Ab und zu tauchen Künstler in der von Eitelkeiten und Plattitüden überfluteten Szenerie auf, die etwas Besonderes sind. Das merkt man sofort. Nach einem Track, einem Live-Auftritt oder einem Video. Im Fall der sympathisch-skurrilen Süditalienerin Giorgia Angiuli war es ein Video. In diesem performt Giorgia ihren Track „Embrace Me Now“ mittels Kinderspielzeug, Akai MPC Mini und Mikrofon. Das Video versprüht einen kindlichen Charme und eine außergewöhnliche Magie. Kein Wunder, dass sich nach diesem Video die Lobeshymnen überschlugen. Es folgten weitere Videos und gefeierte Live-Sets. Kurz vor der Fertigstellung ihres ersten Albums haben wir mit Giorgia ein Interview führen können – und auch dieses Gespräch versprühte eine spezielle Magie und brachte interessante Fakten zu Tage. Wie zum Beispiel: Es ist wichtig, sich das Kind im Erwachsenen zu bewahren.

 

giorgia-angiuli

 

Du stammst aus Monopoli in der süditalienischen Region Apulien/Puglia. Wie war deine Kindheit und wie dürfen wir uns deine musikalische Sozialisation vorstellen?

Ich wuchs in einer Musikerfamilie auf. Unser Haus lag direkt am Meer und war voller Musikinstrumente. Puglia ist ein magischer und sonniger Ort und ich erinnere mich, dass ich meine Freizeit damit verbrachte, in unserem Landhaus viele Jam-Sessions mit meinen Freunden zu organisieren. Ich habe klassische Gitarre an einem Konservatorium studiert. Danach spielte ich einige Jahre in einer Metal-Band. Nach der Hochschule entdeckte ich die elektronische Musik für mich.

Du hast sehr früh Instrumente erlernt. Inwieweit hat deine Familie dein musikalisches Talent unterstützt?

Ich habe mein erstes Lied komponiert, als ich neun Jahre alt war, und ja, meine Familie hat mich immer unterstützt.

Klassische italienische Musik hat eine sehr lange Tradition. Welche Künstler haben dich in dieser Hinsicht beeinflusst?



Um ehrlich zu sein, es gibt nicht viele italienische Künstler, die mich beeinflusst haben. Allerdings habe ich früher viel christliche Musik gehört. Der lateinische Begriff für diese Musik lautet „canti gregoriani“.

Du hast eine musikalische Ausbildung genossen. Wann hast du für dich gewusst, dass du Musiker werden willst?

Ich habe zwei ältere Brüder, die beide klassische Musik studiert haben. Meine Mutter war darüber hinaus Lehrerin für Literatur am Konservatorium. Irgendwie war es natürlich, dass wir alle Musik studierten. Es hat sich normal angefühlt.

Und wann hattest du das Gefühl, dass elektronische Musik die richtige für dich ist?

Meine Liebe zu elektronischer Musik entstand ebenso natürlich. Ich hörte „Kid A“ von Radiohead, Björk, Apparat und Ellen Allien und war wirklich beeindruckt von diesem magischen Sound, den sie produzierten. Also begann ich, mir ein paar Geräte zu kaufen, um zu lernen, wie man diese Art von Musik produziert.

Wie würdest du dich abgesehen von Musik beschreiben? Was sind deine Hobbys, wenn du keine Musik machst oder herumreist? Treibst du Sport?

Ich denke, ich bin ein positives, ruhiges und zurückhaltendes Mädchen. Ich liebe es, zu scherzen und zu lachen, und ich glaube an Aufrichtigkeit. In meiner Freizeit lese ich gerne Bücher der orientalischen Philosophie, meditiere und versuche, jeden Tag Dehnübungen zu machen.

Musik ist eine gute Möglichkeit, Gefühle auszudrücken, zum Beispiel Liebe und Wut zu zeigen. In welcher Stimmung bist du besonders kreativ?

Meine Beziehung mit dem kreativen Prozess ändert sich oft. In der Vergangenheit war ich nahezu besessen. Ich konnte sogar Inspiration in meinen Träumen finden. Es passierte oft, dass ich schlief und von Melodien träumte. Also bin ich in der Nacht aufgewacht und aufgestanden, um etwas zu schreiben und aufzunehmen. In den vergangenen drei Jahren wurde ich jedoch entspannter und versuchte, weniger Zeit mit der Komposition zu verbringen.

