Casimir von Oettingen – Foto: Marcus Glahn
Gleich zwei dicke Bretter haut uns der blutjunge Produzent und DJ Casimir von Oettingen in diesen Wochen ganz unvermittelt um die Ohren. Auf keinen Fall in Deckung gehen! Los ging es am 2. Juni 2014. Da kam auf Acker Records ein Remix von „Pink Parrot“ für Seth Schwarz auf dessen „Jabel“-EP raus. Das zweite Release folgt am 14. Juli: Casimir hat einen neuen Track von „Ritter Butzke“-Resident DJ Aroma gemixt. Beide Stücke erscheinen zusammen auf der EP „Alien Flaneur“ (Aromamusic). Wer von Casimir von Oettingen noch nichts gehört hat, darf sicher sein: Das wird sich schnell ändern!  Der aus einer Musikerfamilie stammende Jungspund hat sich nach zwei Jahren des Experimentierens voll und ganz den Beats zwischen House und TechHouse verschrieben und geht knackig seinen Weg. Im September 2013 hat er mit gerade einmal 19 Jahren seine erste eigene EP rausgebracht – „Rücken an Rücken“, ein digitales Release auf Hommage. Vor seinem Umzug nach Berlin war er bereits Resident im Charles Bronson in seiner Heimat Halle an der Saale. Vor kurzem bereiste er Israel und spielte dort in verschiedenen Clubs. Wir haben mit dem umtriebigen Lockenkopf über Musik, Reisen und Zukunftspläne gesprochen.


Aktuell bist Du mit zwei neuen Remixen unterwegs – du hast Seth Schwarz‘ „Pink Parrot“ und DJ Aromas „Alien Flaneur“ gemischt. Wie bist du an die Tracks rangegangen? Wo sind die größten Unterschiede, wo die Gemeinsamkeiten für dich?

Ich hatte bei beiden Tracks sofort die Intuition, wirklich etwas anderes zu schaffen, was mir, glaube ich, auch gelungen ist. Der „Pink Parrot“ von Seth war für mich eine echte Herausforderung … da ich ihn zwischen Tür und Angel in Tel Aviv gemacht habe. Das Original hat eine wirklich positive Stimmung für mich. Genau das wollte ich umdrehen. Wenn man meinen Remix hört, kann man eventuell auch den israelischen Einfluss hören den ich dort bekommen habe. Die einzige Gemeinsamkeit der Tracks ist meiner Meinung nach nur ein Element … und das ist seine Geige. Mehr wollte ich vom Original nicht verarbeiten. Mein Remix geht auf jeden Fall in eine deepere Richtung.

Ähnlich wie bei dem anderen Remix für Aroma. „Alien Flaneur“ hatte zwar schon eine deepe, drückende Atmosphäre, ich habe sie durch ein paar unterschwellige Melodien jedoch leicht verfremdet. Das Hauptelement im Song bleibt dasselbe. Durch ein Vocal von mir unterscheidet er sich aber schon sehr vom Original. Den schiebenden Grundbeat wollte ich aber beibehalten. Ich würde sagen, ich bin bei dem Flaneur-Remix einfach etwas melodischer rangegangen als Aroma.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit DJ Aroma?

Die Zusammenkunft haben wir Lt. Dan zu verdanken – einem sehr guten Freund und DJ aus Tel Aviv. Ich habe ihn auch erst im Januar dieses Jahres kennen gelernt, da er mich in Berlin besucht hatte. Kaum drei Monate später sollte ich nach Tel Aviv kommen und auflegen.
Ich bin ihm sehr dankbar dafür. Nach meinen Aufenthalt dort hat er mich mit Aroma bekannt gemacht. So haben wir uns getroffen, getrunken, gesponnen und letztendlich dann auch schon sofort angefangen zu planen.

So klein ist die Welt, dass du eine Produzentin, die wie du in Berlin lebt, über einen gemeinsamen israelischen Freund kennenlernst. Erzähl uns mehr von dem Israel-Trip.

