Vielleicht ist ja jetzt die perfekte Zeit für dieses Tool: Wenn die Städte in den Ruhemodus herunterfahren und etwas regnerische Tage mit gutem Gewissen im Studio verbracht werden, kann man mit dieser kleinen Box von SOMA das gewohnte Terrain vor der DAW verlassen und ungewöhnliche Sounds jagen. Sounds, die allesamt aus der Zivilisation stammen, doch unhörbar für uns sind. Die Rede ist von elektromagnetischer Strahlung, die im 21. Jahrhundert aus nahezu jeder Richtung kommt: Lampen, Bildschirme, Motoren, Straßenlaternen, Küchengeräte, WLAN oder Stromleitungen. Sie ist über, unter und direkt neben uns, doch unsere Wahrnehmung hat sie nicht auf dem Schirm. Bis jetzt.


Mich erreicht ein kleines Paket mit einer noch kleineren schwarzen Box im Spielkarten-Set-Format. Auf dem ersten Blick macht alles einen wertigen, aber auch etwas abstrakten Eindruck. An der Oberseite finden sich zwei Pins, die als Außenantenne fungieren. Diese sind besonders sensitiv im Kontakt mit Material aus Metall oder dem körpereigenen Strom von Lebewesen. An der Unterseite ist ein 3,5-Milimeter-Klinkenausgang eingebaut, mit dem man entweder direkt per Kopfhörer abhören kann oder noch einen Recorder in den Signalweg einbauen kann, um das Gehörte auch festzuhalten. Dann gibt es seitlich noch zwei Drehregler – einen für die Abhörlautstärke, einen für die Empfindlichkeit – sowie einen On/Off-Schalter. Das ist alles.

Ab jetzt kommt es auf den Anwender und die gefundenen Quellen elektromagnetischer Strahlung an. Der Ether empfängt das ganze Spektrum von wenigen Hertz bis in den Gigahertz-Bereich. Dabei wird nicht versucht, das Band einzugrenzen und sich somit auf einen bestimmten Bereich zu begrenzen, wie es ein normales Radio macht. Sondern man bekommt das ganze Spektrum und kann mit dem Empfindlichkeitsregler einstellen, ob man eher noisige oder volle, tonale Ergebnisse hören möchte. Mit einem Gewicht von nur 73 Gramm und einer Batterielaufzeit von über 100 Stunden ist das kleine Tool perfekt für trippige Spaziergänge und außergewöhnliche Außeneinsätze. Bevor wir euch auf einen solchen, zusammen mit einem der aufstrebensten Akteure der Szene, mitnehmen, noch ein kleiner Tipp: Haltet beim Auspacken einen kleinformatigen Kreuz-Schraubenzieher und zwei AAA-Batterien für die Stromversorgung bereit, dann kann es auch schon losgehen.

Für uns hat Leif Müller, DJ und Produzent mit zahlreichen, in guter Erinnerung gebliebenen Releases auf Cocoon, Mule Musiq, Mobilee oder shtuum, den Ether in seinen Kreativprozess aufgenommen. Der Stuttgarter, der sich eine WG mit Konstantin Sibold teilt, ist bekannt für seinen treibenden, pointierten Sound, der immer offen für Experimente ist. Der passende Mann also für eine ausführliche Review:

Hi Leif, wie integriert du den Ether in deinen Studio-Workflow?

Erst kürzlich hab ich mir mit dem Behringer RD-8 und dem Korg Prologue nach einer längeren Phase rein digitaler Produktion wieder analoges Equipment zugelegt. Insofern ist der Ether eine passende Ergänzung. Was den Kreativprozess betrifft, habe ich keine fixen Abläufe. Mal ist ein Beat die Grundlage auf dem aufgebaut wird, mal beginne ich mit dem Synth- und Melodiespuren. Insofern können die Aufnahmen mit dem Ether sowohl das erste Element und die Inspiration sein, aber genauso gut erst später dazu kommen.

Du bist mit dem kleinen Tool von SOMA Laboratory unterwegs gewesen, bevor du damit im Studio kreativ warst. Wie war’s?

