Die in Sibirien geborene und in Neapel aufgewachsene Anfisa Letyago erntet dieser Tage zahlreiche Lorbeeren für ihren Weg, der sie seit Jahren stetig durch die italienische Club-Szene führt. Sie ebnete diesen Weg zu Beginn dieses Jahrzehnts und gehört nun zu den gefragtesten Künstlern des Landes. So bespielte sie bereits Events wie Mates, Rock In Roma, Projekt X und City Fest und leistete zudem Support für die großen Namen der Szene wie Martin Garrix, Don Diablo, David Guetta und Axwell & Ingrosso. Auf Spinnin Records veröffentlichte sie 2016 gemeinsam mit Leroy Styles und der EP „Stop Talking“ erstmals auf Produktionsebene. In diesem Jahr erschien bereits weiteres Material auf bekannten Imprints wie Nervous Records, Redrum Music und Natura Viva. Der Hype um sie ist derzeit so groß, dass kein Geringerer als Carl Cox gleich zwei EPs für dieses Jahr auf seinem Label Intec gesignt hat. Ein Interview.


Anfisa, wie geht es dir und wie waren deine ersten Monate im Jahr 2019?

Mir geht es prima, danke. Das erste Halbjahr war großartig für mich. Es ging los mit einem Release auf Redrum Music und nur eineinhalb Wochen später kam die „Bright Lights“-EP auf Nervous Records. Nervous ist für mich ein absolutes Symbol für Tradition in der elektronischen Szene. Sie stehen für mich für tolle Releases mit einer wahnsinnigen Diskografie. Daher war und bin ich noch immer sehr begeistert davon, dort veröffentlichen zu dürfen. Das Release war sehr erfolgreich und ist auf Traxxsource sowie auf Beatport auf Platz 1 gegangen. Anschließend hatte ich die große Ehre, eine von 35 Künstlern zu sein, die Phutures Track „35-002“ geremixt haben, zu Ehren von DJ Pierres 35. Karriere-Jubiläum. Das zweite Release featurt Carl Cox, Luciano, Lorenzo Cheng, Najel und mich. Sich mit solchen Leuten zu umgeben und mit ihnen arbeiten zu dürfen, ist sehr inspirierend und irgendwie auch etwas surreal. Ich habe jahrelang zu ihnen aufgeschaut und plötzlich kollaboriert man mit ihnen. Darüber hinaus habe ich viele Gigs gespielt, nicht nur in Italien, sondern auch auswärts – in Israel, Barcelona, Beirut zum Beispiel. Durch die Musik die Welt zu sehen, ist ein Privileg, das ich mir immer wieder vor Augen führe. Man lernt immer wieder tolle Menschen kennen. Dazu noch das leckere Essen und gute Weine – was will man mehr? (lacht)

Erzähl uns mehr über deine musikalischen Wurzeln.

Ich bin in Sibirien geboren und habe dort ein wenig Musik-Unterricht gehabt, allerdings nur die grundlegenden Dinge erlernt. Anschließend sind wir nach Italien gezogen, ich war gerade ein Teenager und hatte meine Liebe zur Musik entdeckt. Es zog mich wie ein Sog immer mehr in die Tiefen der elektronischen Szene und es dauerte nicht lange, bis ich meine ersten Plattenspieler zu Hause hatte. Irgendwie hatte ich auch immer Lust, andere von meiner Musik-Auswahl zu begeistern – so lag es nahe, einfach DJ zu werden. Zudem wurde ich tatsächlich auch oft auf privaten Partys gefragt, ob ich mich nicht um die Musik kümmern möchte. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht, sodass es mehr und auch professioneller wurde. Irgendwann sind auch die Promoter der Clubs in der Umgebung auf mich aufmerksam geworden.

Und was passierte danach?

