„Alle meine Mixe sind Reisen – sowohl für mich, als auch für die Hörer.“ Frans Zimmer, besser bekannt als Alle Farben, erlebt derzeit einen enormen Aufstieg. Nach Jahren des Plattendrehens in diversen Berliner Clubs und unermüdlicher Fanarbeit über die Social Medias tourt er jetzt als gefragter DJ durch die Welt und ist gern gesehener Gast auf den Festivals dieses Sommers. Dabei stets mit offenen Augen und Ohren für neue Musik und dem besonderen Gespür für Melodien und Gefühl gesegnet. Trotz eines extrem knappen Zeitplans hat Alle Farben für FAZE einen besonderen Mix aufgenommen. Im folgenden Interview mit ihm geht es um Kunst, Metal und auch so manche Schattenseiten des Erfolgs.

Lass uns über Kunst reden. Dein Vater ist Künstler und dein Artistname rührt daher, dass du
dich schon lange mit Malerei beschäftigst. Wie beeinflusst dich die Kunst? Gehst du viel in Museen und malst du immer noch selbst viel?

Ich male mittlerweile weniger, da ich nicht mehr ganz so viel Zeit dafür habe. Als Ausgleich gehe ich doch noch recht häufig in Ausstellungen. Auch wünsche ich mir zum Geburtstag immer noch Kunstbände von meinen Eltern. Ich bin von Kunst begeistert. Ab und zu erstelle ich selbst kleine Aquarelle, jedoch keine Großformate, da ich kein Studio mehr dafür habe.

In welcher Weise fließt die Kunst in deine Produktionen mit ein oder in die Gedanken oder Ideen, die du beim Erschaffen von Tracks hast?
Wenn ich in eine Ausstellung gehe, mache ich das eher, um den Kopf frei zu kriegen, als dafür, neue Ideen zu bekommen. Musik ist natürlich auch eine Kunstform, aber wenn ich in einer Galerie bin und mir die Bilder anschaue, beschäftige ich mich nicht nur mit ihr in diesem Moment. Irgendwo begleitet mich Musik immer, aber ich muss auch manchmal einen freien Kopf haben, und dafür sind Ausstellungen sehr willkommen.

Welche Kunstrichtung bevorzugst du? Die alten Meister oder doch eher Gegenwartskunst?
Das kann ich gar nicht genau sagen. Die letzte Ausstellung, die ich besucht habe, war die zu Gerhard Richter hier in Berlin. Den finde ich super. Aber hier gibt es ja immer Ausstellungen, egal ob klein oder groß.

Gibt es bestimmte Museen, in die du regelmäßig gehst?
Nein, nicht wirklich, Oft ist es so, dass Freunde mich fragen: Kommst du mit? Und das ist mir meist lieber, als mit System wegzugehen, da ich so vielleicht auch noch überrascht werde.

Wie und wo wurdest du musikalisch sozialisiert? Gab es Clubs oder DJs, die dich geprägt haben und die dir den Anstoß gaben, selbst Musiker und DJ zu werden?
Es waren nur ein paar Künstler, die mich zur elektronischen Musik gebracht haben. Ich kam vom TripHop, fing mit DJ Shadow an. Eine Zeit lang war Trentemøller ganz wichtig für mich. Der hat mich in meinen Anfängen geprägt. Danach hatte ich kein richtiges Idol mehr, sondern suchte mir einfach das aus, was mir Spaß machte.

Hört man sich deine Sets an, kommt man sehr schnell zu der Feststellung, dass Melodien und Emotionen eine große Rolle bei Alle Farben spielen …
Ja, das macht Alle Farben aus. Darauf liegt mein Hauptaugenmerk. Ich liebe Emotionen und Melodien in der Musik.