Ich mache immer mal wieder Fieldrecordings mit meinem Zoom H4n, insofern kenne ich den Prozess. Mit dem Ether, dessen Größe und Gewicht ideal sind, ist das zwar eine ähnliche Herangehensweise, aber hier ist es quasi zu 100 Prozent Überraschung, was heraus- bzw. hereinkommt. Die Möglichkeiten mit dem Gerät an sich sind zwar stark begrenzt, aber es macht trotzdem echt Spaß und es ist echt irre, was alles in der Luft herumschwirrt – und was man dabei mit dem Gehör normalerweise niemals erfassen könnte. Menschen gemachte Strahlung wird hörbar, was sehr geil ist, aber auch gleichzeitig etwas erschreckend.

Wie klingt denn die Menschen gemachte Strahlung?

In der Natur ging fast nichts. Zum Glück. In der Wohnung gibt es einiges an Geräten, Lampen oder Bildschirmen. Hier war unser Saugroboter in der Ladestation mein absolutes Highlight. Dieser produzierte sehr tiefe Frequenzen, welche in regelmäßigen Schüben mit kurzen Unterbrechungen kamen, die ich sonst eher selten gefunden habe. Interessant war auch der Fußraum im Elektro-Smart während der Fahrt. Ein bisschen wie bei Mario Kart als E-Version.

Verrückt war die Passage am Hauptbahnhof in Stuttgart. Ein unscheinbarer Kiosk war klanglich ein Mega-Spektakel. Oder auch die Bildschirme an den Fahrkarten-Automaten waren sehr flirrend und erzeugten eine krasse Klangwelt.

Wie hast du beim Recording den Frequenzregler vom Ether benutzt?

Passend zum Objekt drehe ich an ihm und schaue, welche Frequenzen mit welcher Einstellung aktuell erfasst werden können. Im oberen Frequenzbereich waren oft deutlich mehr Sounds zu hören.

Kannst du einschätzen, für welche elektronische Styles man den Ether gut verwenden kann?

Das ist alles eine Frage der Kreativität, wobei die Aufnahmen und Sounds schon sehr speziell sind. Aber ich würde sagen, der Ether ist vor allem für die Bereiche Noise, Experimental, Electronica oder Techno geeignet. In einem Housetrack werden wir die Aufnahmen eher nicht finden.

Welche Sounds kannst du daraus bauen?

Die Klangwelt besteht vor allem aus dröhnen, wummern, flirren, zirpen, schimmern, pulsieren und Ähnlichem. Geloopt kann das natürlich geil sein, aber auch als FX-Sounds funktionieren die Aufnahmen mit dem Ether super.

Wie lange kannst du dich mit nur einem verstellbaren Parameter eigentlich beschäftigen?

Im Freien durch die verschiedenen Objekte und Möglichkeiten deutlich länger als im Studio.

Inspiriert dich der Umgang mit einer solch ungewöhnlichen Box?

Ja schon, weil es nicht alltäglich ist, einem aber plötzlich Sounds des Alltags hörbar gemacht werden. Völlig verrückt: Ich werde die nächsten Tage auf Basis dieses Erlebnisses auf jeden Fall anders durch die Gegend laufen.

Wie siehst du den Ether im Live-Einsatz?

Ich selbst mache zwar keine Live-Sets, würde aber sagen, dass das passt. Wobei man während eines Live-Set natürlich begrenzte Ressourcen zu Verfügung haben wird, sich über den Ether Sounds zu holen. Das ist natürlich abhängig vom Equipment.

Kannst du es allen In-the-box-Producern empfehlen, die mal raus aus ihrem Set-up kommen wollen?

Die Bedienung ist zwar super einfach, dennoch ist es eher kein Tool für die breite Masse. Es schließt zwar niemanden als Zielgruppe aus, ich sehe den Ether aber eher bei Leuten, die sich z. B. auch für Modular-Systeme begeistern können. Es erweitert aber definitiv den Horizont und kann eine coole Inspiration sein.

 

 

Aus dem FAZEmag 098/04.2020
Text: Bastian Gies
Fotos: Leif Müller
www.somasynths.com
www.soundcloud.com/leif-mueller

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.