The-Avener-2014


The Avener
Auf großer Wanderschaft

Es ist noch gar nicht allzu lange her, dass mein Kollege Rafael Da Cruz Tristan Casara aka The Avener erstmalig interviewte. Es war im September 2014, und der Mann aus Nizza feierte zu diesem Zeitpunkt gerade mit seinem Rework des Phoebe Killdeer and The Short Straws-Songs „Fade Out Lines“ einen europaweiten Nummer 1-Hit. Wir wollten wissen, wer der Typ ist, der wie aus dem Nichts auf der Bildfläche und in den Charts erschien. Jetzt, gerade mal ein halbes Jahr später, steht mit „The Wanderings Of The Avener“ Tristans erstes Album auf dem Majorlabel Universal in den Startlöchern. Am 20. Februar wird es erscheinen, und wir trafen den Südfranzosen Mitte Januar in Berlin und hörten nach, wie es ihm seit „Fade Out Lines“ so ergangen ist.

Eigentlich ist es Tristan nicht gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. In den vergangenen fünf Jahren hat er immer wieder für andere Künstler produziert, die damit die Lorbeeren ernteten. Jetzt plötzlich selbst ins Rampenlicht zu rücken, ist für ihn nach wie vor ungewohnt. Geplant war der Sprung auf die große Bühne so allerdings auch nie: „Ich wollte die Leute nur zum Tanzen bringen, dann ist es einfach passiert,“ lacht er. ‚Einfach so passiert‘ bedeutet in dem Fall, dass Tristan den Song von Phoebe Killdeer and The Short Straws auf YouTube entdeckte und den dringenden Wunsch verspürte, ihn neu zu bearbeiten. Er suchte den Kontakt zur Band, fand ihn über das Label, bekam die Parts geschickt, und 24 Stunden später war der Hit fertig. Tristan trifft mit seiner Vorliebe für Deep House und jazzy Retro-Sounds gerade den Nerv der Zeit und schlug in eine ähnliche Kerbe wie der Grammy-nominierte Robin Schulz. Warum dieser Sound gerade so wunderbar funktioniert, erklärt sich der 28-Jährige so: „Ich denke, das ist eine ganz natürliche Entwicklung. Die letzten drei Jahre in der elektronischen Musik waren von sehr agressiven Sounds geprägt. Man schaue sich nur den EDM-Hype an, den es so wohl nur in Deutschland nicht gibt – was ziemlich cool ist übrigens. EDM wird sonst überall immer und immer größer. Der Sound ist laut, hart und kalt. Viele Leute haben genug von dem ganzen Stress und brauchen zum Ausgleich sanftere Töne. Sie ändern ihre Hörgewohnheiten. Musik muss zum Tanzen, aber auch einfach nur zum Hören funktionieren, ist eine Art Medizin. Die Menschen haben ohnehin schon einen stressigen Alltag. Wenn sie dann vom Job nach Hause kommen oder sich ins Auto setzen für den Heimweg, möchten sie sich entspannen. Das ist für mich einer der Gründe, warum Deep House gerade auch kommerziell so gut funktioniert.“ Tristan selbst hat bis zu seinem Über-Nacht-Erfolg in einer kleinen Bar in Nizza aufgelegt und auch sonst die Clubgewohnheiten der Franzosen miterlebt. „Bei uns gibt es mehrere Strömungen. Wir haben viele Clubs, die HipHop und Mainstream-Zeug spielen. In den letzten zwei Jahren hat sich da einiges verändert. Aus dem klassischen Mainstream ist Mainstream-Deep House geworden, da bewegt sich viel. Und auch EDM ist bei uns immer noch sehr präsent. Aber ich denke, das geht gerade zurück. Kein Produzent möchte auf Dauer immer dasselbe machen. Nicht einmal David Guetta tut das, höre dir seine neuen Sachen an …“