Was inspiriert dich?

Ich lasse mich vom täglichen Leben inspirieren, aber ich erschaffe nie etwas zu einem bestimmten Zweck. Die Schöpfung ist für mich ein Bedürfnis und ein tiefer Impuls.

 

Wie verläuft ein normaler Tag in deinem Leben?

Ich wache ziemlich spät auf, gegen 11:00 Uhr. Dann schaue ich in den Himmel, atme tief ein und dehne mich etwas. Nach dem Frühstück sage ich „Guten Morgen“ zu meinen geliebten Synthesizern und fange an, Musik zu machen. Nach einigen Stunden lege ich eine Pause ein, um E-Mails zu lesen. Ich bin ein bisschen traurig, zugeben zu müssen, dass ich viel Zeit vor meinem Laptop verbringe. Ich möchte eines Tages ein anderes Leben führen. Weniger vor dem Computer, mehr in der Natur und mit mehr realen Beziehungen – nicht nur virtuell.

Gibt es Dinge, die dich ängstigen?

Die sogenannte „Liquid Society“ macht mir Angst. Durch sie wurde der Lebenszyklus der Produkte sehr kurz. Alles scheint in kürzester Zeit weggeworfen zu werden. Die Welt bewegt sich zu schnell, wir sollten alle etwas langsamer werden.

Du bist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Mensch. In deiner Weltauffassung und auch in deiner Musik. Ich finde deine Musik absolut einzigartig. Wie beschreibst du deinen Musikstil?

Danke, dass du denkst, dass meine Musik einzigartig ist. Ich liebe verschiedene Dinge und ich habe schon viele verschiedene Arten von Musik gespielt. Daher könnte ich meinen Stil als eine Mischung aus Pop, Techno und Electronica beschreiben. Außerdem bin ich ein Sammler von Vintage-Kinderspielzeug. Dieses versuche ich immer in meine Live-Sets und Videos einzubinden.

Mit welchem Equipment hast du angefangen zu produzieren?

Ich habe mit Ableton Live angefangen, zu produzieren. Und das ist eine Software, die ich immer noch liebe und sehr gerne benutze. Dazu hatte ich eine Motu-Soundkarte und ein sm58-Mikrofon. Schon recht bald begann ich, Synthesizer zu kaufen. Ich wurde schnell süchtig nach analogen Klängen.

Wie bist du mit Labels wie BPitch oder Stil vor Talent in Kontakt gekommen?

Mit BPitch Control hatte ich wirklich Glück. Ein Freund von mir hat mich Ellen Allien vorgestellt und sie mochte meine Produktionen. Bei Stil vor Talent hatte ich das Glück, vor Oliver Koletzki in Berlin zu spielen. Er mochte mein Live-Set und daraufhin schickte ich ihm Demo-Tracks. Stil vor Talent ist eines meiner Lieblingslabels.

Kannst du dich an deinen ersten Auftritt erinnern? Wie und wo war es?

Ich weiß es noch genau. Ich war elf Jahre alt und es war ein Solo-Live-Auftritt mit meiner klassischen Gitarre. Der Auftritt war in einer Kirche in meiner Heimatstadt Monopoli. Ich erinnere mich, dass ich sehr ängstlich war und meine Hände zitterten, aber die Augen meiner Mutter gaben mir viel Kraft, dann fing ich an zu spielen und die Angst verschwand.

Deine Videos sind auf den Social-Media-Kanälen wie Facebook und Instagram sehr erfolgreich. Wegen ihrer Verrücktheit und deines außergewöhnlichen Talents. Wie hast du reagiert, als dir klar wurde, dass so viele Menschen auf der Welt deinen Stil der elektronischen Musik lieben?

Ich muss zugeben, ich bin kein großer Freund von Facebook und Social Media im Allgemeinen, aber ich kann sagen, dass ich sehr beeindruckt und überrascht war, die Kraft und Macht von Social Media zu erleben. Es ist erstaunlich, so viele Nachrichten aus verschiedenen Teilen der Welt zu erhalten. Ich bin allen Menschen, die meine Videos teilen, sehr dankbar, dass sie mich und meine Arbeit unterstützen.

Du hast gerade mit Booka Shade zusammengearbeitet. Wie war das?