Mir war ehrlich gesagt zunächst gar nicht klar, in welche Richtung das Ganze ging. Ich wusste nur, dass mir das unheimlich viel Spaß macht. Ich fing also an, mich nicht nur anzustrengen in dem, was ich tat, sondern auch erste Opfer zu bringen und andere Sachen dafür zu vernachlässigen. Ich habe jede Chance ergriffen, um aufzulegen oder tiefer in die Szene einzutauchen. In den letzten zehn Jahren habe ich so viele Clubs und Festivals bespielt, dass ich es selbst kaum glaube, wenn ich daran denke. Hier in Neapel hatte ich auch die Chance, Wochenende für Wochenende anderen tollen Künstlern zu lauschen und sie bei ihrer Arbeit zu sehen – von House bis hin zu Techno. Das hat mich definitiv sehr geprägt, vor allem weil das Angebot sehr international und höchst professionell war. Rückblickend kann ich ruhigen Gewissens sagen, dass in Neapel die mit Abstand professionellsten Promoter Italiens arbeiten. Und ich bin dankbar, mich in Sachen Musik in solch einem Umfeld sozialisiert haben zu dürfen. Dennoch habe ich mich kürzlich dazu entschlossen, etwas weniger zu spielen und dafür mehr meiner Zeit dem Studio zu widmen.

Wie hat der interessante Mix aus Herkunftsland Sibirien und Neapel dich und deine Musik deiner Meinung nach beeinflusst?

Nun ja, das Leben in Sibirien ist alles andere als einfach. Das Angebot in Sachen Kultur ist dort sehr begrenzt. Das Wetter ist mies und die Menschen sind nicht nur dadurch komplett anders als die in Italien. Ich rede hier auch nicht von etwas Kälte sondern von –50 Grad Celsius. Das haben wohl nur die wenigsten von uns jemals am eigenen Leib erfahren, aber vielleicht kann man es sich so vorstellen, dass der Lifestyle in solchen Gegenden ein anderer ist. Dennoch habe ich sibirisches Blut in mir und vielleicht ist die sibirische Seite meine wahrhaftige und auch verletzliche Seite. Ich habe in Sibirien in der Grundschule gelernt, Regeln zu respektieren, und wurde so ein wenig auf das Leben vorbereitet. Meine Großeltern leben noch immer dort und ich versuche, sie so oft es geht zu besuchen. Ich war jung, als ich dem Land den Rücken gekehrt habe, und um ehrlich zu sein wusste ich zu dem Zeitpunkt fast nichts über Italien. Dennoch habe ich mich sofort in Neapel verliebt. Pure Lebensfreude, warme Temperaturen, Sonne, Meer, gutes Essen, tolle Menschen und eine atemberaubende Natur. Für mich war und ist es das Paradies. Es gibt hier eine Art Sprichwort, das besagt „Du kannst nicht sterben, ohne einmal Napoli gesehen zu haben“. Neapel ist quasi meine Universität fürs Leben, hier habe ich meine Karriere begonnen und wurde zugleich auch zur Frau. Diese Stadt hat mich stark gemacht und meinen Horizont in Sachen Kultur nicht nur erweitert, sondern überhaupt gebildet. Ich kann sogar Neapolitanisch schreiben. Und das ist nicht mal ein Dialekt, sondern eine ganz eigene Sprache. Vielleicht war ich in meinem früheren Leben schon mal hier. (lacht)

Du legst bereits seit rund zehn Jahren auf. Wie verlief der Prozess der Verlagerung in Richtung Studio?

Ich würde sagen, das war ein eher natürlicher Prozess. Ich bin reifer geworden und genieße es immer mehr, im Studio zu sitzen. Es war mir wichtig, mich als Künstlerin besser und auch authentischer ausdrücken zu können, also bin ich meinem Herzen und meiner Inspiration gefolgt. Es hat mir auch geholfen, meinen Sound noch mehr zu definieren und ihn noch facettenreicher zu gestalten. So kann ich im Groove und auch Style variieren – ähnlich wie bei meinen DJ-Sets, die ebenfalls wie eine Art Reise klingen mit der stets gleichen Basis. Ich finde, DJs sollten sich generell öfter trauen, verschiedene Styles zu spielen. Deep Dish haben gerade erst ihr Comeback gefeiert und spielen wieder House. Auch Carl Cox spielt nicht immer nur Techno und liefert hin und wieder ein House- oder gar Funk-&-Soul-Set. Ich bin gespannt, wohin meine Reise soundtechnisch geht in den nächsten Jahren.

