Mein erstes Autointerview. Während ich klassisch am Schreibtisch sitze und zum Hörer greife, sitzt mein Interviewpartner Sascha Ring alias Apparat im Auto, was mich jetzt zu diesem – sorry, ich kann nicht anders – Wortspiel führt: Apparat ist wieder unterwegs. Nachdem Ring zusammen mit den beiden Modeselektoren Gernot Bronsert und Sebastian Szary als Moderat die letzten Jahre rund um den Globus getourt war – samt Album –, ist jetzt wieder sein Soloprojekt an der Reihe. Gerade ist das neue Album „LP5“ (Mute) erschienen und die dazugehörige Tour geht auch schon los.

 

Nach so einer langen Zeit mit Moderat, da ist es für dich wahrscheinlich sehr wichtig, einen richtigen Bruch zu vollziehen, um Apparat wieder zu starten. So hört es sich zumindest an, wenn man den ersten Track „Voi_Do“ des neuen Albums hört.  

Nach fünf Jahren, wo man so sehr in einer Blase ist – am Ende auch noch mal sehr intensiv mit diversen Festivalauftritten und einem großen Abschiedskonzert in Berlin –, will man natürlich den größtmöglichen Kontrast. Und eigentlich hatte ich da noch viel weiter ausholen wollen, hatte im Sinn, endlich wieder ein komplett elektronisches Album zu machen, ohne Vocals und total experimentell. Aber wie das dann immer ist mit den Konzepten, die man sich zurechtlegt. Die verlaufen sich dann während der Produktion und man geht doch den Weg, den einem die Platte vorschlägt.

War es denn schwierig, dich auf diesen Weg einzulassen?

Man darf auch nicht so dagegen ankämpfen, wenn man merkt, dass sich eine eigene Dynamik entwickelt – da schaut man eben, wo einen der Flow hinträgt. Aber ich wollte zumindest beibehalten, dass ich die großen Gesten rausnehme, die bei Moderat ihren Platz haben. Es gibt natürlich immer noch so ein paar kleine Popmomente auf dem neuen Album, aber es gab dann die Regel: Wenn ein Refrain catchy ist, darf er nur ein Mal auftauchen.

Und wie entstand dann so ein Song mit Text?

Die Texte muss es unbedingt vorher geben, denn es gibt diesen magischen Moment im Studio bei einem Song. Meistens hat man noch nicht so lange daran gearbeitet, weil er einen noch besonders emotional berührt. Dann kommt man in so eine Art Wahn und in diesem Moment singt man dann oftmals die besten Takes ein und wenn man das macht, dann sollte man schon die fertigen Texte haben, weil dieser Take dann wertlos ist, wenn man ihn mit einem anderen Text wiederholen muss. Das sind erfahrungsgemäß auch die schönsten Aufnahmen, weil die auch noch so eine kleine Unsicherheit mit drin haben und etwas Fragiles, was es eben oft noch mal interessanter macht. 

Hast du denn in der Moderat-Phase schon mit neuen Apparat-Tracks oder -Skizzen angefangen oder musstest du dafür diese Zeit komplett hinter dir lassen, um loszulegen?

Das konnte ich eigentlich nie – bzw. ganz früher mal –, am Laptop im Hotel an Musik arbeiten. Grundsätzlich brauche ich mittlerweile ein Studio dafür und auf Tour ist dann eben Pause. Da denke ich zwar viel nach und es entstehen oft Konzepte, die aber dann doch nicht Bestand haben, wie in diesem Fall. Ich hatte allerdings relativ schnell nach Abschluss der Moderat-Produktion – zwei, drei Monate später – eine Studio-Session mit meiner Band, die ich zu diesem Zeitpunkt auch relativ lange nicht gesehen hatte. Das war aber eine totale Schnapsidee. Ich bin das schwächste Glied in dieser Kette, ich kann nicht im Studio sitzen und vernünftig improvisieren mit einer Band, das habe ich nie gelernt, dazu war ich immer viel zu sehr allein für mich im Studio.

Das war dann auch schon die Besetzung, wie sie jetzt auf dem Album zu hören ist?

Zumindest der Kern, da ist aber noch ein Bläser dazugekommen, weil ich während der Aufnahmen noch eine kleine Obsession für Blasinstrumente entwickelt habe.

Es hat ja auch lange genug gedauert, Leute wie zum Bespiel Phillip Thimm zu finden, mit denen man auf etwas unkonventionellere Art zusammenarbeiten kann. Speziell mit Musikern aus dem Bereich Klassik ist das gar nicht so einfach, weil die eben ein Blatt brauchen, von dem sie die Sachen abspielen können. Philipp kenne ich jetzt seit zwölf Jahren, er ist Cellist und klassisch ausgebildet, aber spielt auch jedes andere Instrument und ist eben nicht der typische klassische Musiker.
Mittlerweile brauche ich auch Zusammenarbeit. Das ist ein bisschen der Moderat-Dynamik geschuldet, dass ich irgendwann realisiert habe, dass viele Sachen schneller gehen oder überhaupt erst fertig werden, wenn man noch eine zweite oder dritte Meinung hat. Über die Jahre habe ich einfach die Fähigkeit verloren, Sachen fertig zu machen.

