Andre Crom 15


2016 war ein Jahr des Wandels für den Mann hinter dem Erfolgs-Imprint OFF Recordings. Er verlagerte seinen Wohnsitz von Berlin in das wesentlich sonnigere Barcelona, bewegte sich von House stark in Richtung Techno und widmete sich zu diesem Anlass mehr denn je der Studio-Produktion. Mit der „Syncopate EP“ steht nun sein erstes Release auf 100 % Pure, dem Label von 2000 And One, an.

Nach jahrelangem Touren als House-DJ und nachdem OFF Recordings auf dem gesamten Erdball für unzählige Club-Hits gesorgt und sich zu einem der erfolgreichsten Labels der Szene entwickelt hat, beschreitet Crom nun in vielerlei Hinsicht neue Wege. Eine mutige Entscheidung, die jetzt zu fruchten beginnt, und ein für Crom notwendiger Schritt, um seine Leidenschaft für die Musik zu erhalten. „Lange Zeit war ich eher als ,der Mann hinter OFF’ bzw. als Co-Produzent bekannt. Aber ich habe vor etwa zwei Jahren realisiert, dass es für eine solide und langfristige DJ-Karriere fast unerlässlich ist, starke eigene Musik zu produzieren. Und daran arbeite ich seit nun etwa 18 Monaten intensiv.“ Ein Prozess, der schrittweise vonstatten ging, erinnert sich Crom. Die wachsende Faszination für Techno half dabei. „Dieser Wandel war wirklich graduell und erstreckte sich über die letzten zwei Jahre, was sich auch an den Releases auf OFF zeigt. Es ging von House über Electronica bis zu heute ziemlich geradem Techno. An dieser Musik fasziniert mich, dass sie experimenteller und radikaler ist und im Club intensiver erlebt wird.“ Doch es braucht natürlich seine Zeit, bis die Leute eine so starke Neupositionierung eines Künstlers annehmen: „So ein radikaler Wandel ist keine einfache Sache. Ich muss damit leben, dass viele alte Fans ihn nicht verstehen, und mir auch erst mal einen neuen Ruf und Glaubwürdigkeit bei den Techno-Fans, -DJs, Medien und Bookern erarbeiten. Es ist fast so, als würde ich noch einmal ganz von vorne anfangen. Doch die Feedbacks und Plays vieler großer DJs, die auf unsere neuen Veröffentlichungen folgten, sind eine starke Motivation und ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

In der Tat wird Crom nun von zahlreichen Techno-Künstlern wahrgenommen, welche vorher nicht zu seinem musikalischen Einzugsgebiet gehörten. „Es ist ein tolles Gefühl, wenn namhafte Künstler, die ich teils seit Beginn meiner DJ-Laufbahn verehre, unsere Platten spielen oder man über ein Release auf ihren Labels spricht. Auch das Feedback auf meine Sets ist heute viel besser als früher. Rückblickend würde ich sagen, dass meine House-Sets meist eher ,solide’ waren. Die Leute haben sie angenommen, selten sind sie aber wirklich ausgerastet. Das ist seit etwa einem Jahr anders. Ich spiele heute radikaler und leidenschaftlicher – und das wirkt sich direkt auf den Dancefloor aus.“ Und so reduzierte er bewusst die Anzahl seiner DJ-Gigs, um seine Zeit im neuen Studio in Barcelona zu verbringen. Der Plan? Nicht nur ein Vollblut-DJ, sondern auch ein Vollblut-Produzent zu werden. Ein hartes, aber zugleich lohnendes Ziel. „Ich habe mich früher nie als ,ernsthaften’ Musiker und Produzenten gesehen, ich habe nie eine musikalische Ausbildung genossen. Die meisten meiner früheren Releases waren Co-Produktionen und ich scheute es ehrlich gesagt, solo Musik zu produzieren. Aber für eine langfristige internationale Karriere führt kaum ein Weg daran vorbei. Zudem gibt es heute so viel Musik, dass nur noch herausragende Stücke wirklich wahrgenommen werden. Das ist also mein Ziel, wirklich starke Musik zu produzieren. Aber ein ,Meister seines Fachs’ wird man nicht über Nacht – es braucht seine Zeit und man muss damit leben, immer wieder an seine Grenzen zu kommen. Um dann einen Weg zu finden, sie zu überwinden. Der Weg dorthin gleicht einer mentalen Achterbahnfahrt: Manchmal machst du einen Hammer-Track in ein paar Stunden und denkst ‚Wow, jetzt hab ich’s drauf‘, danach sitzt du wieder eine Woche oder länger vor den Geräten und bekommst nichts hin, was dich begeistert. Es ist wichtig, zu verstehen, dass es fast allen Künstlern so geht, und die Ruhe zu bewahren, reflektiert zu bleiben. Ich bemühe mich auch, täglich zu meditieren, was ich nur jedem empfehlen kann – gerade wenn man vor einer großen Herausforderung steht, hilft das sehr dabei, eine emotionale Balance zu halten. Aber auch für alle anderen Menschen ist es Gold wert. Ich würde sagen, was Meditation im Kern bewirkt, ist, dass man sich seiner und anderer Leute Gedanken und Gefühle bewusster wird, anstatt sich von ihnen mitreißen zu lassen. Außerdem schafft sie ,Ruhe im Geist’. Das gibt Raum, Entscheidungen zu treffen und Verhaltensweisen zu entwickeln, die für einen selbst und die Mitmenschen konstruktiv und nachhaltig sind. Zum Beispiel: Ein unreflektierter Produzent kommt im Studio an einen Punkt, wo es nicht weitergeht, regt sich auf, geht gefrustet nach Hause, denkt sich ,Das wird nie etwas‘ und fängt vielleicht noch einen Streit mit seiner Freundin an. Die reflektierte Variante wäre es, zu spüren: ‚Okay, ich komme nicht weiter und werde langsam gefrustet. Vielleicht sollte ich eine Pause machen und dann schauen, wie ich das Problem mit einem anderen Ansatz lösen kann.’ Das gilt natürlich für alle anderen Lebenslagen genauso. Mit dem Stilwechsel hat sich auch die Art, wie ich im Studio arbeite, stark verändert. Meine früheren Produktionen waren glatter, weniger texturiert, mehr sample- und melodiebasiert. Weil man aber im Techno meist weniger mit Melodien arbeitet, sind Sounddesign, Groove und ein radikales, gern ,überraschendes’ Arrangement viel wichtiger. Es gibt so viele technische Prozesse, die man erlernen muss. Je besser man im Studio sein Handwerk beherrscht, desto leichter wird es, kreativ zu sein, zu improvisieren. Neben dem technischen Studium mache ich aber auch einen Online-Keyboard-Kurs, um besser mit Melodien und Harmonien jammen zu können, statt sie mit der Maus ‚einzuklicken‘.“

