbiegen. Er steht seit über 20 Jahren für Housemusik. Nachdem der „Nun-wieder-Münchener“ einige Zeit Ibiza den Rücken gekehrt hatte, ist er nun wieder dienstags im Lio’s Gastgeber mit seiner Timeless-Party, bei der ihm hochkarätige Kollegen zur Seite stehen, und sorgt für ausgelassene Stimmung und gute Musik. Wir haben Tom Novy um ein Update gebeten. Wir wollten wissen, was uns ein Tag auf Ibiza kostet, wieso Ibiza immer noch so einen Reiz auf ihn ausübt, wie es ein junger Produzent schafft, bekannt zu werden, und vieles mehr. Wir hoffen mal, er hat uns nicht zu oft auf den Arm genommen mit seinen Antworten. Entscheidet selbst.

Tom Novy – Timeless

Die Überschrift zum Cover-Interview trägt den Namen Timeless – genauso wie deine Ibiza-Residency im Lio’s. Was verbindest du mit dem Begriff „Timeless’“?

Die besten Partys sind ja bekanntlich diejenigen, auf denen man die Zeit vergisst. Man befindet sich in einem zeitlosen Raum und vergisst seine Sorgen. Außerdem ist Feiern an sich zeitlos. Das haben die alten Römer schon gewusst. Und auf vielen guten Partys gibt es ja auch diese Momente, in denen zeitlose Klassiker laufen, die einem Gänsehaut bescheren. All das ist Timeless.

Seit 1995 releast du Musik. Warum ist es heutzutage schwieriger, auf sich aufmerksam zu machen, als vor 21 Jahren?

Na ja, die natürliche Auslese ist nicht mehr da. Der A&R und der Plattenvertrag. Und die Technik ist viel einfacher. Jetzt brauchst du eigentlich nur noch ein Gespür für Musik, einen Laptop, die nötigen Plugins und es kann los gehen. Das heißt, es gibt einfach zu viel da draußen im Netz. Denn jeder lädt alles hoch und will berühmt werden oder seine Community finden oder Freunde oder Mädchen. Bei so viel Andrang im Netz wird es eben schwer. Mittlerweile geben viele Künstler ihr Geld ja – statt für neue Musikinstrumente, Synths oder, wie früher, Platten – für Social-Media-Agenturen aus und lassen sich managen. Das zeigt ja ziemlich eindrucksvoll, wohin der Trend geht.

Ibiza ist nicht nur deine heimliche große Liebe, sondern auch deine zweite Heimat. Nach jahrelanger Residency im Space nimmst du seit einigen Jahren das Lio’s am Dienstag unter Beschlag. Inwiefern hat sich Ibiza in den vergangenen Jahren verändert, wieso gibt es dieses Jahr so viele Razzien und welche anderen Partyregionen in Europa verdienen deiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit?

Also, Ibiza ist toll. Das steht mal außer Frage. Es hat noch diesen besonderen Vibe, den ich immer spüre, wenn ich das erste Mal dort im Sommer vor der Saison lande. Leben möchte ich dort allerdings nicht mehr. Wie es sich verändert hat? Na ja, es ist alles viel größer und lauter geworden. Es ist mittlerweile der absolute Hotspot in Europa im Sommer. Alles schaut auf Ibiza. Selbst die Klatschgazetten sind auf den letzten Seiten nicht mehr voll mit St. Tropez, sondern mit Ibiza. Das gibt auch die Richtung vor, wohin die Reise auf Ibiza gehen soll: Geld, Luxus und VIPs. Für den kleinen Pauschalurlauber wird wenig getan. Wenn ein Strandtag an den Beachclubs mal eben 100 Euro kostet, hört der Spaß meiner Meinung nach leider auf. So war es aber immer mit Angebot und Nachfrage. Die Clubs auf Ibiza waren auch die Ersten, die 100 Euro Eintritt genommen haben. Damals hat sich auch jeder gefragt, wer das zahlt, aber irgendwie wollen alle immer noch hin. Trotzdem gibt es ja ganz viele andere tolle Partyregionen in Europa. Kroatien hat sich sehr gemacht – auch wenn die tollen Clubs gerade sehr unter den Festivals dort leiden. Kroatien wurde nahezu überrannt von den Veranstaltern. Und hinzu kommt, dass sich Turbofolk (siehe Infobox) sehr großer Beliebtheit bei den Kroaten erfreut und es so im Sommer unglaublich viele Partys gibt, bei denen solche Acts spielen. Dann gibt es ja auch noch Mykonos. Mittlerweile fast teurer als Ibiza, da es ebenfalls auf schick und reich setzt. Eigentlich gibt es mittlerweile an jeder Küste oder in jedem Land einen guten Beachclub oder einen tollen Club. Die einzige große Urlaubsregion, die in diesem Jahr aus gegebenem Anlass große Schwierigkeiten hat, ist die Türkei. Gesteigerte Aufmerksamkeit verdient definitiv Montenegro. Mit seinen Clubs und seinen kleinen, aber feinen Festivals und Beachclubs machen die Montenegriner sehr viel richtig und wissen auch, wie man feiert.