Ich war im März dieses Jahres in Israel für etwas mehr als zwei Wochen. Der Trip war wirklich besonders für mich. Zum einen, ich bin noch nie soweit in den Osten geflogen und zum anderen war es einer meiner ersten Auslandsgigs. Und das gleich in einer Partymetropole wie Tel Aviv.
Dan hat mich in drei Clubs gebucht. Zuerst im Bootleg mit Headliner Rødhåd. Dann habe ich noch im Ismi Salma und im Deli gespielt, zusammen mit einer Gruppe aus Belgien: Bafana, Bromin und Jonas Lion.
Mein Favorit war die Afterhour-Veranstaltung „Dog Day Afternoon“ im Ismi Salma. Ein Club im zweiten Stock mit einer riesigen Panoramafensterfront. Die Sonne hat reingeknallt und alle Menschen glücklich gemacht. Außerdem gibt’s noch eine riesige Terrasse und meine Playtime von 16 Uhr bis Sonnenuntergang war einfach perfekt.
Die meiste Zeit bin ich in Israel rumgereist. Hab die südliche Wüste bewandert und die nördlichen Golanhöhen gesehen. Städte wie Jerusalem, Nazareth und auch das Tote Meer waren wirklich beeindruckend. Ich weiß, dass ich nicht das letzte Mal dort gewesen bin. Man findet wirklich schnell Kontakt zu neuen Menschen und erlebt viel Neues in kürzester Zeit. Die Probleme im Land und die Kriegsnähe sind allerdings sehr spürbar.

Wie gehst du an die Produktion von neuen Tracks oder Remixen?

Es ist selten, dass ich was ganz Spezielles im Kopf habe, wenn ich etwas produziere. Ich lasse mich eigentlich immer treiben, während ich an irgendwelchen Synthesizern oder Drummachines rumschraube. Dabei entsteht natürlich eine Idee, die nach und nach dann umgesetzt wird. Irgendwann kommt dann auch der Punkt, an dem alles Scheiße ist und das Projekt wird eben liegen gelassen. Dann finde ich es immer gut jemand anderen drüber hören zu lassen und auch sich daran ausprobieren zu lassen. Das bringt neue Inspirationen mit sich und man kann weiter daran arbeiten.

Bei Remixgeschichten habe ich immer großen Spaß dran, etwas völlig Neues zu machen … am besten ein Track, der mit dem Original fast nichts mehr zu tun hat. Mich langweilen diese 10.000 Produzenten, die unter ein fertiges Lied eine Bassdrum, Hihat und Snare legen und es als Remix verkaufen. Es muss immer etwas Eigenes dran sein, was aber zugegeben im Technobusiness wirklich nicht einfach ist. Zufrieden bin ich glaube immer erst, wenn das Ding zum Master und dann zum Release geht. Vorher könnte ich mir immer einreden, die eine oder andere Sache noch zu verändern oder rauszunehmen oder dazuzupacken. Jaja … man hat es schon nicht leicht. … (lacht)

Wie kam es zu dem Titel von deinem ersten auf Vinyl erschienenen Track auf dem 5 Jahre Jubiläums-Sampler von WHAT! WHAT! Records – „Fantastic“ ?

Das Label WHAT! WHAT! Records kommt aus meiner Heimatstadt Halle/Saale. Die Jungs von Monkey Safari betreiben dort einen Club, in den ich vor etwa zwei bis drei Jahren reingerutscht bin. Sie meinten, sie haben Lust auf meine Musik und haben mich des Öfteren im Charles Bronson auflegen lassen. Damit zusammenhängend bin ich natürlich auch in die Labelgeschichte mit reingekommen, da ich zu dem Zeitpunkt ja auch schon angefangen habe, meine eigene Musik zu machen. „Fantastic“ ist ein wirklich altes Lied von mir, das ich den Jungs irgendwann mal vor die Füße geklatscht hatte. Die waren begeistert und ich habe nochmal ein bisschen daran rumgeschraubt. Und zack, kam es auf die B-Seite der Geburtstags-EP von WHAT! WHAT! …Fantastisch! (lacht)

Ja, fantastisch! Auch, dass du schon so früh zur Musik gekommen bist …

Den ersten Kontakt mit einem Instrument hatte ich mit drei oder vier Jahren am Schlagzeug. Als Kind einer Musikerfamilie wurde mir diese natürlich frühestmöglich mitgegeben. Da mein Vater auch teils im Tonstudio arbeitet, bin ich einfach mit dem Aufnahme- und Produktionsprozedere vertraut. Er hat mich oft in Produktionen fürs Radio, Hörspiele und auch Bandaufnahmen eingebunden. Ohne ihn wäre ich wohl nie so früh und schnell zum Produzieren, Auflegen und auch Bandauftritten gekommen.

