Wenn Generationen aufeinandertreffen: 74-Jähriger wird zum Kult-Raver im Berliner Sisyphos

Wenn Generationen aufeinandertreffen: 74-Jähriger wird zum Kult-Raver im Berliner Sisyphos

Novinia Göhlsdorf teilt gegenüber der Zeit eine ganz außergewöhnliche Geschichte über ihren Vater, einen Stammraver im Sisyphos, welche einen ganz eigenen Einblick in die Szene, den Umgang mit dem Älterwerden und die Verbindung durch und zur Musik gewährt.

In Berlins Clubkultur tauchen immer wieder außergewöhnliche Geschichten auf, die von Begegnungen, dem Verschwimmen von Grenzen und nicht mehr endenden Nächten erzählen. Diese zeigt einmal wieder, wie die Musik es schafft, Raum für Entfaltung zu schaffen und die Menschen wieder zusammenzubringen. Ein 74-jähriger Westfale, von den regelmäßigen Besucher*innen liebevoll auch „Silver“ genannt, ist mittlerweile längst fester Bestandteil der Sisyphos-Community. Während für viele nach einer Nacht voller Tanzen Feierabend ist, beginnt für ihn oft erst der eigentliche Flow. Da wird auch gern mal ein ganzes Wochenende durchgetanzt.

Vor rund zwölf Jahren entdeckte er die Liebe zu Techno, der Szene und Clubkultur neu für sich. An einem Zeitpunkt im Leben, an dem viele bereits über das Ende ihrer Clubkarriere nachdenken. Ein spontaner Besuch im Kater Blau sollte damals den Ausschlag geben. Seitdem reist er regelmäßig aus seiner Kleinstadt nach Berlin und verbringt dort teils ganze Tage auf der Tanzfläche des Clubs. Mit unermüdlicher Energie tanzt er und wird von vielen Gästen als positives Beispiel für eine offene, altersunabhängige Clubkultur gefeiert.

Die Reaktionen auf ihn fallen durchweg herzlich aus. Viele jüngere Raver*innen sehen in ihm eine Art Symbolfigur, weil er einfach er selbst ist. Kein Style-Performance-Druck, stattdessen Leinenhose, Birkenstocks und eine Begeisterung, welche sich überträgt.

Seine Tochter, welche selber in Berlin lebt, wurde kürzlich Teil einer dieser Nächte voller Tanzen und Ausgelassenheit ihres Vaters. Die gemeinsame Clubnacht schaffte einen Moment des gegenseitigen Verstehens. Sie stellte eine Verbindung wieder her, welche etwas eingeschlafen schien. Die Distanz, welche sich zwischen beiden eingeschlichen hatte, wird überwunden und sie finden zueinander.

Die Geschichte zeigt erneut, wie breit die Berliner Szene ist. Clubkultur ist längst keine Alterfrage mehr, sondern eine Haltungsfrage. Die Verbindung zur Musik überwindet die Distanz zwischen Generationen und auf der Tanzfläche ist genug Platz für jung wie alt.

Quelle: Zeit

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