Apropos richtig feiern: Du bist ja schon viele Jahre als Feierbiest unterwegs. Wie hältst du dich fit – besonders im Sommer?

Also, ich weiß, es glaubt mir keiner, aber wenn ich den ganzen Sommer so viel toure, dann trinke ich so gut wie nichts. Und wenn doch, dann halt mal ein Bier oder ein oder zwei Drinks. Aber im Juni, Juli und August habe ich bis zu 20 Shows im Monat und wenn ich da noch richtig Gas geben würde, dann wäre das mein Tod am Ende des Sommers oder ich müsste mit den anderen in die Ayurveda-DJ-Entgiftung an die Mosel. Ansonsten mache ich gerade mal wieder Sport und finde es alles auch zurzeit noch ganz cool. Ich habe da immer so Up-and-down-Phasen. Mal macht es Spaß und mal scheißt es mich an. Ich wünschte, ich wäre da ein wenig disziplinierter.

Das Musikbusiness verläuft bekanntlich in Wellenform. Nach einem Hit, also einem Berg, kommt oft ein tiefes Tal. Viele Künstler können damit nicht umgehen, verfallen in Depressionen oder werden drogenabhängig. Wie hast du es geschafft, Rückschläge zu verkraften, und wie würdest du deine aktuelle Situation beschreiben?

Also ist ein Hit ein Berg? Ich glaube nicht, dass man das als Musiker und DJ so sehen sollte. Ein Hit bedeutet viel Aufmerksamkeit und Ruhm seitens der Medien und Fans. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele der Leser hier Robin Schulz, David Guetta oder sogar mich scheiße finden. Die elektronische Musikszene hatte schon immer ein Problem mit Erfolg. Sobald jemand Erfolg hat, wird er von den anderen verteufelt. Eine kleine Neidgesellschaft sind wir, wenn man so will. Automatisch machen die etwas weniger Erfolgreichen dann einen auf Underground und hassen fortan den Kommerz. Ich fand so was immer schade. Ich freue mich für alle, die mit ihrer Musik oder sonst was Erfolg haben. Denn es ist doch offensichtlich so, dass es vielen anderen auch gefällt und Freude bereitet. Was ist daran verkehrt? Ich glaube, ausbleibender Charterfolg ist nicht der Grund für Depressionen oder Drogensucht beim Einzelnen. Das hat eher mit der Persönlichkeit des Künstlers zu tun. Natürlich macht man sich Gedanken, wenn der Erfolg weniger wird und die Scheinwerfer nicht mehr so hell scheinen. Aber man hat trotzdem noch die Möglichkeit, das zu machen, was man so sehr liebt – nämlich Musik. Wie ich meine Situation beschreibe? Ich bin glücklich so, wie es ist. Klar, die ganz Jungen wissen nicht mehr, wer ich bin, aber die kennen den Baba auch nicht mehr. Ich mache viel Musik und mein Label macht mir großen Spaß. Auch die Timeless-Events laufen echt gut und ich glaube, wir haben eine gute Fanbase und Community gefunden, die unseren Spirit teilt. Ich bin nicht Kommerz und ich bin nicht Underground. Ich bin einfach nur Novy und zu meiner Musik tanzen die Leute seit mehr als 25 Jahren gerne. Ich mag gute Musik egal aus welchem Genre und vertrete die Meinung, dass unser altes Motto aus den Neunzigern wieder mehr gelebt werden sollte in der heutigen Zeit: Love, Peace & Unity. Nehmt das, ihr Hater da draußen.