Inwiefern beeinflusst dich deine musikalische Bildung am Schlagzeug bei deinen elektronischen Produktionen?

Das Schlagzeug gibt mir natürlich die rhythmische Grundlage für die Musik. Das Verständnis für Aufbau und logischen Verlauf eines Songs ist irgendwie einfach drin. Man zählt zum Beispiel auch unterbewusst beim Auflegen mit, was nicht jedem DJ so wichtig ist. Man hört einen Unterschied dabei. Da bin ich mir sicher.

Was fasziniert dich an elektronischer Musik und speziell an House/TechHouse? Wie bist du zu diesen Genres gekommen?

Das Faszinierende ist wirklich die Einfachheit dieser Musik. Wie sie genau durch diese Minimalität, Viervierteltakt mit Bass, bei den Menschen reingeht und sie bewegt bis ins Unendliche. Allerdings bedeutet es nicht, dass es einfach ist, diese Musik zu machen. Klar gibt es heutzutage tausend Möglichkeiten nach dem Motto: ‚Bau dir in fünf Minuten deinen GANZ EIGENEN TECHNOHIT’ … was für mich aber einfach Quatsch ist. Für viele ist das Sampeln von fertigen Vocals, Bläsersätzen oder auch ganzen Liedern, unterlegt mit einem Vierviertel-Beat, ein Technosong.
Was aber wirklich das Ziel sein sollte, ist es, durch elektronische Klänge, Synthies und Beats den Menschen eine Melodie, ein Lied in den Kopf zu stampfen, das sie nie wieder vergessen. Das Benutzen von fertigen Samples ist für mich einfach nur Klauen. Ich will nicht leugnen, Samples benutzt zu haben, aber ich versuche trotzdem immer, sie in irgendeiner Art zu entfremden. Das ist mir sehr wichtig dabei.

Wo möchtest du gerne noch künstlerisch hin?

Wo ich genau hin will, kann ich nicht sagen … ähnlich wie beim Produzieren lasse ich mich da gerne treiben. Ich bewege mich aber gerade viel in die Filmrichtung. Das Vertonen von Bildern macht mir wirklich sehr großen Spaß und es ist etwas vollkommen anderes als Techno. Ich kann mich einfach austoben und in ganz andere Musikgenres abdriften.
Oder man setzt einfach die Visionen des Filmemachers um. Auf jeden Fall ein Job, den ich mir für die Zukunft vorstellen kann … hartes Pflaster aber, glaube ich.

Hinter jedem guten Künstler steckt ein guter Kritiker. Wer ist dein größter Kritiker?

Ui, so genau kann ich das glaube nicht sagen. Ich gebe auf jeden Fall viel darauf, was mein Mitbewohner sagt, ein guter Freund, mit dem ich in Zukunft bestimmt auch viele Projekte zusammen machen werde. Er arbeitet ebenfalls im Studio und hat zum Beispiel den Aroma-Remix gemischt und gemastert. Es ist genial, jemandem, der auch wirklich Ahnung hat, die Spuren eines Liedes hinzuklatschen und einfach darauf zu vertrauen, dass er was Geiles damit macht. Vertrauen ist dabei das A und O.

Zu welchen Tracks gehst du privat ab?

Im Alltag höre ich viel HipHop und Bandzeug aus aller Welt. Techno oder Deeptech höre ich meist abends mit anderen oder eben im Studio.
Ich glaube um das zu beantworten, ist mein Musikgeschmack irgendwie zu vielseitig (lacht) … ich will ja nichts vernachlässigen … also passe ich mal.

Und was machst du, wenn du nicht Musik machst?

Dann höre ich eben Musik! (lacht)
Nein, ich bin dabei, mich auf ein Studium in Berlin vorzubereiten, was allerdings auch mit Musik zu tun hat (grinst). Deswegen ist es irgendwie schwer, die Musik im Alltag mal nicht im Vordergrund zu haben, haha. Was ich sonst so treibe, bleibt geheim … HA!

 

Samstag // 21.06.2014 // Elektronische Dachterrasse // Freibad Mirke // Wuppertal
Freitag // 25.07.2014 // L*abore Festival // Mühlteich
Freitag // 24.10.2014 // Aromamusic Labelnight // Ritterbutzke // Berlin
Samstag// 25.10.2014 // Chales Bronson // Halle (Saale)

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