Tristans Leben hat sich seit „Fade Out Lines“ komplett gewandelt, eine Drehung um 180 Grad. Der einstige Bar-DJ kommt selbst aus dem Staunen nicht mehr raus: „Ich bin ein einfacher Typ und mache schlicht das, was ich mag. Was mir da gerade passiert, ist unglaublich und fantastisch. Ich reise sehr viel, treffe jeden Tag ganz viele neue Leute und spiele jedes Wochenende an einem anderen Ort. Als Resident war ich jedes Wochenende in demselben Laden. Der einzige Nachteil, den das Ganze hat: Ich bekomme zu wenig Schlaf“, lacht er. Damit lässt es sich – zumindest zur Zeit noch – leben. Und das ist gut so, denn mit dem Release des ersten Albums wird dieser Schlafmangel sicherlich noch zunehmen. Während draußen alles grau in grau ist, bereits um 15 Uhr die Sonne unterzugehen scheint und der Tag die Strahlkraft eines Kellerlochs besitzt, kommt das erste The Avener-Album nämlich gerade recht, um den Hörer aus dieser Tristesse zu retten. Angekündigt hat Tristan den Longplayer schon im September – und das mit folgenden Worten: „Es soll ein farbenfrohes Album werden, mit einigen neuen Versionen von älteren und auch neuen Tracks, sehr bekannten aber auch weniger bekannten. Von Folk bis hin zu Blues, Soul, über Pop oder auch Funk. Ich denke, ich tobe mich gerade ziemlich aus im Studio. Dennoch wird alles meine eigene Handschrift tragen und an Deep House angelehnt sein.“ Er hat gehalten, was er seinerzeit versprach. Eingängige Melodien, das Herz erwärmende Emotionen und ein sanfter Groove zeichnen seine Produktionen aus. Ein Ohrenschmeichler in sieben Tracks, bei dem immer wieder akustische Instrumentierungen auf elektronische Beats treffen. So auch bei der zweiten Single „Hate Street Dialogue“, einem neu aufbereiteten Stück des Folksängers Sixto Rodriguez aus dem Jahr 1970. „The Wanderings Of The Avener“ wurde aber nicht etwa schnell zusammengeflickt, um den Erfolg von „Fade Out Lines“ künstlich am Leben zu erhalten: „Ein großer Teil des Albums war schon fertig, als ‚Fade Out Lines‘ zum Hit wurde. Das Stück selbst war zu diesem Zeitpunkt ja schon einige Monate alt. Bis es durch die Decke ging, hatte ich schon viele neue Sachen für ‚The Wanderings …‘ produziert.“ Die Stimmen auf dem Album sind für das Segment der elektronischen Musik gewöhnlich. Andy Bey ist ein 75-jähriger Jazzsänger, und sogar Blues-Legende John Lee Hooker gibt sich posthum ein Stelldichein. Auch Songs zeitgenössischer Singer/Songwriter hat Tristan ein groovigeres Leben eingehaucht, darunter Ane Brun, Jake Isaac, The Be Good Tanyas und Adam Cohen. Mit Mazzy Star ist eine Alternative-Rockband der 90er dabei, die sich letztes Jahr nach langer Abstinenz mit einem Album zurückmeldete und gemeinsam mit The Avener ihren 20 Jahre alten Hit „Fade Into You“ wiederbelebte.

Neben den DJing wird aktuell an der Live-Umsetzung des Albums gearbeitet, denn neben zahlreichen Clubgigs geht es dann im Sommer auch auf die großen Festivals. „Ich freue mich da sehr drauf. Mein Plan ist, die Künstler von früher in Videos auf Leinwände zu bringen und so zu integrieren. Aber es sollen auch Live-Performer dabei sein, und ich an den Maschinen eben. Ich habe super viele Ideen, und die bringen wir jetzt nach und nach auf den Weg.“ Gerade das Bespielen großer Festivalbühnen ist für Tristan noch neu, doch nervös macht ihn das nicht. „Klar, du spielst nicht mehr wie im Club im Angesicht des Einzelnen, sondern für die große Masse. Das ist schon was Besonderes. Aber nervös bin ich nicht, eher positiv aufgeregt.“ / Nicole Ankelmann

The Avener beim Mastering

The Avener beim Mastering

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