Du hast mehr Hits auf deinem Konto als jeder andere deutsche House-Produzent und DJ. Zudem bist du seit über 20 Jahren als DJ gefragt. Worauf hast du verzichten müssen in deiner Karriere, um diesen Erfolg beständig zu verdienen, und was würdest du rückblickend anders machen?

Na ja, auf die Wurzeln im Leben habe ich verzichtet. Wenn man seit 20 Jahren aus dem Koffer lebt und quasi ein Reisender ist, dann hat man eben keinen Stammtisch am Wochenende oder spielt im Englischen Garten mit den Kumpels Fußball und geht danach auf a Maß. Anders machen ist immer so eine Sache, denn wer weiß, was dann daraus geworden wäre. Ich bin dankbar für meine Karriere und für das, was ich bis jetzt schon alles erleben durfte. Es gibt bestimmt schlimmere Schicksale als meines.

Es ist schwierig, nicht auf seine Hits reduziert zu werden. Trotzdem ist es erstrebenswert, wenn die „Fans“ den Namen eines DJs mit einem Hit in Verbindung bringen. Welcher ist das bei dir und wieso? Oder ist das von Land zu Land unterschiedlich?

Tom Novy: Das ist definitiv von Land zu Land verschieden. „Your Body“ war groß in Australien und in UK und „Take It“ zum Beispiel riesig in Rumänien und Polen – außerdem mein größter Radiohit in Deutschland. Auch die neuen Lieder, die hier leider nicht so erfolgreich waren. So ist „Dancing In The Sun“ Nummer 1 in Südafrika und Top Ten in Kanada gewesen. „Superstar“ ist vergangenes Jahr vom Mixmag unter die 100 besten Housetracks aller Zeiten gevotet worden. Da ist man schon stolz irgendwie.

Dein Zehn-Punkte-Ratgeber für junge DJs und Produzenten, um den Durchbruch zu schaffen?

 

Tom Novy: Oje, als ob das was bringen würde. Aber ihr bei FAZE steht ja auf diese Zehn-Punkte-Nummer. Also gut:

 

  1. Lern, gescheit tanzen. Viele der großen DJs können nicht tanzen. Mit fetten Dancemoves würdest du dich von der Masse anheben.
  2. Sei trinkfest. Es ist immer gut, wenn man schon nicht mit Musik überzeugt, den Promoter oder Clubbesitzer dann wenigstens unter den Tisch saufen zu können. Das verhindert immerhin, dass er sich an dein Set erinnert.
  3. Werd eine Zicke. Nur wenn dein Rider acht Seiten lang ist und du im Privatjet angereist kommst, nimmt man dich heutzutage als echten Star war. Zick auf jeden Fall herum, wenn du nicht die größte Suite im teuersten Hotel hast.
  4. Spiel bei Berlin Tag und Nacht mit oder komm direkt aus dem Dschungel. Ich sage nur Jan Leyk. Mehr geht nicht.
  5. Kauf bitte ganz viele Likes auf Facebook und, noch besser, Plays für deine Sets und Tracks bei SoundCloud. Acts wie der Falsche Hase oder Zwette machen dir ja vor, wie es geht, mit SoundCloud berühmt zu werden.
  6. Übertrag deine Sets jetzt auch von zu Hause live auf Facebook. Damit auch die letzten Honks mitbekommen, wie talentiert du tatsächlich bist und was du für krasse Mixing-Skills hast.
  7. Besorg dir einen Imageberater. Image ist heutzutage alles. Bitte mach das nicht selbst und sei auf keinen Fall, wie du bist. Das geht schief. Lass das Profis machen. Die sagen dir, wie du dich kleiden musst und dass du unbedingt einen Rimova-Koffer brauchst zum Fliegen. Sonst wird das nichts.
  8. Mach Beweisbilder. Auch wenn du noch nicht auf der Mainstage spielst, mach ein Selfie mit dir und der Crowd im Hintergrund und hau es auf all deinen Kanälen jede Stunde einmal raus, damit alle glauben, du tust es.
  9. Du brauchst eine Entourage. Also Don Diablo kommt mittlerweile mit fünf Mann angereist. Martin Garrix mit 27. Da ist also noch Luft nach oben.
  10. Noch ein Tipp für Produzenten. Mach unbedingt Tracks mit alten House-Samples oder mit deutschen Texten. Nur dann wirst du der sein, der immer lacht.