Was sind deine Favoriten im Studio in Sachen Soft- bzw. Hardware?

Ich arbeite mit Ableton Live, es passt perfekt zu meinem Workflow und lässt sich auch super auf Tour benutzen, wenn ich mal nicht im Studio sein kann. In Sachen Hardware bzw. VST variiert es stark, woran ich gerade sitze. Ich versuche in der Regel, so oft es geht neue Technologien und Systeme zu erforschen und immer neugierig zu bleiben. Erst vor Kurzem habe ich eine Live-Session mit einem Drummer und einer Menge Töpfe in den Straßen Neapels gemacht, während ich mein Piano und DJ-Setup benutzt habe. Das war ein großer Spaß. Ich finde sowieso, dass man in der elektronischen Welt viel mehr Stile kombinieren sollte.

Aktuell bist du in der Szene sehr gehypt. Wie fühlt sich das an, nach so vielen Jahren internationale Resonanz zu erhalten?

Es fühlt sich natürlich gut an. Und vor allem weil hinter diesem vermeintlichen Erfolg keine besonderen Parameter oder gezielten Marketing-Strategien stecken. Manchmal frage ich mich sogar, ob meine Social-Media-Aktivitäten nicht zu gewöhnlich sind, wenn ich mal ein Foto ohne Make-up poste zum Beispiel. Ich finde, Natürlichkeit und Qualität setzen sich früher oder später immer durch – und das auch langfristig. Ich bin sehr happy, wenn Leute über mich und meine Musik sprechen. Soziale Netzwerke sind in der heutigen Zeit auch eine große Verpflichtung, sie bedeuten viel Arbeit, Pflege und vor allem Interaktion mit den Fans. Das alles ist zusammen sehr zeitintensiv. Aber was wäre ein DJ ohne Fans auf dem Dancefloor? Es ist schön, unmittelbares und ungefiltertes Feedback zu bekommen. Und manche Fans bringen sogar ein paar Geschenke zu meinen Shows. (lacht)

Du wirst in diesem Jahr zwei EPs auf Carl Cox‘ Label Intec herausbringen. Erzähl uns mehr darüber.

Ja, ich kann es selbst noch immer nicht richtig glauben. Ich habe die Tracks ehrlich gesagt gezielt für Intec gemacht. Irgendwann hatte ich die Chance, Carl persönlich zu treffen, und drückte ihm die Demos in die Hand. Er war superfreundlich und hat mir versprochen, sie sich anzuhören. Nur ein paar Tage später habe ich die ersten Videos gesehen, die zeigten, wie er die Tracks auf der ganzen Welt rauf und runter spielte. Das hat mir einen wahnsinnigen Energie-Schub und auch die Bestätigung gegeben, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Als Künstler hat man sehr, sehr oft Selbstzweifel. Aber wenn jemand wie Carl Cox dich auf so eine Art und Weise ehrt, muss man irgendwas richtig gemacht haben. Das war der Beweis dafür, dass man alles erreichen kann, wenn man nur genug investiert und am Ball bleibt. Ich freue mich sehr auf die beiden Releases und werde Carl auf immer und ewig dankbar sein.

Der Sommer steht bevor – worauf freust du dich außerdem?

Ich glaube, es wird ein verrückter Sommer. Es stehen einige Shows in Europa an und im September soll es erstmals in die USA gehen. Auch Südamerika und Asien stehen auf der Agenda und ich hoffe, dass ich dort auch bald spielen kann. Aber wie bereits erwähnt liegt mein Fokus aktuell eher auf dem Studio als darauf, mir den Kalender vollzupacken. Außerdem habe ich vor Kurzem einen kleinen, alten Bauernhof in Mar Ionio im Süden gekauft. Ich kann es kaum abwarten, mit den Renovierungsarbeiten zu beginnen. Vielleicht verlagere ich mein Studio dorthin. Dann kann ich jede Menge Musiker dorthin einladen, kochen und nach Lust und Laune Musik machen, dabei aus dem Fenster aufs Meer schauen und im Frieden mit dem Rest der Welt sein. Besser geht’s nicht.

 

Aus dem FAZEMag 087/05.2019
Text: Triple P
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