Begleitend zum musikalischen Wandel zog Crom vor etwa 18 Monaten von Berlin nach Barcelona: „Nach acht Jahren ,Berliner Winter’ wollte ich einfach etwas Neues. Das Wetter, die Landschaft und die Lebensqualität sind hier angenehmer als in Berlin. Aber nachdem ich nun eine Weile hier bin, weiß ich auch Berlin wieder zu schätzen – die Clubszene dort ist wirklich einzigartig in der Welt, ebenso einzigartig sind die Möglichkeiten für das Networking mit Labels, Agenturen, Medien und Künstlern. Und es zieht eine bestimmte Art von Menschen an, der ich mich verbunden fühle. Schauen wir mal, vielleicht ziehe ich eines Tages zurück, aber aktuell habe ich in Barcelona ein gutes Setup und genieße die Sonne – wenn ich denn mal aus dem Studio rauskomme!“. Eine Aussage, die uns zu seinem neuen Release auf 100 % Pure, dem Label von 2000 And One, bringt, das vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. „Ich bin seit Beginn meiner Karriere ein großer Fan von ihm und durch gemeinsame Freunde sind wir uns in Amsterdam auch mal begegnet. Vor ein paar Monaten habe ich ihn dann gefragt, ob er einen Remix für meine nächste EP machen möchte. Er sagte zu und während er daran arbeitete, produzierte ich ein paar Demos und schickte sie ihm zu mit dem Vorschlag, die EP auf seinem Label zu machen; so kam es dann auch. Das ist mir eine Ehre, zumal 100 % Pure eines der ältesten Techno-Labels aus Amsterdam, respektive der Welt ist. 1993 gegründet, veröffentlichten dort schon zahllose etablierte Künstler, die ich sehr schätze. Die EP ist recht funktional und absolut auf DJs ausgerichtet, hat durch ihre Vocals und die Hook-Elemente aber auch einen starken Wiedererkennungswert.“

Für die kommenden Wochen und Monate stehen eine Asien-Tour sowie Gigs an, die sich über ganz Europa verteilen. Auch ein Podcast für „Slam Radio“ sowie der Launch einer eigenen T-Shirt-Linie mit OFF. Ein paar Gänge zurückschalten? Mitnichten. „Als leidenschaftlicher Motorradfahrer ist Spanien natürlich toll, beim Kurvenfahren in den Pyrenäen bekommt man den Kopf komplett frei vom Musikmachen, das ist der Plan für den Sommer. Und täglicher Sport hilft ebenfalls sehr dabei, das Gleichgewicht zu wahren.“

Aus dem FAZEmag 063/05.2017
Text: Triple P
www.facebook.com/DJ.AndreCrom