Gibt es da einen bestimmten Track mit diesen Faktoren, der dich so beeindruckt hat, dass er zum All-Time-Favourit wurde?
Nein, kann ich nicht sagen. Es braucht noch nicht mal elektronische Musik zu sein. Ich muss da immer wieder Tschaikowski als Beispiel nennen. Den spiele ich auch öfters im Club, als letzte Nummer. Die Leute sind dann sehr skeptisch. Die eine Hälfte fängt an zu tanzen. Wenn ich einen Walzer spiele, dann tanzen die auch einen Walzer. (lacht) So kann man sein Herzblut in den Clubkontext bringen und dem Publikum auch mal etwas anderes bieten. Nicht immer nur den Viervierteltakt … Das mache ich natürlich nicht dauernd, da es sonst zu sehr die Dynamik des ganzen Abends stören würde, aber ich mag es, auch mal eine Überraschung statt einer Abfahrt zu bringen, bei der die Leute dann lächeln.

Hörst du privat dann eher Klassik, oder konsumierst du neben deiner DJ- und Produzentenarbeit auch viel elektronische Sounds?
Ich höre auch elektronische Musik, aber generell finde ich überall etwas Schönes für mich. Ganz egal ob HipHop, Rock oder Klassik. Ich mag mich da gar nicht beschränken.

Wie weit hat dich die Clubszene in deiner Heimatstadt Berlin beeinflusst?
Es war für mich möglich, hier immer Präsenz zu zeigen. Immer zu spielen, auch wenn es nur ein kleiner Club war. Wenn man Musik nicht gehört hat, kann man sie nicht mögen. Dadurch, dass ich so präsent war, konnten sich viele Leute ein Bild von meiner Musik machen und selbst entscheiden, ob sie ihnen gefällt oder nicht. Berlin war in dem Sinn für mich gut und wichtig. Mittlerweile ist hier ja auch die halbe Szene zu Hause, dadurch hat man auch einen guten Austausch.

Bis zum letzten Jahr war dein Name meist nur innerhalb Berlins bekannt. Nun bist du aber auch international viel unterwegs. Hat dich der Erfolg überrascht oder hast du ihn als Resultat einer stetigen Entwicklung und wachsenden Aufmerksamkeit wahrgenommen?
Die Aufmerksamkeit war auf jeden Fall da, sie wuchs auch sehr schnell. Aber eher bei den Zuhörern als bei den Clubbetreibern. Die haben sich lange nicht getraut. Laut Soundcloud kommen schon lange viele Hörer meiner Sets aus dem Ausland und aus anderen Städten. Dadurch hätte es eigentlich schon früher außerhalb Berlins losgehen können, mit nationalen und internationalen Gigs – wenn die Booker der Clubs sich getraut hätten.

Warum hat das von deren Seite so lange gedauert? An einer mangelnden Eingängigkeit deiner Sets wird es wohl nicht gelegen haben …
Es hat sowohl mit der Vielzahl an DJs überall, wie auch mit der Tatsache zu tun, dass viele Booker mehr auf Veröffentlichungen achten. So habe ich das zumindest in der Vergangenheit erlebt. Wo sie erst schauen, ob jemand einen Hit gemacht hat. Zu dem Zeitpunkt steckten meine eigenen Produktionen aber noch in den Kinderschuhen.

Deine Diskographie ist bislang noch relativ überschaubar …
Bisher sind drei Platten von mir veröffentlicht. Im September erscheint die nächste EP, und bis dahin kommen noch sehr viele Remixe von mir. Mit dem Produzieren habe ich schon früher angefangen, ich fand die Resultate aber selbst einfach nicht gut genug. Ich wollte mit meinen Produktionen erst dann herauskommen, wenn ich mir selbst sicher sein konnte, ein gewisses Level mit diesen erreicht zu haben. Ich habe in den fünf Jahren, seit ich angefangen habe, zu produzieren, auch viel gelernt. Ich arbeite mit Ableton live. Sehr softwarebasiert also, und sehr samplebasiert. Mittlerweile bin ich ebenso zu Gesang übergegangen und habe in den letzten Wochen viele Gastsänger im Studio gehabt.

