In diesem Monat werden zum 22. Mal die DJ Awards verliehen. Es wird also bald wieder entschieden, welche Künstlerinnen und Künstler die Szene mit ihrer Arbeit vorangebracht, bereichert und erweitert haben – oder wer zu den Hoffnungsträgern von morgen gehört. Als Newcomer geht unser Interviewpartner Carl Cox zwar nicht mehr durch, doch Hoffnung oder zumindest jede Menge gute Vibes weiß er auch heute noch zu versprühen. Er hat uns etwas mehr über seine zweite Heimat Ibiza erzählt, wo die DJ Awards am 16. September verliehen werden, und verraten, was am Space-Comeback dran ist.


Carl, du gehörst seit jeher zu den Nominierten der DJ Awards und konntest bereits zwölf der begehrten Trophäen mit nach Hause nehmen. Auch in diesem Jahr bist du dabei, und zwar in der Kategorie „Best DJ International“. Wie fühlt sich das an, seit über 20 Jahren von der Industrie wie von den Fans unterstützt und gefeiert zu werden?

Es ist wirklich großartig, auch nach all den Jahren noch gefragt zu sein und eine Rolle im elektronischen Kosmos zu spielen. Und obwohl ich schon so lange dabei bin, erlebe ich nach wie vor einmalige Partys. Die Leute sind überall und in jedem Land anders, auch ihre Vorlieben für den Sound unterscheiden sich. Als DJ mache ich jedoch gerade eine weitere Erfahrung, denn ich erlebe einen Generationenwechsel auf der Tanzfläche. Zwar werde ich auch nicht jünger, doch meine Herangehensweise und Energie sind immer noch die gleiche. Was das betrifft, hat sich wirklich nichts verändert. Da bin ich noch derselbe wie vor 20 Jahren und ich mache auch nach wie vor das, was ich am meisten liebe. Und dafür noch gewürdigt zu werden, ist eine absolute Ehre für mich – ich freue mich wirklich sehr über die Nominierung.

Nicht nur international, auch auf Ibiza selbst, wo die Awards diesen Monat verliehen werden, bist du seit Jahren eine feste Größe. Wie steht es um die Zukunft der White Island?

Also, meiner Meinung nach war die bisherige Saison keine schlechte für die Insel! Ich denke, viele Menschen vergessen, dass sich nicht nur die Art und Weise des Feierns ändert, sondern auch die Menschen dahinter. Vor 20 Jahren sah es auf der Insel natürlich noch ganz anders aus, es gab noch keinen VIP-Shuttle und keine Smartphones, aber auch die Straßen waren längst nicht in dem Zustand, in dem sie es heute sind. Man könnte diese Liste endlos weiterführen. Auch die Preisdiskussion ist nicht neu, die existiert ebenfalls bereits seit den 80ern. Heutzutage können sich die Leute jedoch viel leichter mitteilen, ihre Meinungen veröffentlichen oder kundtun, wo sie gerade sind. Neue Technologien bedeuten auch immer Veränderung und die jüngere Generation gestaltet nun auch Ibiza genau nach ihren Vorstellungen. Natürlich erinnere ich mich noch gut an die Zeit, als auf der Space-Terrasse noch keine Smartphones in die Luft gehalten wurden, als die Leute vielleicht etwas mehr im Hier und Jetzt waren und der Musik mehr Aufmerksamkeit schenkten. Der Vibe war da nicht besser oder schlechter als heute – es war eben einfach ein anderer. Und natürlich würde es mir persönlich gefallen, wenn weniger Handys auf der Tanzfläche zu sehen wären und der Moment an sich wieder eine größere Rolle spielen könnte, doch ich liebe die Insel nach wie vor für das, was sie ist, und freue mich jedes Jahr auf ein Wiedersehen. Vielleicht würde es manchmal auch helfen, sich einfach weniger Sorgen zu machen. Viele Leute haben die Insel dieses Jahr schon besucht und ich glaube, insgesamt läuft es zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Nicht alles hat oder wird funktionieren, doch das wird dann eben für die nächste Saison weiter angepasst – das gilt auch für die DJs und Partyreihen.

Du selbst hast momentan keine fixe Anlaufstelle. Wie erlebst du das?

Ich spiele nun dort, wo ich möchte, zum Beispiel mit Nic Fanciulli im Ushuaia, mit Marco Carola im Pacha oder im Destino. Wieso nicht auch im DC10 für One Night Stand oder für Resistance im Privilege, was beim letzten Mal übrigens großartig lief – eine tolle Energie und Stimmung!

Für dich war es bisher also wieder ein sehr umtriebiges Jahr. Viel Zeit zum Ausruhen bleibt da nicht, oder?

Du erwischst mich im Moment ja an einem ganz anderen Ort, nämlich auf der Isle of Man, einer kleinen Insel zwischen England und Irland. Vor gut einem Jahr habe ich mir hier ein Haus gekauft, das ich als eine Art Zufluchtsort nutze. Wenn ich hier aus dem Fenster sehe, dann ist da nichts weiter als Berge und Schafe. Also so ziemlich das Gegenteil von Ibiza, wo ich vor wenigen Tagen noch im Privilege gespielt habe. Hier komme ich wieder ins Gleichgewicht und genieße die Ruhe vor dem nächsten Sturm.

Vor drei Jahren hat der Club Space seine Türen für immer geschlossen. Doch Gerüchten zufolge bahnt sich ein Comeback der Institution an. Was kannst du uns dazu verraten?

Wirklich viel kann ich noch nicht sagen, doch bis 2021 möchten wir mit einem komplett neuen Veranstaltungsort auf Ibiza zurückkehren. Es wird sich dabei jedoch nicht nur um einen Club handeln. Wir investieren viel und ich bin sicher, dass es eine Menge Blut, Tränen und Schweiß kosten wird – doch wir sind bereit anzupacken, um unsere Idee auf der Insel zu verwirklichen. Den Leuten jedenfalls fehlt das Space, sie vermissen es wirklich, sogar die, die damals noch nicht alt genug waren, um es selbst zu erleben. Doch die vielen Erzählungen vergangener Nächte haben ihren Teil dazu beigetragen. Sicherlich, es gibt genug andere Alternativen auf Ibiza, doch das Space war nun mal ein besonderer Ort. Mir blieb also eigentlich gar keine andere Wahl, als den Versuch zu starten, etwas Besonderes auf die Insel zurückzuholen.

Besondere Partys brauchen auch besondere DJs. Wer hat dich in dieser Saison bisher überrascht und begeistert? Wen sollte man im Auge behalten?

Viele junge DJs drängen auf den Markt und wollen auf sich aufmerksam machen, doch vor allem die Girls scheinen dem Ganzen nun endlich ihren Stempel aufdrücken zu können, und zwar weltweit. Egal, ob Peggy Gou, Charlotte de Witte, Amelie Lens oder andere großartige Künstlerinnen: Alle leisten großartige Arbeit und nehmen ihre Plätze in vorderster Front ein. Da wären auch noch Acts wie Nicole Moudaber, Monika Kruse oder Deborah De Luca! Es ist fantastisch, zu beobachten, dass dieser Damm nun endlich bricht – das hätte schon vor langer Zeit passieren sollen!

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Aus dem FAZEmag 090/09.2019
Text: Nastassia Rodriguez, Julian Haußmann
Foto: Dan Reid
www.djawards.com