Zuallererst muss ich sagen, dass ich ein großer Fan von Booka Shade bin. Vor einigen Monaten habe ich Coyu, dem Besitzer von Suara, ein Demo geschickt und er hat mich gebeten, eine EP mit melodischeren und elektronischeren Tracks aufzunehmen. Wenn ich das machen würde, sagte er, verspräche er mir „Remixe von wichtigen Künstlern“. Nach einer Woche bekam ich eine weitere E-Mail von Coyu. In dieser E-Mail stand: „Hey Giorgia, Booka Shade werden deinen Track ,I Touch Your Ghost‘ remixen.“
Ich konnte es nicht glauben, ich war so glücklich, dass sie beschlossen haben, meinen Track zu remixen! Nach einem Monat kontaktierten mich Booka Shade, damit ich mit ihnen zusammenarbeitete, und es war wie ein Traum. Ich war ein bisschen ängstlich, weil ich mich noch nicht bereit dafür fühlte, aber am Ende ging alles gut.

Was können wir in diesem Jahr von dir erwarten? Auf welchem Label werden Releases erscheinen und welche Kooperationen sind geplant? Mit welchem Künstler würdest du gerne arbeiten?

Letztes Jahr habe ich sehr viel Musik veröffentlicht. Jetzt habe ich mir vorgenommen, eine kleine Pause einzulegen, um in mich hineinzuhören und neue Richtungen zu entdecken. Allerdings werde ich eine neue EP auf Stil vor Talent veröffentlichen und ich arbeite daran, ein Album zu veröffentlichen. Eine für mich besonders wichtige Kooperation wird die Zusammenarbeit mit meinem Bruder sein. Ich möchte mit ihm live spielen – er ist Kontrabassist. Ich denke schon lange über dieses Projekt nach und glaube, dass es an der Zeit ist, es zu verwirklichen. Außerdem habe ich vor, mir einen weiteren Traum zu erfüllen. Ich möchte mein eigenes Brand für Mode und Accessoires entwickeln und in diesem Rahmen mit verschiedenen Künstlern, Designern und Illustratoren zusammenarbeiten. Ich hoffe, ich kann hierzu bald mehr erzählen.

Du reist viel herum und du genießt es, wie ich weiß. Welches Land hat dich am meisten überrascht und welche Länder möchtest du in Zukunft besuchen?

Ja, ich liebe es, zu reisen und neue Menschen kennenzulernen. Ich war definitiv beeindruckt von der Herzlichkeit der Menschen in Brasilien und Mexiko. Es war meine erste Tour durch Südamerika und ich war überwältigt. Mein Traum ist es, eine Tour durch Japan zu machen, und ich hoffe, mir diesen Traum schon sehr bald erfüllen zu können. Dabei möchte ich dann gerne eine Kunst-Installation mit einem verrückten japanischen Spielzeugdesigner machen.

Gibt es deutsche Festivals, auf denen man dich in diesem Jahr sehen kann?

Es ist noch ein wenig zu früh, alles zu vermelden, aber ich kann dir schon sagen, dass ich im Juni und Juli zweimal in Deutschland sein werde. Beide Festivals sind sehr wichtig, ich kann es kaum erwarten!

Wo siehst du dich in 20 Jahren?

Ich denke, Musik wird immer ein großer Bestandteil meines Lebens sein. Ich stelle mir vor, in einer warmen Stadt zu leben, in einer Wohnung mit rosa Wänden, und nach einer Möglichkeit zu suchen, meine Leidenschaft für Musik mit Wohltätigkeitsveranstaltungen zu verbinden. Musik kann ein starkes Werkzeug sein, um Menschen in vielerlei Hinsicht zu helfen. Ich hoffe, dass ich eines Tages eine Begegnungsstätte eröffnen kann. In diesem Raum möchte ich wohltätige Jam-Sessions durchführen, um Menschen zu helfen. Meine Mutter wurde vor Kurzem krank. Ich war vor ein paar Wochen mit ihr im Krankenhaus und man kann sich nicht vorstellen, wie hilfreich es war, Musik von Bach in diesem Moment zu hören.

Was sind deine fünf Lieblingsmusikstücke?

Stimming – November Morning
Radiohead – Idioteque
Terry Reiley – In C
Arvo – Part My Heart’s In The Highlands
Ben Klock – Subzero
Aus dem FAZEmag 071/01.2018
Text & Interview: Sven Schäfer

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