Wen zum Beispiel?
Das sind eher Leute, die in unserer Szene nicht bekannt sind. Für einen Track konnte ich etwa eine Opernsängerin gewinnen. Der ist auf der nächsten EP mit drauf. Ebenso habe ich mit zwei Sängern aus dem Indierock-Bereich gearbeitet.

Wobei die Fans von Indierock und elektronischer Musik doch in den letzten Jahren schon ziemlich zusammengerückt sind, oder? Leute, die vorher Techno verteufelt haben und nur Gitarrensounds mochten, hat man plötzlich auf „Electropartys“ getroffen.
Ja, ich habe auch vor ein paar Wochen auf einem Indierock-Festival gespielt, ebenso auf einem Metal-Festival. Da sind auf jeden Fall Brücken zwischen den Musiken vorhanden. Die Leute sind jetzt genauso begeistert von elektronischen Klängen wie von Indiemusik. Die Grenzen verschwimmen immer mehr. Das hängt vermutlich auch damit zusammen, dass es immer leichter wird, selbst Musik zu machen.

Was war denn dein obskurster Gig in der letzten Zeit?
Das war definitiv der auf dem Metal-Festival. Da gab es eine kleine Electrobühne. Und es war ein ganz anderes Feeling. Zwischen absurd und wundervoll. Denn in der ersten Reihe standen die Leute und headbangten. (lacht). Das war wirklich geil und wurde echt gut angenommen.

Hast du denn dort härter als woanders gespielt?
Die Metaller mögen die Melodien, denn Metal ist sehr melodienreich. Die Musiker spielen viel längere und aufwendigere Melodiepassagen. Deshalb konnte die wohl auch etwas mit meinem Set anfangen, da ich selbst auch melodiös und abwechslungsreich spiele.


Du bist bekannt dafür, eine direkte Kommunikation mit den Fans über Soundcloud, Facebook und Co. zu führen. Kann das manchmal anstrengend sein? Es gibt dort ja bekanntlich auch viele, die einen gerne mit ihrer eigenen Musik bombardieren …

Es hat viele schöne und auch viele schlechte Seiten. Natürlich ist die Masse an Musik, die man erhält und mit der man nichts anfangen kann, riesig. Manchmal ist es aber auch schön, etwas von einem Künstler zu bekommen, der da sein Herzblut hineingesteckt hat und bisher nicht gehört wurde. Dann hat man selbst etwas, was einen flasht, was aber noch nicht so bekannt ist.
Ich beantworte auch jede Mail noch selbst, auch wenn das viel Arbeit geworden ist. Aber für mich gehört das einfach dazu. Ich mache die Musik ja für die Leute, die mich kontaktieren. Das bereitet mir Spaß, und ich bekomme oft tolles Feedback. Es ist auch toll, wenn man jemand bei der Tracksuche helfen kann.

Inwieweit hat sich durch den zunehmenden Erfolg dein Alltag verändert?
Ich habe auf jeden Fall straffere Zeitpläne und muss schon genau wissen, wann ich mal einen Tag frei habe. Mein Alltag ist sehr geprägt von der Zeit im Studio und Büro. Denn hinter allem steckt natürlich wahnsinnig viel Arbeit. Die Mixe, die ich aufnehme und hochlade, erfordern natürlich auch viel Zeit, da ich einen hohen Anspruch an sie habe und nicht einfach über Nacht etwas aufnehme und hochlade. Es hat sich schon sehr viel verändert für mich. Manchmal husche ich einfach nur von Termin zu Termin.

Was sind weitere negativen Seiten deines Künstlerlebens?
Das viele Reisen ist oft sehr anstrengend. Wenn dann ein Flug ausfällt und man sechs Stunden Aufenthalt hat und wenig schläft. Doch wenn man dann zum Gig kommt, sind die ganzen Strapazen vergessen und alles ist schön. Aus dem Wochenende geht man auch mit einem Grinsen heraus.

www.alle-farben.com
soundcloud.com/allefarben

Benedikt Schmidt

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