 

Was steht in der diesjährigen Lio’s-Saison an? Welche Gäste hast du eingeladen und wieso?

Tom Novy: Dieses Jahr wird es bunt – wir feiern jeden Dienstag eine Farbe. Also Rot ist die Farbe der Liebe und Grün die Farbe der Hoffnung. Aber wir treiben es ja auch bunt. Die Gäste in diesem Jahr wurden mehr Label-orientiert gebucht. Ich dachte, ich bringe die Familie mal zusammen. Also Schwarz 100, Robert Heart, Shuja, Pete Sabo und so weiter. Aber es wird auch neue Gesichter geben und alte. David K ist wieder dabei und Markus Gardeweg hat bis jetzt das beste Set der Saison gespielt. Auch heiße Frauen wie Eno-C oder Simonne Anes dürfen mal ran. Und dann wird es noch die eine oder andere Überraschung geben.

Wie viel kostet einen „normalen“ Ibiza-Touristen deiner Meinung nach eine Woche Ibiza? Bitte detailliert.

Reise und Unterkunft: Flug ca. 250 EUR. Hotel, sagen wir mal das Hard Rock Hotel. Gute Lage, mittendrin. Kostet 250 EUR die Nacht. Auto: ca. 300 Euro die Woche.

Ein Strandtag und eine Partynacht: Beachtag mit Pimpliege am Nassau Beach kostet ca. 500 EUR – und das ist noch nicht das, was ich als „Vollgas geben“ bezeichnen würde. Das beinhaltet dann ein Bett und zwei Flaschen Rose, ein paar Wasser und Lunch. Es ist aber fast überall dasselbe. Bei einem sind die Liegen billiger, dafür ist dann das Essen teurer. Mann kann auch oldschool sein und bei Sa Trinxa mit dem Handtuch im Sand liegen und ein Sandwich essen, aber das ist mittlerweile uncool in Ibiza. Ein Abendessen im Casa Colonial kostet mit zwei Personen ca. 300 EUR – die Begleitungen kosten ca. 500 EUR. Ein Tisch im Pacha am Solomun-Abend – direkt beim DJ – kostet 5.000 Euro. Der Eintritt ist aber dabei. Sprengstoff und Tanzdragees kosten je nach Bedarf ca. 300 EUR.
Eine Bootsfahrt nach Formentera mit Freunden: Boot 1.200 EUR. Benzin ca. 500 EUR.
Essen im Best Beach ca. 600 EUR für 5 Personen – je nach Weinbedarf.

Und da ist man dann nach einer Woche als „normaler“ Tourist pleite. Kommen wir mal auf dein Label zu sprechen. Du produzierst zwar auch selbst, aber immer mal wieder gerne mit Kollegen. Aktuell arbeitest du u. a. mit Dan Caster zusammen. Wieso gerade mit ihm? Neben deinem DJing und deiner Produzententätigkeit führst du auch ein Label. Welche Acts sind hier beheimatet und was wird in Bälde erscheinen?

Ja, ich produziere derzeit mit ein paar Freunden, Dan ist einer davon. Ich finde, Dan ist ein Ausnahmetalent und sein Sound ist echt klasse. Auf unserem Label haben wir gerade für das Es Vive Hotel auf Ibiza eine echt tolle Compilation herausgebracht. Sehr gutes Feedback gibt es auch auf die neue Schwarz-100-Single „Finally“ – ein Cover des Kings-Of-Tomorrow-Klassikers. Aber am besten schaut ihr mal bei uns auf der Seite vorbei oder auf iTunes, Beatport oder SoundCloud und hört gleich rein. Und werdet natürlich Fans!

Aus dem FAZEmag 054

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Infobox Turbofolk
Turbofolk ist ein vor allem in Südosteuropa beliebtes Musikgenre und vermischt traditionelle Volksmusik sowie Schlager mit Rock, Pop und Techno. Elektronische Instrumente werden verstärkt eingesetzt. Turbofolk ist im gesamten Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens populär, wobei das Zentrum der Turbofolk-Bewegung bis heute hauptsächlich Serbien ist. Turbofolk kommt vor allem bei der jüngeren Generation sehr gut an. Stars des Genres sind Mira Škorić, Snežana Babić, Severina Vučković und der bosnisch-serbische Sänger Mile Kitić.