Wie kam es denn dazu, dass aus dem Einzelgänger ein Teamplayer wurde?

Ich war gut zehn Jahre lang komplett und fast schon autistisch auf elektronische Musik fixiert. Als ich Mitte der 90er-Jahre angefangen habe, da wusste ich mehr oder weniger nicht mal, dass es andere Musik gibt. (lacht) Als ich dann anfing zu reisen und auf Festivals gespielt habe, habe ich gemerkt, dass es noch andere Arten von Musik gibt, die eigentlich total toll sind. Und dann ging es auch los, dass ich Lust auf andere Instrumente bekam und vieles ausprobiert habe – von Gitarre über Streichinstrument bis zu Klavier. Das schraube ich mittlerweile wieder etwas zurück, auch wenn das erst mal widersprüchlich klingt, da ja diverse Instrumente auf dem Album ihren Platz haben, aber die haben dort ihren sehr präzisen Platz, tauchen an einer Stelle auf und sind dann auch wieder weg – bis auf den Song „Caronte“, der sehr auf Streichern aufgebaut ist. Ansonsten ist das Auftauchen eher fragmentarisch und lässig gesampelt als jetzt wirklich performt.

Und wie wird das mit der Live-Umsetzung aussehen? Da müssen ja eher Performance-Elemente umgesetzt werden.

Ja, da muss man leider die Live-Show mehr oder weniger neu bauen – oder sich zumindest sehr intensiv damit beschäftigen, wie man das umsetzen muss. In der Hinsicht ist es auch so, dass es nach wie vor viel zu viele Spuren gibt in der Produktion, auch wenn die jetzt schon deutlich aufgeräumter sind, aber das auf fünf Leute aufzuteilen, ist eigentlich die Hauptherausforderung.

Moderat und Apparat, bedienen die auch verschiedene Wesenszüge von dir?

Ich wusste lange überhaupt nicht, dass ich die Ambition habe, auf großen Bühnen zu stehen, um Musik zu machen, die auch größere Momente hat. Das hat sich erst während der Moderat-Zeit mit der zunehmenden Größe und Aufmerksamkeit entwickelt. Da musste ich auf einmal in der Mitte stehen und eine Art Frontmann sein – von meiner Warte aus gesehen. Das war für mich eine wahnsinnige Entwicklung, von einem nerdigen Laptop-Künstler in die Mitte einer großen Festivalbühne. Und klar, ich hätte mich ja gewehrt, wenn das überhaupt nicht in mir drin gewesen wäre – deswegen war ich auch etwas überrascht, dass in mir, wenn auch verhalten, so ein kleiner extrovertierter Sascha existiert. Das Tolle nach den ganzen Jahren mit Moderat: Ich habe realisiert, dass es für beide Seiten Plattformen gibt. So kann ich jetzt bei Apparat wieder deutlich intimer werden und werde auch nicht auf so großen Festivals spielen wie mit Moderat.

 

Apparat Live-Tour 2019
03.04.2019 | Prag, Spectaculare Festival (Tschechien)
05.04.2019 | Neapel, Teatro Acacia (Italien)
06.04.2019 | Bologna, Estragon (Italien)
07.04.2019 | Mailand, Alcatraz (Italien)
11.04.2019 | Wilnius, Loftas Art Factory (Litauen)
12.04.2019 | Kiew, Film Studios (Ukraine)
16.04.2019 | München, Alte Kongresshalle*
17.04.2019 | Paris, La Gaite Lyrique* (Frankreich)
18.04.2019 | Hamburg, Kampnagel*
19.04.2019 | Rotterdam, Motel Mozaique (Niederlande)
20.04.2019 | Amsterdam, Muziekgebouw aan ‘t IJ* (Niederlande)
23.04.2019 | Leipzig, Täubchenthal
26.04.2019 | Brighton, Acca* (England)
27.04.2019 | London, Barbican* (England)
28.04.2019 | Brüssel, AB* (Belgien)
04.05.2019 | Krems, Donau Festival
10.05.2019 | Berlin, Tempodrom
17.05.2019 | Moskau, Izvestia Hall (Russland)
18.05.2019 | St. Petersburg, Aurora (Russland)
30.05.2019 | Barcelona, Primavera Sound (Spanien)

*mit KÁRYN

Aus dem FAZEmag 086/04.2019
Text: Tassilo Dicke
Foto: Phil Sharp
www.apparat.net

 

 

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