
Mit dem Projekt „Free Spaces“ setzt Wien ein Signal: Unterhalb der Praterbrücke finden in diesem Jahr sieben legale, unkommerzielle Open-Air-Raves statt – bis Mitternacht, mit vereinfachten Genehmigungen, bereitgestellten WC-Anlagen und Strom sowie 3.000 Euro Förderung pro Event. Entstanden ist das Vorhaben in enger Abstimmung mit der Vienna Club Commission. Deren Geschäftsführerin Martina Brunner betont die Niedrigschwelligkeit: Wer veranstalten will, soll es einfach können – und wer feiern will, legal und ohne Konsumzwang.
Aus der Szene meldet sich nun jedoch ein anonymer Szene-Insider gegenüber uns zu Wort, der das Projekt begrüßt, aber eine Schieflage sieht. „Dass die Stadt Politik und Verwaltung unsere Kultur endlich ernst nehmen, ist ein riesiger Fortschritt“, sagt er. Zugleich gehe in der Debatte „eine Perspektive völlig unter“: jene der gewerblichen Veranstalterinnen und Veranstalter – also derjenigen, die mit Events ihren Lebensunterhalt verdienen, Steuern zahlen, faire Gagen überweisen und ganze Wertschöpfungsketten (Technik, Grafik, Security, Marketing) tragen. „Ist es wirklich verwerflich, wenn am Ende genug übrig bleibt für Miete und Sozialversicherung? Und zahlen nicht gerade wir mit unseren Abgaben auch jene Förderungen, die jetzt in den Free Space fließen?“, fragt er.
Kern seiner Kritik: strukturelle Bevorzugung von Non-Profit-Modellen. Im Free Space seien wirtschaftlich tragfähige Veranstaltungen nicht vorgesehen; anderswo im öffentlichen Raum stoße man – aus seiner Sicht – weiterhin auf massive Hürden. „Wir fühlen uns von der Vienna Club Commission absolut nicht vertreten“, so der Insider. Interne Schwerpunktsetzungen führten dazu, „dass vor unserer Haustür eine geförderte Konkurrenz entsteht, deren Teil wir nur werden können, wenn wir auf jeglichen Umsatz verzichten“.
Hinzu komme eine Verengung öffentlicher Spielräume. Der Insider befürchtet, dass der Free Space „zum einzigen Ort“ werde, an dem Open-Air-Elektronik künftig möglich sei: „Alle anderen werden hören: Bewerbt euch doch dort – aber hier nicht.“ Als Beleg nennt er nach eigener Darstellung gestoppte oder stark regulierte Projekte (etwa Projekt DRAUSSEN oder Gleis19) sowie strikte dB-Limits (85–95 dB) für Außenflächen mit Betriebsanlagen. Parallel locke der Free Space – auch wegen gelockerter Rahmenwerte – Acts und Publikum an.
Sein Gegenentwurf: gleichberechtigte Optionen für hochwertige Produktionen im öffentlichen Raum – „unter Brücken oder auf Freiflächen, mit professioneller Technik, fair bezahlten Acts und einem Konzept, das nicht nur laufende Kosten deckt, sondern nachhaltige Strukturen schafft“. Dazu brauche es transparente Kriterien, die auch gewerblichen Akteurinnen und Akteuren realistische Chancen einräumen. „Wir wollen niemandem etwas wegnehmen“, sagt er. „Aber wir brauchen eine Stimme – und die Möglichkeit, mit Kollektiven zusammenzuarbeiten, größere Bühnen zu bieten und faire Gagen zu sichern.“
Die Vienna Club Commission hält dagegen, dass die Reihe Kollektiven eine Experimentierfläche gebe: Wer hier Community und Fähigkeiten aufbaue, könne später professionalisieren – auch in Clubs. Die Förderlogik sei darauf ausgerichtet, erschwingliche, legale Räume zu schaffen, ohne den Regelbetrieb zu ersetzen.
Zwischen Kulturförderung und Wettbewerbsneutralität bleibt somit eine Reibfläche. Der Free Space ist ein wichtiger Schritt – die Frage, wie öffentliche Flächen so geöffnet werden können, dass Non-Profit und gewerbliche Veranstalter gleichermaßen profitieren, steht jedoch weiter im Raum. Der Diskurs darüber hat gerade erst begonnen.
Foto: Gugerell via Wikimedia Commons
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